Reformationstag, 31.10.2021, Gal.5 1-6, Mutterhauskirche, Ulrike Heimann

Liebe Schwestern und Brüder,

heute ist der Gedenktag an die Reformation. Vor vier Jahren wurde der 500.Jahrestag fast ein ganzes Jahr lang in der evangelischen Kirche befeiert und erinnert. 500 Jahre Thesenanschlag an die Schlosskirche zu Wittenberg, der Aufschlag für das mutige Auftreten des Dr. Martin Luther, der uns Evangelischen die Freiheit unseres Glaubens erstritten hat gegen den Widerstand der Kirchenoberen seiner Zeit. So das zugegeben etwas verkürzte Verständnis dessen, was da vor 504 Jahren begann, der Gründungsmythos des Protestantismus. Das alles beherrschende Grundthema der Reformation war und ist jedenfalls die Freiheit, die Martin Luther in seinen frühen Hauptschriften immer wieder zur Sprache brachte und auf die sich bis in unser Jahrhundert die Evangelische Kirche immer wieder bezieht, so in dem Impulspapier „Kirche der Freiheit" der EKD von 2006. Doch so wie es im Fußball heißt „Nach dem Spiel ist vor dem Spiel", so heißt es auch für unsere Kirche „Nach der Reformation ist vor der Reformation" - die Freiheit hat man nicht, sondern sie will erstritten, verteidigt, gelebt werden. Ein hoch aktuelles gesellschaftspolitisches Thema in diesen Corona-Zeiten, aber eben auch ein dringendes Thema für unsere Kirche. Um was geht es da, wenn wir von Freiheit sprechen - als Christenmenschen mit Blick auf unseren Glauben?
Es trifft sich da sehr gut, dass der Predigttext für den heutigen Reformationstag einer, wenn nicht sogar der zentrale biblische Text zum Thema christliche Freiheit ist. Paulus hat ihn an die Gemeinden in Galatien geschrieben. Ich lese ihn in einer Übersetzung, die eine Zusammenschau von Lutherbibel, Zürcher Bibel und der Bibel in gerechter Sprache ist.
„Für die Freiheit hat uns Christus frei gemacht; steht also aufrecht und lasst euch nicht wieder unter ein Joch der Sklaverei bringen!
Gebt acht - ich, Paulus, sage euch: wenn ihr euch beschneiden lasst, wird Christus euch nichts nützen. Noch einmal bin ich Zeuge für jeden Mann, der sich beschneiden lässt, dass es seine Pflicht und Schuldigkeit ist, die ganze Thora zu tun. Ihr seid von Christus losgelöst, die ihr durch die Gesetzesordnung ins Recht gesetzt werden wollt, ihr seid herausgefallen aus der geschenkten Gnade.
Denn unser Warten und Hoffen auf Gerechtigkeit und Zurecht-Bringen steht im Zeichen der Geistkraft und des Vertrauens.
Denn im Christus Jesus vermag weder Beschneidung noch Vorhaut etwas, sondern der Glaube, der sich durch Liebe wirksam erweist."

Zur Freiheit befreit - für die Freiheit freigemacht.
Die Freiheit als Geschenk und Aufgabe.
Darum geht es Paulus.
Es ist die Freiheit der Kinder Gottes, die keine trennenden Unterschiede zwischen den Menschen kennt und alle Menschen vor Gottes Angesicht stehen und von Gott willkommen geheißen weiß, in seine verwandelnde, heilende Liebe einbezogen.
Diese Erkenntnis hat ihm Christus gebracht - als Geschenk und Aufgabe zugleich. In der Apostelgeschichte erzählt Lukas davon, dass es Paulus wie ein Blitz vom Himmel traf, der Anruf von oben, der ihn gänzlich umgeworfen hat - alle seine bisherigen Glaubensüberzeugungen gerieten ins Wanken. Sein Eifer für Gott - alles auf einmal in Frage gestellt. Stattdessen erfuhr er in seiner plötzlichen Schwäche und Hilflosigkeit - Liebe und Zuwendung von Menschen, denen er Verrat am jüdischen Glauben vorgeworfen hatte. Liebe und Güte im Namen Gottes, im Namen des Christus Jesus Gemeinschaft und Heilung. Diese unglaubliche Erfahrung stand am Anfang als Geschenk des Himmels und daraus folgte dann die Aufgabe, die eigenen Vorstellungen kritisch zu hinterfragen, Abschied zu nehmen von überkommenen Überzeugungen und Traditionen, sich freizumachen von Vorurteilen und Glaubenssätzen und Neues zu denken über Gott und die Welt, Gedanken, die vormals für ihn schier undenkbar waren, geradezu mit einem Tabu belegt.. Die Apostelgeschichte schweigt leider über diese Phase im Leben des Paulus; es sind aber wahrscheinlich einige Jahre gewesen, in denen er in judenchristlichen Hausgemeinden in der Diaspora im Austausch mit anderen stand. Ein für ihn anstrengender Glaubens-Weg, denn alte Glaubensüberzeugungen loszulassen ist nicht leicht, ist mit Verunsicherung und seelischen Schmerzen verbunden.
„Für die Freiheit hat uns Christus frei gemacht."
Aber am Ende stand die Erkenntnis der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes, der verwandelte Blick auf die Wirklichkeit: nicht mehr Juden und Griechen, nicht mehr Sklaven und Freie, nicht mehr Männer und Frauen, sondern alles Kinder Gottes, alle einer im Christus. Befreiung vom Schubladendenken, vom genüsslichen und zugleich schrecklichen Drang und Zwang einzuteilen in Gute und Böse, in Reine und Unreine, in vor Gott Gerechte und von ihm Verworfene. Befreiung zur umfassenden Menschlichkeit - Geschenk und Aufgabe.
„Für die Freiheit hat uns Christus frei gemacht."

Hatte Paulus zuvor seinen Glauben ganz und gar an die Überlieferungen seines Volkes, an die jüdischen Traditionen und die Thora gebunden, die ihm fraglos vorgaben, was er zu denken und zu glauben hatte, - völlig losgelöst davon, wann diese entstanden waren und welche Lebensumstände und Verhältnisse damals herrschten - so sah er sich jetzt herausgefordert, seine Umwelt, seine Mitmenschen wahrzunehmen, sich mit ihnen auseinanderzusetzen und sich und seine Vorstellungen mit ihnen ins Gespräch zu bringen. Glaube und Denken mussten so dem Heute, der Wirklichkeit standhalten.
Das ist die anstrengende Seite der Freiheit, die Aufgabe, die angenommen und durchgehalten werden muss.
Die Freiheit, zu der Christus befreit, ist kein Geschenk, das ungeteilten Beifall findet. Der goldene Käfig der Traditionen und dessen, was schon immer so war, schon immer geglaubt wurde, verspricht mehr Sicherheit und oft auch weniger Konflikte mit den lieben Mitmenschen und ist deshalb sehr verführerisch. Deshalb sofort die Mahnung „Steht also aufrecht und lasst euch nicht wieder unter ein Joch der Sklaverei bringen!"
Steht aufrecht, vertraut darauf, dass ihr Gottes Kinder seid, nicht aufgrund eurer Herkunft und Zugehörigkeit zu einem Volk, nicht aufgrund eines Ritus - im Text: die Beschneidung -, sondern einfach, weil ihr darauf vertraut, was euch der Geist des Christus zu glauben und zu denken eingibt.

Liebe Gemeinde, die Freiheit des Christus als Geschenk und Aufgabe anzunehmen und wahrzunehmen, darum geht es auch für uns heute. Sich darüber klar zu werden, darüber nachzudenken, dazu ist der Reformationstag eigentlich da. Wo haben wir Befreiung zur Freiheit im Glauben erfahren? Wie steht es mit unserer Standfestigkeit, unserem aufrechten Gang? Vor welchen Jochen müssen wir uns hüten? Welche Gedanken sind heute befreiend, welche Begegnungen hilfreich und weiterführend?
In seinem Schreiben an die Galater gibt uns Paulus zwei wichtige Stichworte für unsere Überlegungen an die Hand.
1. Macht euch klar, worauf ihr eigentlich hofft.
2. Und vergesst bei allem Denken und Glauben nicht, der Liebe Hand und Fuß zu geben.

Im Positionspapier der Kirchenleitung der EKiR, das im August unter dem Titel „E.K.I.R. 2030 - Wir gestalten „evangelisch rheinisch" zukunftsfähig" veröffentlicht wurde und in dem es vor allem um die strukturellen, personellen und finanziellen Probleme auf allen Ebenen unserer Landeskirche geht und über Glaubensfragen so gut wie gar nichts zu lesen ist (als gäbe es da keinen Gesprächs- und Handlungsbedarf), heißt es immerhin im letzten Kapitel unter der Überschrift „Kommunikation: wie wir motivieren": „.... Um die Hoffnung zu stärken braucht es geistliche Zurüstung, eine Zielgewissheit, ein zukunftsorientiertes Selbstverständnis, eine Haltung innerer Freiheit.
Was heißt es, protestantisch im 21. Jahrhundert zu sein?
Was heißt es für uns konkret, Christus nachzufolgen?
Und wieso ist das für unsere Mitmenschen, unsere Gesellschaft, unsere Welt relevant?
Als Protestant*innen haben wir eine „transformative Spiritualität", die wir sowohl im Blick auf uns selbst, auf unsere Kirche, als auch mit Blick auf die Welt neu entfalten sollten."

Ich möchte an dieser Stelle einmal einen Aufschlag machen und ein Beispiel für solch „transformative Spiritualität" geben. Sie ist nicht am Schreibtisch entstanden, sondern mir über viele Jahre zugewachsen - in der Begegnung mit ganz unterschiedlichen Menschen, in beglückenden wie auch in schmerzvollen Erlebnissen, in Erfolg und Misslingen, in immer größerer Achtsamkeit und Empathie gegenüber unserer Mitwelt mit all ihren Geschöpfen. Und natürlich haben auch Bücher eine nicht unerhebliche Rolle gespielt. Aber entscheidend war, dass ich den Mut bekommen habe, von meinem Glauben zu sprechen, mich nicht hinter der Tradition, den Bekenntnissen und den theologischen „Kirchenvätern" zu verstecken, sondern selber zu entscheiden, was ich glaube, in welchen biblischen Texten mich der Geist Gottes anspricht. Ich habe es als befreiendes Geschenk des Christus erlebt, zu erkennen, dass Gott sich in allen Religionen und Konfessionen auf unterschiedliche Weise offenbart, weil er von all seinen Kindern in allen Zeiten, in allen Kulturen, Religionen und Konfessionen erkannt werden will und alle einladen will, seinem Willen gemäß zu leben. Überall, wo Liebe, Barmherzigkeit und Mitgefühl gelehrt werden, ist er mit seinem Geist, ist der Christus am Werk. Deshalb ist jede Religion, die darauf basiert, wertvoll. Ich bin bei meiner Beschäftigung mit fremden Religionen und ihren Zeugnissen in jeder Religion Texten begegnet, von denen ich einfach nur sagen kann, dass sie denselben Geist atmen, den ich an vielen Stellen - längst nicht an allen - in der Bibel finde. Über das Fremde ist mir vieles an der eigenen Religion klarer geworden.
Gott liebt die Welt, er liebt seine ganze Schöpfung, er liebt alle seine Kinder. Und bis auf diesen Tag sucht er immer wieder den Kontakt zu seinen Menschenkindern, um sie für sein Projekt zu gewinnen, die Bewahrung und Verwandlung dieser Erde in eine Welt, in der Gerechtigkeit und Frieden herrschen und Güte und Mitgefühl das Handeln der Menschen bestimmen. Jesus nannte diese Welt „das Reich Gottes". Für mich ist die Ökumene der Religionen das zentrale Gebot unserer Zeit - mit allen Menschen guten Willens zusammenzukommen, voneinander zu lernen und miteinander zu beten und zu arbeiten am Projekt „Reich Gottes" - ganz profan ausgedrückt: zusammenzustehen im Kampf gegen die Klimakatastrophe, für das Überleben der Menschheit auf diesem Planeten im Bewusstsein unserer gemeinsamen Verantwortung vor Gott und allen Mitgeschöpfen.
Und genauso wichtig ist es, mit den Naturwissenschaftler*innen ins Gespräch zu kommen. Gott hat uns mit der Vernunft und mit dem Bestreben ausgestattet, die Welt, in der wir leben, zu verstehen - ihre Zusammenhänge, ihre Ordnungen. Da sind der Vernunft keine Glaubensgrenzen gesetzt. Die Grenzen liegen in der Begrenztheit der menschlichen Erkenntnisfähigkeit selbst, was kein Grund zum Verzweifeln ist, denn genau so sind wir von Gott gewollt und geliebt. Ich finde es höchst bemerkenswert, dass gerade die Naturwissenschaftler wie Astrophysiker, Biologen und Paläontologen über ihre Forschungen nicht nur Erkenntnisse gewinnen, von denen sie nie genau wissen, ob sie nicht schon bald überholt sein werden, sondern immer wieder zum Staunen kommen angesichts der phantastischen Ordnungen und Abläufe im Universum - im Großen wie im Kleinen. Ein Staunen, das eine unmittelbare Berührung mit Glauben hat, mit der Haltung eines demütigen, ehrfürchtigen Vertrauens gegenüber einer Macht, die unfassbar ist und die unser Leben auf dieser Erde ermöglicht.
Als Kirche, als Christen können wir von den Wissenschaftlern etwas sehr Wichtiges lernen: wie diese bereit sind, alte Erkenntnisse durch neue Erfahrungen - Experimente - zu revidieren und fortzuentwickeln, so sollten wir bereit sein, alte Bekenntnisse durch neue Erfahrungen, durch neue Begegnungen zu transzendieren, unser Verständnis von Gott und Welt zu vertiefen und unseren Glauben neu auszusprechen. Denn Gott ist immer größer, unfassbar.
Wenn wir allerdings glauben, nur im christlichen Bekenntnis, in unserer Religion, gar nur in unserer Konfession ein richtiges Verständnis von Gott und Welt zu haben, dass er sich nur uns in seiner ganzen Wahrheit offenbart hat, dann haben wir unsere Freiheit verspielt und sind unter einem Joch der Sklaverei gelandet. Religiöser Konfessionalismus versklavt uns wie der Nationalismus, beide engen unser Denken, Fühlen und Handeln ein und verhindern, dass wir uns als Mitmenschen über alle Grenzen hinweg begegnen. Da heißt es wirklich: aufrecht und fest zu stehen.
Protestantisch im 21. Jahrhundert zu sein, das heißt für mich, bereit sein, einfach Mensch unter Menschen zu sein, mit aller Kreatur verbunden, mit Jesus im Herzen und mit Gott unterwegs durch seine Welt in unserer Zeit, so wie es der Prophet Micha schon seinen Zeitgenossen ins Gewissen schrieb: „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was Gott von dir erwartet: nichts anderes als dies: Recht tun, Güte lieben und achtsam mitgehen mit deinem Gott." (Micha 6,8)
Gott geht weiter in seine Zukunft. Bleiben wir nicht stehen.
Amen.

Lied „Wir glauben: Gott ist in der Welt"

 

 

 

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