15.So.n.Trinitatis, 12.09.2021, Stadtkirche, Lukas 17,5f, Jonas Marquardt

Predigt Kaiserswerth 15.n.Trin. - 12.IX.2021                                                                                                       

                   Lukas 17, 5f

Liebe Gemeinde!

Als Jesus acht Jahre alt war oder neun – zu jung, um als Sohn der Gebote, als Bar Mitzwah schon nach Jerusalem zu pilgern, noch ganz das Kind der frischen Luft von Galiläa, in dem die frühkindlichen Erinnerungen an’s ägyptische Flüchtlingslager verblassten – … als Jesus also neun oder acht Jahre alt war, kopierten fleißige Schreiber in Italien gerade eines der größten Werke der Weltliteratur. Es wird wohl nicht bis an den See Genezareth gedrungen sein, dass damals Ovids „Metamorphosen“ das Publikum erreichten, die phantastischen, hellsichtigen und tiefsinnigen, aber auch schlicht entzückenden und packenden Verwandlungsgeschichten des großen lateinischen Dichters, in denen die Geographie und die Botanik und die Himmelskörper, das Gesicht und die Lebendigkeit dieses Kosmos also persönlich, göttlich, dämonisch geschildert und entfaltet werden.

Die „Metamorphosen“ – wenn man sie heute wieder läse – würden jeden erschüttern, der durch diese Mythen darauf stößt, dass jedes Irdische seine Geschichte hat, Glück und Leiden und alles, was zwischen den hellen und den dunklen Losen des Daseins liegt und sie verbindet. Nichts an der Natur ist Gegenstand oder Objekt für Ovid und den Schatz der Welt-Sagen und der Menschen-Reime darauf, … alles ist beseelt.

Das wird das Kind Jesus von Nazareth nicht gelesen haben.

Aber es muss in seiner Kindheit Tage gegeben haben, an denen ihm die Lilien auf dem Feld und die Vögel unter dem Himmel auffielen; Tage, an denen er bei den Fischern unterhalb der Höhen durch den Dunst das lebendige Gewimmel in den morgendlich eingeholten Netzen sah und beobachtete, wie Kraut und Unkraut auf den Feldern in buntem Durcheinander wächst. Er muss das jahreszeitliche Wunder des kleinen Senfkorns und der großen Staude bemerkt haben und die Sonne, die über alledem gnädig auf- und untergeht und den Regen, der das alles tränkt und den Wind, der bläst, wo er will; das unbeschwerte Tschilpen der Sperlinge, die nicht aus Gottes Hand fallen und das unbemerkte Reifen der Weintrauben am Stock und das unverdiente Glück der Weizenernte müssen ihn berührt haben und er hat die Knospen am Feigenbaum und den Schutzinstinkt der Glucke wahrgenommen[i].

Er war gewiss kein Romantiker und kein Dichter nach unseren Maßstäben, aber ein Gotteskind und ein Kind vom Land und seine Augen waren geöffnet. … Gewiss hätte er Ovid, dem großen heidnischen Seelenfreund der Geschöpfe daher seinen kindlichen Segen gegeben.

Und wenn er Maulbeeren naschte – verschwenderisch köstlich und verwirrend blutig – dann mag er von irgendwoher vielleicht die in der Antike beheimatete und womöglich auch verbreitete Maulbeerensage aufgeschnappt haben, die Ovid in seinen Metamorphosen verewigt. Wir kennen sie in Gestalt der Tragödie von Romeo und Julia. Bei Ovid ist es die Geschichte des babylonischen Liebespaares Pyramus und Thisbe[ii]: Diese unzertrennlichen, von den eige-nen Eltern aber verfolgten Liebenden waren heimlich verabredet. Allerdings wurde Thisbe, die früher am Ort des Stelldicheins eintraf, von einer Löwin erschreckt, die nach ihrer Jagd an die Quelle unterm Maulbeerbaum strebte, an dem sich das Paar hatte treffen wollen. Da floh das Mädchen vor Entsetzen, verlor unterwegs indes seinen Schleier, den die Löwin mit dem noch blutigen Maul zerfetzte. Als wenig später Pyramus eintraf und den verschmierten Stoffrest vorfand, schloss er auf ein grausiges Unglück und stürzte sich derart verzweifelt in das eigene Schwert, dass sein spritzendes Blut die weißen Maulbeeren dunkel färbte. Die alsbald wiederkehrende Thisbe fand nur noch den Sterbenden, und von wildem Schmerz gepackt durchbohrte auch sie den eigenen Leib mit seinem Schwert. Seitdem – so wollten es die Unsterblichen – erinnert die Trauerfarbe der ehedem hellen Maulbeeren an das Unglück und den Doppeltod der Liebenden.

Nichts Menschliches ist den Bäumen fremd.

An den Tragödien unter den Menschen leidet auch deren stumme Zeugin … das Reich der Natur. Das ist Ovids Sicht der Dinge.

Warum aber auf diesem Umweg über den dramatischen Mythos den Zugang zu unserm schlichten, kurzen Predigttext suchen?

Weil die Prägnanz des Satzes Jesu täuschen kann. Wer ohne Denkmühen einfach bloß eine Faustregel aus der Sentenz macht, dass Glaube einen Maulbeerbaum versetzen könnte, der kommt zu fürchterlich verkehrten Folgerungen.

Sollte Jesus, als die Jünger – die Jünger! Seine Augenzeugen! Seine Vertrauten! Seine direktesten Schüler und Nachahmer! – … sollte Jesus also, als die Jünger um Glaubenshilfe baten, wirklich nur so eine barsche Abfuhr, so einen gehämmerten Wenn-dann-Satz für sie übrig gehabt haben?

Undenkbar ist das nicht. Dass Jesus undurchdringlich und abweisend, dass er erhaben und wie alle rechten Propheten unwirsch und zornig reden, antworten, abfertigen konnte, müssen wir endlich wieder lernen! Jesus ist die Macht Gottes, er ist das Wort, das Gott zu sagen hat, in, gegen und trotz aller anderen Worte.

Es ist nicht auszuschließen, dass er eine dringliche, lebensnotwendige Bitte auf so kategorische und damit letztlich unerfüllbare Weise beschieden hat. Jedenfalls hat die protestantische Welt über Jahrhunderte gemeint, Jesus rede von der Gerechtigkeit mit bewusst und absichtlich überspitztem Ernst, so dass in der Bergpredigt - nach Luther - nur das Scheitern sichtbar würde, in das die Forderung Gottes uns ohne das Evangelium von der Rechtfertigung aus Gnaden treiben muss.

Inzwischen ist eine solche Auslegung, die dem Menschen nichts Ethisches zutraut und alles allein dem Glauben zuweist, nicht mehr zu verantworten: Wir wissen nach dem Scheitern der christlichen, der protestantischen Ethik im 20.Jahrhundert, dass wir das, woran wir gescheitert sind - die Ethik -, üben müssen, um das, worauf wir hoffen können, glauben zu dürfen: Dass die Gerechtigkeit Gottes unser Unrecht nicht gegen uns hält, sondern dennoch grundlos für uns einsteht. ——

Wenn allerdings gegen Schluss des Evangeliums die Not des Glaubens, der Wunsch, doch leichter, ehrlicher, „mehr“ glauben zu können, laut wird, dann scheint es mir nicht denkbar, dass Jesus hier nur einen unerreichbaren Maßstab benennen sollte, an dem alle menschlichen Versuche, ihn anzuwenden, zuschanden werden müssen.

Noch weniger aber kann ich glauben, dass Jesus das Glauben als einen schlichten Trick, also als wortwörtliche Aushebelung aller Schwierigkeiten und alles Schweren beschreiben sollte. …….

Zum Glück jedoch zeigt der Blick, mit dem wir die Welt und Zeit Jesu, die auch die Zeit und Welt Ovids gewesen sind, eben umfassten, dass unsere Mühe mit der Wortwörtlichkeit, unser Problem des buchstäblichen Verständnisses damals nicht herrschten. Die Wirklichkeit und ihre Gegenstände, die Welt, die Natur, das Sichtbare sprachen zu den Kindern jener Tage eine reichere, vielfältigere Sprache als unser auf Fakten verkürztes Begreifen ahnen kann.

Wie immer man das aber beschreiben wollte, was die Weltanschauung des römischen Dichters und des Heilands aus Israel gemeinsam als ihren Horizont haben können – ein Gespür für die Symbolik der Realität, ein lebendiges Fassungsvermögen, das Inneres und Äußeres einander spiegeln und erhellen sieht –, … auf alle Fälle können wir gewiss sein, dass Jesus den Maulbeerbaum auf dem Meer nicht als physikalisch naturwissenschaftliches, sondern als ein Wunder des Geistes in Aussicht gestellt hat.

Darum dürfen wir fragen und suchen, welches Zeichen Jesus seinen zaghaften Jüngern damals und heute mit dem Bäumeverpflanzen des Glaubens gegeben haben könnte: Dass die bloße Macht zum reinen Bergeversetzen nämlich sinn- und segenslos sein würde, das hat ja schon Paulus erklärt in seinem Rückgriff auf Jesu Wort von der Landschaftsneuordnung derer, die den Weg Christi gehen wollen. „Und hätte ich allen Glauben, sodass ich Berge versetzen könnte, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich nichts“, hält der Apostel fest (1.Kor.13,2).

Das Ziel des Glaubens ist also nicht in seiner Wirkung zu suchen, sondern durch Glauben und Lieben wird dem Menschen das Ziel seines Wirkens bestimmt!

Und wiederum: Was wir im Glauben versetzen, bewegen, bewirken können, ist wirklich ein Wunder.

Aber nicht umgekehrt: Der Glaube beweist sich dadurch, dass er über die Wirklichkeit hinauswill.

Jesu Antwort als die Jünger ihn fragten, ob er ihnen das Geheimnis des Glaubens klarer und seine Wirkung stärker machen könne, sollen wir also nicht einfältig verstehen.

Er hat ihnen nicht gesagt, dass ihr Glaube sich im Unmöglichen bestätigen würde, sondern dass dem Glauben nichts unmöglich ist. Und das ist der wirkliche Unterschied.

Wunder an sich sind sinnlos.

Nur für den Glauben können sie sinnvoll werden. Weil er sie nicht um ihrer selbst willen und auch nicht alleine will und würdigt, sondern weil sie seine völlige Bindung an und gänzliche Einwilligung in die Liebe zu Gott und zum Nächsten ausprägen.

Wenn es für Menschen gut und Gott wohlgefällig ist, dann kann sich der Glaube nichts nicht erlauben. Wenn es vor Gott wohlgefällig und auch den Menschen ein Wohlgefallen ist, dann kann der Glaube sich nichts nicht zumuten. Wenn sich die Gottesgüte und die Menschenliebe in etwas zeigen, dann gibt es nichts, was nicht glaubensmöglich wäre. —

Diese Botschaft finden wir im Wort vom Maulbeerbaum … wenn wir sie suchen: Weil wir wissen, dass Jesus nicht die Kraft des Sinnlosen, sondern die Kraft der Sorglosen bestätigt hat (vgl. das Evangelium des 15.Sonntags n. Trinitatis: Matthäus 6, 25 – 34!).

Für uns bedeutet diese Botschaft darum, dass wir jenen Baum, in dem die Alten die Tragik der Liebe und Lieblosigkeit unter den Menschen, die Tragik der Panischen und der Verzweifelten, die Tragik von Pyramus und Thisbe sahen, im Licht des Glaubens betrachten sollen.

Wenn der Maulbeerbaum im Zeitalter Ovids ein Symbol der furchtbaren Mitleidenschaft der Kreatur war, ein Symbol der durch das Menschenlos gefärbten Lose der Natur, dann sagt Jesu Wort der Welt zu, dass der Glaube sich auch diesem Verhängnis nicht entziehen wird.

Freilich: Der Maulbeerbaum ist ein zähes, unendlich tiefwurzelndes und kaum von der Stelle zu bewegendes Gewächs. Die sagenhafte Erstreckung seiner Wurzeln hinab in die untersten Schichten verdeutlicht, wie enorm die Aufgabe ist, seinen Ort zu verändern, seine blutgefärbten, mit Bitterkeit getränkten Wachstumsbedingungen zu verändern. Eigentlich kann man ihn nicht von der Stelle rücken. Wo dieser Baum sich findet, den das missglückte Menschenleben nach dem Mythos zu einem zwar köstlichen, aber auch schmerzlichen Denkmal des Unheils gemacht hat, da lässt sich nichts mehr verändern. Da ist über Jahrtausende – denn so alt wird die Maulbeere tatsächlich – kein Wandel, kein Neuanfang, kein Verrücken des Unabänderlichen denkbar.

Botanisch wirklich nicht. Politisch auch nicht. Altes Unheil kann man nicht ausgraben. Es verseucht die Welt fort und fort. Es hat sich im Boden verteilt und steigt in jedem neuen Schößling aus der alten Wurzel wieder auf. Maulbeere für Maulbeere, Frühling für Frühling, Geschlecht für Geschlecht das alte Lied: Schuld und Tod, Tod und Schuld. Eingegraben, unausrottbar.

Aber der Glaube … glaubt das nicht. Der Glaube kann den Misswuchs von Jahrtausenden und das tiefste Leid nicht als unbeweglich und unumstößlich sehen. Der Glaube erblickt in den ältesten Wipfeln, den überreifsten Früchten und den verholztesten Fasern keine Zeichen der Unumkehrbarkeit, sondern das Gewebe, das Ovid so schillernd spann, als Jesus ein Kind war: Den Stoff der Metamorphosen.

Alles kann sich ändern.

Alles kann man anders setzen und versetzen.

Alles kann um- und ausgegraben und hinaus auf’s Meer getragen werden, wo einst das Leben anfing und wo Gott die Sünde schließlich abladen wird (vgl. Micha7,19!) und wo die Tiefen ohne Grund einander das reine Lob ihres Schöpfers zurufen (vgl. Psalm 42,8), Dessen Geist über den Wassern schwebt und das neue Sein, eine neue Wirklichkeit rufen und festmachen wird. ——

Diese Botschaft von der Metamorphose, an die der Glaube glaubt, von der Verwandlung, die er der Wirklichkeit zutraut, von der uralten Last, die zu verrücken er sich nicht scheut, von der Erneuerung, die er für möglich hält und an der er teilhat … diese Botschaft bedeutet nicht die Überforderung, dass Glaubende Wundertäter sein müssen.

Sie bedeutet aber, dass Glaubende der Wirklichkeit wie dem Wunder ohne Sorge und voller Vertrauen in beide begegnen werden.

Denn die Wirklichkeit wie das Wunder sind Wege Gottes, Der sein Reich herbeiführt (vgl. Matth.6,33).

Wer das glaubt, dem reicht das für alles!

Amen.



[i] Die Zusammenfassung der Naturwahrnehmung Jesu bezieht sich auf folgende Bibelstellen: Matth.6, 28 / Matth.6,24 / Lk.5, 4 +10 / Matth.13,30 / Mk.4,31 / Matth.5, 45 / Joh.3,8 / Matth.10,29 / Joh.15,4 / Mk.4,26-29 / Matth.24, 32 / Matth.23, 37 u.v.m.

[ii] Metamorphosen, IV, 55-161.

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