3.So.n.Trinitatis, 20.06.2021, Stadtkirche, Lukas 15, 1 - 10, Jonas Marquardt

Predigt Kaiserswerth 3.n.Trin. - 20.VI.2021                                                                                                         

                Lukas 15, 1 - 10

Liebe Gemeinde!

Falls – nachdem seriöse Quellen das immer mehr thematisieren – die mir unvorstellbare Sichtung von unbekannten Flugobjekten sich irgendwie bestätigen sollte, … und falls die mir absolut zweifelhaft erscheinende Konfrontation mit Lebensformen jenseits unseres Planten (aber diesseits des Reiches Gottes) tatsächlich das nächste Kapitel unserer jüngsten Chronik von Überraschungen sein sollte, … und falls die naturwissenschaftlich sehr überzeugend nachzurechnende Unmöglichkeit, dass organisches Leben die unfassbaren Entfernungen zwischen Galaxien dieses Universums überwinden könnte, bedeutet, dass immerhin die Ankunft von und der Austausch mit künstlicher Intelligenz aus anderen Zonen des Weltraums bevor-stehen könnten … falls, kurzum, eines Tages etwas Menschliches an die Aliens zu vermitteln wäre: Es müssten Jesu Gleichnisse vom Verlorenen sein. … Darauf sollten wir uns vorsichtshalber schon verständigen!

Denn diese – die schönsten, Jesus-typischsten, einfachsten, unvergesslichsten Geschichten der Welt – … diese zwei Einzeiler und ein kleiner Schelmen- und Liebesroman sind miteinander das, was die Menschheit ausmacht:

Die beiden winzigen, mit ostasiatischer Reduktion hingetuschten Skizzen: „Ein Schäfer gibt sein Tier nicht auf“ und „Eine Frau fegt ihr Glück frei“.  Die klassische „Alles zerronnen, alles gewonnen“-Rührgeschichte vom dämlichen Sohn für weiche Herzen, die sich kein gerechtes, sondern ein happy end wünschen.

Drei unendlich schlichte Motive. Nichts Schnulziges, … erdig. Sturheit des Almbauern, dem das Vieh so viel wiegt wie das eigene Leben. Grimmiges Reinemachen der Putzfrau, die abhängig ist von dem bisschen, das ihr gehört. Finanzielle Blasphemie des Alten, der sträfliche Untreue als Verluste abschreibt, wenn es doch um sein schwaches Herz geht.

Lauter gewöhnliche, ein wenig einseitige Menschen, die nicht locker, sondern von Eifer, Not und Liebe beherrscht sind. Sie müssen jeweils die eine zwingende Aufgabe bewältigen. … Ohne das fehlende Tier, ohne die nötige Münze, ohne den unersetzlichen Sohn geht ihre Geschichte nicht weiter: Nicht für sie und nicht für den, der sie als Gleichnisse verwendet.

Aber über das kleine geschilderte Einzelschicksal hinaus sind’s eigentlich nun wirklich banale Kurzgeschichten, nicht mal geeignet für die Rubrik „Vermischtes“ im Lokalteil des Posemuckler Tagblattes: „Ausreißer wieder da“, „Lohn des Staubsaugens“, „Trotz Absturz: Weiche Landung“. …….

Wieso sollten diese trivialen Begebenheiten, eingebettet im Herzen des Lukasevangeliums, des „Kleine-Leute-Evangeliums“, der Beispielsammlung für die Sonntagsschule irgendeinen weltliterarischen Rang behaupten können? Haben Johann Peter Hebel auf Alemannisch und Bertold Brecht auf kommunistisch und Stan Laurel und Oliver Hardy auf Leinwand nicht anrührendere und moralischere und befriedigendere Sittengemälde davon geschaffen, wie Übel in Freude mündet? Weshalb sollte man ausgerechnet die Schaf- und Groschen- und Rumtreiber-Geschichten Jesu zum Mond, zum Mars oder hinter die Milchstraße schießen, um Kunde von der Menschheit zu geben?

Was hebt diese Rettungs-Miniaturen denn gegenüber viel anspruchsvolleren Werken der menschlichen Dichtkunst hervor?

Dass sie nicht vom Menschen handeln. Dass ihr kleines, unscheinbares Drama keine Selbstauskunft über den Menschen gibt und was er tragisch an sich findet oder Heroisches von sich glaubt. —

Aber genau das verstehen die meisten Menschen nicht.

Eigentlich erzählt Jesus seine Gleichnisse von den Rettungen darum auch nicht den Zuhörern auf der Straße oder in der Kirche. Sie sind vielmehr für die bestimmt, die in den Geschichten selbst als deren fröhliche Versteher vorkommen: Die Engel!

Tatsächlich: Jesus selber gibt uns den Hinweis, dass die Adressaten seiner wunderbaren kleinen Wieder-gut-Erzählungen nicht unter den Irdischen, sondern den Überirdischen, für uns darum auch: unter den „Außer-Irdischen“ zu suchen sind. Im Himmel, bei den Engeln Gottes wird man sich freuen über einen, der Buße tut, der sich nicht weiter verliert, der sich auf den Gott der Suche einlässt, der sich einlässt auf den Finde-Gott, Dem ohne die verlorenen kleinen Einzelnen so viel fehlt.

Die zweimalige Hervorhebung, dass die Fröhlichkeit, in die die beiden schlichten Gleichnisse münden, eine himmlische Fröhlichkeit, … die Freude der Engel feiert, … diese Hervorhebung muss man ernst nehmen! Denn sie stößt uns ja geradezu darauf, dass unser eigenes Echo auf das Schaf im Pferch und das Geklimper des Groschens unterm Besen nicht das eigentliche Ziel des Berichteten sind.

Rein menschlich betrachtet sind die Wendungen der Kurzgeschichten unspektakulär: Viech taucht auf und Geld war nicht weg. Wow!

Aber das liegt daran, dass wir nicht erkennen wollen, wie wir darin vorkommen … und um wen es wirklich geht

Uns selbst sehen wir ja in keinem Verhältnis zum gesuchten Tier, zum verlorenen Gegenstand. Weil das nicht unser Selbstbild wäre. … Gewiss: „Verlassen“ fühlen wir uns manchmal sehr, vielleicht auch „betrogen“ und „vergessen“. Dass man uns in die Irre geleitet hat, dass wir ganz unfair in eine Klemme gebracht oder in eine Ecke gestellt wurden, das sind Einschätzungen, die wir kennen. Dass es eine bittere Ironie, ja eine Sauerei des Lebens ist, dass ausgerechnet wir so im Abseits, so unterm Teppich, so wenig beachtet, so übergangen sind: Das alles kennen wir … zu Recht genauso wie zu Unrecht.

Aber was wir nicht an uns erkennen, was wir nicht sehen können, ist echte Verlorenheit.

Verlorenheit, die etwas anderes ist als die Gemeinheit der anderen oder die Ungunst der Umstände, … der „Verhältnisse“, wie wir so gerne sagen.

Verlorenheit ist etwas, für das es keine äußere Ursache gibt. Verlorenheit hat keinen klaren, schuldfähigen Grund in unserm Willen oder unserer Absicht. Verloren: Das ist man einfach. … Das Schaf ließ es ja nicht draufankommen. Das Geldstück schlug die schiefe Bahn nicht selber ein. Verloren zu sein, heißt selbst nicht zu wissen oder zu wollen, wie es geschah und auch keinem andern die Schuld in die Schuhe schieben zu können. …

… Darum sind wir aber auch so selten in der Lage, Verlorenheit zuzugeben. Weil wir meistens ja angeblich genau wissen, wer uns was getan hat und wann uns was zu Unrecht begegnet ist.

Solche Erklärungen für ganz Vieles, solche Anklagen in beliebige Richtung (Hauptsache eben eine Erklärung!), solches Bescheidwissen, solche Kontrolle über das Leben, sind unentbehrlich. … Weit, weit erträglicher, als das Rätsel der Verlorenheit zu verspüren!

Doch das Rätsel wird in Jesu Gleichnissen nur noch größer.

Denn – und das können tatsächlich nur die Engel verstehen! – die Leidtragenden in den beiden alltäglichen Szenen sind ja jeweils die Sucher nach den Verlorenen: Der aufgewühlte Hirte, der wie getrieben, unbedingt und um jeden Preis das todgeweihte Einzeltier da draußen in der lebensfeindlichen Wüste finden muss, … die verzweifelte Frau, die buchstäblich das Unterste nach oben kehrt, weil für sie so unglaublich viel an dem Silbergroschen liegt. Diese beiden hektisch rackernden Leute, die gegen die aufsteigende Panik anarbeiten sind die Brennpunkte der Gleichnisse. Sie sind Gott. Der sich buchstäblich „zur Minna macht“. Der einen Tunnelblick kriegt, wenn da noch was retten ist. Der mit weichen Knien und feuchten Händen Dauerlauf durch die Steppe macht und im Staub einer schmutzig-dunklen Behausung hin und her tastet, immer wieder in’s Leere greifend.

Gott ist das: Dieses unerklärlich unwürdige Doppelportrait, in dem sich Züge der Unachtsamkeit und Schusseligkeit mit Zügen der Hilflosigkeit und der nackten Angst mischen: Was ist denn, wenn das, was da so atemlos gesucht wird, sich nicht finden lässt?  …….

Was für ein unerfindliches Gottesbild! Was für ein unglaublicher Bruch mit allen Vorstellungen der Überlegenheit dessen, „der alles sieht“ … und weiß … und kann?!!

Und ausgerechnet so will Jesus den Engeln ihren Gott zeigen!

Ausgerechnet so sollen sie - die blitzschnellen gefiederten Boten - ihren Herrn sehen und ernstnehmen: Wie Er flattert, wenn ein Menschlein bockt und ein Sterbliches Ihm aus der Reihe fällt, Ihm von der Kette rutscht!

Und ausgerechnet so sollen wir den Außerirdischen, den Nicht-Menschen irgendwo da droben und da draußen - wenn’s denn jemals nötig würde - den ewigen Gott des Universums nahebringen: In seiner hilflosen Angewiesenheit auf die rätselhaft Verlorenen, die wir Menschen sind. Ein Gott, für Den Verlorene selber ein unerträglicher Verlust wären. Ein Gott, Der suchen muss, bis Er das Verlorene findet! ————        

Das verstehen wir Menschen meistens tatsächlich nicht: Dass unsere, von uns so gezielt und anhaltend verdrängte Verlorenheit Gott derart tief betrifft, dass Er sich in allen Galaxien Seiner Herrschaft als Derjenige zu erkennen gibt, Der darunter leidet und dagegen angeht, bis das Unerklärliche des menschlichen Zustands, das Aussichtlose des Menschheitsloses gewendet ist und nichts Verlorenes mehr bleibt. ———

… Wir verstehen das nicht. Und heute werden wir es auch nicht erklären können, und morgen auch nicht.

Aber vielleicht ist heute der Tag, dass wir anfangen sollten, es wie die Engel aufzufassen: In reiner, grenzenloser Freude.

Denn wie Gott sich da von Seinem Sohn schildern lässt, wie Er es vor den Himmlischen aufdecken lässt, dass Er verliert, wenn wir verloren sind, das ist der eigentliche, geheimnisvolle, unergründliche Grund unseres Glaubens. Dieses zweite Rätsel, das in seiner unfassbaren Tiefe unsere Verlorenheit sogar noch übertrifft, heißt „GNADE“.

Ein Wort – ungebräuchlich, altbacken, nicht unmittelbar anschaulich –, das wir trotz all seiner theologischen Deutung (oder vielleicht gerade deswegen?) nie wirklich verstehen werden. Weil es nicht erklärlich ist, nicht schlüssig, logisch, folgerichtig. Sondern ein einziges, echtes, unendliches Mysterium: Das Mysterium, das Gott die Engel wissen lassen will … und natürlich alle, die es nicht zerreden und zerreiben, sondern sich einfach ohne sonstige Sicherheit darauf verlassen.

… Das aber sind unter den Menschen meistens nicht die Theologen oder die Frommen, auch nicht die Theoretiker oder die Rationalisten.

Wen das Wort von der Gnade mit der gleichen unwiderstehlichen Freude erfüllt wie die Engel, das sind die Sünder! Engel und Sünder erheben keinen messerscharfen, besserwisserischen Einspruch gegen den Unsinn der Gnade. Sie beten sie einfach nur an: Unter heißen Tränen die einen, in endlosen, herrlichen Chören reinen Jubels die andern.

Darum wird die Luft für den systematischen Ansatz der reflektierten Theologie auch ganz dünn, wenn es um Gottes Gnade geht. Gründlich reflektierte, denkerisch abgesicherte Zugänge zur unverantwortlich erscheinenden, halsbrecherischen Suche des Hirten nach dem verlaufenen Schaf, ordentliche Erklärungen, warum Gott selber Staub aufwirbeln muss, um einen zurückzugewinnen, der selbst auch nur Staub ist, scheitern.

Gnade ist ein außer-, ja, ein unordentliches Geschehen. Sie stellt nicht einfach ohne Weiteres bloß Ordnung wieder her, sondern sie riskiert alle Grundsätze, um das Unerwartete … einen glücklichen Fund, eine unwahrscheinliche Rettung zu schaffen.

Darum sind es eben auch nicht die ordentlichen Theologien – trotz des reformatorischen sola gratia-Prinzips – , in deren Mittelpunkt wirklich nichts als die Gnade steht, sondern es sind irreguläre, freie, ungelenkte Glaubensbewegungen, die die Gnade, an der man im Himmel solche Freude hat, als unverhoffte Erfahrung, als überwältigendes Ereignis feiern.

Ein Beispiel unter vielen für die wirklich nicht zivilisierten, sondern unbändigen, ja rohen und wilden Verhältnisse, in denen die Gnadenbotschaft ihre Rettungsmacht entfaltet, ist das Leben des Dichters des größten Gnaden-Liedes aller Sprachen und aller Konfessionen, … des einfachen, aber schlicht herzensechten Lobgesangs auf die staunen- und kopfschüttelnerregende Gnade, … “Amazing Grace”!

John Newton (1725-1807)[i] war ein ausgekochter Grobian, der alles das darstellte, was Europa neuerdings aus seiner Geschichte und Erinnerung auslöschen möchte: Obwohl er selber zeitweilig in Ostafrika das Schicksal eines versklavten Matrosen der englischen Marine erlitt, blieb Newton nach seiner Befreiung lange und absolut gewissenlos am transatlantischen Sklavenhandel beteiligt. Erst ein verheerender Sturm, der sein Schiff um Haaresbreit auf den Meeresgrund gerissen hätte, weckte in ihm das Gefühl völlig unverdienter Verschonung. Da bekehrte er - der hemmungslose Gotteslästerer – sich zu einem erschütterten lebendigen Glauben an Gottes voraussetzungsloses Eingreifen zu seiner Rettung, von dem sein heute weltweit verbreitetes Lied singt.

Und trotzdem sollte es noch Jahre dauern, bis der persönliche Zeuge der Gnade den gnadenlosen Sklavenhandel, von dem er lebte, endlich aufgab und dann als Prediger zu einem der entschiedensten Kämpfer gegen dieses menschenunwürdige Verbrechen der Sklaverei in Europa und Amerika wurde.

Würden wir diese dunklen Wirklichkeiten unserer westlichen Geschichte allerdings einfach verdrängen und unsere bleibende Verbindung damit streichen, wie es die Geschichtssäuberungen heute verlangen, würden wir bloß das eine erreichen: Dass wir tatsächlich und absichtsvoll nie mehr etwas von Gnade erführen. Weil wir bei der wohlfeilen Täuschung blieben, uns selbständige und aufgeklärte Menschen ohne Schuld und Vergangenheit beträfe die Verlorenheit schlicht nicht. …….

… Und dann könnten nur noch die Engel – und einst vielleicht die Außerirdischen –  begreifen, wie es wirklich um die Menschheit steht: Dass sie ohne Gnade nicht wäre. Weil ihre Verlorenheit von Einem allein gewendet wird: Dem Gott aller Gnade. Von Dem man im Weltall und im Himmelreich fragen muss (Micha7,18)[ii]:

„Wo ist solch ein Gott, wie du bist, der die Sünde vergibt und erlässt die Schuld denen, die geblieben sind als Rest seines Erbteils; der an seinem Zorn nicht ewig festhält, denn er hat Gefallen an Gnade!“  

AMAZING GRACE[iii]!

Amen.  



[i] Vgl. zu Newtons Biographie die Beiträge unter https://hymnary.org/person/Newton_John.

[ii] Alttestamentliche Schriftlesung des 3.Sonntags nach Trinitatis.

[iii] Als Versuch einer (um die bekannte 6 Strophe, die sich zuerst in Harriert Beecher-Stowes „Onkel Toms Hütte“ findet, erweiterte) deutschen Übertragung war auf dem Gottesdienstblatt folgende Fassung abgedruckt:

„Mein Herz vor Gnade fröhlich wird,

   wenn ich von Gnade hör.

Denn früher war auch ich verirrt,

   doch schließlich fand mich Er.

 

Erst weckte Gnade Angst in mir,

   die sie mir später nahm.

So wurde Gnade meine Zier,

   als ich zum Glauben kam.

 

Der Lebensweg war krumm und hart,

   viel Not stand ich schon aus,

und doch hat Gnade mich bewahrt

   und bringt mich auch nachhaus.

 

Denn Gott hat Gutes zugesagt,

   sich mir zum Schutz erklärt.

Und ich hab’ zu vertrau’n gewagt

   solang mein Leben währt.

 

Wenn aber Leben mir und Mut

   in diesem Fleisch vergehn,

und sich der Schleier ganz auftut

   werd’ ich die Gnade sehn.

 

Und sind zehntausend Jahre dann

   im hellsten Glanz vorbei:

Was man von Gnade singen kann,

   bleibt wie im Anfang neu.“

 

(Übersetzung; Jonas Marquardt)

 

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