Exaudi, 16.05.2021, "Jesus", Mutterhauskirche, Ulrike Heimann

Predigtthema: „Jesus von Nazareth und der kosmische Christus - eine Herausforderung für unseren tradierten Glauben"

Liebe Gemeinde,

am Donnerstag haben wir den Himmelfahrtstag gefeiert, sozusagen Jesus verabschiedet, Adieu gesagt. Und am nächsten Sonntag, an Pfingsten, heißen wir den Geist Gottes willkommen. Die Tage dazwischen, sie geben Raum zum Nachdenken - zum Nachdenken über unseren Glauben, über unsere Vorstellungen von Gott, von Jesus. Darüber etwas zu sagen, das ist nämlich gar nicht einfach, wenn es nicht naiv-banal daherkommen soll, sondern so, dass wir uns mit den Menschen unserer Zeit darüber ernsthaft austauschen können, mit Menschen anderer Religionen und aus anderen kulturellen Traditionen, und vor allen Dingen mit Menschen, deren Weltbild ein gänzlich anderes ist als das Weltbild der Bibel und auch das Weltbild aller christlichen Dogmen und die darum meistens den Eindruck haben: Glauben und Vernunft/Wissenschaft, die stehen diametral einander gegenüber, entweder ich glaube - oder ich gebrauche meinen Verstand.
Zum Nachdenken und selber denken möchte ich Sie anreizen. An vielen Punkten könnte man damit anfangen. Ich habe mich entschieden, medias in res zu gehen; und die Mitte unseres Glaubens als Christen ist unser Bekenntnis zu Jesus Christus.
Jesus Christus - dass das so selbstverständlich klingt wie ein Doppelname (wie Hans Peter oder Eva Marie), verweist schon auf das erste Problem. Denn Christus ist ein Titel - sofern er die griechische Übersetzung des hebräischen
Meschiach ist. Der Messias ~ der Gesalbte. Paulus schreibt darum in seinen Briefen sehr häufig von „Christus Jesus" ~ der Messias/Gesalbte Jesus, was erheblich sinnvoller ist. Die Evangelien erzählen, dass Jesus seine Jünger gefragt habe, für wen die Leute ihn so halten würden - für Elia oder einen anderen Propheten, so die Antwort (Mk.8,27ff); und für wen haltet ihr mich, fragt Jesus weiter und Petrus antwortet: du bist der Christus. Du bist der Messias. Eine Antwort, auf die Jesus recht gespalten reagiert. Schließlich verbanden die Juden damals - und verbinden es bis heute - mit dem Messias/Christus ganz bestimmte machtpolitische Erwartungen, nämlich die Aufrichtung eines endzeitlichen Reiches Israel verbunden mit der Befreiung von jeder Fremdherrschaft und einer gerechten Gesellschaftsordnung, beides zusammen den messianischen Schalom. Davon war, als die Evangelisten ihre Evangelien schrieben, natürlich nichts zu sehen, bis heute nicht, was jüdische Theologen sehr deutlich in den Dialog-Gesprächen über Jesus feststellen. Für einen Martin Buber, einen Pinchas Lapide oder Schalom Ben Chorin ist Jesus von Nazareth ein Prophet, ein Bruder, ein außerordentlicher, bedeutender Jude - aber nicht der endzeitliche Messias/Christus. Ein Menschsohn, aber kein metaphysisch gedachter, exklusiver Gottessohn. Da sind sich Juden und Muslime ganz einig. Als Jude gehört Jesus selbstverständlich zu Israel, und Israel als Kollektiv wird in der hebräischen Bibel Sohn Gottes genannt bzw. alle Juden Gottes Kinder. Gott wird im Bildwort zum Vater oder auch zur Mutter.
Es sind Menschen gewesen, jüdische Männer zuerst wie Saulus von Tarsus, meist in der griechischen Geisteswelt bewanderte und gebildete Männer schon gegen Ende des 1.Jahrhunderts großenteils Nichtjuden wie die frühen Kirchenväter, deren Gedanken und Überlegungen, wer dieser Jesus von Nazareth denn sei, oft gänzlich unjüdisch beantworteten, mit Anleihen aus anderen Religionen und Kulten, wie sie im römischen Reich damals anzutreffen waren. Und eine der populärsten Vorstellungen damals war die Vorstellung von Gottmenschen oder Halbgöttern. Sie hatten einen Gott als Vater und eine menschliche Mutter; sie hatten eine besondere Geburt und übernatürliche Fähigkeiten, die sie meist zum Wohl der Menschen, denen sie begegneten, einsetzten (z.B. Heilkräfte); man glaubte, sie seien von Gott gesandt, um bestimmte Aufgaben zu erfüllen; nach ihrer irdischen Lebenszeit würden sie im Himmel bei den Göttern aufgenommen. Gräber gab es darum für sie nicht. Einer der bekanntesten Göttersöhne war Herakles, der Sohn des Zeus.
In einer religiösen Vorstellungswelt dieser Art entwickelte sich das theologische Nachdenken über Jesus, wurden die Bekenntnisse der ersten Jahrhunderte formuliert. Und natürlich gab es die unterschiedlichsten Stimmen und Vorstellungen, gab es heftige Konflikte nicht nur auf der intellektuellen Ebene, sondern ganz reale Machkämpfe zwischen theologischen Schulen; man verdammte sich gegenseitig und gelegentlich prügelte man sich um die Wahrheit. Brisant wurde es aber erst so richtig, als Kaiser Konstantin das Christentum für sich entdeckte als neu aufstrebende Religion, die er für seine Zwecke gut brauchen und formen konnte. Unter seiner Aufsicht verabschiedete das Konzil von Nicäa 325 die Lehre, dass der Sohn Jesus Christus wesensgleich mit dem Vater sei, eine ausgesprochen umstrittene Entscheidung. Der Streit ging jedenfalls weiter und führte auf dem Konzil von Konstantinopel 381 zu einem Bekenntnis, das wir bis heute in unserem Gesangbuch stehen haben, das Nicaeno-Constantinopolitanum. Das „Ergebnis" kurz zusammengefasst heißt: Jesus Christus ist der eingeborene Sohn Gottes, aus dem Vater vor aller Zeit geboren. In den folgenden 300 Jahren wurden immer neue, für uns heutige Menschen kaum noch nachvollziehbare Überlegungen zu Jesus formuliert. Der Mensch Jesus trat immer mehr zurück, die Spekulationen über den göttlichen Christus wurden - mit Verlaub - immer abstruser. Die Formel „wahrer Mensch und wahrer Gott" ist genau das: eine Lehr-Formel, eher mit zwei e als mit h. Jesus von Nazareth würde staunen, was man über ihn so sagt und er würde sich kopfschüttelnd abwenden. Denn er war und blieb Jude und er glaubte an die Einzigkeit Gottes: „Höre, Israel, Adonaj ist unser Gott, Adonaj ist einer. Und du sollst Adonaj, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft." (Dtn.6,4f) Jesus wird dieses Bekenntnis jeden Tag seines Lebens gesprochen haben. Er ist ein Rabbi gewesen, ein Lehrer, Prediger und Heiler, den Menschen, gerade den Armen und Außenseitern zugewandt, ein Mensch nach dem Herzen Gottes, so wie es der Prophet Micha formuliert hat: „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist, und was Adonaj von dir fordert: nichts als Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig mitgehen mit deinem Gott." (6,8) Jesus - ein Mensch nach dem Herzen Gottes. Ein Mensch, dessen Menschlichkeit bis heute Menschen inspiriert hat, ihr eigenes Menschsein verantwortlich zu leben. Jesus von Nazareth - mein Bruder, mein Freund, unser Bruder, unser Freund. Liebe Gemeinde, die ganzen christologischen Lehrsätze/Dogmen/Bekenntnisse, die sind für meinen Glauben nicht mehr von Bedeutung. Ich kann sie stehen lassen als Zeugnisse einer vergangenen Zeit, über die die geistigen, wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen hinweggegangen sind. Ein buddhistisches Gleichnis mag da eine Verständnishilfe sein. Buddha hat es erzählt, um seine Jünger gerade auch in ihrer geistlichen Entwicklung „auf dem Weg" zu halten: Meine Lehre sei euch wie ein Floß, mit dem ihr einen Fluss überqueren könnt, der euch behindert, euren Weg weiterzugehen. Wenn ihr den Fluss überquert habt, dann lasst das Floß am Ufer liegen. Es macht keinen Sinn, es weiterzutragen, es ist sogar hinderlich, wenn sich vor eurem Weg ein Gebirge auftut.
Die alten christologischen Bekenntnisse, sie helfen uns heutigen nicht mehr, ja, sie sind sogar hinderlich angesichts des Gebirges, das sich vor uns erhebt, angesichts der drängenden Fragen und Probleme unserer Zeit: die drohende Klimakatastrophe, die ungelösten sozialen Verwerfungen nicht nur in unserer Gesellschaft, sondern weltweit, der wieder aufbrechende Nationalismus - Hand in Hand mit Rassismus, Antisemitismus und Hass auf alles Fremde. Und mitten drin die religiösen Gemeinschaften, die von fundamentalistischen Strömungen erschüttert werden. Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung - das muss ein globales Projekt aller werden, oder es ist ein zum Scheitern verurteilter Traum des Ökumenischen Rates der Kirchen.
Auch die Religionsgemeinschaften sind da gefordert. Solange aber jede nur sich selber im Besitz der Wahrheit sieht, sind sie eher Hindernisse als Beförderer auf dem Weg des Friedens und der Verständigung. Das gilt auch für das Christentum. Da braucht es tatsächlich einen Wandel, geradezu eine Umkehr und Bekehrung, was vielen als Verrat an ihrem Glauben vorkommt. Doch das ist nicht so. Denn schon die biblischen Schriften eröffnen unterschiedliche Sichtweisen, zeigen spirituelle Wege zu einem anderen Verständnis unseres Glaubens auf als den traditionell dogmatischen oder gar biblizistisch-fundamentalistischen Weg. Und genau da kommt der Christus ins Spiel.
In seinen Briefen spricht der Apostel Paulus von einem Christus, der ganz anders daherkommt, als der Messias/Christus; ein Christus, der zunächst auch gar keine Verbindung mehr zu Jesus von Nazareth hat, für den sich Paulus, wie er selbst schreibt, auch gar nicht weiter interessiert; leider. Ich bin mir ziemlich sicher, wenn Paulus sich mehr für den Menschen Jesus und für seine Botschaft vom Reich Gottes interessiert hätte, dann hätte das dem Werden der christlichen Religion deutlich besser getan, dann wäre sie viel mehr geerdet gewesen. Aber Paulus, ein gesetzesfrommer Jude und zugleich ein im griechischen Geist gebildeter Intellektueller, hatte eine andere Denkrichtung, eine mystisch-spirituelle, wenn er sich mit dem Christus beschäftigte. Der Christus war für ihn letztlich die einzige Realität und Wirklichkeit. Alles gelingende Leben, jeder Mensch, sofern er sich der göttlichen Liebe und Güte öffnete, hatte Anteil an Christus. „Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir." (Gal.2,20) schreibt Paulus. Der Christus verkörpert die verbindende Lebens- und Geisteskraft Gottes und der Wirklichkeit. Er ist das Leben in jedem Geschöpf und im ganzen Kosmos. Auch bei Johannes finden sich solche Gedanken im Hohepriesterlichen Gebet: „Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, so sollen auch sie in uns sein ... auf dass sie eins seien, wie wir eins sind." (Joh.17,21f)
In der Lesung haben wir vorhin einen Hymnus gehört, den Paulus wohl schon vorgefunden hat und in seinem Brief an die Gemeinde in Ephesus zitiert. Einen Text, der für mich zu den schönsten und weitherzigsten der griechischen Bibel überhaupt gehört, einen Text, der absolut dialogfähig ist gegenüber den Vorstellungen und Gedanken anderer Religionen. Er ist es wert, noch einmal zu Gehör gebracht zu werden: „Deshalb beuge ich meine Knie vor dem Vater, von dem jedes Geschlecht im Himmel und auf Erden seinen Namen hat, dass er euch Kraft gebe nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit, gestärkt zu werden durch seinen Geist an dem inwendigen Menschen, dass Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne. Und ihr seid in der Liebe eingewurzelt und gegründet, damit ihr mit allen Heiligen begreifen könnt, welches die Breite und die Länge und die Höhe und die Tiefe ist, auch die Liebe Christi erkennen könnt, die alle Erkenntnis übertrifft, damit ihr erfüllt werdet, bis ihr die ganze Fülle Gottes erlangt habt." (Eph.3,14-19) Der kosmische Christus, die wirkmächtige universale Kraft Gottes, die in jedem aufstrahlen will.
Sie ist in Jesus von Nazareth aufgestrahlt in ganz besonderer Weise, für uns Christen im Christus Jesus. Doch wie jedes Geschlecht im Himmel wie auf Erden von dem einen Vater, dem einen Gott seinen Namen hat, so hat sich ihnen die wirkmächtige universale Kraft Gottes unter anderen Namen erschlossen - z.B. (in den Upanishaden) den Hindus als Brahman, dem universalen Bewusstsein und absoluten Einen, das identisch ist mit dem individuellen Selbst, dem Atman. Es galt da nur, zu begreifen, dass jedes Einzelwesen Teil des Absoluten ist, aus ihm seine Lebenskraft bezieht und das Absolute unsichtbar in sich trägt. Eine Vorstellung, die gänzlich auf ein anthropomorphes Gottes-Bild verzichtet.
Der mystisch-kosmische Christus mit seiner universalen Anschluss- und Dialogfähigkeit und der Jude Jesus von Nazareth mit seiner Menschlichkeit und Zugewandtheit, mit seinem Eintreten für Gerechtigkeit und Barmherzigkeit, mit seiner Liebe und Güte angesichts der Gebrochenheit des menschlichen Lebens - die sind für mich Wegweisung und Hilfe angesichts des Gebirges an Problemen, die sich vor mir, ja vor der Menschheit auftürmen. So ausgerüstet können wir hoffentlich begreifen, welches die Breite und die Länge und die Höhe und die Tiefe des Lebens ist, unsere Grenzen und Möglichkeiten erkennen, um auf dieser wunderbaren Erde mit allen Lebewesen gut zusammenzuleben.
Amen.

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