25.04.2021, Jubilate, Apg.17,(16-21)22-34, Stadtkirche, Ulrike Heimann

Liebe Schwestern und Brüder,

der Predigttext für den heutigen Sonntag Jubilate ist für mich einer der interessantesten und bedenkenswertesten Abschnitte aus der griechischen Bibel, ein Text mit hoher Aktualität.

Wir hören jetzt die Verse 16 bis 34 aus dem 17.Kapitel der Apostelgeschichte.
„Während aber Paulus in Athen auf sie (sc. Silas und Timotheus) wartete, ergrimmte sein Geist in ihm, als er sah, dass die Stadt voller Götzenbilder war. Und er sprach zu den Juden und den Gottesfürchtigen in der Synagoge und auf dem Markt täglich zu denen, die gerade anwesend waren. Einige Philosophen aber, Epikureer und Stoiker, stritten sich mit ihm. Und einige von ihnen sprachen: „Was will dieser Schwätzer sagen?" Andere aber: „Es sieht so aus, als wolle er fremde Götter verkündigen." - denn er verkündete Jesus und die Auferstehung.
Sie nahmen ihn aber mit und führten ihn zum Areopag und sagten: „Können wir erfahren, was diese von dir verkündete neue Lehre ist? Denn du bringst einige befremdliche Dinge zu unseren Ohren. Wir wollen nun erfahren, wie es sich damit verhält." Alle Athener nämlich und auch die Fremden, die bei ihnen wohnten, hatten nichts anderes im Sinn, als etwas Neues zu bereden oder zu hören.

Paulus aber stellte sich mitten auf den Areopag hin und sagte: „Ihr Athener, ich sehe, dass ihr in jeder Beziehung sehr fromm, sehr religiös seid. Denn als ich umherging (durch die Stadt) und eure Heiligtümer betrachtete, da fand ich einen Altar, auf dem geschrieben stand: dem unbekannten Gott. Was ihr nun unwissend verehrt, das verkünde ich euch. Der Gott, der die Welt und alles darin gemacht hat, dieser Herr des Himmels und der Erde wohnt nicht in Tempeln, die mit Händen gemacht sind und er lässt sich nicht von Menschenhänden bedienen wie einer, der etwas nötig hat, da er doch jedem Leben und Odem und alles gibt. Er machte aus einem einzigen das ganze Menschengeschlecht, damit sie auf dem ganzen Erdboden wohnen, und er hat festgesetzt, wie lange sie bestehen und in welchen Grenzen sie wohnen sollen, damit sie Gott suchen sollen, ob sie ihn wohl fühlen und finden könnten; und er ist ja auch wirklich nicht fern einem jeden von uns. Denn in ihm leben und bewegen und sind wir; wie auch einige Dichter bei euch gesagt haben: Denn wir sind auch seines Geschlechts. Da wir nun von Gottes Geschlecht sind, dürfen wir nicht meinen, die Gottheit sei gleich den goldenen, silbernen und steinernen Bildern, durch menschliche Kunst und Gedanken gemacht. Zwar hat Gott über die Zeit der Unwissenheit hinweggesehen; nun aber gebietet er den Menschen, dass sie in jeder Beziehung umkehren sollen. Denn er hat einen Tag festgesetzt, an dem er den Erdkreis richten will mit Gerechtigkeit durch einen Mann, den er dazu bestimmt hat, und hat jedermann den Glauben angeboten, indem er ihn von den Toten auferweckt hat."
Als sie von der Auferstehung der Toten hörten, fingen die einen an, spöttisch zu lachen, die anderen aber sprachen: „Wir wollen dich ein andermal darüber weiter hören."
So ging Paulus aus ihrer Mitte. Einige Männer aber schlossen sich ihm an und wurden gläubig; unter ihnen war auch Dionysios, einer aus dem Rat, und eine Frau mit Namen Damaris und andere mit ihnen."

Lukas berichtet uns von einem Aufenthalt des Apostels Paulus in Athen. Ob er sich so abgespielt hat, ist höchst zweifelhaft, aber das spielt letztlich nicht die entscheidende Rolle. Denn Lukas geht es bei dieser Schilderung darum zu zeigen, dass der christliche Glaube keine primitive Sache ist, die allenfalls für Sklaven und arme Leute interessant ist, sondern dass er einer Begegnung mit dem Geist und den Erkenntnissen der damaligen Zeit gewachsen ist. Und auch wenn zu seiner Zeit die politische Machtzentrale Rom war - das Zentrum des klassischen, antiken Geistes war immer noch Athen.
Athen - die Stadt des Sokrates und Platons, des Aristoteles und des Pythagoras und vieler anderer weltbekannter Philosophen und Naturwissenschaftler. Und anders als heute, wo man um der touristischen Attraktionen willen nach Athen reist, fuhr man damals dorthin, um sich geistig auseinanderzusetzen.
Sehen wir uns einmal genauer an, wie diese Auseinandersetzung für Paulus aussieht.
Erster Schritt: Er kommt an, sieht sich um und - ärgert sich. „Sein Geist ergrimmte in ihm, als er sah, dass die Stadt voller Götzenbilder war."
Doch er ist so klug, diesen Ärger nicht zu zeigen, sondern ihn positiv als Energieträger für seine Sache zu nutzen. Er schimpft nicht herum, sondern geht konstruktiv auf die Leute zu. Sowohl zu seinen Glaubensgenossen, zu den Juden und Gottesfürchtigen in die Synagoge, als auch zu den Menschen auf dem Markt. Das erstere mag für ihn eher ein „Heimspiel" gewesen sein, das zweite war eine Herausforderung der besonderen Art und ungleich schwerer. Ob er mit der Verkündigung des Evangeliums in der Synagoge Erfolg gehabt hat, davon erzählt Lukas nichts; denn sein ganzes Interesse gilt dem Auftritt des Paulus draußen auf dem Markt. Wie ergeht es ihm mit seiner Botschaft im rauhen Wind der Öffentlichkeit? Wie verkauft er sich auf dem freien Markt der Anschauungen?
Seine Gesprächspartner sind jedenfalls nicht zu unterschätzen Lukas nennt zwei philosophische Gruppierungen: die Epikureer und die Stoiker. Ich will hier stark verkürzt umreißen, für welche Inhalte und Gedanken diese beiden Richtungen stehen.
Die Epikureer sind diejenigen, denen Glück und Genuss über alles geht: „Es kommt darauf an, das Leben zu genießen", so könnte ihr Glaubenssatz lauten.
Die Stoiker zeichnen sich durch Gelassenheit, die sprichwörtliche „stoische Ruhe" aus: „Lass dich durch nichts erschüttern; nichts ist es wert, dass du darüber aus dem Gleichmaß deiner Gefühle und Empfindungen fällst. Denn nichts geschieht zufällig, alles ist notwendig so, wie es ist", das wäre etwa ihr Bekenntnis.
Ganz offensichtlich ist es Paulus jedenfalls gelungen, die Gelehrten von Athen in eine Auseinandersetzung mit seiner Botschaft hineinzuziehen, was ja die positive Bedeutung von Streiten ist. Katastrophal wäre es gewesen, wenn man ihn einfach links liegen gelassen hätte. Zwischen Ablehnung und Interesse pendelt die Meinung, aber kalt lässt das, was Paulus zu sagen hat, keinen und so lädt man ihn ein, auf dem Areopag seine „neue Lehre" zu präsentieren, ein geistesgeschichtlich bedeutsamer Ort, an dem schon Sokrates in den Ring gestiegen war, um seine Ansichten zu vertreten. Eine große Chance für Paulus. Hinsichtlich der öffentlichen Bedeutung war das etwa so, als würde er von Anne Will zum Einzelgespräch eingeladen.
So steht Paulus nun auf dem Areopag und hält eine in vielerlei Hinsicht bedenkenswerte Rede.
Das erste, was auffällt: er legt nicht einfach mit einem Bekenntnis zu Jesus los, sondern er sucht eine positive Anknüpfung an die Glaubens- und Lebenswelt seiner Zuhörerschaft. Er würdigt ihre Bemühung um Sinnfindung: „Ihr Athener, ich sehe, dass ihr in jeder Beziehung sehr fromm, sehr religiös seid." Kein Wort von seiner Missbilligung des Götzenkultes, keine abfällige Bemerkung über die allgegenwärtigen Götterbilder, sondern der Hinweis auf den „Altar des unbekannten Gottes" und die Erläuterung: diesen Gott, den ihr ja schon verehrt, den möchte ich euch bekannt machen.
Und dann entfaltet er eine Schöpfungstheologie, der sicher die allermeisten seiner Zuhörer damals wie heute sehr gut folgen konnten und können. Ja, Paulus zeigt auf, wie groß die Gemeinsamkeiten im Denken über die Beziehung von Gott und Welt, von Gott und Mensch sind. Dieses Gemeinsame gipfelt in den beiden Sätzen, die in der Lutherbibel sogar fettgedruckt sind als besonders wichtige Aussagen des christlichen Glaubens - nur dass sie nicht genuin christlicher Herkunft sind, sondern vom stoischen Philosophen Seneca stammen: „Er ist ja auch wirklich nicht fern einem jeden von uns. Denn in ihm leben und bewegen und sind wir - wie auch einige Dichter bei euch gesagt haben: Wir sind seines Geschlechtes."
Das ist die gemeinsame Basis in der Begegnung unterschiedlicher religiöser und weltanschaulicher Ansichten und zwar damals wie heute. Es geht bei allem um das Wohl und Heil des Menschen, der als solcher geadelt ist durch eine unvergleichliche Beziehung zu Gott. Von daher verbietet sich jede Herabwürdigung des anderen aufgrund seiner Religion, seiner weltanschaulichen Überzeugung.
Es ist spannend zu verfolgen, wie Paulus nun zu seiner eigentlichen Botschaft kommt, wie er das entschiedene Ja Gottes zu uns im Evangelium präsentiert und gleichzeitig deutlich macht, dass es kein beliebiges Ja ist, dass es unsere Entscheidung herausruft.
Dass Gott nichts zu tun hat mit den Götterbildern, damit wird er bei den aufgeklärten Geistern in Athen nur Zustimmung gefunden haben; die Statuen waren auch für sie allenfalls Platzhalter für das göttliche Wesen, dem sie ihre Verehrung zeigten.
Doch der nächste Gedanke wird für sie schon schwerer nachzuvollziehen gewesen sein: die Rede von der Umkehr. War das Leben nicht eine fortlaufende Weiterentwicklung, entfaltete sich der menschliche Geist und alle Erkenntnisse nicht immer weiter? Wieso dann Umkehr?
Und dann die Vorstellung von einem Gericht, sich verantworten müssen für das, was man getan hat, für das, was man durch seine Gedanken und Überzeugungen im Guten wie im Bösen angerichtet hat! Lief nicht alles, was war und ist und was sein wird, nach einem großen Plan, der in die Welt eingeschrieben ist? Und ist nicht alles so besehen auf jeden Fall richtig, was geschieht? So werden die Stoiker gedacht haben.

Und wer soll da als Richter auftreten - ein Mann, der von den Toten auferweckt wurde? Einfach lächerlich, diese Idee. Mit dem Tod ist alles aus, der Mensch löst sich unwiderruflich auf in seine Atome, sowohl was seinen Leib als auch was seine Seele angeht. Das war die Überzeugung der Epikureer.
Es ist nicht nur einfach die Botschaft von der Auferstehung der Toten, die den Widerstand der Zuhörer hervorruft, sondern verbunden mit dieser Botschaft die Frage nach der Verantwortlichkeit des Menschen für sein Tun und Lassen, für sein Denken und Planen.
Die Reaktion der Zuhörer: die einen machen sich lustig, die anderen wollen ein anderes Mal mehr von Paulus hören. Er hat in ihnen etwas angestoßen, doch darüber müssen sie sich nun selbst klar werden.
Unter dem Strich, so konstatiert Lukas, sind es einige wenige Personen gewesen, die Paulus letztlich für das Evangelium gewonnen hat - keine Massenbekehrung, noch nicht einmal eine Gemeindegründung wie in Korinth, Philippi oder Ephesus. Und doch - das Evangelium findet seinen Weg in die Herzen auch von Gebildeten und in ihrer Gesellschaft ein-flussreichen Menschen wie dem Ratsherrn Dionysius und der Damaris und kann durch sie weiterwirken. Deshalb hat sich die Reise/Mission des Paulus gelohnt - auch wenn Athen ein hartes Pflaster gewesen ist.
Was, liebe Gemeinde, können wir nun mitnehmen aus diesem Text an Ermutigung für uns und unsere Auseinandersetzung mit allen Geistesströmungen und religiösen Anschauungen, denen wir, wenn wir nur wie Paulus hineingehen in „unser" Athen, auf Schritt und Tritt begegnen?

1. Dass wir hinsehen und hinhören, was die anderen denken und empfinden, dass wir uns informieren und für sie interessieren. Ohne das ist keine fruchtbare Auseinandersetzung möglich.

2. Dass wir eine offene Auseinandersetzung akzeptieren ohne Standortvorteil, dass wir bejahen, uns mit unserem Glauben auf den Straßen und Plätzen, eben auf dem Markt behaupten zu müssen.

3. Dass wir den anderen nicht mit Ärger oder von oben herab begegnen, sondern dass wir positive Ansätze suchen für unser Gespräch, die Ernsthaftigkeit ihrer Fragen und ihrer Suche nach Wahrheit und Leben anerkennen und würdigen.

4. Dass wir das uns Gemeinsame und Verbindende als erstes sehen. Vor allen Dingen dürfen wir keinem die Nähe Gottes absprechen. In jedem Menschen den Sohn/die Tochter Gottes zu sehen, das ist in der Tat „christlich", dem Beispiel Jesu angemessen. Nicht die Exklusivität, sondern die Inklusivität, die zusammenführende Kraft ist das Zeichen des christlichen Glaubens. Vieles auch in anderen Anschauungen und Religionen ist wahr und gut und richtig, das können wir ohne Angst
vor Profilverlust anerkennen.

5. Und last, but not least: wir dürfen keine Scheu haben, auch die Punkte unseres Glaubens anzusprechen, die für unsere Gesprächspartner schwer verdaulich sind - wobei es natürlich auch da wichtig ist, wie das geschieht. Die Art, wie etwas angesprochen wird, darf die Sache nicht zusätzlich erschweren. Zu diesen unaufgebbaren Glaubensinhalten gehört die Anerkenntnis unserer Verantwortlichkeit für unser Denken, Tun und Lassen in dieser Welt und vor Gottes Angesicht, die Frage nach ethischen Werten und nach Grenzen, die uns gesetzt sind. In der Nachfolge Jesu sind wir aufgefordert, zu allererst nach dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit zu trachten, wie es in der Bergpredigt heißt, und die ist ausgerichtet auf Gemeinschaftsgerechtigkeit, Solidarität und Barmherzigkeit im Umgang miteinander. Und dazu gehört das Bekenntnis unserer Hoffnung auf todüberwindendes Leben, das für uns verbunden ist mit dem Bekenntnis zu dem gekreuzigten Jesus von Nazareth, der durch Gottes Macht der Erstling der neuen Schöpfung geworden ist.

Wagen wir uns also frisch, fromm, fröhlich und getrost hinaus auf den Markt der Weltanschauungen und Religionen und bieten wir den Menschen an, was Gott durch uns anbieten möchte.
Amen.

 

 

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