Karfreitag, 02.04.2021, Stadtkirche, Jesaja 52,13-15 + 53, 1-12, Jonas Marquardt

Predigt Kaiserswerth Karfreitag - 2.IV.2021                                                                                                     

             Jesaja 52,13-15+53,1-12

Liebe Gemeinde!

Nehmen wir es als Lied der Jünger … diesen vielleicht rätselhaftesten, undurchdringlichsten und zugleich offenbarungsmächtigsten Abschnitt aus dem Buch Jesaja.

Nehmen wir es als Lied der Jünger, denn gewiss werden wir das Geheimnis nicht lüften, ob hinter dem unauslöschlichen Bild des Gefolterten, den alle seiner Qual überließen – alle, außer Gott! –, nicht eine Gestalt steht, die Jesaja in den Reihen der nach Babylon deportierten Judäer sah. Die Schilderung dieses Sadismus, das Protokoll einer Misshandlung, die zu kollektiver Mittäterschaft führt, weil Mitgefühl für Mitwisser schlicht zu unerträglich wäre, klingt erschütternd wirklichkeitsnah. Man ahnt an jedem Karfreitag, wie eine Gemeinschaft von Bedrohten, von Wehrlosen, von Stigmatisierten unter den Entbehrungen des Todesmarsches ins Exil sich von dem Ärmsten abwendet, über dem die geballte Entladung der feindlichen Aggression niedergeht: Dieser Eine wird seinem grauenvollen Schicksal überlassen, damit die anderen für dieses Mal der Peitsche und dem Prügel, dem Blutdurst und der Mordlust entkommen. Das könnte Jesaja überall zwischen Jerusalem und Babel beobachtet haben. Er könnte es in den zweieinhalb Jahrtausenden seither beinah ununterbrochen bestätigt haben sehen, wie es geht, wenn der Bestie ein Opfer überlassen wird, in der Hoffnung, dass andere dadurch verschont bleiben. Es ist das mythische Motiv vom Mädchen, das dem Drachen bestimmt wird, um die Stadt und ihre anderen Bewohner zu retten. … Es ist die Selbstverteidigung der Verlorenen.

Doch wir wollten es ja als Lied der Jünger nehmen

Gewiss, Jesaja könnte es auch als ergreifende Enthüllung empfangen haben, mit der er seine Leidensgenossen im Gericht durch die unterm Gegenteil verborgene Macht der Ohnmacht, die sie litten, durch die Aufdeckung des hinter dem Sinnlosen wartenden Sinn tröstete: Euer Leid, Euer Opfer, Eure Strafe wird für die nach Euch Kommenden, wird für Viele einst Segen entfalten. Ihr seid zu Trägern des Mysteriums der Stellvertretung bestimmt, die ein erneuertes Israel und eine Welt der Versöhnten zu bereiten hilft. … Es ist die Kraft des Vertrauens auf die göttliche Weltlenkung, die selbst durch den Holocaust hindurch das religiöse Judentum überleben ließ.

Aber immer noch: Wir wollten es als Lied der Jünger nehmen

Natürlich ist auch das tiefste Geheimnis in der Prophetie vom Gottesknecht angelegt: Das Wunder messianischer Weissagung, die enthüllt, was in der unerforschlichen Weisheit Gottes an Heilsgedanken angelegt ist, die Finsternis in Licht und nächtliches Weinen in Freude verwandeln (vgl.Ps.30,6), indem sie Dunkelheit und Verzweiflung von Innen heraus ausschöpfen und für immer durchbrechen. Natürlich ist die jesaja’sche Passionsprophetie auch adventliche Erlösungsverheißung, geistgewirkte Offenheit für das unerhörte Auf- und Einleuchten des in gekreuzigter Verborgenheit Kommenden. … Es ist Christuspredigt des Alten Testaments.

 

Doch – ein letztes Mal – wir wollten es als Lied der Jünger nehmen.

 

Weil unsere Bibel uns diese Verständnishilfe, diese Leseanweisung gibt, indem alle Evangelisten und Apostel, alle Zeugen des Neuen Testaments aus keiner anderen Quelle der hebräischen Bibel so viel schöpfen wie aus diesem grauenvoll schwarzen, trostreich dämmernden, frohbotschaftlich glühenden Gottesknechtslied.

Überall – und oft genug aus seinem eigenen Mund – hören wir, wie die geheimnisvolle Gestalt des rettenden Leidenden in den Bildern und Beschreibungen aufscheint, die zum Zeugnis von Jesu Tat und Schmerz, seiner Aktion, seiner Passion dienen: Das duldende Lamm Gottes (vgl. z.B. Joh.1,29; 1.Petr.1,19); der Löser, der die Verschuldung Fremder mit seiner eigenen Person als Sühnegeld begleicht (vgl. z.B. Mk.10,45); der Sklave, dessen drakonische Bestrafung befreiendes Heil für andere bedeutet (vgl. z.B. Phil.2,7).

In allen diesen Anspielungen und Fortsetzungen, in allen diesen Nachklängen und Bekräftigungen lebt und erfüllt sich, was Jesaja geschaut und bewahrt hat.

Aber wo immer Matthäus, Markus, Lukas, Johannes, Paulus, Petrus und der Autor des Hebräerbriefes die Worte Jesajas variieren oder zitieren, wo immer die mündliche Predigt der Apostel und die Liturgie des Urchristentums das Lied vom unbekannten Erlöser mit dem Namen verbanden, der ihnen dabei auf dem Herzen lag und von den Lippen floss, da haben diese Jünger die von ihnen als Christuslied verstandene Offenbarung aus der babylonischen Gefangenschaft eben auch zu ihrem Lied gemacht.

Sie griffen es nicht nur auf und gaben es nicht nur weiter, weil es von Ihm, dem rätselhaften Opfer sprach, in dem sie Jesus erkannten und durch das sie Jesu Weg besser zu verstehen lernten, sondern auch weil im überlieferten Text des Propheten überdeutlich das „Wir“ vorkommt.

Niemand kann ja dieses, nach bibelkundlicher Zählung vierte und letzte Gottesknechtslied lesen oder hören, ohne geradezu drauf gestoßen zu werden, dass es nicht nur das Leiden des verkannten Gerechten meditiert, sondern auch dessen Zeugen zu Wort kommen lässt.

Der Chor der griechischen Tragödie, die reflektierende, betende, bekennende Stimme der Zuschauerversammlung, der Gemeinde, die in Bachs Passionen zur einzelnen Anima, zu einzelnen Seele verdichtet wird, ist eingeflochten in die Betrachtung des Martyriums des Allerverachtetesten.

 

… Und dennoch … oder darum haben die tatsächlichen Zeugen des Karfreitag und alle, die flohen, um nicht seine Zeugen zu werden, diesen großen, bitteren Ausschnitt eines auch für sie schon antiken Dramas als ihren Horizont gewählt, vor den gestellt sie nun im Rückblick erfassen und schildern konnten, was da unter Pilatus zu Jerusalem in den Tagen des Passafestes 33 geschehen war:

… Sie haben versagt!

Das grauenvolle Ereignis – das sie zwar weder hätten aufhalten noch hindern können oder dürfen – erging wohl als Verurteilung eines Unschuldigen, aber mit den Worten des Propheten gestehen die Jünger, gestehen die Urchristen ein, dass sie sich dadurch gerichtet wissen. Ihre dumpfe Teilnahms- und Verständnislosigkeit, ihre kalte, hartleibige Ignoranz, ihre Vor- und Falschurteile: Für alles das gibt der alte Jesaja den jungen Christen die Worte.

Und wenn sie nur einen der für alle späteren Zeiten karfreitäglichen Grundtöne irgendwo in ihren Evangelien oder Episteln anschlagen – „Er lud auf sich unsre Schmerzen“, „Er gab sein Leben als Schuldopfer, er gab’s in den Tod“ –, da klingt nicht nur den Christen damals, sondern da klingt in allen Ohren aller Zeiten auch der andere dröhnende, dringende Schlag, des Wir sahen ihn, aber da war keine Gestalt, die uns gefallen hätte“, Wir hielten ihn für den, der von Gott geschlagen und gemartert wäre“ ….

Seit das Gottesknechtslied anfing zur Gemeinde Jesu Christi zu sprechen, hat es sie das Elend seines bitteren Todes nie mehr als Affäre sehen lassen, aus der sie sich hätten ziehen können.

Sie wussten es … und beim Propheten bestätigte es sich mit der Wucht eines uralten, plötzlich entzifferten Spruches, dass sie Beteiligte, Verwickelte, Belastete und Überführte dabei waren.

Weil es kein Lied nur von ihm, sondern auch von ihnen war. Ein Lied der Jünger, so mussten sie einsehen. Ein Lied von ihrer Schuld und dem, was sie Ihm antat. ———

 

… Und nun nehmen wir es nicht mehr als Lied der Jünger, der frühen Kirche.

… Nun nehmen wir es als unser Lied. …….

Wir können das kaum.

Zu tief sind wir eingenistet hinter den Wällen, die unser geschichtliches Denken und Verstehen, unsere wissenschaftliche Methode aufgeworfen haben.

Das Gottesknechtslied des Jesaja liegt auf der Karte unserer Welt, auf dem Zeitstrahl unseres historischen Bewusstseins in unendlich weiter Entfernung.

Früher, in den Worten Gotthold Ephraim Lessings hieß es, ein „garstiger Graben“ trenne uns von der biblischen Wirklichkeit[i]. Heute wissen wir, dass es ein Sicherheitsabstand ist, eine Schutzanlage, eine Gefahrenabwehr.

Was in Babylon geschah oder auf Golgatha oder in den Herzen und Gottesdiensten der alten Kirche, das kann uns nicht berühren, … und wenn ja, dann nicht betreffen … und wenn doch, dann nicht persönlich, nicht tief, nicht so, dass es uns bleibend zeichnet.

Doch gerade so stehen wir, wo Jesaja stand. Wo die Jünger standen …, vielmehr: wo sie wichen.

… Denn genau das ist ja die Tragödie und die Wahrheit, die das Lied des Propheten, das Lied der Jünger, das Lied der Christen heute so erschütternd eindringlich besingt: Niemand will ihn sehen!

Er ist zu entstellt.

Zu schauderhaft in seiner eiternden, röchelnden, zuckenden Erbärmlichkeit, die wenn nicht nach Anklage, dann doch immerhin nach Konfrontation riecht, nach einem Blick auf’s uns so glänzend verhüllte nackte Menschenlos.

Es wäre zu schmerzlich, wenn wir uns dem aussetzten, … geübt im Wegschauen, im Verdrängen, im kaltschnäuzigen Leugnen, wie wir nun einmal sind.

Unsere Mund-, Nasenmasken mögen neu sein. – Unsere Augenbinden, unsere Herzpanzer sind es nicht!

Dass wir vor den welken Kümmerlichkeiten, den ungeschminkten, ungeschmückten Anatomien, vor den hilflosen Wesen, deren Kadaver beim Schinder landen, ausweichen, empfinden wir als Menschenrecht:

Wozu sollten wir das ewig gleiche - uns selbst aber nicht drohende - Biafra-, Sahel-, Jemen-Elend wahrnehmen?

Wozu die Finsternis und Leere, den Sog und Zerfall betrachten, die aus den Augen derer starren, die nutzlos, süchtig, überflüssig ein Dasein fristen, für das die Menschheit millionenfach keine Verwendbarkeit sieht?

Wozu sollen wir Schuld, Angst, Schmerzen beachten, wenn wir sie doch professionell an den Rand unseres Gesichtsfeldes verlagert haben, wo die Dienste, die Kliniken, die Heime und Helfer sie entweder beheben oder - freiwillig, versteht sich - durch Beenden allen anderen ersparen?

Weg mit diesem allen. Es ist nichts, das uns gefallen hätte. ———

 

O Jesus, wie sind wir verirrt!

O Jesus, der du alle Krankheit und Schmerzen, alle Sünde und Strafe trägst, … o Jesus, der du die Hiflosigkeit, die in unserer Bosheit steckt, und das Leid, das in unserer Kälte verdichtet ist, am eigenen Leib aushältst, … o Jesus, dessen Not und Hässlichkeit die meinen sind, … o Jesus, den wir für abgeschrieben und erledigt, für überholt und sinnlos, für Vergangenheit, Dichtung oder Projektion erklären, den wir für nichts achten, … o Jesus, dessen Geschick uns so wenig angeht, wie das deiner Brüder und Schwestern, … o Jesus, lass uns dich sehen, dich erkennen, dich heute in deiner Marter erkennen, damit wir dich wiedererkennen können, wenn die Völker – und die Jünger, die Kirche, wir selber! – in Staunen versetzt werden, wenn Licht und Fülle dich umgeben, weil Gottes Plan gelungen ist!

O Jesus, den wir auf der Schlachtbank und im Grab der Gottlosen nicht deshalb sehen sollen, weil es nicht mehr zu sehen gäbe, sondern weil die Plagen und das Gericht, die du leidest, die Wirklichkeit deiner Mühe im Lande der Lebendigen und die Unschuld deines Sterbens Tatsachen sind, die Gott in etwas wendet, das alle Tatsachen, alle Wirklichkeit, alles, was wir kennen oder verdrängen, verwandelt und heilt.

Gott geht ja nicht an dem vorbei, an dem wir vorbei gehen; Er übersieht nicht, was wir übersehen; Er verlässt nicht, die wir verlassen; Er fehlt nicht, wo wir fehlen.

Weil aber Gott teilnimmt an dem, was wir verleugnen, öffnet sich eine andere Wirklichkeit … womöglich eine, die wir ebenso leugnen:

Vielleicht können unsere Augen und Köpfe, die das Unheil nicht wahrhaben wollen, auch das Heil nicht wahrnehmen.

Vielleicht sind wir, weil das erschreckend Hässliche uns abstößt, auch nicht frei, dem vollkommen Herrlichen zu begegnen.

Vielleicht würden die, die nur Krankheit bemerkten, die Gesundheit nie erfahren und die nur Lüge wussten nie in der Wahrheit leben können. …

… Vielleicht …, nein: Wahrscheinlich …, nein: Bestimmt gäbe es kein Licht für uns Blinde, kein Leben für uns tödlich Todgeweihte, keine Gerechtigkeit für uns verlogene Verlorene, keine Zukunft für uns Menschen, die den Gottesknecht verachten, wenn das Lied von ihm wirklich nur das Lied des Propheten Jesaja oder das Lied der Jünger, das Lied der Kirche von einst oder auch unser Lied, das Lied heutiger Christen und Christinnen wäre. …….

… Das alles ist es aber nicht.

Es ist weder zu erklären noch zu verstehen, wenn wir es bloß als solches nähmen.

Das Lied vom leidenden Gerechten, der unsere Schmerzen auf sich lud und unsere Krankheit trug, der unsere Missetat gebüßt, für uns gebetet und schließlich sein Leben für uns gegeben hat, um uns zu heilen und ins Licht zu holen, das ihm, dem Erhöhten zuteil wurde … dieses Lied ist das Lied Gottes!

Darum ist es das undurchdringlichste, rätselhafteste, offenbarungsmächtigste Lied aller Zeiten: Weil es wahr ist.

Aber wer glaubt dem, was uns verkündet wurde?

Gebe Gott, dass es heute, dass es jetzt mehr werden! Dass Er heute mehr von uns gewinnt. Dass mehr von uns durch Ihn Gerechtigkeit, Wahrheit und Erlösung finden!

Und dass wir auf Sein Leid und Lied mit unserem Lied, unserer Liebe antworten.

Amen.


[i] Zu Lessings epochemachender Abstands-Metapher, die den Grundsatz ausführt, dass für aufgeklärtes Denken „zufällige Geschichtswahrheiten den Beweis von notwendigen Vernunftwahrheiten nie“ bieten können, gehören allerdings auch die beiden folgenden Sätze: „Das, das ist der garstige breite Graben, über den ich nicht kommen kann, so oft und ernstlich ich auch den Sprung versucht habe. Kann mir jemand hinüber helfen, der thu es, ich bitte ihn, ich beschwöre ihn. Er verdient einen Gotteslohn an mir.“ Hier zitiert nach: Gotthold Ephraim Lessing  Werke, Bd VI, Donaueschingen 1822, S.348 und 351.

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