Judika, 21.03.2021, Stadtkirche, Hiob 19, 19 - 27, Jonas Marquardt

Predigt Kaiserswerth Judika 21.III.2021                                                                                                               

              Hiob 19, 19-27

Liebe Gemeinde!

Wissen und Glauben. … Lea und Rahel.

… Wie Jakob sollten wir sie beide heiraten.

Auch wenn die eine Schwester uns anders anzieht als die andere, sind beide doch dem Menschenleben treue und unentbehrliche Partnerinnen.

Natürlich sind sie nicht einmütig.

Das Wissen bleibt beim Bekannten. Der Glaube traut sich ins Abenteuer.

Die eine glaubt also die Gretchenfrage ihrem herben Wesen gemäß negativ beantworten zu müssen: „Weißt Du von Gott?“ – Nein!

Die andere Schwester - Schwester Glaube, die Liebliche - weiß das Gegenteil zu sagen, wenn man an ihr Wesen appelliert: „Glaubst Du an Gott?“ – Ja.

Ihre Kinder aber – diese abgesicherten und unabgesicherten Antworten, die sie hervorbringen – geben beide Schwestern auch der anderen in Pflege, so dass die Frucht von Wissen und Glauben bei der anderen jeweils lernen zu zweifeln, zu hoffen, zu wachsen und aufrecht zu sein ohne Erstarrung.

Wo dieses Dreieck von Jakob, Lea und Rahel, von Menschsein und Ratio und Fides, dieses Dreieck des Menschen mit seiner Kritik und seinem Vertrauen ausgewogen bleiben kann, da ist gesegnetes Leben. … Doch solcher Haus-, Hirn- und Herzsegen ist nicht unerschütterlich: Er kann von Außen wie von Innen angegriffen und gestört werden, und dann leiden sie alle an einander, um einander und ohne einander.

Die Spaltungen, das Misstrauen, die Enttäuschungen, die Entfremdung, die wir aus allen unseren angefochtenen Verbindungen kennen, können das Zusammenleben und die Zukunft des Ich und seiner beiden Hälften zu einem Martyrium, einer Passion machen.

Millionen solcher Leidensgeschichten – zwischenmenschlicher und innerseelischer Kreuzwege – gibt es. Darum sind die sechs Wochen, in denen wir alljährlich nicht das Strahlende, sondern die Schatten des Lebens betrachten, allenfalls zu kurz, keineswegs zu viel: Die Wahrheit zeigt sich jedenfalls häufiger in den getrübten, den gebrochenen Erfahrungen, als in den retouchierten, gefärbten Reklamen voller makelloser Harmonie, die wir heute so gern an der Stelle unseres eigentlichen Gesichts und unserer eigentlichen Geschichte aushängen.

Der große Erzmärtyrer der menschlichen Zerrissenheit, dessen schmerzhafte Lebens-, Sinn- und Glaubenskrise Jahrtausende lang akut geblieben ist, weil nichts Erbauliches, keine fromme Entschärfung sie je abstumpfen konnte, ist Hiob.

Hiob ist der Mensch, dem das lebenserhaltende Bündnis zwischen Wissen und Glauben – man könnte auch sagen: das Band zwischen Erfahrung, Empirie und heiler oder heilungsfähiger Deutung des Erfahrenen– gewaltsam zerrissen worden ist.

Hiobs gewaltige Folter, die alle Züge des stellvertretenden, des uns einschließenden Leidens hat, ist jedem von uns – wenn auch selten in solcher Wucht – vertraut: Alles, was ist, widerspricht allem, was sein sollte. Das Erleben zeugt gegen jede Verständlichkeit. Heillose Willkür raubt dem Dasein alle Zeichenhaftigkeit. Stumm, unentschlüsselt, widersinnig tobt sich die Wirklichkeit am Menschen aus. ————

Doch ehe wir Hiob ganz und gar zum Inbegriff der Unbegreiflichkeit machen, die so viele denkende Zeitgenossen erkennen und so viele Leidensgenossen der Unrechtsexzesse, der Armutsspiralen, der zynischen Hochrisikoökonomie unserer Tage erleiden, … ehe wir Hiob also allzu gut zu verstehen meinen in seiner Verständnislosigkeit angesichts der eigenen Realität, müssen wir seinen berühmtesten Schrei zunächst allerdings ernsthaft anhören.

Denn die Leidensekstase, die wir mit Hiob verbinden, wird nicht übertönt, wird nicht überstrahlt von einem großen Licht, von einer Klimax, die das Dunkle sprengt und eine allerletzte Tröstlichkeit über alledem zu entdecken vermag.

Hiobs bohrendster Schmerz ist ja nicht etwa nur das, was wir mit ihm verbinden: Dass er vor lauter Schicksalsschlägen den Glauben verlieren musste. Das zwar bestimmt, … doch Hiobs Pein ist schrecklicher.

Sein Glaube ist vergangen. Nur ist sein Wissen nicht gleichzeitig gelöscht worden.

Hiob hat die eine, aber nicht die andere der notwendigen Lebenshilfen verloren.

Und da zeigt sich, dass die Möglichkeit des nackten Begreifens ohne die Möglichkeit zu vertrauen noch abgründiger ist …….  

Leider also hat der innige Ton, mit dem der erlösende Auferstehungsteil von Händels Messias beginnt – jene aufsteigende, blühende Quarte, die viele im Ohr haben, wenn sie lesen „Ich weiß, … dass mein Erlöser lebet“ – uns Hiobs Anklage nur österlich zu verstehen gelehrt.

Doch es ist kein österliches Wort.

Es ist ein Karfreitagsschrei.

Der völlig um Haut und Haare gebrachte, von allem Stoff des Menschseins entblößte, der bis auf die Knochen wundzerriebene Hiob, dem seine vermeintlichen Freunde weismachen wollen, dass mit rechten Dingen zugehe, was in Wahrheit nur sinnlos ist, würgt am schlimmsten aller Rätsel: Nicht, an Gott nicht glauben zu können, … sondern von Gott überzeugt zu sein … Ihn aber nicht im Entferntesten zu verstehen.

Hiob ist eben nicht mit der Möglichkeit Gottes fertig – wie die allermeisten derer, die heute nicht „glauben“ können, es sind –, sondern er zerbricht an der Unmöglichkeit, seines gegebenen  Gottesbewusstseins froh werden zu können. Hiob kann – zu seiner Qual – nicht ausschließen, ja, er kann nicht einmal leugnen, dass Gott wirklich ist, aber er findet nichts vor, das dieses Bewusstsein, dieses Wissen zu einem fröhlichen machte. ——

Wohl denen – so möchte man angesichts dieser Wendung ausrufen! –, die Gott einfach hinter sich haben, für die Er erledigt ist! Sie werden vielleicht einmal Heimweh oder den Wunsch nach einer Phantasie empfinden, aber ihnen ist klar, dass sie dabei Unsinnigem, Unwirklichem nachhängen.

Wie viel schwerer haben es dagegen die, die das wirkliche Unsinnige erblicken und Gott dennoch vor sich haben! Dieses tragische Bewusstsein – »Gott ist, … Gott ist…, aber Er ist „fremd“… « – … dieses tragische Bewusstsein Gottes ist der furchtbare Zustand Hiobs, der der getrosten Gewissheit entgegengesetzt ist, die wir im „Ich weiß, dass meine Erlöser lebt“ zu hören meinen.

Es ist also vor allem anderen schneidende, verzweifelte Anklage, dieses „Ich weiß doch, dass Du lebst! Und darum graut’s mir abgründig davor, dass Du nicht ein Phantom, sondern ein absolutes Mysterium bist! Du kannst mich sehen, Du kannst mich hören, Du kannst mich fassen, … und ich kann gerade das alles nicht! Du lebst und ich sterbe! Du bist und ich vergehe! Du bist Gott – das weiß ich – … und dieses Wissen soll so sinnlos sein?!“ ——

Christen dürfen nicht so tun, als überrasche dieser Schrei sie. Der, nach dem wir heißen, hat genau das gleiche erlitten: Sich „von Gott verlassen“ fühlen, kann nur der, der von Gott weiß.

Und wenn Christen wirklich nicht zur Kenntnis nähmen, dass Christus Hiobs Not und Hiob das Leiden Christi geteilt hat, dann sind da doch in unserem 21.Jahrhundert keine Schlupfwinkel mehr, in denen sich noch eine Frömmigkeit vor der Wahrheit verstecken könnte, die kein angefochtenes Gottesbewusstsein davongetragen hätte.

Die Verdrängungsbereitschaft des Christentums ist zwar erstaunlich und sein selektives Mitleid ebenso, das man wahlweise den Heiden, den Häretikern, den Ungläubigen, den Ungetauften, denen mit der falschen Konfession, denen von minderer Herkunft, den sog. unzivilisierten Wilden oder den Aufgeklärten, den Atheisten und Agnostikern entzogen hat.

Aber im 20. Jahrhundert ist die eine, uranfängliche Mitleidslosigkeit und Schuldverschiebung des Christentums so apokalyptisch entfesselt worden, dass alle, die heute leben, es entweder als die Geschichte ihrer Schuld und ihres möglichen Scheidebriefs von jedwedem zukunftsfähigen Glauben und Wissen erkennen, oder aber nie mehr in das Kraftfeld Gottes, in die Anziehungs- und Abstoßungskräfte geraten werden, die das Zentrum, der Urquell, das schwarze Loch ausüben, das alles freisetzt, bindet und wiederum in sich zurückholen wird: Das Giftgas von Auschwitz war auch die Schuldentladung der Christen.

Hiobs Schrei und die Verlassenheit der Klagelieder und die Entwurzelung, von der noch in unserer Mitte Rose Ausländers Leben gezeichnet war, … diese an Gott adressierten Verzweiflungsvorwürfe sind seitdem entweder ein Grundmotiv aller christlichen Selbsterkenntnis oder sie sind das Verdammungsurteil derer, die die Tragik Gottes nicht wahrhaben wollen. —

… Dass Gott, der Erlöser lebt und dass wir dennoch sind, wie wir sind und die Welt ist, wie sie ist: Das ist also entweder der Widerspruch, den wir mit Hiob erleben müssen – koste es uns auch die intellektuelle Gottesidee oder die seelische Glaubensgewissheit … – oder es ist unsere Verwerfung. ———

Warum aber geben wir dann nicht auf? Warum geben wir nicht einer von beiden oder gleich Lea und Rahel, Ratio und Fides den Abschied? Wieso noch am Gedanken Gottes festhalten, wenn Vertrauen auf Ihn so unsinnig geworden ist? Weshalb noch einen Glauben pflegen, der nicht mehr tatsächlich begründet werden kann? …….

Auf einen wagemutigen Versuch, diese endgültig existentielle Frage anzugehen, weist das Buch Hiob uns spektakulär deutlich hin, … doch die wenigsten Ausleger wollen dem Wink folgen.

Hiobs Passion beginnt ja mit einem verunsichernden, nein, einem perversen Skandal: Einer Wette im Himmel.

 Satan, der Vernichter aller Freiheit und Klarheit, pokert um das menschliche Gleichgewicht mit Gott. „Wenn Du Hiob die scheinbaren Gottesbeweise seines Glückes nimmst, wird er Dir absagen“, fordert er Gott heraus. Und treibt das sadistische Spiel auf die Spitze, als er zuletzt unterstellt: Welche Verluste Hiob schließlich auch immer erduldet haben mag – es gilt: „Haut für Haut“. Wenn Gott „sein Gebein und Fleisch antastet“, dann werde Hiob Ihm ohne Zweifel endgültig absagen (vgl. Hi2,4f).

Dieser endgültige Zustand aber ist in unserem heutigen Abschnitt erreicht: „Mein Gebein hängt nur noch an Haut und Fleisch, und nur das nackte Leben brachte ich davon“, zitiert der Geschundene den zynischen Herausforderer seines bedrohten Glaubens und des Wissens.

Doch Satan – das Prinzip der Verwirrung – hat sich verkalkuliert: Er meinte, mit Gott zu wetten, … doch mit Hiob hat er dabei nicht gerechnet!

Gewiss: Hiob ist am Ende, … aber zu seiner eigenen Verzweiflung eben nicht mit Gott.

… Er sagt nicht ab, wählt nicht den billigen Trugschluss des Atheismus, zerfällt nicht in die haltlosen Einzelteile des Nihilismus, der immer aus Kränkung, Gleichgültigkeit, Sentimentalität und moralischer Trägheit besteht, sondern Hiob stöhnt: „Ich weiß dennoch, dass Du bist, Gott!“

Und plötzlich gilt die Wette, die der Verneiner mit dem unbedingt zu Verneinenden – mit Gott – inszeniert hatte, … plötzlich gilt die Wette nicht mehr. Die Marionette, die Projektionsfläche des Negativen spielt nicht mit, sagt nicht das einfache, naheliegende, endgültige Nein! Hiob reagiert, als sei das schlicht über ihn hinweg ausgemachte Glücks-, vielmehr: Unglücksspiel, bei dem Gott der Verlierer sein sollte, gegen ihn gerichtet.

… Und so ist es ja auch! Gott sollte vorgeführt werden, aber Hiob würden die Verluste treffen: Kinder, Sicherheit und Segen, Genüge, Vertrauen und Sinn … alles sollte, beinah alles wurde ihm entrissen.

Und Hiob begreift: Der gegen Gott gewettet hat, hat gegen mich gewettet. Wenn Gott verlöre, bin auch ich verloren. … Ist alles, … sind alle verloren.

Man kann das das Tragische am bleibenden Gottesbewusstsein, am bleibenden Wissen um Gott in allen Katastrophen Hiobs und der Welt nennen.

… Man kann es das Tragische nennen.

Aber das ist so passiv.

… Man kann es nämlich auch das „Trotzige“ am Wissen um Gott bei Hiob und heute und zu allen angefochtenen und furchtbaren Zeiten dazwischen nennen: Das trotzige Wissen, dass mit Gott alles auf dem Spiel steht.

Und dass wir aus diesem Bewusstsein heraus – auch wenn Vertrauen und Gewissheit je und je aussetzen, undenkbar scheinen, sich verlieren, auch wenn der Glaube also angegriffen und verdrängt wird – doch an der Wette teilhaben, die Satan am Sieg, die das Böse am Sieg, die die Sinnlosigkeit am Sieg, die die Gewalt am Sieg, die Hitler am Sieg hindert.

Wenn wir Gott absagen, hat Er verloren. Haben wir verloren. Hat der Verkehrte, … der Verkehrer gewonnen.

Und darum bleiben wir Christen von heute in Hiobs Wette gegen die Sinnlosigkeit Partei. Wir bleiben Partei in der Wette gegen die Möglichkeit des Wissens und des Glaubens, dass Gott ist und dass unser Vertrauen eine große Verheißung hat (vgl. Heb. 10,35).

Wir bleiben Partei. Im Trotzen darauf, dass unsere Erfahrungen endlich mit unseren Überzeugungen versöhnt werden: Dass wir – wonach auch unsere Herzen in unserer Brust sich sehnen – Ihn sehen werden. Und dass wir dann erkennen und bekennen können, dass der Erlöser lebt!

Amen.  

Alle anzeigen

Gemeindebüro

Fliednerstr. 6
40489 Düsseldorf
Tel.: 0211 40 12 54
Fax: 0211 408 98 16

Öffnungszeiten:
Dienstag: 15:00 - 18:00 Uhr
Donnerstag & Freitag: 9:00 - 12:00 Uhr


Flüchtlingshilfe

Kaiserswerth: 0159-038 591 89
Lohausen: 0211 43 29 20


Kirchengemeinde Kaiserswerth Spendenkonto

DE40 3506 0190 1088 4672 28
Cookies auf dieser Website
Um unsere Internetseite optimal für Sie zu gestalten und fortlaufend zu optimieren verwendet diese Website Cookies
Benötigt:
+
Funktional:
+