19.S.n.Tr., 18.10.2020, Eph.4 22-32, StK + Jonakirche, Ulrike Heimann

Liebe Gemeinde,
kennen Sie das auch? Da steht man vor dem offenen Kleiderschrank und sucht nach dem passenden Outfit. Der Schrank ist voll, aber mit jeder Minute wächst die Verzweiflung, die Hektik. Irgendwie passt nichts, passt nichts zusammen: die Farbe der Bluse nicht zum Rock, der Schnitt des Shirts nicht zur Hose, und der Druck auf dem Sweater ist von vorgestern. Auf dem Bett wächst der Berg der anprobierten Teile und der Uhrzeiger bewegt sich unerbittlich weiter.
Nein, sich zu kleiden ist heutzutage schwerer denn je, weil die Auswahl beides ist: zu groß und nie genug. Und immer wieder der kritische Blick in den Spiegel, die bange Frage „Geht das so?"
Eigentlich müsste sie lauten „Bin ich das?"
Kann sie bejaht werden, wird Kleidung zur zweiten Haut, die Körper und Persönlichkeit in einer harmonischen Gesamterscheinung zur Geltung bringt. Aber oft begegnen wir Menschen, die eher ver-kleidet sind, als ge- und be-kleidet. Sich Einkleiden ist ein Vorgang, der alles andere als unerheblich ist. Es geht um Identitätsarbeit, die zu leisten ist und die eben auch schief gehen kann. Unser Predigttext knüpft daran an. In ihm geht es um das Ausziehen und Anziehen und darum, was einem steht.
Ich lese uns aus dem Epheserbrief aus dem 4.Kapitel die Verse 22 - 32.
„Ihr wisst, dass ihr nicht so weiterleben könnt, wie ihr früher gelebt habt. Legt den alten Menschen ab, der sich von seinen selbstsüchtigen Wünschen verlocken lässt. Sie sind trügerisch und bringen ihm nur den Tod. Lasst eure Gesinnung vom Geist Gottes erneuern! Zieht den neuen Menschen an, den Gott nach seinem Bild geschaffen hat und der so lebt, wie Gott es haben will - in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit.
Hört also auf zu lügen und betrügt einander nicht; denn wir alle sind Glieder am Leib Christi. Versündigt euch nicht, wenn ihr in Zorn geratet, und versöhnt euch wieder miteinander, bevor die Sonne untergeht. Sonst bekommt der Teufel Macht über euch. Wer vom Diebstahl gelebt hat, der muss jetzt damit aufhören. Er soll seinen Lebensunterhalt durch eigene Arbeit verdienen und zusehen, dass er auch noch etwas für die Armen übrig hat. Lasst kein giftiges Wort über eure Lippen kommen. Seht lieber zu, dass ihr für die anderen in jeder Lage das rechte Wort habt, das ihnen weiterhilft. Beleidigt nicht durch euer Verhalten den Heiligen Geist, den Gott euch gegeben hat. Denn er bürgt euch dafür, dass Gott zu seiner Zeit eure Rettung vollenden wird. Weg also mit aller Verbitterung, mit Aufbrausen, Zorn und jeglicher Art von Beleidigung! Schreit einander nicht an. Legt jede feindselige Gesinnung ab. Seid gütig und barmherzig zueinander und vergebt euren Mitmenschen, so wie Gott euch durch Christus vergeben hat."

Dieser Text führt uns weit zurück in die Anfänge der Kirche. Er lässt uns erahnen, was das damals für die Menschen im römischen Reich bedeutet hat, sich taufen zu lassen und so in die christliche Gemeinde aufgenommen zu werden. Es war anders als heute keine Normalität, sondern etwas Außerordentliches - man gehörte nicht mehr zum Mainstream, sondern war Außenseiter.
Der Epheserbrief richtet sich an Menschen, die von dem Apostel Paulus für den Glauben an Jesus Christus gewonnen worden sind. Die Begeisterung des Anfangs ist offensichtlich verflogen. Die ethischen Ansprüche, denen man selber einmal gerecht werden wollte, weil sie einen überzeugt hatten, werden immer mehr als Last empfunden. Die Werte zu leben, die in den eben verlesenen Versen genannt werden, das ist anstrengend. Die Toga war leicht auszuziehen und das Taufkleid leicht anzuziehen - aber das Leben in diesem neuen Kleid, das überforderte offensichtlich.
Den alten Menschen ablegen und den neuen anziehen; hier geht es um etwas anderes, als dem Heidentum, den alten Göttern und Bräuchen abzusagen und sich taufen zu lassen. Der Alte Mensch ist nicht der Heide und der Neue Mensch der Christ.
Dann wären wir ja fein raus; dann könnten wir den Text zur Seite legen. Als Christen von Anfang an wären wir nicht mehr gemeint, wir könnten so bleiben, wie wir sind.
Doch damit liegt man falsch. Mit der Taufe, bei den meisten von uns bei der Kindertaufe, hat man eben nicht den alten Menschen aus- und den neuen Menschen angezogen. Der alte und der neue Mensch - sie meinen verschiedene Möglichkeiten des Menschseins, die sich uns beständig anbieten und für die wir uns immer wieder neu entscheiden, die wir aktiv ergreifen müssen.
Paulus beschreibt den alten Menschen als programmiert von der Angst, zu kurz zu kommen, mit allen negativen, destruktiven Konsequenzen.
Diesen alten Menschen vergleicht er mit einem Kleidungsstück. Damit sagt er, dass ich mit ihm nicht identisch bin. Mein eigentliches Selbst, mein wahres Ich hat damit nichts zu tun. Der alte Mensch, das ist das Ego - alle kennen das Wort Egoismus, das die rücksichtslose Durchsetzung eigener Interessen bezeichnet. Dieses Ego trage ich an mir, aber es gehört nicht essenziell zu mir. Eine erstaunliche Aussage, die Paulus da macht.
Man muss schon weit gehen, mindestens bis zu den Mystikern, bis man in der christlichen Kirche wieder hört, dass es in jedem Menschen einen Kern gibt, einen Raum, in dem nur Gott wohnt und in dem das Bild, das dieser sich von jedem Menschen gemacht hat, aufbewahrt und geschützt wird.
Der Kern des Menschen, das eigentliche Selbst, Gottes Ebenbild in uns, sein lebendiger Atem, das ist die Urbedeutung des Wortes Seele. Das Ego ist nur Drumherum. Das bin nicht wirklich Ich. Dazu kann und muss ich auf Distanz gehen. Auf die alten Programmierungen wie
- Wenn du bedroht wirst, wehr dich ohne Rücksicht!
- Du kannst dir nicht erlauben, fair zu sein, sonst ziehst du den Kürzeren!
- Du bist allein auf dich gestellt; sieh zu, wie du durchkommst.
- Du bist nur wert, was du leistest.
- Du darfst keine Schwäche zeigen.
Ich denke, jeder kennt seine eigene Programmierung. Und es ist dieses falsche Programm, das uns und unser Zusammenleben so oft zerstört.
Doch das Evangelium, die frohe Botschaft, die uns Paulus zuruft, lautet: Auf diesen alten Menschen seid ihr nicht festgelegt. All die selbstzerstörenden und lebenszerstörenden Äußerungen, sie sind nicht allmächtig oder gar unabänderlich. „Ihr könnt auch anders, ganz anders!" „Wendet nach außen, was tief in euch längst da ist: zieht den neuen Menschen an. Werdet der Mensch, als den Gott euch gedacht hat von Anfang an. Verändert euer Denken und Handeln. Lebt so, wie Gott es haben will," schreibt Paulus, „in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit."
Das ist die Freiheit eines Christenmenschen: wir haben die Wahl, bekommen eine Alternative geschenkt.

Die Frage ist: Nehmen wir das Geschenk an?
Wer sich taufen, sich konfirmieren lässt, sagt eigentlich: Ja, ich nehme dieses Geschenk an - mit all den Folgen, die sich daraus für mich ergeben.
In einer Parallelüberlieferung zu unserem Text im Kolosserbrief heißt es: „Ihr habt den alten Menschen ausgezogen und den neuen Menschen angezogen, der erneuert wird nach dem Ebenbild dessen, der ihn geschaffen hat." (Kol.3,9b.10)
Hier wird ausdrücklich von diesem Bild Gottes gesprochen, das mein wahres Selbst, den Kern meiner Person ausmacht. Von diesem Bild her geschieht das Neu-Werden, das neue Bewusst-Sein, welches das neue Sein nach sich zieht. Damit ein Mensch in einer konkreten Entscheidungssituation Freiheit, Freiraum hat, sich für Gerechtigkeit, Liebe, Wahrheit, Versöhnung, Ehrlichkeit bewusst zu entscheiden. Damit wir uns in diesem Sinne als Menschen Gottes ein neues Outfit leisten und darin eine gute Figur machen und als christliche Gemeinde darin auch anziehend wirken.
Genau so sind die Aufforderungen in unserem Predigttext gemeint:
Hört auf zu lügen und betrügt einander nicht.
Unterscheidet euch darin z.B. von vielen Politikern heutzutage, die nur sagen, was Wahlerfolg verspricht.
Versündigt euch nicht, wenn ihr in Zorn geratet.
Seid gütig und barmherzig zueinander und vergebt euren Mitmenschen, so wie Gott euch durch Christus vergeben hat.
Gerade die Bereitschaft und Fähigkeit zu vergeben zeichnet den neuen Menschen aus. Dem anderen zu vergeben - und auch sich selbst, wenn man an seinen eigenen Maßstäben gescheitert ist. Sich selbst zu vergeben ist oft ganz schön schwer.
„Ihr könnt auch anders, ganz anders!"
Der Dichter Ödön von Horvath hat ein Bonmot formuliert, das genau hier hinpasst. Einer seiner Protagonisten sagt da: „Ich bin nämlich eigentlich ganz anders, aber ich komme nur so selten dazu." Dieser Satz hat Udo Lindenberg zu einem ganzen Song inspiriert „Ganz anders". Ich bin ehrlich gesagt nun wirklich kein Fan der Musik von Udo Lindenberg, aber der Text dieses Songs, der ist klasse.

 

„Oh ja, Udo ist im Haus,
oh ja, hör zu, ich sage
Eigentlich bin ich ganz anders
Ich komme nur viel zu selten dazu
Du machst hier grad mit einem Bekanntschaft
Den ich genauso wenig kenne wie du.

Ich hab so viele Termine
In der Disco, vor Gericht und bei der Bank
Da schick ich einfach meine Vize-Egos
Und das wahre Ich bleibt lieber im Schrank.

Ich bin gar nicht der Typ
Den jeder in mir sieht
Und das wird ich euch bei Zeiten
Auch alles noch beweisen.

Eigentlich bin ich ganz anders
Ich komme nur viel zu selten dazu
Du machst hier grad mit einem Bekanntschaft,
den ich genauso wenig kenne wie du.

Du hast bestimmt ein falsches Bild von mir
Sowas wie n echten Kujau
Es tut mir leid, da kann ich nix dafür
Denn mein eigentliches Ich ist im Urlaub.

Ich bin gar nicht der Typ
Den jeder in mir sieht
Und das werd ich euch bei Zeiten
Auch alles noch beweisen.

Eigentlich bin ich ganz anders
Ich komme nur viel zu selten dazu
Du machst hier grad mit einem Bekanntschaft,
den ich genauso wenig kenne wie du.

Eigentlich sind wir ganz anders
Wir kommen nur viel zu selten dazu
Du machst hier grad mit Leuten Bekanntschaft
Die wir genauso wenig kennen wie du."

In der Tat, diesen Text hätte ich Udo Lindenberg nicht zugetraut.

Bin ich die, als die mich die anderen sehen, ja, als die ich mich selber sehe? Bin ich das? Bist du das?
Oder sind wir verkleidet und nicht als die Menschen erkennbar, als die Gott uns geschaffen und in Christus zu leben berufen hat?
Menschen, die sich nicht darum bemühen müssen, begehrenswert zu sein und erfolgreich, weil sie doch geliebt und wertgeschätzt sind von ihrem Schöpfer. Die es sich leisten können, barmherzig und großzügig zu sein, weil ihnen der „Kleiderschrank" ihres himmlischen Vaters zur Verfügung steht, und die angesagtesten und chicesten Modelle sind Großmut, Barmherzigkeit und Freundlichkeit.

„Eigentlich sind wir ganz anders
Wir kommen nur viel zu selten dazu."

Das nimmt uns auch miteinander als Gemeinde in den Blick.
Wir sind und können auch ganz anders als wir oft nach außen sind. Wir können über unseren Schatten springen, auf andere zugehen, anderen Raum geben, ihre Begabungen und Vorstellungen von Gemeinde, von Glauben und Leben, mit einzubringen. Zeigen wir es doch einmal! Überraschen die anderen und vor allen Dingen auch uns selbst.
Eigentlich sind wir ganz anders - haben längst das Kleid des neuen Menschen, kreiert in himmlischer Werkstatt.
Lassen wir es doch nicht im Kleiderschrank hängen.
Machen wir vielmehr dem Designer die Freude, seine tollen und so abwechslungsvollen Modelle im Alltag getragen zu sehen.
Amen.

 

 

 

 

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