9.S.n.Tr., 09.08.2020, Jer.1 4-10, StK+MhK, Ulrike Heimann

Liebe Gemeinde,

der Lesungs- und Predigttext, der für den heutigen Gottesdienst vorgeschlagen ist, der hat es in sich und vor allen Dingen: er trifft mitten hinein in unsere Zeit. Die 2500 Jahre, die uns von dem Autor bzw. Protagonisten Jeremia trennen, fallen da kaum ins Gewicht. Vielmehr zeigt die Geschichte, die mit der Gestalt Jeremias lebendig und anschaulich wird, verblüffende Parallelen zum Zeitgeschehen heute auf.

Damit wir nicht den Überblick verlieren, möchte ich die Gedanken, die mir dazu gekommen sind, jeweils unter ein Stichwort stellen:

 

Was ist Prophetie?

Um was geht es, wenn wir von Prophetie sprechen, was ist damit gemeint und was gerade auch nicht?

Es ist nicht gemeint, dass die Zukunft vorhergesagt wird, dass angekündigt wird, was sich genau ereignen wird.

Prophetie ist keine Wahrsagerei.

Prophetie zeigt vielmehr auf, was möglich ist unter schonungsloser Betrachtung dessen, was ist und aufgrund des Bewusstseins, dass es eigentlich - vor Gott, vor dem Gewissen - immer um ein gutes Leben auf dieser Erde gehen soll.

In diesem Sinne gibt es nicht nur in den abrahamitischen Religionen Prophetie, sondern auch in den anderen. Denn in den Gesellschaften aller Zeiten gab und gibt es Krisen, die dazu auffordern, sich Klarheit zu verschaffen darüber, auf welchem Weg man sich befindet - woher man kommt, wo man steht - und wohin es geht oder gehen sollte, weil das besser wäre.

Und damit wären wir bei der Frage

Was ist ein Prophet / eine Prophetin?

In der Bibel finden sich eine ganze Reihe, deren Namen uns bekannt sind, in der Mehrzahl Männer, aber es gab auch Frauen wie die Prophetin Hulda.

Prophet oder Prophetin ist kein Ausbildungsberuf, den man sich aussucht. Die Existenz als Prophet ist im wahrsten Sinne des Wortes „Berufung". Gott ruft; er ruft an - offensichtlich auch viele Personen, die mit Religion intensive Berührung haben, Priesterkinder wie eben Jeremia, aber auch aus völlig kultfernem Leben (Amos war ein Schafzüchter). Aber immer ist es ein Ruf heraus: heraus aus dem Alltag, heraus aus dem sozialen Umfeld, heraus aus jeder Sicherheit und Bequemlichkeit. Ein Prophet war Außenseiter. Er war gerade nicht auf einem „Selbstverwirklichungstrip", er wollte nicht Prophet sein, sondern er musste es sein. Er vertrat nicht seine Sache, sondern Gottes Sache. Und weil das immer zu einem Zeitpunkt war, wo Gefahr im Anmarsch war, etwas, womit die meisten Zeitgenossen nicht gerne konfrontiert werden, war das nicht mit Wertschätzung, sondern mit Aggression und Abwehr verbunden. Viele namenlos gebliebene Propheten haben ihren Dienst mit ihrer Gesundheit und gar mit ihrem Leben bezahlt. Auch die Lebensgeschichte von Jeremia als Prophet ist in großen Teilen eine Leidensgeschichte.

Prophet zu sein, das war nicht erstrebenswert. Unheil anzusagen, sozusagen den Teufel an die Wand zu malen - nein Danke. Zumal ja andere Propheten oft genau das Gegenteil sagten und dafür gefeiert wurden, Geld und einflussreiche Positionen am Königshof erhielten. Und wer Recht hatte mit seiner Ansage, was die Zukunft wirklich bringen würde, das wusste ja keiner mit Sicherheit. Erst die ferne Zukunft würde zeigen, wessen Rede „Wort Gottes" war und wer seine eigenen Gedanken und Interessen verkündet hatte und so ein Lügenprophet war.

Erst viele Jahrzehnte nach seinem Tod - Jeremia wurde von seinen Landsleuten nach der endgültigen Zerstörung Jerusalems und des Tempels auf deren Flucht vor den Babyloniern nach Ägypten verschleppt und ist dort irgendwann gestorben - erinnerten sich seine Volksgenossen an ihn und seine Reden und hatten die Größe, die Schuld und das Versagen der geistlichen und politischen Führung Judas zu erkennen und zu bekennen, indem sie mit der Aufnahme des Jeremiabuches in die Heilige Schrift Israels sich selbst ein Mahnmal setzten: nur wer sich erinnert, begeht die gleichen Fehler nicht noch einmal. Und genauso wie Lukas die Geburtsgeschichte von Jesus - nach dessen erst einmal offensichtlichem Scheitern am Kreuz - seinem Evangelium vorgeschaltet hat, um so zu zeigen, dass Jesus von Anfang an Sohn Gottes war, so erzählt der Redakteur zu Beginn des Jeremiabuches von der Berufung des Propheten, mit der er deutlich macht, dass Jeremia es war, der seinerzeit das Wort Gottes ausgerichtet hat.

 

Was zeichnete Jeremia als „echten Propheten" aus?

„Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest, und bestellte dich zum Propheten für die Völker." (V.5)

Wir können an den weiteren Versen ablesen, was einen „echten" Propheten auszeichnet, welche menschlichen (geistige und seelische) Qualitäten gerade Jeremia mitbringt:

„Ich aber sprach: Ach, Herr, Ewiger, ich tauge nicht zu predigen, denn ich bin zu jung." Jeremia will sich hier nicht vor der Aufgabe drücken, aber ihm kommen mit recht Selbstzweifel, ob er der Sache gewachsen ist. Ob man ihn denn hören wird, auf ihn hören wird - so ohne Lebenserfahrung. Er ist bei seiner Berufung 23 Jahre alt. Diese Selbstzweifel äußerte auch Mose, als ihn der Ruf Gottes zum Pharao nach Ägypten schickte: Ich kann doch nicht reden, ich stottere. Wie soll das gehen?

Doch genau das zeichnet den echten Propheten aus: er weiß um seine Schwächen, er ist nicht der große Macher. Er ist fähig zur Selbstkritik, unerlässlich, wenn einer glaubwürdig kritikfähig gegenüber anderen und seiner Umwelt sein will.

Und so lautet die Antwort Gottes: „Sage nicht, ich bin zu jung, sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und alles predigen, was ich dir gebiete." Es geht nicht um dich, sondern um meine Sache, sagt Gott. Und weil er um all die Widerstände und allen Hass, den Jeremia wie jeder Prophet, jede Prophetin auf sich ziehen wird, weiß, versichert er ihn seiner bleibenden Gegenwart; er kann ihm die Unannehmlichkeiten, das Leiden nicht ersparen, aber er wird bei ihm sein: „Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten, spricht der Herr."

Und noch eine Qualität wird in dieser Berufungsgeschichte sichtbar. Sie ist im 9.Vers zu finden - verborgen hinter einer eher befremdlichen, mysteriösen Aussage: „Und der Herr streckte seine Hand aus und rührte meinen Mund an und sprach zu mir: Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund."

Wie soll man das verstehen, ohne ins Phantastische zu entschwinden?

Offensichtlich hat Jeremia eine tiefe Erfahrung gemacht mit Gott. Er ist berührt worden von Gott. Ein außergewöhnliches Erlebnis, aber - davon bin ich überzeugt - doch keine einmalige, einzigartige Sache.

Ich frage mich, ob nicht bei jedem Menschen das Leben mit solchen Berührungen beginnt. Es gibt dafür ein ungewöhnliches, aber wunderschönes Wort: „Seinsfühlung". Mit dem Sein, dem Leben, mit Gott in Fühlung kommen. Ein alter Meditationslehrer (Graf Dürckheim) hat das so beschrieben: Es sind die selbstvergessenen Momente in unserer Kindheit, in denen uns solche Berührungen zuerst begegnen, uns mitgegeben werden - im selbstvergessenen Spielen im Sand, der einem durch die Finger rinnt, oder beim Betrachten einer Blume oder eines krabbelnden Insektes. Da wurden wir berührt von einer Freude, die nicht aus uns selbst stammte, waren raum- und zeitlos geborgen, fühlten uns eins mit uns und der Welt. Entscheidend ist, wie wir solche Erfahrungen deuten. Als kindische Träumereien, die man, um erwachsen zu werden und um als erwachsen zu gelten, ablegen muss. Oder als wertvolle Erfahrungen, die wir weiter einüben und pflegen sollten, denn sie sind wie Türen in eine Welt und Wirklichkeit voller Leben und Mitgefühl. Jeremia jedenfalls hatte wohl diese „Seinsfühlung" gepflegt, war empfänglich geblieben für den Anruf des Lebens, den Anruf Gottes.

Wie sehr gerade Jeremia sich allem verbunden wusste, das spiegelt sich auch im letzten Vers wider: „Siehe, ich setze dich heute über Völker und Königreiche..." Er ist gerade nicht nur der Prophet für Israel, für das Königreich Juda. Gott geht es nie nur um eine „besondere" Gruppe, sondern um alle seine Menschenkinder. Alles Tun oder auch Lassen hat Folgen nicht nur vor Ort, sondern weltweit, für alle. Dieser moderne Gedanke - hier ist er schon zu finden.

 

Der Inhalt der Botschaft - damals und heute

Dass die Existenz als Prophet wenig mit Lust, aber viel mit Last zu tun hat, das macht die göttliche „Dienstanweisung" deutlich: „Du sollst ausreißen und einreißen, zerstören und verderben und bauen und pflanzen." Immerhin, das Ziel ist etwas Heilvolles, Positives - bauen und pflanzen - aber der Weg dahin voller Gewalt und Zerstörung, voller Unheil. Und das wiegt zunächst einmal viel schwerer und trägt dem Boten keinen Beifall, sondern Ablehnung ein.

 

Liebe Gemeinde, was hat das nun mit uns heute zu tun? Haben wir nicht andere Probleme zu bewältigen als die Menschen in Juda vor 2500 Jahren? Sind das nicht heute Corona und Klimawandel, Flüchtlingskrise und populistische bis faschistische Egomanen in immer mehr Regierungen weltweit? Und gibt es sie überhaupt noch: Propheten oder Prophetinnen im Jahr 2020, wo doch gerade hier in Europa die Kirchen immer mehr an Mitgliedern und an Bedeutung verlieren?

Nun, ich denke, dass das Interesse Gottes an seiner Schöpfung nach wie vor da ist; dass er allerdings auch mit der Zeit geht und nach immer neuen Wegen sucht, die Menschheit an ihre Aufgabe zu erinnern, Bewahrer und Pfleger der Erde zu sein, sie als Lebensraum aller Kreaturen zu erhalten. Und so wird er auch wissen, dass es nicht mehr reicht, nur religiöse Menschen anzusprechen, sondern auch Menschen, die in anderen Bereichen des Geistes unterwegs sind. Zum Beispiel in der Medizin und in der Biologie, in der Physik und der Meteorologie. Nicht nur die Geisteswissenschaften, auch die Naturwissenschaften haben selbstverständlich eine Verbindung zum Geist Gottes. Und so sind es in unseren Tagen eben oft „Fachleute" aus den Wissenschaften, die die Funktion von Propheten übernommen haben - in Sachen Corona die Virologen zum Beispiel. Und sie erleben dabei wie Jeremia seinerzeit, dass Beifall und hasserfüllte Ablehnung dicht beieinander liegen. Sie können nur sagen, was sie vor ihrem Wissen und Gewissen verantworten können; wie die Zukunft wirklich aussieht, wissen sie nicht.

Und dann fällt mir natürlich Greta Thunberg ein, die als 14jährige Schülerin ganz einfach und ganz allein angefangen hat, gegen die drohende Klimakatastrophe zu protestieren - aus ihrer Verantwortung als Mensch heraus, in tiefer „Seinsfühlung" mit aller Kreatur. Die in der UNO in New York den Regierenden ins Gewissen geredet hat. Und natürlich: wenn wir diese Erde bewahren wollen, sie als Wohnstatt für die kommenden Generationen erhalten wollen, dann muss zunächst vieles ausgerissen und eingerissen werden, nämlich unsere derzeitige Weltwirtschaftsordnung, die alles dem Wachstum und der Gewinnmaximierung unterordnet. Und natürlich wird das nicht ohne Verwerfungen von sich gehen. Und wie die Zukunft dann aussieht, das weiß ja keiner. Und darum macht diese Veränderung so große Angst. Und deshalb stoßen Greta Thunberg und alle „Fridays for future"-Aktivisten auch auf so viel Hass, Häme und Unglauben. „Ich will, dass ihr in Panik geratet" - aber doch nur, damit es am Ende gut wird, damit weiter auf Erden gebaut und gepflanzt werden kann, damit Kultur und Natur versöhnt miteinander  für die Menschen aller Völker und für alle Kreaturen auf dieser Erde Lebensmöglichkeiten bereithalten.

Was spricht eigentlich dagegen, dass wir gerade mit dem Wissen der prophetischen Texte unserer Bibel die „Fridays for Future"-Bewegung als Gottes Anruf an die Menschen in unserer Gesellschaft, ja weltweit verstehen und ihren Mahnungen und Aufrufen, ihrem Drängen nach Umkehr („Buße") folgen? Wenn wir in uns hineinhören, dann werden wir die Klarheit gewinnen, welchen Weg wir einschlagen müssen, und dann werden wir den Zuspruch hören: „Fürchte dich nicht vor den ganzen Schwierigkeiten, die dieser neue Weg mit sich bringt; denn ich bin mit dir und will dich erretten, spricht der Herr."

Von CD eingespielt:

 „Lass deinen Mund stille sein, dann spricht dein Herz.

Lass dein Herz stille sein, dann spricht Gott."

Text: koptische Tradition; Musik: Helge Burggrabe HAGIOS

 

 

Alle anzeigen

Gemeindebüro

Fliednerstr. 6
40489 Düsseldorf
Tel.: 0211 40 12 54
Fax: 0211 408 98 16

Öffnungszeiten:
Dienstag: 15:00 - 18:00 Uhr
Donnerstag & Freitag: 9:00 - 12:00 Uhr


Flüchtlingshilfe

Kaiserswerth: 0159-038 591 89
Lohausen: 0211 43 29 20


Kirchengemeinde Kaiserswerth Spendenkonto

DE40 3506 0190 1088 4672 28
Cookies auf dieser Website
Um unsere Internetseite optimal für Sie zu gestalten und fortlaufend zu optimieren verwendet diese Website Cookies
Benötigt:
+
Funktional:
+