Invokavit, 01.03.2020, Stadtkirche, 1.Mose 3, Jonas Marquardt

 

Predigt Kaiserswerth Invokavit - 1.III.2020                                                                                                         

 

                     1.Mose 3

 

Liebe Gemeinde!

 

Jetzt fängt die lange Nachdenklichkeit der sechs Wochen an. … Eine Nachdenklichkeit, die das Leben anders betrachtet, als es üblich geworden ist.

 

Unser Passions-Nachdenken fragt nicht: Was wollen wir aus unserem Leben machen?

 

 – Es fragt: Was haben wir gemacht?

 

Unser Passions-Nachdenken fragt nicht: Was ist das Geheimnis des Gelingens?

 

 – Es fragt: Was ist das Geheimnis des Leidens?

 

Unser Passions-Nachdenken fragt nicht: Wodurch bin ich einzigartig?

 

 – Es fragt: Worin bin ich wie alle? ——

 

Und auch in den dunkelsten Stunden der Nachdenklichkeit, wenn – ganz ohne Panik, ohne Quarantäne – man plötzlich stumm mit sich und seinem Tod und Leben alleine ist und das Versteckte sieht, das Verleugnete, das Verschwiegene, das Verwerfliche, das Schmerzliche, das Unabwendbare, das Endgültige, ……. gerade in dieser dunklen Klarheit der Erkenntnis lehrt uns die Passions-Nachdenklichkeit, dass die letzte Frage nicht die alte Frage ist: „Warum ich?“, sondern eine ganz andere, ganz neue … : „Warum Christus?“

 

… Warum steht plötzlich Christus vor mir, wenn ich mich in Frage stellen muss?

 

… Warum dreht sich nicht alles bloß um mich, wenn es hart auf hart kommt und Selbstbetrug nicht mehr weiter hilft …, warum hängt Christus mit drin in den verworrenen und verfänglichen Schattenseiten unseres Lebens?

 

Warum sind wir in der Einsamkeit, in die uns alle einmal Krankheit und Alter, Schuld oder Schicksal, Leiden und Tod stoßen werden, in Wahrheit nicht alleine, sondern in seiner Nähe? …….

 

… Dies ist doch keine heile Welt mehr?! Wir haben doch jede Form von Unschuld längst verloren?! Wir sind – nach dem erklärten Willen der Mehrheit unserer Mitmenschen –  ja in einem Universum ohne Gott angekommen, und die Unendlichkeit ist für unsere Wahrnehmung bis auf den kleinen Globus und die paar Jahrzehnte, die jeder von uns darauf verbringt, wegrationalisiert worden.

 

Hier ist also nicht das Paradies, sondern höchstens das geopolitische Reich des homo sapiens … und seine epochale Welteroberung und Weltgestaltung scheint schief gehen zu wollen. Wie um alles in dieser nackten, kleinen Welt ist dann aber Christus immer noch da?

 

Wenn der Märchenpark, den sie Eden nannten – der Park der sprechenden Tiere und des blühenden Lebens und der lebendigen Gottesgegenwart – doch geschlossen ist …., wieso ist Gott dann nicht in jener jenseitigen Unwirklichkeit geblieben, die Seine Feinde Ihm allenfalls noch einräumen, sondern in der lausigen Realität einer Welt von Idlib, Lesbos, Libyen, … wieso ist Gott in unserer Welt von Golgatha anzutreffen? …….

 

War denn da nicht ein Schnitt?

 

Hatte sich nicht eine Grenze geschlossen, als die Menschen zu Übertretern im schönen Garten Gottes wurden und ihren Exodus, ihren Exitus antraten dahin, wo man den Acker schwitzend bestellt und die Kinder mühsam und qualvoll geboren, nicht aber im Schlaf von sicherer Hand geschaffen werden?

 

Was verstehen wir bloß falsch an der großen, dramatischen Geschichte vom Sündenfall, die doch immer als der kosmische Bruch, als Scheitern der Schöpfung und Scheidung von Schöpfer und Geschöpf, als radikaler Sturz in die Gottferne gedeutet wurde?

 

Wie kommt es, dass die Bibel mit dieser Ab- und Ausschlussgeschichte allererst anfängt?

 

Ist der Gott, Der uns in die nunmehr vertraute Welt menschlichen Lebens, Liebens, Leidens geschickt hat, vielleicht ein Gott, bei Dem Ende Anfang ist und Strafe Gnade und Fluch Segen? ……. ——

 

So wird es wohl sein.

 

Denn die tiefe Verderbnis, die wir in der Erzählung von der Lust am verbotenen Baum zu sehen gewöhnt sind, ist eben nicht so radikal, dass ihr die Hölle folgte, sondern vielmehr die gesamte, bis heute fortdauernde biblische Heilsgeschichte! ———

 

Wenn ich also die Karten auf den Tisch legen sollte, müsste ich sagen, dass die urprotestantische Erbsündenlehre, die in der Konkordienformel – der letzten lutherischen Bekenntnisschrift – ungewöhnlicherweise durch den Rückgriff auf ein Lied begründet wird (das Lied, das wir eben gesungen haben[i]), mir verkehrt gefasst zu sein scheint; … ich müsste also sagen, dass ich nicht mehr evangelisch bin im Sinne jener beiden Grundüberzeugungen, die einst die Reformation mit auslösten und die das Zeitalter ihres Durchbruchs und ihrer Festigung in der Konkordienformel definitiv abschließen. Diese radikale Lehre, die ich nicht mehr teile, ist die Überzeugung von der völligen und ausnahmslosen Verdorbenheit der menschlichen Natur. Und die dazu gehörende Überzeugung vom versklavten menschlichen Willen, der von sich aus nie und nichts Freies vermag.

 

Diese beiden fundamentalen Lehren Luthers hat die evangelische Kirche in ihrem zeitgeistigen Freiheitsrummel beim Reformationsjubiläum zwar nach Kräften unter den Teppich gekehrt – aber die Tatsache ist nicht zu leugnen, dass die Angst vor der Werkgerechtigkeit vor fünfhundert Jahren dazu führte, dass man ein völlig entmachtetes Menschenbild als das geringere Übel dem fleißigen Verdienenkönnen der Gnade vorzog.

 

Der Mensch ist durch seine erste und letzte Entscheidung in Eden demnach so kaputt gegangen, dass er überhaupt nichts Gutes, wirklich rein gar nichts Gutes mehr ist und hat und kann: Das wäre also echte und konsequente evangelische Meinung. …….

 

Doch von einer solchen totalen Form der Erbsündenlehre spricht die einzige Autorität in dieser Sache gerade nicht: Die Bibel macht vielmehr vom Augenblick der fatalen Entscheidung gegen Gottes Warnung an deutlich, dass die sich mühende Menschheit in der unparadiesischen Welt immer wieder vor die selbe Wahl gestellt wird, vor der Adam und Eva standen.

 

Darum erzählen wir unseren Kindern ja deren Urerfahrung, darum vererben wir ihnen diese Sündengeschichte: Nicht, weil sie rettungslose verdorben wären, sondern umgekehrt, damit sie gerettet werden, indem sie in ihrer schicksalhaften Adam-und-Eva-Stunde nicht ahnungslos wiederholen, was ihr Vater und ihre Mutter, der Mensch und die Lebendige einst taten.

 

„Zweifelt nicht an Gott!“, das ist die Ur- und Erblehre, die sich aus dem Sündenfall der Erzeltern ergibt. „Gottes Warnungen und Seine Weisungen, was Gott gebietet ebenso wie das, was Er untersagt, Seine Hilfe, aber auch Seine Härte dienen Eurem Leben!“

 

… Wenn Ihr das bezweifelt, liebe Kinder Adams und Evas, wenn Ihr also nicht das Erbe des Vertrauens antretet, das auf dem Grund des Fehlers derer, die vor Euch waren, erwächst, dann wird Eure Zukunft düster und Euer Leben nur bedroht sein.

 

Wenn Ihr Euch so wie die Voreltern lieber vor Gottes Weisheit als vor der Euren verschließt, dann seht zu, wohin das führt: Immer und immer wieder führt die ungezügelte Lust an den Möglichkeiten, die uns Menschen ja doch so reichlich geblieben sind, in Fernen und in Tiefen, in denen der Mensch nicht Gott, sondern sich verliert.

 

Doch wer den Menschen dann sucht, wenn er sich wieder neu verloren hat, wenn er wieder einen Garten verwüstet, einen Frieden gebrochen, ein Glück zertrampelt, einem Segen misstraut, einen Schutz verweigert hat … wer den Menschen noch sucht, wenn er Jahrtausende lang das Törichte geliebt und das Heilige verlacht hat, … wer den Menschen noch sucht, auch wenn der seinen treusten Hüter und geduldigsten Lehrer von Generation zu Generation verleumdet und verleugnet: Das ist Gott selber.

 

Er, Dessen angebotene Freiheit – schließlich war im Paradies ja bis auf eine einzige Vor- und Rücksicht alles erlaubt! – … Gott, Dessen Freiheitsangebot dem Menschen zu gering schien, verwirft trotz alledem nicht die ewig eigenwilligen, trotzigen Nachkommen des ersten Paares.

 

Nein, Er unterzieht sich der gleichen Versuchungen wie sie, so hörten wir es in Epistel (Hebräer 4, 14-16) und Evangelium (Matthäus 4, 1-11): Er lernt den Biss des Hungers, das Bohren der Zweifel, das Frieren der Angst am eigenen Menschenleib kennen, … Er trägt Versuchung, Anfechtung und Leid bis zum Ende.

 

… Was für einen Gott wir also haben! Einen Gott, Der nicht fallen lässt, wo wir fallen, und nicht in Sicherheit bleibt, wo uns die Unsicherheit umgibt; einen Gott, Der, wo wir kein Recht mehr haben, sondern bloß noch sündigen, sich selber „zur Sünde macht“ – so sagt es Paulus –, damit wir in Ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Ihm gilt (vgl.2.Kor5,21)!

 

Unser Gott ist Der, Der, wenn wir sterben müssen, nicht alleine leben will und also in den Tod geht!

 

Der Fluch, der den Betrüger und die Betrogenen, der Fluch, der Frau und Mann, Arbeit und Nahrung, Geburt und Sterben verknüpft …. er verbindet seither noch etwas: Gott nämlich und die Menschen. Denn nicht alleine sollten wir darunter sein, sondern auch der Fluch der Schmerzen und Mühsal, ja sogar noch der Fluch des Todes sollte uns mit Gott vereinen (vgl. Gal 3,13)!  ——

 

Umso schaler, umso bitterer ist es darum, wenn wir auf die vergangene Woche zurückblicken. Aber auch konsequent ist das, was nun offen vor uns liegt.

 

Sollte Gott wirklich gesagt haben: IcH Werde sein, der icH sein werde (vgl. 2.Mose 3,14)? Sollte Er wirklich dazusein versprochen haben? Zuverlässig? Immer?“ …….

 

… Nein, das können Ihm die Adams und Evas von heute nicht mehr abnehmen. Sie trauen Ihm nicht mehr. Trauen Ihm das nicht zu!

 

Sie erinnern sich zwar noch gut, dass Gott schon zur ersten Mutter aller, die da leben, gesagt hat „Ihr werdet des Todes sterben“. Dass Er aber auch gesagt hat, dass wer an Ihn glaubt, leben werde, ob er gleich stürbe (Joh11,25), das ist vergessen. Dass Gott gesagt hat, dass wer Seinem Weg folgt, nicht in der Finsternis wandeln, sondern das Licht des Lebens haben soll (vgl. Joh8,12), das ist unglaubwürdig geworden. Dass Gott geschworen hat: „Ich will sie aus dem Totenreich erlösen und vom Tode erretten. Tod, ich will dir ein Gift sein; Totenreich, ich will dir eine Pest sein; Rache kenne ich nicht mehr“ … dass Gott das in den Tagen Hoseas (13,14) versprochen und am dritten Tag nach Seiner eigenen tödlichen Passion zu erfüllen begonnen hat, das ist scheinbar völlig unbekannt geblieben.

 

Wie einst an jenem Tag in Eden so ist nunmehr für uns Heutige entschieden worden: Lieber soll der Mensch sich selbst den Tod pflücken, als sich auf Gott zu verlassen.

 

… Im Vergleich zur brutal bequemen Todsicherheit des Todes ist Gott zu unsicher!

 

… Besser der eigene Tod, als das Leben eines fremd gewordenen Gottes!

 

Das Bundesverfassungsgericht hat Adam und Eva jedenfalls freigesprochen: Das Recht, die eigenen - und seien’s tödliche!?! - Erfahrungen zu machen, geht über alles andere.

 

Und gewiss ist es nicht an uns Christen, irgendeinem Menschen dieses Recht auf die eigenen Entscheidungen und Erfahrungen abzusprechen.

 

Aber wir können die Hände zu Gott erheben und die Stimme vor der Welt, um dreier Anliegen willen:

 

Da sind erstens die – Millionen sind es und werden es bleiben! –, die niemals das gleiche Recht erfahren werden, auf das nun hierzulande Anspruch besteht: Das Recht, Schmerzen, Leid und Angst ganz selbstverständlich zu meiden. Das mag zwar vielen wie ein herrliches Recht, wie die letzte Freiheit erscheinen: Aber es trennt jene, die dieses Freiheitsrecht besitzen, von allen Menschen, die vor uns waren und von den meisten, die mit uns leben und auch nach uns kommen.

 

Gewiss: Rechthaben scheidet immer von denen, die Unrecht haben oder erleiden müssen. Aber dieses Recht, über den eigenen Tod so zu verfügen wie über den Anspruch auf ein Kind und den Termin seiner Geburt, … dieses Recht, unser Dasein rein als eigenes Erzeugnis hervorzubringen und dann auch wieder abzustoßen, scheidet uns nicht nur von der Masse der Menschheit, die ein Leben annehmen und schließlich auch wieder verlieren, das sie nicht sich selber verdanken, sondern dieses Recht scheidet uns auch von unserer ersten und unserer letzten, unserer tiefsten und menschlichsten Erfahrung. Der Mensch – auch der um Gut und Böse weiß! – ist nicht wie Gott geworden, aus dem gleichen Grund, aus dem Gott Mensch wurde: Weil Menschlichkeit – seit Adam ohne Eva unvollständig war – Angewiesensein und Hilfsbedürftigkeit bedeutet.

 

… Kommen wir zur Welt, so empfängt uns Hilfe, ohne die wir nicht sein könnten. Verlassen wir wiederum die Welt, so auch dann immer noch als Unbeholfene und Angewiesene … aber gerade darin eben auch als Nicht-Maschinen, als solche, die nicht alles alleine können und machen müssen, als solche, denen eine Hilfe gemacht ist (vgl.1.Mose 2,18!).

 

Wer nun aber in Zukunft noch leiden und Hilfe brauchen wird, der ist selber dafür verantwortlich zu machen. … Wer leidet und andere sein Leid erleben lässt, ist künftig schuldig. …

 

Das Recht, keine Hilfe zu brauchen, bedeutet also das Recht, mit der Menschheit zu brechen … gerade auch der eigenen, die doch seit dem Paradies und trotz seiner Verschlossenheit nicht zum Misstrauen, sondern zum Vertrauen bestimmt war.

 

Und das ist der dritte Bruch und Fall, der uns widerfährt, wo man sich alleine den Tod als Lösung für die Lebenslast verspricht: Wir erlösen uns zur Unerlöstheit. Denn den Erlöser, Der im schrecklich schweren Letzten treu ist, weil Er voranging, um uns auch im Sterben mit Seiner Hilfe zu umfangen, wo wir sie am meisten brauchen, Den finden wir nicht, wenn wir den Tod suchen.

 

Der Tod ist nämlich kein Mittel Gottes.

 

Bei Ihm ist Ende ja Anfang.

 

… Wo Er in Dunkelheit und Fremde verstößt, da führt Er die Seinen in Wahrheit durch die Welt nachhause, … und wo Er uns von Staub genommen hat, der wieder zum Staub zurückkehrt, da ist Er ja auch zum Erlöser geworden, Der sich als Letzter über dem Staub erheben wird, um uns Ihn sehen zu lassen (vgl. Hiob19,25).

 

Als Christ möchte ich darum lieber mit Gott in der Welt, als ohne Ihn im Paradies sein.

 

Und lieber sterbe ich, wenn Er’s gebietet, als einen freien Tod ohne Gott zu suchen.

 

… Denn Seine Güte ist besser als Leben (vgl. Ps.63,4)! ——

 

……. Das aber reicht für diese Zeit der Nachdenklichkeit, die uns durch’s Leben und durch’s Sterben mit Christus führt.

 

Amen.

 



[i] „Durch Adams Fall ist ganz verderbt menschlich Natur und Wesen“ (vormals: EKG 243) des Nürnberger Ratsschreibers Lazarus Spengler (1479-1534), auf das in der 1.Epitome der Konkordienformel („Von der Erbsünde“) wie auf einen Schriftbeweis verwiesen wird: Wir glauben, lehren und bekennen, daß die Erbsünde nicht sei eine schlichte, sondern so tiefe Verderbung menschlicher Natur, daß nichts gesundes oder unverderbt an Leib, Seel des Menschen, seinen innerlichen und äußerlichen Kräften geblieben, sondern wie die Kirche singet: „Durch Adams Fall ist ganz verderbet menschlich Natur und Wesen.“ (BSLK,  11.Aufl., Göttingen 1992, S.772)

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