Altjahrsabend, 31.12.2019, Stadtkirche, Hebräer 13,8-9b, Jonas Marquardt

 

Predigt Kaiserswerth Altjahrsabend 2019                                                                                                              

 

              Hebräer 13. 8-9b

 

Liebe Gemeinde!

 

Als solle der Predigttext vom Silvesterabend des vergangenen Jahres bewiesen werden, hat die Neuordnung unseres Lektionars ihn auch heute wieder auf den Plan gesetzt.

 

„Jesus Christus – der Selbe“: So sollen wir es wieder meditieren.

 

Mit den gleichen Worten aus dem Hebräerbrief vor Augen sollen wir nach 365 Tagen die Gedanken vom letzten Altjahrsabend wiederholen. Und wenn wir sie auf ihre Ähnlichkeit, auf ihren Gleichlaut, ihre Identität mit dem Predigtversuch und den persönlichen Betrachtungen vom Ausklang des Jahres 2018 geprüft haben und feststellen, dass alles so blieb wie es war, dann könnten sich die Namensbotschaft – „Jesus Christus“ – und ihre Empfangsbestätigung – „fest im Herzen angekommen“ – verdoppelt als konstant, als beständig, als identisch gezeigt haben.

 

… Und wir hätten einen Weg – eine gewundene Spirale – gefunden, um uns aus dem eigentlichen Phänomen heraus zu halten, das wir heute abend geistlich und weltlich so deutlich vor Augen gestellt sehen: Das Phänomen der Zeit, des Wandels und des Vergehens.

 

Wenn wir immer die selben Gedanken und immer die gleichen Worte  wiederholen und nie einen anderen Gegenstand und den identischen auch nie in einem anderen Licht betrachten, dann kann ein solches liturgisches Kreisen, dann kann das monotone Winden der Spule unseres Glaubens, dann kann das stete Wickeln des einen biblischen Fadens tatsächlich eine Gegenkraft zum Flug der rasenden Gegenwart darstellen.

 

… Und auch wenn das in vielen Ohren wie ein Clichée des überholten Christentums, das der Gegenwart nichts zu sagen habe, klingen mag oder wie eine Karikatur wirkt: Ich bin gar nicht so sicher, ob wir uns nicht dennoch genau darin finden und daran halten sollten, dass wir tatsächlich immer nur Einen zu hören und zu verkünden haben und dass wir das immer wieder und weiter so tun müssen, wie andere vor uns es ebenfalls schon taten. Denn diese schmelzende Schwundwelt braucht ja wohl nicht noch mehr Dampferregung durch heiße Luft und Verbrennungsenergie aus überhitzter Instantware, sondern würde den ruhenden Pol und die tiefe Gelassenheit schon erkennen, wenn wir wirklich treu und unabgelenkt nicht das Gehirn durch Kurzfristigkeit noch mehr erweichen, sondern das Herz durch echtes Ewiges stärken wollten.

 

Von mir aus darf die Liturgie das große Gleichmaß sein, das uns im Gleichgewicht hält, statt in den Schleudergang der piependen Sofortmedien zu beamen.

 

Von mir aus soll die Verkündigung der Kirche das Bleibende in der flüchtigen „Weder-gestern-noch-morgen-sondern-nur-mal-eben“-Halbherzigkeit unter Unentschlossenen festmachen.

 

Von mir aus – man ahnt es – darf’s gerne das Immerwährende, das „Wie-es-war-im-Anfang-jetzt-und-immerdar“ sein. Nicht umsonst liebe ich kein Wort der Schrift so sehr wie unser heutiges, das nun einmal im 1.Jahrhundert ebenso Halt und Hoffnung gab, wie es das auch am jüngsten Tag noch tun wird. …….

 

Aber ein museales Wort, ein Denkmal schöner Gestrigkeit, eine reine Erinnerung oder eine erinnerte Reinheit ist dieses Wort eben nicht, sondern die Quelle und der Speicher, der Ursprung und der Vorrat ewigen Lebens … und wo ewiges Leben ist, das ist auch immerwährender Anfang, dauernde Erneuerung, unverbrüchliche Gottes-Gegenwart.

 

Der Hebräerbriefsatz von Christus, dem Selben ist in Wirklichkeit also kein konservatives Prinzip – „Alles bleibt gefälligst, wie’s war!“ –, sondern mindestens eine solche Herausforderung wie der kleine Satz in den Medien der Kurzatmigkeit, der über Weihnachten zu einem so lächerlichen Skandälchen aufgebauscht wurde. Dort hatten junge Freitagsprotestierer den Satz, den vor ihnen jede einzige Generation seit den Enkeln Adams und Evas geteilt hätte, verbreitet: „Warum reden uns die Großeltern eigentlich immer noch jedes Jahr rein? Die sind doch eh bald nicht mehr dabei.“

 

… Diese mehr als schlichte Anwendung von Psalm 90 (12) – „HERR, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden“ – wird in unseren Tagen zu einer Beleidigung hochstilisiert von einer Menschheit, die allen Ernstes ihre Sterblichkeit vergessen und die Lehre ihres eigenes Alterns und die Demut, die sie vor den Türen weckt, durch die die einen kommen und die anderen gehen werden, als Angriff durch die ungeliebten Nachrücker verstehen will.

 

Doch was der junge Johann Sebastian Bach in seinem „Actus tragicus“ für alle Zeiten vertont hat, wird heute nicht weniger wahr, nur weil man es als persönliche Beleidigung begreift: „Es ist der alte Bund: Mensch, du mußt sterben!“

 

Nichts anderes sagt mein Lieblingssatz von Jesus Christus, Der der Selbe bleibt, mir heute abend doch auch: Er ja – Du nicht! Du bleibst nicht … und schon gar nicht der selbe. Deine Zeit und ihre Entwicklungen und Verwicklungen, Deine Zeit, ihre Möglichkeiten, ihr Vertun verringern sich ständig. Ein Silvester wie dieses, mit dem ein Jahrzehntenwechsel verbunden ist, wirst Du, Jonas Marquardt, wenn’s hoch kommt noch allenfalls dreimal erleben. Und wie neben Dir und mit Dir die Welt sich abnutzt und verbraucht wird, wie die Menschheit auf ihrer höchsten Stufe der Sicherheit und der Versorgung plötzlich auf die schrecklichste Entleerung blickt, die sie mitangerichtet hat, weil unersetzliche Güter und Gaben der Schöpfung verschwendet wurden und sich vor unseren Augen immer ungebremster verflüchtigen …, wie also alles geradezu davon schreit, dass wir bald eh nicht mehr dabei sein werden: Das kann man nicht abtun mit so törichtem Piquiertsein über die eigene Endlichkeit und die uns Vorübergehenden gebührende Verantwortung für Spätere und Späteres.

 

… Wen das stört, der darf nicht Silvester feiern und den Kalender wechseln.

 

Und er darf erst recht nicht den Hebräerbrief aufschlagen, der von Anfang bis Ende eine Urkunde derer ist, die zugunsten einer ganz anderen Zeit und Wirklichkeit in den Hintergrund der Geschichte traten:

 

Die ersten jüdischen Christen, die von der Tora und vom Tempel und von der Treue zum Gesetz erfüllt waren und ihr Glaube an den Messias, der aus Davids Haus geboren und in Davids Hauptstadt gekreuzigt wurde, sprechen im Hebräerbrief zu uns. Sie sprechen in ihrer allmählich verschwindenden Sprache, in der der Hohepriester und die heiligen Opfer Israels das Erhabenste und Wirklichste sind, das in Christus sich zeigt. Sie geben ihr Zeugnis weiter in einer Gestalt, die bald keine mehr Zukunft haben sollte unter den getauften Heiden … aber diese Welt im Übergang, diese Welt des Ausklangs und des unbekannten Neuanfangs hat uns das wunderbare Bekenntnis beschert, in das wir heute einstimmen sollen – auch wir wieder an einer Schwelle, hinter der sich die Welt von gestern allmählich zurückzieht und langsam eine Epoche hervordämmert, die wir alle nicht kennen. …….

 

Jesus bleibt sich als Christus treu gerade in den Verwandlungen der Welt, die Er zu retten kam, sagen uns die christlichen Hebräer, die bald wie Dinosaurier wirken sollten.

 

„Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen“, hatte ja schon der größte unter den Propheten von Ihm gesagt, in einem Wort (Joh3,30), das in Kaiserswerth Weltgeschichte werden sollte.

 

Und in diesen Stunden eines endenden Jahrzehnts, dessen Terror, Flüchtlingsströme, Umweltunheil und dessen daraus sich speisende anschwellende Neigung zu Lüge, Hass und selbstmörderischer Irrationalität uns alle wie eine bedrohte Art erscheinen lassen, die in Stürme und Fluten, Brände und Finsternis geht wie andere veraltete Gattungen vor ihr, fängt das Wort von Dem, Der Er selber ist und bleiben wird, noch einmal ganz und gar neu zu leuchten an:

 

Jesus Christus, wie der Hebräerbrief ihn bekennt, ist Gottes Mensch, ist Gott im Menschen – denn dieser frühe Hebräerbrief wagt schon zu sagen, Er sei der Abglanz der Herrlichkeit Gottes und das Ebenbild Seines Wesens (vgl. Heb.1,3) – … Jesus Christus ist also der menschgewordene Gott!

 

Wenn nun aber Dieser Er Selbst bleibt in allem Wechsel, in allem Schatten und Licht, allem Glanz und aller Not der Zeiten und Äonen, … dann ist das tatsächlich die fundamentalste und existentiellste Hoffnung der Menschheit.

 

Jesus Christus war nämlich nicht nur gestern Mensch, sondern bleibt es heute und in Ewigkeit! Die Menschheit, die in Ihm ihre eigene Wahrheit erkennen kann, ist an Ihm und mit Ihm also unvergänglich!

 

Das ist die letzte – uns lange theoretische und plötzlich doch so praktische – Konsequenz des Geheimnisses der zwei Naturen in Jesus Christus, die auf dem Mosaik der Hagia Sophia und den östlichen Ikonen durch die beiden Augen, die beiden Gesichtshälften symbolisiert werden, die nicht zueinander passen wollen: Die eine Seite ist streng – „das grimme Auge“ nennt die Orthodoxie diese Pantokrator-Bilder deshalb – und die andere Seite lächelt menschlich-mild. Deckt man jeweils eine Hälfte dieses Gesichtes ab, wird das vollends deutlich – Majestät und Harmlosigkeit springen so zerteilt dann sofort in’s Auge –, aber es ist eben kein vollständiges Bild Jesu Christi mehr, es ist nicht mehr Seine ganze Wirklichkeit.

 

Man kann Jesus, Der ewig ist, Seine Menschheit einfach nicht nehmen!

 

Er bleibt der Mensch, Der Er ist und war, … der Mensch vor Gott, … der Mensch, in Dem Gott der Menschheit einverleibt und darum grenzenlos verbunden ist!

 

Und das hat nun tatsächlich weltwendende, das hat endgültig rettende und heilstiftende Konsequenzen: Andere Glieder der Menschheit – beispielsweise wir – können und werden sich immer wieder eine Zeit lang gegen das Veralten und Scheiden wehren, werden es verdrängen oder übelnehmen, … aber einst werden wir gewesen sein, … so wie 2019 in 6 Stunden nie mehr sein, sondern nur noch Vergangenheit bleiben kann.

 

…Und was wird dann aus unserer Sorge für die Nächsten, aus unserer Hoffnung für die Nachkommen?

 

Wer von uns wird es überhaupt erleben, was in den beiden nächsten Jahrzehnten, die entscheidend werden dürften, von Menschen für das Menschenleben und das Leben insge-samt geleistet wird?

 

Was aber kümmert’s uns denn auch, was wird, wenn wir vergehen?

 

Wen von uns kann es denn schon berühren, ob in achtzig Jahren, wenn ein neues Jahrhundert beginnen soll, noch etwas blieb, wie es einst war? …….

 

… Wen?

 

– Ihn! Ihn, Der bei uns und unseren Kindern, unseren Enkeln sein wird bis an der Welt Ende (vgl. Matth.28,20)!

 

Ihn berührt es!

 

Er wird auch dann in dieser irdischen Wirklichkeit da- und gegenwärtig sein, wenn wir Heutigen die Zeit längst mit der Ewigkeit vertauschen durften.

 

Er wird weinen über Jerusalem – die geteilte oder ungeteilte Hauptstadt eines, … zweier Länder – und die dann kleinen Kinder segnen,

 

Er wird die Säugenden von morgen auf der immer gleichen Flucht beklagen und die nach Gerechtigkeit Dürstenden wird Er zu allen Zeiten seligpreisen,

 

Er wird auch einst noch die Blumen auf dem Felde und die Vögel unter dem Himmel verständnisvoll betrachten und wird das Unkraut neben dem Weizen wachsen lassen,

 

Er wird Seine Schafe an ihrer Stimme kennen und Seine Lämmer treulich weiden,

 

Er wird das Licht des 22.Jahrhunderts und das Heil der fernsten Generationen unseres kleinen Globus sein,

 

Er wird aber auch jenes Geschlecht am Ende, dem letzte Trübsal bevorsteht, nicht verlassen, und Er wird die Freudenboten, die das Reich und die Kraft und die Herr-lichkeit unseres Gottes und Seines Gesalbten endgültig auf Erden bringen, stärken und festmachen bis Er alles Seinem Vater übergeben kann. —

 

Dieser Jesus Christus ist die Zukunft der Menschheit und der Erde, weil Er Der bleibt, Der Er war: Gott und Mensch in unauflöslicher, niemals veraltender oder vergehender Einheit … ewig in der Zeit und eben in Seiner zeitlichen Menschlichkeit doch auch endgültig unvergänglich. ——

 

Und in Ihm, in Dem die Zukunft liegt, so wie alle Dinge mit Ihm begonnen haben, als die Welt durch Ihn geschaffen wurde (vgl. Heb.1,2!), … in Ihm finden wir Christen den Imperativ und die Zusage für das, was wir in der Zeit noch vor uns liegen sehen.

 

Weil Er Derjenige ist, Der im Anfang war und sein wird immerdar, ist auch von unseren vorübergehenden, irdischen, menschlichen Dingen nichts gleichgültig und nichts bloß zeitlich, sondern die Geschicke dieser Welt und die Geschichte ihrer Menschen sind dauerhafter und integraler Teil des buchstäblichen „Schicksals“ – also: des Auftrags und der Sendung – Jesu Christi.

 

Was immer wir – wie Zinzendorf es singt – also noch von „Grad zu Grad“, von Stufe zu Stufe, von Zeitabschnitt zu Zeitabschnitt in dieser Welt befördern und entwickeln können, was immer wir einsetzen und wagen, was immer uns noch zu versuchen und zu tun bleibt, nimmt seinerseits Teil an der Gegenwart Dessen, Der aktuell und akut allezeit das Leben der Lebenden teilt und nie mehr sterben wird.

 

Und Er wird die Fossilien, die derzeit die mächtigsten Männer dieser Welt zu sein glauben, und die Steinzeitfraktionen, die allzu viele Religionen verhärten, als der lebendige und junge Jesus Christus verwandeln und die alte Welt, die doch niemand zementieren kann, erneuern auf Sein Reich hin.

 

Und darum wollen auch wir in die Zukunft schauen und in ihr unerschrocken handeln:

 

Was wir tun, tun wir mit Ihm und für Ihn.

 

Was uns widerfährt, trifft uns bei Ihm und Ihn mit uns.

 

Wer wir im Leben sind und noch werden, verknüpft uns mit Ihm, Der als unseres-gleichen Er Selber bleibt von Geschlecht zu Geschlecht.

 

Er, der Anfang – Er, das Nun – Er alles, was uns erwartet.

 

Dieser Jesus Christus, Der gestern und heute und Der Selbe auch in Ewigkeit ist, ist wahrhaftig also die Überraschung und Verheißung unseres Lebens … wie Er auch dessen Dauer und Vollendung ist.

 

Und das wird nie alt, das bleibt unerhört.

 

Wie gut darum, ein neues Jahr mit Ihm anzufangen, … ein gutes neues Jahr, … ein Jahr nach Seiner Zeitrechnung: 366 Tage mit Ihm geteilten Lebens, … jenes Lebens, das ewig bleibt!

 

Amen.

 



Nach der Predigt wurde N. L. von Zinzendorfs Lied „Lasst uns unsern Heiland bitten“ gesungen, dessen 2. Strophe lautet: „Dieses ist die rechte Gnade, / dass man auf dem Friedenspfade / immerfort von Grad zu Grade / bis zum letzten Grade geht.“

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