2.Christtag, Stadtkirche, Matthäus 1, 18 - 25, Jonas Marquardt

 

Predigt Kaiserswerth 2.Christfest 2019                                                                                                                 

 

                Matthäus 1,18 – 25

 

Liebe Gemeinde!

 

Es gibt in der jüdischen Welt einen Wunsch, der eigentlich unübersetzbar und unnachvollziehbar bleibt, wenn man nicht wenigstens ein paar tausend Jahre jüdischer Geschichte im Gepäck hat.

 

Bei jeder Hochzeit wird den Frischvermählten dieser Wunsch zugeprostet und frischgebackene Eltern hören ihn aus aller Mund: Er lautet im Jiddisch-Englischen, das meine Schulzeit begleitete: „Mazzel tov! May you live to shep naches from your children!“ – „Glückwunsch! Möget Ihr lang genug leben, um »Naches« von euren Kindern zu schöpfen!“

 

… Nur: Was ist „Naches“?

 

Das hebräische Wort dahinter – „Nachat“ – bedeutet Seelenruhe, inneren Frieden, innere Zufriedenheit. … Aber „Naches“ von den Kindern zu haben, ist eine völlig andere Art des Glücks als alles, was uns sonst befriedigt. Mit dem guten Gefühl eines konkreten Erfolges, eines verwirklichten Traumes, einer verbrieften Sicherheit ist „Naches“ nicht zu vergleichen.

 

… Also, was meint es denn dann? Erklär’s mir.

 

– Nu, sieh’ es doch so: „Naches“ von den Kindern hast Du, wenn es gut mit ihnen läuft, … wenn sie gut werden, … wenn mit ihnen Gutes geschieht.

 

– Wenn sie gute Schüler sind?

 

– Bitte …

 

– Wenn Sie promovieren?

 

– Ähhhh.

 

– Wenn Sie die Relativitätstheorie entdecken?

 

– Ach.

 

– Wenn Sie endlich auf der Liste für den Nobelpreis stehen?

 

– Mit Peter Handke? Für was?

 

– Ja, aber wann hast Du denn dann „Naches“?

 

– Gut, ich sag’s Dir: Wenn sie heiraten! „Naches“ von den Kindern schep’ ich, wenn sie heiraten.

 

– So?! Und was ist das dann, wie zeigt sich das? Was sagst Du ihnen dann?

 

– Dann sag ich ihnen, dass ich hoffe, sie werden leben bis sie „Naches“ von ihren Kindern scheppen.  ——

 

Das also ist Naches: Dass es weiter und weiter geht; dass der Faden nicht reißt; dass die Generationen nicht abbrechen; dass der Segen nicht im Sand verläuft; dass die Verheissung nicht umsonst war, die Hoffnung nicht trog, das Erwartete nicht ausbleibt, dass das Kommende nicht nicht kommt und dass es auch mit den nächsten, den Nachkommen, dass es auch in Zukunft weiter geht mit dem Leben. ———

 

Mit einer solchen Kette der „Naches“-Erfahrungen geht nun aber das Neue Testament los.

 

Wer es aufschlägt – beispielweise an Weihnachten, weil er wissen will, wie das, was die Christen feiern, begonnen hat –, stößt auf eine unvergleichlich jüdische Konstruktion: Von Abraham, dem Erzvater angefangen reihen sich da vierzehn und weitere vierzehn und noch mal vierzehn Glieder einer ununterbrochenen Linie aneinander in einer Chronik, die aus einem einzigen Thema zu bestehen scheint: Der Fortpflanzung. Einen Außenseiter – zumal wenn er nicht-jüdisch ist und keinen Sinn für Geschichte hat – muss diese ausschließlich auf die Zeugung konzentrierte Sicht auf zahllose Menschenleben befremdlich berühren, … noch dazu, wenn er eine heilige Botschaft, eine Quelle der Offenbarung und Theologie erwartete. Statt geistlicher Inhalte eröffnet das Evangelium ihm nur den Blick auf höchst weltliche, natürliche Vorgänge: Ein Name, eine Kopulation, eine Geburt; ein Name, eine Kopulation, eine Geburt usw., usw.  

 

… Und das soll die größte Religion aller Zeiten ausgelöst haben? So fängt die stärkste Erneuerungsbewegung der Weltgeschichte, … so fängt unter der Überschrift „Dies ist das Buch von der Geschichte Jesu Christi, des Sohnes Davids, des Sohnes Abrahams“ die Kunde vom kommenden Reich Gottes an: „Abraham zeugte Isaak, Isaak zeugte Jakob, Jakob zeugte Juda und seine Brüder“ (Matth1,2)???

 

Für den zartbesaiteten, vergeistigten Sinnsucher, der Spiritualität als eine psychologische oder ideelle Dimension erwartet, ist der biologische Schock dieses Evangelienanfangs radikal. Für jeden Juden dagegen ist es eine Fundgrube von „Naches“: Ob sie ziellos wanderten oder brutal versklavt wurden, ob sie überraschende Blütezeiten, zähe Epochen der Dekadenz und des Verfalls durchlitten, ob sie den Nullpunkt der nationalen Aus-löschung oder die bleierne Zeit des Exils ertragen mussten, ob sie staubige Durststrecken überwanden oder die beim Channukah-Fest gefeierte Zeit des bescheidenen Wiederaufstiegs im Frieden des griechisch-römischen Schattens erlebten: Die vorigen Geschlechter haben keinen so nachhaltigen, keinen so schöpferischen und perspektivischen Segen erfahren wie die staunenswerte Tatsache, dass immer wieder – Pharao und Nebukadnezar und Haman und Alexander und Cäsar zum Trotz – Kinder gezeugt und geboren wurden und die Geschichte Gottes mitten in Irrtum und Gewalt der Welt weiterging.

 

Mit solchen Ohren gehört, mit solchen Augen betrachtet sind die Geschlechtsregister der Bibel lauter praktische Gottesbeweise von Abraham bis jenseits von Auschwitz: Nichts ist stärker als das, was allein durch „Abraham zeugte“, „Isaak zeugte“, „Jakob zeugte“ weitergeht! ———

 

Womit wir beim armen Joseph wären: Nicht dem Jakobssohn mit dem schönen Mantel und der ägyptischen Gruben- und Auferstehungserfahrung, durch die der Same Abrahams überhaupt nur für die Zukunft der Verheißungen Gottes gerettet wurde. Heute sind wir beim anderen Joseph, dessen Vater im Stammbaum bei Matthäus tatsächlich auch Jakob heißt. Aber ob dieser Joseph ein Liebling seines Vaters war oder ein Liebling der Frauen, wie der Vorgänger gleichen Namens, wissen wir nicht.

 

Nichts wissen wir von ihm, außer dass bei ihm – nach etwa zwölfhundert Jahren – die Kette von „Naches“, von Glück und Zuversicht im Blick auf das Wunder der nächsten Generation der Segensträger reißt.

 

Die lange, stolze, dankbare Geschichte des Glaubens daran, dass es weitergeht und dass man als Sohn Abrahams selber auch zum Vater eines verheißenen Nachkommen werden darf, sie bricht bei Joseph ab, … kurz vor der Erfüllung: Der Verlobungsvertrag ist unterzeichnet, das durchaus sakramentale Verständnis der Ehe, in der sich die Bundestreue Gottes gegenüber Israel in jedem Brautpaar konkret verkörpert und in ihrer Sexualität zu greifbarem Segen und Fortsetzung der Verheißung führt, … dieses einzigartige, heilig-nüchterne Gefühl, das eine jüdische Hochzeit buchstäblich zum Gipfel jeder Biographie macht, hat Besitz von Joseph ergriffen. Der Zimmermann von Nazareth wird mit der Holdseligen nicht nur ein Haus gründen, sondern er wird bauen dürfen an jenem Gerüst aus Zeugungen, das die Welt beim Gründen und Errichten des Reiches Gottes zusammen- und stabil hält.

 

… Wie herrlich muss es gewesen sein, Joseph zu sein.

 

Noch ein paar Wochen, und sie werden ihm unter dem Baldachin der Hochzeiter „Naches“ wünschen und er wird für immer mit ihr, die schön ist wie die Rose von Saron und die Lilie des Feldes, die Wiesenblumen am Ufer des Genezareth ein Teil jenes Mysterium werden, dass Israel heißt, im dem nicht das heidnische Werden und Vergehen, sondern das ewige Zeugen und Gebären und Leben durch Gottes Segen sich vollzieht.

 

… Wie herrlich muss es gewesen sein, Joseph zu sein! ……. ———

 

Wie vernichtend.

 

… Kein „Naches“!

 

… Leben und Segen – aber nicht durch ihn!

 

… Fortgang der Heilsgeschichte, doch ohne dass sein Name im grünenden, sprossenden Buch des Lebens steht, wie es die Stammbäume Israels verkörpern.
Joseph, durch den die Geschichte nicht mehr ihren Verlauf nahm, weil sie bei ihm in eine Sackgasse geführt hatte.

 

Joseph, der vertrocknete Ast.

 

Joseph, einer von denen, die sie in Israel „die Verschnittenen“ nennen, die Eunuchen, … deren trostloses Verkümmern und Verblassen und Verschwinden aus den Chroniken, die doch voll Zukunft sind, nur durch den Propheten Jesaja aufgehalten wird, der in Gottes Auftrag verspricht, dass auch die Ausradierten, auf die niemand folgt, im Hause Gottes und in seinen Mauern ein Denkmal und einen Namen erhalten werden (vgl. Jes.56,5); … und wenn wir diesen letzte Trost, den Joseph womöglich hätte ahnen konnte, auf Hebräisch hören, … erst dann wissen wir, wie schlimm es um ihn stand: „Yad va-Shem“ verheißt Gott auf Hebräisch denen, die keine Nachkommen mehr haben werden. …….

 

„Yad va-Shem“ statt „Naches“. ——

 

Das ist die Situation, mit der das Neue Testament anfängt, die Situation, in der es zum ersten Mal Weihnachten wird.

 

Natürlich nur, wenn wir es überhaupt aushalten, das Neue Testament sprechen und es darin tatsächlich Weihnachten werden zu lassen.

 

Wenn die entscheidende Voraussetzung, die das Neue Testament über Jesus von Nazareth macht, uns als zu unwahrscheinlich erscheint, weil wir keinerlei Erfahrungsansatz dafür haben, … wenn wir also die Voraussetzung ablehnen, dass Jesus der Sohn Gottes ist, dann gibt es nichts, das an Joseph zu meditieren wäre.

 

Dann wäre der Beginn des Matthäusevangeliums entweder die Geschichte eines Eifersüchtigen, der sich halt doch nicht traute, das untreue Mädchen sitzen zu lassen, oder es wäre die Geschichte eines jungen Mannes, der nicht bis zur Hochzeit warten mochte.

 

Es wäre jedenfalls eine Geschichte ohne neue Botschaft. … Wie wir ja ohnehin ohne jegliche Erneuerung und Erweiterung unseres Geistes und unserer Gedanken und damit unseres Horizontes und unserer Wirklichkeit existieren müssten, wenn wir nur Dinge wahr- und ernstnähmen, für die es in unserer eigenen Erfahrung einen Ansatz gibt.

 

Die neue Geschichte des Joseph, für die wir keinen Vergleichswert in unserem Alltag und doch unfassbar viel Vergleichbares finden, ist die Geschichte einer Lebensenttäuschung, aus der trotzdem nicht nur für einen, sondern für uns alle Segen geworden ist. Zunächst muss man den Zweifel Josephs an der Jungfrau und seine Verzweiflung über Gott aber als das nehmen, was sie sind: Nicht nur menschliche Beziehungs-, Zweifels- und Konkurrenzgeschichten – als wären solche nicht oft schon existentiell tragisch und zerstörerisch genug! –, sondern eben wirkliche, furchtbare, hiob’sche Gottesgeschichten, … Erfahrungen, in denen Gott schmerzt und prüft!

 

…Dass Liebe enttäuscht werden kann und Vertrauen verraten, dass Hoffnungen sich zerschlagen, Träume platzen, dass Pläne schief gehen und das Leben dennoch weiter: Das kennen wir.

 

Bei Joseph aber ist es nicht nur die dumpfe Ahnung, der nagende Zweifel, die trotzige Wut, die das alles irgendwie auf Gott zurückführen, sondern Gott selber ist es, Der dem Joseph bestätigt: „ICH habe dich aus der uralten, bisherigen Ordnung genommen; ICH habe die Rechnung durchgestrichen, in der du Mich als Wirt stehen hattest, Der dir Hoffnung und Segen einschenken sollte, wie sie seit Abraham allen Vätern zuteilwurden. ICH habe dir die Prüfung auferlegt, aus einer langen Reihe tanzen zu müssen und alleine da zu stehen. So wie die Mutter meines Kindes ohne menschlichen Vater dazu bleiben sollte, so sollst Du – Sohn so vieler Väter – nach menschlicher Weise kein Kind haben … und doch Meinen Sohn benennen und erziehen. ICH bin es, Der dir das zumutet. – Warum? Weil die Welt, in der du lebst und das Leben, von dem du träumst, nicht so heil sind, wie es scheinen mag. Weil mitten in deinem Volk – Meinem Volk Israel! – und auch überall sonst neben den vielen Ketten und Linien des Segens, neben den vielen Verbindungen, die zwischen Mir und den Menschen, zwischen der Herkunft und der Zukunft des Lebens bestehen, so viele Brüche, Einbrüche und Abbrüche, so viele Gefährdungen, so viel Verdunkelung, so viel Zerstörung eintritt. Und irgendwo muss deshalb ICH dazwischentreten, muss eintreten in die Geschichte, in der Segen und Unheil, in der Verheißung und Gericht weiter und weiter wachsen. ICH muss mitten dorthinein … zwischen „Naches“ und „Yad va-Shem“, zwischen Himmel und Hölle des Menschseins. Und dich, Joseph, habe ICH gerufen, Mir Platz zu machen. Damit ICH der »Immanuel« werden kann.

 

Und so wirst Du kein Kind haben, das dich Vater nennt, sondern du sollst »Jesus«“ – also »Hilfe« – zu einem Kind sagen lernen!“ ———

 

Wie schwer muss es gewesen sein, Joseph zu sein!

 

… Wie herrlich aber auch: Den eigenen Platz Diesem zu lassen, Der dadurch die Hilfe der Welt, die Vergebung der Sünden, den Immanuel bringen würde!

 

Joseph, was für „Naches“ hast Du wohl geschöpft aus dem Kind, das du benennen und be-gleiten, dass du beschützen und bewahren durftest!

 

Denn das ist doch eigentlich und im wahrsten Sinne „Naches“: Dass es weitergeht … viel weiter, als ein einzelnes Leben, eine einzelne Lebensgeschichte je reichen könnte.

 

Eine moderne Erläuterung des Hebräischen-Jiddischen Wunsches nach „Naches“ definiert dieses unübersetzbare Gefühl denn auch besonders gelungen als „Second-hand Freude“[i], als ein Glücklichsein also, das über das eigene persönlich zugehörige Können und das Selbst-Erreichte weit hinausreicht und den Segen, den man selber überhaupt erfahren kann, vertieft, ihn erweitert, … ja, in’s Unermessliche vergrößert dadurch, dass auch jener Segen, der für andere und durch andere kommen wird, dazuzählt.

 

Und eine andere heutige Beschreibung von Naches im amerikanisch-jiddischen Sprachraum klingt, als habe sie – obwohl das keineswegs der Fall sein kann – schlicht Josephs Aufgabe an Jesus klären wollen: „Naches is ……. the achievement of bringing up a mensch“[ii].

 

Dieses Glück, dass Joseph für uns alle einen Menschen – Den Menschen! – gepflegt, geliebt und erzogen hat, ist die dauerhafteste, weitreichendste „Second-hand-Freude“ der Welt: Es ist die Freude, die wir heute spüren, die wir feiern.

 

Es ist die Weihnachtsfreude!

 

Und darum – Du gestattest, Maria, Holdselige – … darum werden Dich, Joseph, seligpreisen alle Kindeskinder!

 

Amen.

 



[i]Naches, from Hebrew נחת (naḥath) meaning contentment, usually refers to second-hand joy at see one's children or grandchildren succeed. It can also be used to describe the joy of helping someone else.“ (http://www.yiddishslangdictionary.com/word/331/naches

 

[ii]Naches is more properly applied not to some fleeting public feat but to the achievement of bringing up a mensch.“  (https://www.thejc.com/judaism/jewish-words/naches-1.8111)

 

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