Christmette 2019, Stadtkirche, "All bells in paradise" (John Rutter), Jonas Marquardt

 

Predigt Kaiserswerth Christmette 2019                                                                                                                 

 

   „All bells in Paradise“ (John .Rutter)

 

Liebe Gemeinde!

 

Glockenklang ist der Puls der Kirche und der Christenheit: Und da die Herzen höher schlagen und uns große Freude verkündigt wird in dieser Nacht, ist es nur natürlich, dass kein Geräusch so intensiv mit dem Heiligen Abend und den Stunden des Weihnachtsmorgens verbunden ist, wie die metallene Stimme der Glocken und Glöckchen, die von allen Türmen in die Winternacht den Jubel der Erlösung rufen, die hinter den Türen der guten Stuben das lang ersehnte Signal zur Bescherung klingeln und deren Nachhall in Schmuck und Kitsch und tausend Liedern es bestätigt, dass heute etwas Weltbewegendes, Feierliches und gleichzeitig Einladendes und Helles und Süßes in aller Welt zu vermelden ist.

 

Weihnachten: Das ist das schönste Wort der Glockensprache und Geläute ist die beste Übersetzung des Gloria von Bethlehem, des Hirtenlobes, des Kindelwiegens und der anbetenden Ehrfurcht vorm Mysterium des Immanuel … Gott selbst in unserer Mitte.

 

Weihnachtsglocken sind das Evangelium von den Dächern (vgl. Matth.10,27), denn ihr Schall geht aus in alle Lande und ihr Reden bis an die Enden der Welt (vgl.Ps.19,5).  

 

… Was also könnte wohl schöner und stimmiger sein, als diese Harmonie aus Erz und Herzblut, die seit unvordenklichen Jahren den Ton unseres Festes bestimmt und unglaubliche Stimmungswerte und Erinnerungskristallisationen in sich schließt und in den allermeisten europäischen Gemütern eine Schwingung auslöst, die einzigartig ist: „Ding-dong, merrily on high: Kling Glöckchen, klingelingeling, … and all the bells on earth shall ring / on Christmas day in the morning!“

 

……. Dabei ist der Klang, den Bruder Jakob nicht verschlafen und ein Christenmensch nicht ohne Rührung hören kann … chinesisch!

 

… Nicht aus der Welt der Bibel und nicht von den Chören der himmlischen Heerscharen stammt nämlich der in unseren Ohren so heilsschwangere Klang der Kirchenglocken, sondern in jedem Campanile und von jeder Kathedrale tönt die Erfindung des mythischen Gelben Kaisers, der im 3.Jahrtausend vor Christus mit 12 Glocken die natürliche Tonleiter nachgebildet und damit die erste Verquickung von kosmischer Ordnung und Kunst geschaffen haben soll.

 

Von diesen vorzeitlichen Anfängen im Reich der Mitte drang der kultische Gebrauch der klingenden Körper auf den Wegen des Buddhismus durch Ostasien und brachte die vielerlei gegossenen Schlaginstrumente hervor, die der Meditation und dem Gebet als Klangschale, Gong, Schelle und Glockenspiel auch heute noch in typisch fernöstlicher Manier durch physikalische Wellen eine ins Nichts mündende Schwebebewegung unterlegen.

 

Auf der Seidenstraße und den Wanderwegen der Erleuchteten, auf Kriegs- und Beutezügen der asiatischen Kulturen verbreitete sich das uns so essentiell kirchlich scheinende Schlagwerk, bis es die Steppen am Saum des fruchtbaren Halbmondes und damit die Tore der biblischen Welt erreichte. Dort, bei den Reitervölkern der iranischen Hochebene und bei den Ägyptern aber wurde es vor allem zur furchterregenden und alarmverbreitenden Begleitmusik der kavalleristischen Horden, die ihre Schlachtrösser mit schrill gellenden Glöckchen am Sattelzeug zäumten[i]. Wo immer es klingelte, da verbreiteten sich in biblischen Tagen Überfall und Schrecken. … Anders als warnend war das Gebimmel heransprengender Heere in Israel also nicht zu hören.

 

Ein unserem vergleichbares, spirituelles oder nostalgisches Verhältnis zum Läuten von Glocken konnte man sich in biblischer Zeit daher kaum denken.

 

Und so kommt es, dass das, was für uns die Titelmusik der Heilsgeschichte und der Ur-ton der gottesdienstlichen Versammlung ist, in der Bibel beinah ausschließlich als fremdes, ja, verstörendes Geräusch begegnet.

 

Während viele Kulte bereits um Christi Geburt die eindringliche Musik der ehernen Schall-kelche als heilige Klänge vernahmen, stießen sie Paulus als sinnfreies Geklapper ab: „Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz und eine klingende Schelle“ (1.Kor13,1). … Take that, Schiller[ii]!

 

Für die Generation des Neuen Testaments war es also tatsächlich eine gänzlich suspekte Geräuschkulisse leerer Klöppelei, was uns als Weihnachtsklang schlechthin vorschwebt.

 

Wer aber hat denn nun Recht, und was ist geschehen, dass aus dem, was die Apostel kaum kannten und nicht mochten, etwas so anders besetztes wurde?

 

Zunächst: Die biblischen Zeugen hatten natürlich Recht mit ihrer kritischen Distanz zu den Klingeltönen der Heiden.

 

Technische Schlaginstrumente sind im musikgeschichtlichen Sinn als Lärminstrumente zu fassen und ihre urtümlichste Funktion ist wohl in der ganzen Ge-schichte unserer Art die tief ängstliche und darin abergläubische Gefahrenabwehr. Wo Menschen großes Spektakel machen, wo sie rasseln und scheppern und sich mit Getöse bemerkbar machen, da wittert man an der Lautstärke ihrer Begleitmusik, wie unheimlich und wie gefahrvoll ihnen die stumme Welt erscheint. Sie hauen auf das Trommelfell und schlagen seit sie Metalle schmelzen das Blech, damit die bösen Geister und die brütenden Dämonen ihnen nicht zu nahe kommen, sondern Reißaus nehmen.

 

Glockentöne sind magisch aufgeladene Hilfeschreie des dem feindseligen Schweigen der Dinge ausgelieferten Geschöpfes mit der schwachen Stimme und den kurzen Armen.       

 

Eine solche auf’s Abschrecken fixierte Klangerzeugung scheint eigentlich wirklich kein sehr sinnvoller Jingle zu sein, unter dem sich die große Freude, die allem Volke widerfahren soll, ankündigen ließe.

 

Dass die Kirche dennoch – und zwar beginnend bei den ägyptischen Mönchen in den Anfechtungen der Einsamkeit, die damit tatsächlich ihre Abwehr gegen die Teufel und Ungeister ausläuteten – den Glockenklang allmählich übernahm, dürfte auch pragmatische Gründe gehabt haben: Während es in den kleinen Bezirken der Klöster auf dem Athos heute noch teilweise ausreicht, mit Klanghölzern zu den Gebetszeiten zu rufen, war die Tragweite des Läuteschalls ein Motiv, das der christlichen Mission entsprach. Weithin hörbar sollte der Ruf der ehernen Münder tragen: „O Land, Land, Land, höre des Herrn Wort“ (Jer22,29) – und so hat sich die uns tief vertraute Vielstimmigkeit über die ganze Landschaft Europas gelegt, mit der von Dorf zu Stadt, von Kirchturm zu Kapelle, von Tal zu Tal und Gipfel zu Gipfel das große Gespräch, das fortwährende konzertierende Einsetzen und Ausklingen der Glockenspiele unserer Welt uns umgibt, die immer wieder von Gott im Himmel und von uns auf Erden sprechen.

 

Weil man sie überall hören kann, haben die Glocken denn auch das Leben geordnet, hat das dreimalige Angelusläuten das Tagwerk, seine Unterbrechung und sein Ziel in jeder Werk-statt, jeder Küche und auf jedem Acker getaktet und auch unsere Kinder noch zum Reinkommen und Zubettgehen gemahnt.

 

Und mehr noch. Weil es so stetig hörbar ist, dass wir es gar nicht mehr wahrnehmen müssen, vermag das Geläute sogar zur Tonspur unseres Unterbewussten zu werden, die uns näher geht, als wir ahnen. Den ersten richtigen Zusammenbruch nach allem Leid der Vertreibung und tödlicher Verluste erlitt meine Großmutter erst als sie Jahre nach Kriegsende die aus ihrer pommer’schen Heimat zum Einschmelzen zwar abgeholten, aber dann doch nicht verwendeten Kirchenglocken in einer Gemeinde in Norddeutschland wieder läuten hörte: Mehr als alles andere sprechen die Glocken der Heimat anscheinend die Sprache des Seelischen und unserer Biographie. Denn sie begleiten uns so existentiell wie keine wechselnde Vorliebe für diese oder jene Melodie es so kontinuierlich und zu derart herausgehobenen Augenblicken täte. … Schließlich sitzen auch hier Menschen, denen die bescheidenen beiden barocken Blecheimer in unserem kleinen Glockenstuhl zur Taufe läuteten und zur Konfirmation, bei der Hochzeit und auch in den schwersten Stunden des Lebens.

 

Die Glocken sind – zumindest waren sie’s bis vor wenigen Jahren – tatsächlich treue Zeugen und Sinngeber unseres alltäglichen Daseins, … die Glocken sind – zumindest waren sie’s bis vor wenigen Jahren – einfach verlässliche Orientierungszeichen und Maßeinheit alles Irdischen.

 

Und ehrlichgesagt ist es das – gerade dieses Weltliche und Menschliche – , was die Glocken zu Weihnachtsklängen macht!

 

Alles nämlich, was das kultur- und religionsgeschichtlich Fremde an ihrer Herkunft ist, alles, was das psychologisch Zweideutige, das Zeitliche, das Profane, das Geschichtliche an ihrem Dienst ausmacht … alles, was gegen die ursprüngliche Eignung oder Auszeichnung dieses weltlichen Klangkörpers als Medium der göttlichen Botschaft spricht, … alles das spricht ja vielmehr gerade dafür, dass sie wie kein anderes Instrument die Weihnachtsbotschaft vermitteln können.

 

Denn das unergründliche Wunder der Inkarnation, des Einzugs Gottes in die Menschheit als Mitglied des großen globalen Chores aller Menschenstimmen bedeutet ja, dass kein anderes Mittel zur Vertonung der Menschlichkeit Gottes so passend sein könnte, wie der sämtlichen Kulturen und Kulten gemeinsame Laut, der mal in den tibetanischen Gebetsschellen und mal in hinduistischen Tempelglöckchen, mal bei heidnischen Feiern,  dann wieder in säkularen Schulglocken oder politischem Sturmläuten auf dem ganzen Erdkreis erklingt und der biblisch eben doch auch in den Zimbeln des liturgischen Psalmengesangs in Jerusalem (vgl.Ps.150,5) und in den kleinen klingelnden Metallschellen und Granatäpfeln, die seit Moses Tagen den Saum des hohepriesterlichen Gewandes schmücken (vgl.2.Mose28,33ff), seinen Widerhall findet.

 

Dass es bis heute – mit der auffallenden Ausnahme des Islam, der die Glocken zu den Musikinstrumenten Satans erklärt – eine beinah universale religiöse Ökumene im Geläute gibt, ist schon ein wahrlich weihnachtliches Motiv, das den Heiland der ganzen Welt hörbar in allgemeiner Verständlichkeit veranschaulicht.

 

Und dass in jedem Läuten die durch Christi Geburt auf Erden und seine unerschütterliche Teilnahme an unserem Schicksal überwundene Angst nur noch mitschwingt in der Erinnerung an die urtümliche Abwehrfunktion des Läutelärms, gibt den Tönen der Glocken ihren gültigen Text: „Fürchtet euch nicht“.

 

Und dass die selben Klänge, die uns das Evangelium von der einmaligen Geburt des Erlösers bezeugen, auch unsere Geburten und Fortschritte, unsere Stadien auf dem Weg und unsern Heimgang öffentlich ausrufen, macht sinnenfällig, wie unlöslich die Verbindung zwischen Jesus Christus und den Seinen ist, die mit Weihnachten beginnt: Auf einen Ton gestimmt waltet Harmonie zwischen seinem und unserm Lebenslauf.

 

Das also ist Weihnachten im Klang unserer Glocken: Dass Gott in die Welt kommt und in ihre Geschichte, dass Gott in die Angst kommt und dass er mitten hineintritt auch in unser einzelnes Leben bis hin zum Ziel.

 

Das sagt jeder Klang von dort oben: „Weihnachten hier! Gott hier! Bei Dir hier!“ ——

 

Dass diese Bewegung, die unsere Glocken vergegenwärtigen und bestätigen, aber nur die eine Seite der großen Zusammengehörigkeit und Übereinstimmung ist, die diese Heilige Nacht einläutet, das hat uns der eben gehörte herrliche Glockenchor von John Rutter gezeigt, der die Dinge wunderbar auf den Kopf oder andersherum dreht, indem er sonderbarerweise das Paradies zum Ort des großen weihnachtlichen Glockenjubels macht.

 

… Was für ein Einfall! Im Paradies vergeht ja keine Zeit, weder muss dort geweckt werden, noch zum Feierabend gerufen, da schlägt niemandes Stunde mehr, es läuten keine Hochzeits-glocken, niemand muss erst geboren werden, keinem kann das Sterbeglöcklein gelten, es herrscht keine Furcht, die der Lärm bannen und keine Entfernung, die der Schall überbrücken müsste. Das Ticktack, mit dem die Glocken auf Erden das Kommen und Gehen der liturgischen wie der menschlichen Zeit begleiten und anzeigen, ist im ewigen Leben und der ewigen Gottesgegenwart ganz unnötig.

 

Und doch trifft Rutter das weihnachtliche Mysterium genau, wenn er uns das Paradies, das sie nicht braucht, als Ort schildert, an dem die Glocken voll und tönend, weit und herrlich schwingen und singen.

 

Denn eben nicht „ewigen und ernsten Dingen ist ihr metall’ner Mund geweiht“ – Sorry, Schiller! –, sondern dem Weltlied, dem Zeitklang, dem Geburtssalut, der Feiernacht, die just auf Erden, in der Zeit, im Heute, jetzt und hier zu hören sind.

 

Im Himmel wie auf Erden ist ja das der Dienst und Segen unseres Geläutes: Dass den irdischen Menschen dieses Augenblicks glockenhell in’s Ohr gesungen wird, was ihr Herz höherschlagen und den Puls stark machen will:

 

„Gott ist Dir nah! Gott ist hier da! Weihnacht!“

 

Amen.

 



[i] Ein Reflex dieses Schreckens der Reitervölker findet sich in Sacharja 14,20, wo für die Glöckchen am Zaumzeug der Rosse – der messianisch-pazifistischen Vision der Propheten Israels entsprechend – die bezeichnende Inschrift vorgesehen wird: „Heilig dem HERRN“. Diese Symbolik ist eine endzeitliche Umwertung alles Militärischen wie das „Schwerter-zu-Pflugscharen“-Motiv Jesajas und Michas.

[ii] Schillers berühmtes „Lied von der Glocke“ war auf dem Gottesdienstblatt mit dem Vers vertreten: „Nur ewigen und ernsten Dingen sei ihr metall’ner Mund geweiht“.

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