20.So.n.Trinitatis, 03.11.2019, Stadtkirche, 1.Mose 8,18-22. 9, 12-17, Jonas Marquardt

 

Predigt Kaiserswerth 20.n.Trin. - 3.XI.2019                                                                                                         

 

             1.Mose 8,18-22. 9, 12-17

 

Liebe Gemeinde!

 

Man muss kein Christ sein, um den November zu verstehen: Er sagt mit allen seinen Klängen und allem seinem Schweigen, mit seinem eigentümlich trüben Licht und seiner grauen Abschiedsluft jedem Blatt im Wind und jedem Lebewesen, das sich noch hält: Du musst sterben.

 

… Nicht, als wolle er Schrecken verbreiten. Uns hat dieser Monat zwei Kinder geschenkt, und die im November Geborenen haben nach einer vielleicht halbwegs nachprüfbaren Studie sogar die durchschnittlich längste Lebenserwartung. Aber auch langem Leben und Jahren mit sonnigen Sommern und einem satten Herbst gilt die Botschaft des Welkens und des Fallens, … die Botschaft der Endlichkeit. ——

 

Doch ist das wirklich so?

 

Spricht der sich schließende Kreis des Jahres wirklich vom Tod?

 

Für einen Menschen, der mit der Bibel lebt, rufen Ernte und Winter, Nacht und Frost ja eine ganz andere Erinnerung wach. Diese Atempausen in der Zeit, diese Stillstände und Einkehr-bewegungen sind doch die notwendigen Gegenstücke der Lebenskräfte und Lichtgeschenke der Natur. Verdorren und Saftigkeit, Ruhe und Überschwang sind so miteinander verschwistert, sind solche Doppelphänomene der zyklisch geschaffenen Welt, dass das eine immer schon das andere bedingt und in sich mitenthält: Helligkeit und Finsternis, Wachstum und Verzehr könnten jeweils nichts sein ohne ihr notwendiges Gegenteil, und wenn wir das eine erfahren, so klingt uns doch immer im Ohr, wie Gott auch das andere garantiert und in seiner unerlässlichen Rolle der Rekreation und Vorbereitung festgesetzt hat.

 

„So lange die Erde steht soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“       

 

Nirgends ist die Bibel näher dran an Ying und Yang, an kosmischer Harmonie, an Öko-Idyll als im schönen Noah-Bund, dessen Stiftung wir gerade eben wieder hörten.

 

In diesen naturreligiösen Worten, die älter sind als alles, was wir dann in der Kulturgeschichte der biblischen Menschheit hören, ist die Welt in Ordnung. Und die Versuchung liegt nahe, den damaligen Zustand, der dem Ideal unbehandelter Streuobstwiesen und artenvielfalterhaltender Nationalparks und ressourcenschonenden Klimaschutzes entspricht, als das biblisch gebotene und gesegnete Weltbild zu einem einfachen politischen Maßstab zu machen: Das von Gottes mit dem Regenbogenzeichen besiegelter Verheißung dauerhafte zugesagte Gleichgewicht in der Schöpfung ist die Norm, der unser Verhalten, unsere Wirtschaft und Politik sich verpflichten müssen. … So wird der feierliche Naturschutzschwur Gottes im 8.Kapitel der Bibel sicher am häufigsten verstanden. Und so wird die Selbstverpflichtung Gottes sicher auch am häufigsten zu einem Vorbild für unsere Umweltverantwortung gemacht.

 

Doch so schlicht – dass im Haushalt der Natur und ihren Wechselprozessen nur das gottgegebene, ausgleichende Maß zwischen Frost und Hitze, Brache und Düngung, nachhaltigem Verbrauch und verbrauchsarmer Regeneration gehalten werden müsste, damit alles gut wird – … so schlicht sollte man sich die Welt wohl nur von montags bis samstags machen: Dass unsere Zeit, die das Maß verraten hat, sich entweder klar und einfach auf den Zweiklang von Haben und Geben, Gebrauchen und Sparen, Nutzen und Verzichten einstimmen muss oder das Ende aller menschlichen Verfügung über die Welt erleben wird, ist deutlich.

 

Doch diese unbestreitbar eindeutige Botschaft vom ökologischen Ying und Yang ist nicht die eigentliche Botschaft vom Noahbund, der unter dem Regenbogen geschlossen wurde, auch wenn sie vordergründig eine Botschaft für unsere Tage ist.

 

Sonntags muss man aber auch die Geschichte der Natur, wie sie uns in der Bibel begegnet, eher in ihrer Doppelbödigkeit betrachten.

 

Dann geht uns auf, dass das Versprechen, die Tages- und die Jahreszeiten, die Temperaturen und die Fruchtbarkeit der Erde sollten künftig Bestand haben, keine positive Gebrauchsanleitung für das Leben auf einem schönen Planeten ist, sondern die Bewahrung einer defekten, … ja, einer längst zerstörten Schöpfung!

 

Alles, was wir heute hörten – und das ist eine der unergründlichen Tiefen der Bibel! – …alles, was so klingt, wie der ursprüngliche Bauplan des Kosmos, ist nicht mehr Schöpfungsgeschichte, sondern Rettungsgeschichte nach einem ersten Weltuntergang.

 

Die Bibel erzählt – und das müssten wir uns gerade als Christen immer, immer wieder klar machen – die Bibel erzählt fast alles, was sie uns mitteilt, als Geschichten von jenseits des Todes!

 

Denn dass die Sintflut eine tragische Brechung der Wirklichkeit wie Gott sie gewollt hatte darstellt, dürfte unverkennbar sein. Zum zweiten Mal in weniger als sechs Kapiteln ist in den Tagen Noahs die Schöpfung durch den Menschen zerbrochen: Adam und Eva verursachten den Einbruch des Todes ins Leben und die Generation der Flut rief den fast vollständigen Untergang alles nunmehr ohnehin schon Sterblichen herbei.

 

Und so ist eine schrecklich zerstörerische Unfähigkeit, mit dem Leben zu leben, in die Welt gekommen durch den Menschen.

 

Was immer er in seiner kreativen Neugier, die über jeden Baum verfügen und jede Frucht schmecken will, anfasst, kann der Mensch radikal gefährden. Gewiss kann er auch flicken, erfinden und wohltätige Überraschungen zustandebringen durch dieselbe Neugier. Aber eines steht fest und wird nie zu verrücken sein: Ein Schöpfer, … sein Schöpfer kann der Mensch nicht werden. Das Leben ist nicht seine Erfindung und liegt nicht in des Menschen Hand. Darin liegt zu seinem unendlichen Unglück seit jenem Griff, der in Eden vor solcher Anmaßung nicht zurückschreckte, nur der Tod. …….

 

Und darum ist eine Welt, die allein dem Menschen überlassen wäre, immer auch eine tödlich bedrohte Welt.  

 

Nun müssen wir uns aber eingestehen, dass genau dies die Welt ist, die die Mehrheit unserer Zeitgenossen zu kennen glaubt! Für die meisten Mitmenschen in unserer Gegenwart gilt wohl, dass niemand über der Welt steht, dass niemand über sie gebietet und wacht und dass niemand jenseits der Welt – vor ihrem Beginn, nach ihrem Ende – das Leben weckte und wieder wecken kann.

 

Darum ist es aber umso dringlicher, dass wir die christliche Perspektive, die biblische Perspektive nicht aus den Augen verlieren, in der eine Menschheit ohne Gott schlicht nicht denkbar ist! Von Anfang an braucht die Menschheit einen Retter und nach biblischem Zeugnis hat sie von Anfang an eben diesen: Sie hat Den, Der den Sündenfall und die Sintflut so wandte, dass beide Katastrophen nicht zur Auslöschung führten, obwohl der Mensch sie allein jeweils nicht überstanden hätte. ——

 

Das ist nun zweifellos ein unermesslicher Trost.

 

Doch was genau löst solcher Trost eigentlich aus, wenn schon die allerersten Seiten der Bibel von apokalyptischen Vorgängen sprechen, die nur durch Gottes Eingreifen verhindert werden konnten: Soll man am Menschen vollständig verzweifeln? Oder soll man seine selbst- und weltmörderische Zerstörungskraft im Gegenteil auf die leichte Schulter nehmen, weil es dank Gottes ja immer wieder „joot jejange hat“?

 

Soll man die Erde nun, im ausgerufenen Anthropozän – dem Zeitalter des menschengemachten Klimawandels, das nach dem Zerstörer des bisherigen Weltzustands seinen neuen Namen trägt – soll man die Erde im Anthopozän nun also als zum Scheitern verurteilt auf dem schnellsten Weg dem kurzen Prozess des Menschen überlassen? Oder soll man sorglos darauf wetten, dass die Sünden- und die Sintflutkrise eine Blaupause abgeben, nach der auch die Klimakrise durch Gottes Gnade zu lösen sein wird? …….

 

Oder könnte der Blick auf das zerstörerische Treiben des Menschen und das Rettungswerk Gottes uns zwischen Zynismus und Leichtfertigkeit nicht etwas Drittes lehren?

 

Genau das ist doch wohl die Botschaft des Noahbundes, in dem zwei schreiende Gegensätze versöhnt werden.

 

Ausgerechnet der Verzicht auf weitere Strafen, ausgerechnet die Verheißung des dauerhaften Segens nach der Sintflut, ausgerechnet diese Errettung aus dem Tode wird in Gottes Wort ja begründet mit dem nüchternsten Menschenbild, das es nur geben kann:

 

Dass das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens böse ist von Jugend auf, bewegt Gott dazu, hinfort das Dasein und den Lebensraum und Lebensrahmen dieses Mängelwesens nicht mehr infrage zu stellen.

 

In der aus dem Meer des Todes, aus der Sintflut geretteten Welt nach Noah herrscht also nicht Vollkommenheit. Im Gegenteil: Die von Gott aus dem Grab des Bisherigen gerufene Menschheit besteht nun nicht aus solchen, die aus sich heraus Schonung verdient hätten oder Gefahrlosigkeit versprechen könnten. Sie bleiben gefährliche und gefährdete Geschöpfe.

 

So lange die Erde steht, auf der solche Menschen leben, so lange wird sich nichts auf ihr von selbst verstehen, wird nichts von sich aus schlicht „laufen“.

 

Doch weder ist die Welt darum hoffnungslos, noch wäre sie jemals einfach auf der sicheren Seite.

 

Der Mensch ist ein stetes Risiko für die Schöpfung; der Schöpfer aber verspricht genauso stetig, ausgleichend für die Welt einzustehen, die Saat brauchen wird, wenn es Ernte geben soll, die zum Abbau ihrer Hitze der Kälte bedarf, in der es neben der guten auch die harte Zeit des Jahres geben wird und deren Licht immer auch Schatten und Finsternis hervorruft.

 

Es ist also weniger die ideale natürliche Harmonie, die in der Zusage Gottes an Noah beschworen wird, als vielmehr die Verheißung, dass Gott, der Retter aus dem Tod und Richter über die Sünde unermüdlich zu sein verspricht bei seiner Bewahrung der unsicheren Welt.

 

Wenn wir das aber erkennen – dass die scheinbar naturgesetzliche Stabilität des Weltsystems nicht ein Urzustand ist, den man bewahren oder als Ziel verordnen könnte, sondern ein Zeugnis der Gnade, mit der Gott sich gegen alle Abbrüche und Einbrüche der menschlichen Hybris einsetzt –, dann kann sich weder Kleinmut noch träge Gelassenheit aus der Einsicht in das stetige und zuverlässige Heilswerk ergeben, das Gott auch in der Natur beweist.

 

Wenn die uns heute bekannte Natur nämlich nicht als Ergebnis seines ersten Schöpfungswerkes, sondern als Ausdruck des zweiten Werkes Gottes – des Einsatzes für die Rettung des bedrohten und bedrohlichen Menschen – zu begreifen ist, dann muss sie uns ja umso mehr am Herzen liegen.

 

In solchem biblischen Verständnis der nachsintflutlichen Kreatur und materiellen Wirklichkeit als einer Überlebenden der menschheitlichen Urkatastrophe und darum als Mittel der Gnade Gottes im Kampf um die Zukunft seines Ebenbildes, wird dann aber auch der Auftrag unserer Umweltverantwortung aus dem ersten Artikel des Glaubensbekenntnisses – „Von Gott, dem Schöpfer der Welt“ – in den zweiten Artikel aus-gedehnt: „Von Gott, dem Retter, dem Heiland der Welt“.

 

Es geht eben nicht darum, das verlorene Paradies in der wahrhaftig ja auch nicht naiv zu verherrlichenden Natur zu suchen und zu pflegen, sondern es gilt, das kommende Reich Gottes – in dem dann endgültig und für immer alle Schuld und der Tod, alle Sünde und Sintflut überwunden sein werden – nicht zu gefährden, indem man Gottes Wege für die Menschheit auf’s Spiel setzt.

 

In dieser Erwartung, dass der versprochene dauerhafte Wechsel der Prozesse, die das Leben erhalten, ein Ziel hat – nämlich die endgültige Rettung der Welt – wird die Dringlichkeit der heutigen ökologischen Fragen für uns Christen erst unmissverständlich deutlich: Nicht das Klima, nicht der Regenwald, nicht der Schutz der Arten an sich sind Selbstzwecke. Aber weil Gott mit allem Fleisch, das auf Erden ist, einen Bund geschlossen hat, der sich erfüllt, wenn alles – wie Noah und die Seinen und mit ihnen die Kreaturen – vom Tod errettet ist, … darum sind die großen Themen unserer Zeit wahrhaft christliche Anliegen!

 

Denn alles, was uns umgibt – gerade im November, der letzten Zeit vor dem Advent, in dem wir ganz bewusst das Ewige erwarten – …. alles, was uns umgibt, was mit uns wächst und reift und besteht, zehrt von der Verheißung und weist auf sie hin: Du wirst leben!

 

Und das ist gewiss: Am schönsten, am einfachsten und am unvergesslichsten bezeugt diesen ewigen Bund zwischen Gott und allem Fleisch der Bogen in den Wolken, den die Christen immer schon unter den Füßen des endgültig Erscheinenden sahen.

 

Denn im letzten Buch der Bibel, da leuchtet er wieder – der Bogen, den Noah nach der ersten Rettung der Welt aus dem Tod erblickte (vgl.Offenb.4,3 und 10,1), und vom Thron, um den der Regenbogen steht, hören wir die Stimme:

 

„Ich mache alles neu! (Offenb.21,5)

 

Amen.

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