18.S.n.Tr., 20.10.2019, Mutterhauskirche, Jak.2,14-26, Ulrike Heimann

Liebe Gemeinde,

die Überarbeitung des liturgischen Kalenders der Evangelischen Kirche in Deutschland bietet uns am heutigen Sonntag eine echte Überraschung. Ich habe es selber kaum fassen können, als ich vor Wochen im Perikopenbuch den vorgeschlagenen Predigttext las, ein recht langer Abschnitt aus dem Jakobusbrief. 11 Tage vor dem Reformationstag, dessen 500. Jubeltag 2017 wir ja noch in guter Erinnerung haben, wird uns ein Text vorgelegt, der nichts weniger ist als eine Provokation, aber eine gute, eine heilsame, eine not-wendige Provokation. Und diese Provokation heißt: „Der Glaube ohne Werke ist tot." Ich weiß, dass Martin Luther das ganz anders beurteilen würde und beurteilt hat; denn wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte es den Jakobusbrief in der Evangelischen Bibel nicht mehr gegeben. Das war ja das Credo Luthers „Der Glaube allein macht selig und gerecht - die Werke nützen nichts." Oder anders „Solus Christus - Sola fide". Paulus war für ihn der rechte Apostel, Jakobus lag ihm schwer im Magen.

Und diese „Wertschätzung" hat Luther den Evangelischen vererbt: der Glaube ist gut - die Werke sind schlecht.

Immerhin: Jakobus hat die Reformation überlebt. Sein Brief findet sich in unserer Bibel. Auch in der Luther-Bibel.

Hören wir einmal, was Jakobus uns zu sagen hat, wie er die Botschaft Jesu verstanden hat, wie er sie in seinen Alltag einbezogen hat.

 

„Was hilft's, Brüder und Schwestern, wenn jemand sagt, er habe Glauben, und hat doch keine Werke? Kann denn der Glaube ihn selig machen?

Wenn ein Bruder oder eine Schwester nackt ist und Mangel hat an täglicher Nahrung und jemand unter euch spricht zu ihnen: Geht hin in Frieden, wärmt euch und sättigt euch!, ihr gebt ihnen aber nicht, was der Leib nötig hat - was hilft ihnen das?

So ist auch der Glaube, wenn er nicht Werke hat, tot in sich selber.

Aber es könnte jemand sagen: Du hast Glauben, und ich habe Werke. Zeige mir deinen Glauben ohne die Werke, so will ich dir meinen Glauben zeigen aus meinen Werken. Du glaubst, dass nur einer Gott ist? Du tust recht daran; die Teufel glauben's auch und zittern. Willst du nun einsehen, du törichter Mensch, dass der Glaube ohne Werke nutzlos ist?

Ist nicht Abraham, unser Vater, durch Werke gerecht geworden, als er seinen Sohn Isaak auf dem Altar opferte? Da siehst du, dass der Glaube zusammengewirkt hat mit seinen Werken, und durch die Werke ist der Glaube vollkommen geworden. So ist die Schrift erfüllt, die da spricht: „Abraham hat Gott geglaubt und das ist ihm zur Gerechtigkeit gerechnet worden", und er wurde „ein Freund Gottes" genannt. So seht ihr nun, dass der Mensch durch Werke gerecht wird, nicht durch Glauben allein.

Desgleichen die Hure Rahab: Ist sie nicht durch Werke gerecht geworden, als sie die Boten aufnahm und sie auf einem anderen Weg hinausließ? Denn wie der Leib ohne Geist tot ist, so ist auch der Glaube ohne Werke tot."

 

Sie müssen zugeben: für evangelisch sozialisierte Ohren ist das eine ziemliche Provokation.

-        Kann denn der Glaube ihn selig machen?

-        Der Glaube ohne Werke ist tot in sich selber.

-        Der Mensch wird durch Werke gerecht, nicht durch Glauben allein.

-        Wie der Leib ohne Geist tot ist, so ist auch der Glaube ohne Werke tot.

Und dann noch die Auslegung über Abraham, diesen „Vater des Glaubens": der eben nicht nur einfach Gott geglaubt hat, sondern getan hat, was Gott ihm zu tun aufgetragen hat, und genau das wurde ihm zur Gerechtigkeit gerechnet; sein Glaube wurde durch die Werke vollkommen.

Ja, es stimmt: das klingt bei Paulus und Martin Luther doch ziemlich anders.

Haben die nicht immer und immer wieder betont, dass es allein auf den Glauben ankommt? Dass Werke sogar schädlich sind, den Menschen dazu verführen zu meinen, sie könnten ihrer Seelen Seligkeit selbst bewerkstelligen? Geht es beim Glauben nicht um die Gnade Gottes, darum, dass er alleine uns selig machen kann, uns gerecht machen kann?

Ja, ich selber bin noch mit diesem Verständnis ins Studium gegangen und aus dem Studium herausgekommen:

Der Glaubensgerechtigkeit steht diametral die Werkgerechtigkeit gegenüber; die erste ist hui, die zweite pfui; die erste ist gut evangelisch, die zweite eben katholisch.

Doch damit werden wir nicht nur Jakobus nicht gerecht, sondern auch Jesus nicht. Und darüber hinaus schaden wir uns selbst. Denn Glaube und Werke gehören zusammen - wie Reden und Tun, oder besser: wie Hören und Tun, wie Denken und Handeln.

Liebe Gemeinde, hier ist Jakobus wirklich viel näher bei Jesus als Paulus. Denn Jesus hat gesagt (so ist es in der Bergpredigt bei Matthäus zu lesen): „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. Es werden nicht alle, die zu mir sagen: Herr, Herr!, in das Himmelreich kommen, sondern die den Willen tun meines Vaters im Himmel." Ja, was hilft's, den richtigen Glauben, das richtige Bekenntnis, die richtige Überzeugung zu haben - wenn sie keine „Früchte" trägt, sprich: wenn sich nichts positiv im Alltag verändert.

Und damit ist Jakobus brennend aktuell.

Was hilft's, wenn man erkennt, dass die Klimawende wirklich notwendig ist, aber selber kauft man noch schnell einen SUV, oder bucht eine Kreuzfahrt in die Karibik?

Was hilft's, wenn die Regierungsparteien aus lauter Sorge um ihre Wiederwahl, man kann auch sagen: aus lauter Angst vor dem Wahlvolk, das der Devise folgt „Wasch mich, aber mach mir den Pelz nicht nass", zwar von der Klimawende reden, aber ihren Worten keine Taten folgen lassen, die auch nur halbwegs positive Effekte zeigen?

Was hilft's, wenn man sich für den Tierschutz ausspricht, aber im Supermarkt ein Kilo Rinderhack für 3,99 Euro in den Einkaufswagen legt?

Was hilft's, wenn man sich zum Grundgesetz samt Artikel 1 bekennt, aber als Wohnungseigentümer keinen Mieter haben möchte, der einen türkischen oder arabischen Namen hat.

Was hilft's, wenn man natürlich für Inklusion in den Schulen ist, aber sich im Urlaub bei der Reiseleitung darüber beschwert, dass am Nachbartisch eine Familie mit einem behinderten Kind sitzt.

Was hilft's, dass man natürlich junge Menschen für die Kirche und für den Gottesdienst gewinnen will, aber es soll alles so bleiben, wie es schon immer war - die Liturgie, die Lieder.

Liebe Gemeinde, ich denke, sie haben gemerkt, wie aktuell dieser Brief des Jakobus ist, wie er mitten hineingreift genau dorthin, wo es schmerzt.

Ja, wir sind schnell dabei mit den richtigen Bekenntnissen und Einstellungen, wir sind für Umweltschutz und Klimawende, wir sind für Gerechtigkeit und Frieden - aber bitte, bitte, das darf uns nichts kosten, das darf unseren ruhigen Lebensablauf nicht durcheinanderbringen.

Es sind schon harte Sätze, die uns Jakobus da auf den Tisch legt oder auch an den Kopf wirft:

-        Der Glaube, wenn er nicht Werke hat, ist tot in sich selber.

-        Du glaubst, dass nur einer Gott ist?

Du tust recht daran; die Teufel glauben's auch und

zittern.

-        Seht ihr nun, dass der Mensch durch Werke gerecht wird, nicht durch Glauben allein.

-        Denn wie der Leib ohne Geist tot ist, so ist auch der Glaube ohne Werke tot.

Harte Sätze für eingefleischte Protestanten, die sich seit der Reformation am „Sola fide" - „allein aus Glauben" festhalten.

Wie geht das nun zusammen?

Ich glaube nicht, dass Jakobus sich hier von Paulus und seiner Botschaft von der Vorrangstellung des Glaubens und der Gnade Gottes, die uns geschenkt wird, absetzen wollte; es ist noch nicht einmal klar, ob er überhaupt die entsprechenden Briefe des Paulus kannte. Dass Gott uns in seiner Güte annimmt, uns seine Liebe geschenkt hat, das steht auch für Jakobus fest. Aber ihm geht es - und da ist er wirklich anders unterwegs als Paulus - ihm geht es nicht so sehr um die Beziehung zwischen Gott und Mensch, als vielmehr um die Beziehungen der Menschen untereinander. Es geht weniger um das Thema „Erlösung" als vielmehr um das Thema „Weltverantwortung". In der Welt, dort zeigt sich, ob der einzelne Mensch aus dem Glauben heraus lebt und handelt oder ob er sich den gerade herrschenden Verhältnissen angepasst verhält oder seiner Bequemlichkeit nachgibt. Wenn er letzteres tut, dann - so Jakobus - ist sein Glaube tot. Da kann er noch so viel mit dem Mund bekennen. Modern ausgedrückt wendet sich Jakobus hier gegen das „Sonntagschristentum", das den Glauben in die Innerlichkeit einschließt, ihn auf das ganz persönliche Verhältnis Mensch - Gott oder Mensch - Jesus begrenzt. Alles andere ist dann Politik, die nichts mit dem Glauben zu tun hat.

Offenbar hat Jakobus hier Gemeinden vor Augen, bei denen das notwendige Zusammenspiel von Glauben und Handeln zerbröselt. Dagegen schreibt er seinen Mahnbrief.

Wer den ganzen Jakobusbrief liest, der wird immer wieder darauf hingewiesen, dass für den Glaubenden nur eines wirklich wichtig ist: sein Leben aus Gottes Wort und Weisung zu leben, eben zu hören und zu handeln - und so die richtige „Antwort" auf Gottes Zuwendung, auf seine Güte zu geben.

Wie diese Antwort im Einzelnen aussieht, das muss immer wieder neu überlegt und bedacht werden. Es gibt keine fertigen Antworten in der Bibel, sondern nur Wegmarken oder Leitlinien - und diese sind immer in ihren geschichtlichen Zusammenhängen zu bedenken. Ja, der Glaube ist etwas für mündige Menschen, er führt immer in den kritischen Diskurs.

Und ja, der Glaube basiert auf dem Vertrauen, dass Gott jeden Menschen wertschätzt, dass er zu jedem sein Ja spricht, noch bevor dieser überhaupt in der Lage ist, ihm zu antworten. Aber die Antwort muss eben kommen. Gott erwartet, dass er wertgeschätzt wird, indem der Mensch die Werte, für die Gott steht, umsetzt und für sie einsteht mit Hand und Fuß und natürlich auch mit seiner Stimme. „Seid Täter des Wortes und nicht nur Hörer", fordert Jakobus im ersten Kapitel seines Briefes. Und das heißt: Übernehmt endlich die Verantwortung, die euch von Gott her übertragen ist, und handelt. Ihr seid keine unmündigen Kinder mehr, sondern die Erben. Verspielt nicht das, was euch anvertraut ist. Verspielt es nicht, indem ihr etwas Falsches tut, aber verspielt es auch nicht, indem ihr gar nichts tut.

Liebe Gemeinde, Jakobus ist unbequem - gerade für uns Protestanten. Nachdem wir uns seit 500 Jahren in der von Martin Luther so hoch geschätzten paulinischen Lehre „allein aus Glauben" eingekuschelt haben, haben die Worte des Jakobus fast die Wirkung einer kalten Dusche. Und gleichzeitig sind sie genau der richtige Ruf in dieser Zeit. Und weil die Christen, die Kirchen auf Jakobus nicht gehört haben, hat der Heilige Geist inzwischen noch ganz andere Wege gefunden, diesen Ruf „Seid Täter - tut was - übernehmt Verantwortung" laut werden zu lassen - um Gottes und der Menschen willen, um des Lebens auf dieser Erde willen.  Es schreien nicht die Steine (Lk.19,40), sondern Kinder und Jugendliche und das weltweit.

Lassen wir uns aufrütteln; es kann nicht mehr einfach so weiter gehen wie bisher, jedenfalls nicht, wenn uns das Leben auf dieser Erde am Herzen liegt. Gott liegt es am Herzen. Er will, dass wir umkehren, dass wir die Ressourcen der Erde nicht ausbeuten für unseren Wohlstand, sondern so gebrauchen, dass alle Menschen und Tiere miteinander gut leben können; darin zeigt sich seine Gerechtigkeit, die Gemeinschaftsgerechtigkeit ist. Zu dieser Gerechtigkeit hat uns Christus befreit und berufen. Schenken wir ihm also Glauben, vertrauen wir ihm und zeigen dieses durch unser Tun und Lassen.

Amen.

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