10.n.Trinitatis (Israelsonntag), 25.08.2019, Stadt- und Jonakirche, Lukas 19, 41 - 48, Jonas Marquardt

Predigt Kaiserswerth & Jona 10.n.Trin. (Israelsonntag: Gedenktag der Zerstörung Jerusalems) - 25.VIII.2019                                                                                         

                Lukas 19,41-48

Liebe Gemeinde!

Als nur noch wenige Tage sie vom Tod trennten, hat meine Großmutter sehr einverstanden, sehr gespannt, fast vergnügt immer wieder wie ein Kind die Nase aus dem Bett gestreckt und völlig ohne Verunsicherung, nur erwartungsvoll und neugierig gefragt: „Und wie geht’s jetzt weiter?“

… Mehr Frommes oder Feierliches fiel ihr nicht ein und war auch nicht nötig.

In der Lebendigkeit dieser Frage auf einem Sterbebett kann man alles finden, was unseren herrlichen, herrlichen Glauben ausmacht: Christen und Juden, Menschen des lebendigen Gottes gehen durch diese Welt und ihre Stürme und scheiden schließlich aus dem Dasein mit der unerschöpflichen Aussicht, dass es weitergeht.

Theologisch mag das kein Kernsatz des Glaubens sein, dogmatisch ist die Formulierung, ist auch die reine Neugierde darin nicht besonders ausgereift, … doch gerade das Unfertige, das Offene, … gerade das, was sich erst ankündigt und noch gar nicht abschließend ausdrücken lässt, ist das echteste Zeugnis für den Gott, Der die fertige alte Welt des Todes überwältigt mit Seinem neuen Leben, das ewig ist.

„Es geht weiter!“

Das ist – in aller notwendigen Vorläufigkeit – die Botschaft wirklicher Befreiung. „Es geht weiter!“, das ist die Botschaft, die die Bibel in die Finsternis der Sklaverei, in die Sklaverei der Sünde, in das Sündenleid sogar bis hin zum Tod ruft.

„Es geht weiter!“ ist das, was uns ein Blick auf das Volk Israel zu jeder Epoche seiner turbulenten Geschichte der Zähigkeit der Zuversicht lehrt.

„Es geht weiter!“ ist das, was uns ein Gottesdienst an Israels Seite, mit seinen Gebeten und Liedern, seiner Schrift und seiner Hoffnung spüren lässt. ——

„Es geht weiter!“ … das ist aber auch die entscheidende und endgültige Verurteilung so vieler christlicher Denk- und Glaubens- und Urteilsfehler, … Fehler, die uns am Israelsonntag immer wieder schockierend anspringen und anklagen vor dem lebendigen Gott!

Denn beinah zweitausend Jahre lang war die Kirche finster brütend blind für diese Botschaft des Aufatmens und der Erwartung. Zweitausend Jahre lang hat die blinde Kirche das Wort von der Barmherzigkeit, von der allein sie selbst doch lebte, nicht wahrhaben wollen, sondern hat es unterdrückt, geleugnet, mit Feuer und Waffen, mit Hass und Mord widerlegt, indem sie das Evangelium vom Weitergehen meinte gründen zu dürfen auf einen endgültigen Abbruch der Gnade für die Synagoge, die weiter und weiter voraus- und hinaufschaute auf ihren Herrn:
„Israel ist am Ende! Seine Zeit ist vorbei! Es gehört für immer der Vergangenheit an! Nichts kommt mehr!“: Das ist kurz und tödlich der theologische Irrsinn, mit dem die Christenheit das Volk, von dem die Hoffnung kam, für jenseits aller Hoffnung erklärte … und entsprechend handelte.

Und besonders perfide ist, dass das heutige Evangelium seit Jahrhunderten am Israelsonntag in dieser und keiner anderen Deutung gelesen und verstanden wurde: Jesus weint über das endgültig verworfene Volk Jerusalems. … Finale Ablösung! Heilandstränen, Lacrimæ Christi, die nicht taufen, nicht waschen, nicht erlösen, sondern auslöschen!?!

… Als habe man nie gehört, wie noch Sterbende voller Vorfreude fragen: „Und wie geht’s jetzt weiter?“

… Als habe man nie gehört, dass schon zu Jesu Zeiten jener Gedenktag der Zerstörung Jerusalems begangen wurde – der 9.Tag im Monat Aw –, an dem Israel unter Fasten, Buße und Hoffnung der Katastrophen seiner Vergangenheit gedachte, die sämtlich, trotz aller Schrecken ja die Botschaft bergen, dass Gott um seiner Barmherzigkeit willen sucht, wie es weitergehe.

Wenn aber schon in neutestamentlicher Zeit an ein Strafgericht und eine Zerstörung des Tempels erinnert wurde, denen sein Wiederaufbau folgte, welche seelische Deformation zeigt sich dann darin zu meinen, Jesu Warnungen und Sorgen um Jerusalem seien unerbittlich schärfer und mitleidloser zu verstehen, als die aller Buß- und Unheilspropheten vor ihm!

Hat die Kirche wirklich nicht begriffen, dass es der entscheidende Wesenszug aller Propheten in Israel war, dass sie ansagen mussten, was sie selber nicht wollten?! Dass sie drohen mussten, was sie fürchteten und aufdecken, was sie ihren Hörern gern erspart hätten?!

… Nur Jona, der zu gern wollte, dass sein Schwefelwort für Ninive in Erfüllung ginge, vertrat seinen Auftrag in der Erwartung härtester Konsequenz … und ist dafür bis heute lächerlich mit seinem falschen Kummer um eine vertrocknete Pflanze und seiner echten Lust am Untergang anderer Menschen.

Die Propheten Israels hoffen, dass sie niemals Recht behalten müssen!

Und Jesus ist der Größte unter ihnen allen.

Er will Unrecht haben! … Will alles Unrechthaben seines Volkes, alles Unrechthaben der Menschen aller Zeiten auf sich nehmen. Jesus will widersprochen und widerlegt werden. Denn sein ganzes Leben – vor wie nach seinem Tod und seiner Auferweckung – wäre sinnlos, wenn am Ende er  das Recht behielte und wir das Unrecht.

Und so sind seine Tränen – diese atemberaubenden Einblicke in die Ratlosigkeit und Müdigkeit Gottes angesichts der menschlichen, … der auserwählten Stur- und Torheit – … so sind also Jesu Tränen über Jerusalem und Israel nicht sein endgültiger Abschied, nicht das Todesurteil, das die verblendete Christenheit in ihnen sehen wollte, sondern das Gegenteil. Sie sind der Anfang seines Kampfes um Israel, eines Kampfes, den er niemals verlorengeben kann … Er, der keinen aufgibt! ……. ——

Und wie geht es nun weiter, nachdem er sich die Angst um sein von den Römern schon so lange umzingeltes und gepresstes Volk von der Seele geweint hat, das durch die Gärung von Jesu Passion und Ostern und durch die Ereignisse nach Himmelfahrt und Pfingsten tatsächlich ja noch viel mehr in den Ruf der erdkreisweiten Unruhestiftung kommen sollte? …

Wie geht es jetzt weiter? – Kämpferisch. Das Herz des bedrohten Jerusalem, den Tempel Gottes lässt er nicht einfach ausbluten, sondern wirft sich leidenschaftlich ins Zeug, um den Zion zu reinigen und so die ganze Stadt zurück in den Dienst des Friedens und des Gebetes zu bringen, nach dem sie heißt und der in ihr heimisch ist.

Schließlich ist aber nichts auch psychologisch, also menschlich überzeugender, als dass die Tränen, die Jesus angesichts des bis heute komplizierten geographischen Mittelpunktes allen Segens und aller Sünden überkommen, letztlich Energie und Aktivität, Entschlossenheit und Aufbruch freisetzen: Heulen dient immer dazu, die tief unter dem Jammer verschüttete Hoffnung freizuschwemmen.

Es geht also weiter! Aus dem um Jerusalem Klagenden wird der für Jerusalem Streitende.

Er stirbt für sie, die sich taub und ahnungslos stellen. Und der Schmerz der Ablehnung durch sein Volk, die Traurigkeit, dass der Messias nicht Israels Triumph bringen konnte, sondern mit seiner Ablehnung leben und sterben musste und sie bis heute anhält, … alles das hat ja nicht verhindern können oder müssen, dass es dennoch weiterging: Für uns – die Menschheit in aller Welt – hat diese Bitterkeit das Heil bedeutet!

Erst durch Israels Zweifel am Messias wurden wir einbezogen in die Geschichte dieses Christus und dieses Glaubens.

Es findet sich also nichts von endgültigem Scheitern oder ewiger Versäumnis der Zeit der Gnade in diesen betrübten Worten Jesu, sondern ein Mitleid, eine Verbundenheit und eine Treue zu Israel sprechen daraus, die uns Heiden überhaupt erst einen vertrauenswürdigen Gott zeigen, … einen Gott nämlich, Dessen Gerichtsbotschaft der Umkehr und Dessen Urteil zukünftiger Aufrichtung und nicht endgültiger Hinrichtung dient! … Ein Gott also, Der nicht vernichtende Machtsprüche fällt oder Todesstrafen verhängt, sondern zu Dem durch die Rätsel menschlicher Weigerung und menschlichen Missverständnisses hindurch die Wege offen bleiben, … weil es weiter geht!

……. Weiter – auch wenn wir vorsichtig davon sprechen müssen, weil es das Geheimnis einer Gnade und einer Last betrifft, die nicht wir Heiden empfangen und getragen haben! – … weiter ja auch für Israel.

Denn die Schrecken, die Jesus um seine Fassung brachten – die grauenvolle Schau eines dem Erdboden gleichgemachtes Jerusalem – … diese finsteren Aussichten sind ja kein letzter Akt geworden! Die von den Römern unter Vespasian noch zu Lebzeiten des Evangelisten Lukas vollzogene Zerstörung des Tempels und Schleifung der Stadt Gottes war nicht dauerhaft: Der schluchzende Jesus hat Unrecht behalten, wie er es wünschte!

… Ja, er selbst hat mit seinen Tränen eigentlich sogar Bausteine geweint, denn an der Stelle seiner Überwältigung auf dem Ölberg wurde schon im 6.Jahrhundert aus den hellen Steinen der heiligen Stadt das Kirchlein mit dem Namen „Dominus flevit“ („Der Herr weinte“) erbaut, dessen bis heute ergreifender Nachfolgebau aus Liebe zu Jerusalem mit den Gesetzen allen Kirchbaus bricht. … Nicht nach Osten, sondern nach Westen ist sie gerichtet, damit man über den Altar hinweg jenen Blick teilt, der für Jesus so emotional war und der heute vielleicht die schönste und beste Aussicht irgendeiner Kirche der Welt bietet: Mit den liebevoll übergehenden Augen des Herrn sieht man von dieser „Dominus flevit“ aus auf den heiligen Berg, an dessen Fuß die Klagemauer unter dem Felsendom liegt und auf die Anastasis, die Auferstehungskirche … die Orte der Gegenwart und des Lebens Gottes selber!!!

… Und trotz aller immer noch ungelöster Sorgen, Schuld und Schmerzen an diesem schwierigsten und schönsten aller Erdenorte zeigt der Jesusblick auf ein nicht zerstörtes, sondern stehendes, auf ein noch immer nicht friedliches, aber lebendiges, auf ein noch nicht versöhntes und dennoch unendliche Verheißung bergendes Jerusalem wie es tatsächlich weitergeht, … weiter und weiter …!

Denn wenn wir uns mit Jesus die Tränen über den allezeit umstrittenen, aber niemals verlassenen Ort Gottes inmitten der Menschheit gewischt haben, dann erkennen wir am heutigen Israelsonntag, dass Jerusalem nichts anderes als das Versprechen der Zukunft an sich ist!

Jeder, der um Jerusalem bangt und für Jerusalem betet, jeder, der sich freut mit Jerusalem und seinen Frieden sucht, jeder, der wenn er es schon nicht in dieser Zeit, so doch (wie ich) endlich einst in der Ewigkeit zu betreten und Heimat zu nennen hofft, … jeder also, der einmal und dann immer wieder mit Jesus Christus auf diese Stadt geblickt hat, kann mit den Augen des Glaubens wie mit jenen der Archäologie, kann mit dem Blick der Hoffnung wie mit dem der Geschichte, kann mit der visionären Schau der Prophetie wie der Liebe wahrhaftig ganz einfach erkennen, was Jerusalem uns allen zu sagen hat … seit dreitausend Jahren: „Es geht weiter!“  ———

Und diese Botschaft, die in dem Wort und Ort „Jerusalem“ sich findet, ist lebenswichtig – für den Glauben wie für die Welt.

Je mehr wir ja inzwischen fragen müssen, ob und wie sich Hoffnung für die Zukunft aus-machen lässt, desto wichtiger wird ja nur die Wahrheit Jerusalems.

Wenn wir uns also fragen, was der wahnsinnige amerikanische Präsident noch anstellt, der in dieser Woche tatsächlich zitiert und geraunt hat, dass manche seiner Anhänger in ihm den König von Israel, ja den Messias sähen und er sich selber als der Erwählte weiß[i]„Jerusalem! Es geht trotzdem weiter!“

Und wenn wir ohnmächtig die Gültigkeit der Worte Jesu auch heute anerkennen müssen, dass vor allen Augen verborgen scheint, was zum Frieden dient, obwohl es auch heute eigentlich so offen zu Tage tritt und jeder Mensch wissen muss, welchen Preis wir zahlen werden, wenn wir nicht endlich anders, rücksichtsvoller, nachdenklicher und mitmenschlicher leben … „Jerusalem! Niemals aufgeben! Es geht weiter!“

Und wenn uns die Verzweiflung packen könnte über die Gier und Verblendung, mit der eine erwärmte Welt noch aufgeheizt, ja buchstäblich in Brand gesetzt wird … „Jerusalem! Gott gibt sein Werk nicht dem Feuer preis!“

Und wenn ich schier verzagen und hinschmeißen möchte angesichts der Trostlosigkeit unserer evangelischen Kirche, die nicht weiß, was ihr anvertraut ist und ihr eigenes Herz – den sonn-täglichen Gottesdienst – wie irgendeine aus der Mode gekommene Gewohnheit aufzugeben bereit scheint[ii]„Jerusalem! Weiter geht es mit Gott!“

Und wenn Du Dich am Ende glauben solltest … oder wenn wirklich einmal das Ende da ist:

„Jerusalem! Gottes Zukunft ist unendlich!“ ——

So können wir uns trösten, dürfen wir vertrauen und wollen wir singen, bekennen und glauben, bis unsere Füße in ihren Toren stehen:

„Jerusalem ist gebaut als eine Stadt, in der man zusammenkommen soll.

Wünschet Jerusalem Glück! Es möge wohl gehen denen, die dich lieben!

Um meiner Brüder und Freunde willen will ich dir Frieden wünschen.

Um des Hauses des HERRN willen, unseres Gottes …

Alle meine Quellen sind in dir!“

(Psalm 122i.A.; 87,7)

Amen.               

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