Exaudi, 02.06.2019, Stadtkirche, Epheser 3,14-21, Jonas Marquardt

Predigt Kaiserswerth Exaudi 2.VI.2019                                                                                                                

               Epheser 3, 14-21

Liebe Gemeinde!

Die Welt wird wieder vermessen … wie einst, als Kolumbus die Meere und Mercator die Länder und Merian die Städte und Linné die Pflanzen und Humboldt die Flüsse und Wälder und Amundsen das Eis und die Pole vermass.

Nur: Was damals die Entdeckung der unendlichen Weite bedeutete, fördert heute ihre Begrenzung zu Tage. Heute wird vermessen, was noch vorhanden ist und wie lange es noch reicht, wieviel von der Fülle bleibt und was der Mensch schon zerstört und zum Verschwinden gebracht hat.

Vor wenigen Generationen maßen sie also noch mehr, als sie sich je hatten träumen lassen, … doch in ein Paar Geschlechtern schon wird man nur noch staunen über den märchenhaften Reichtum, der nicht mehr zu finden ist. …….

Die vermessene Welt hat also – wie’s scheint – zur Vermessenheit des Menschen geführt: Seit er alles erfasst und kartographiert hat ordnet der Mensch es nicht mehr ein, sondern wie ein Kind wirft er das Spielzeug fort, das ihn langweilt, nachdem er’s einmal in der Hand gewogen hat. … Soll ein anderer doch das große Zimmer aufräumen, das er in Unordnung gebracht hat. …

Dem Menschen, der Wasser vom Polarkreis trinken und sich Fleisch aus Feuerland grillen kann und der den Regenwald nicht mehr braucht und nach dem Urlaub die Südsee fad findet,  … dem Menschen der westlichen Moderne ist die weite Welt wertlos geworden, und wenn er die Koralle und die Blume, den Bach und die Wolke achtlos verdirbt, dann steckt auch darin der Defekt des Kleinkindes … seine Gewissenlosigkeit: Nur dass das kleine Kind noch nicht weiß, was „Genug“ und „Kaputt“ und „Vorbei“ bedeuten und sich daher weder als Ursache noch Schuldigen erleben kann, weshalb wir von der kindlichen Unschuld sprechen.

Der erwachsene Mensch aber, der das „Vorbei“ und „Kaputt“ und „Genug“ kennt und es trotzdem allgemein und dauerhaft werden lässt, … dieser erwachsene Mensch wird heute – drei Tage nach der Himmelfahrt Christi – ins Gebet genommen:

Knie dich einmal neben den Apostel Paulus, erwachsener Mensch! … Das ist zwar tief unter deiner Würde und auch außerhalb deines mit der vermessenen Welt geschrumpften Verständnishorizontes. Auf die Knie gehst du ja grundsätzlich nicht, denn demütig zu sein fällt dir schwer, der du die Atolle und das Packeis, die Pampa und die Tundra als Überflieger mit müdem Blick von oben zu betrachten gewöhnt bist.

… Aber  gerade darum tut es dir gut, wie Paulus die Knie zu beugen vor dem Vater im Himmel.

Da kriegst du das seltene Gefühl für die Maßstäbe der Wahrheit: Dass du nicht der Tyrann bist, als der du dich gebärdest, sondern selber einen Auftrag hast. Dein Auftrag, der von oben kommt, ist allerdings von großer Bedeutung – und es lohnt, dafür in die neue Lutherübersetzung zu blicken: Anstelle des vertrauten Satzes „Ich beuge meine Knie vor dem Vater, der der rechte Vater ist über alles, was da Kinder heißt im Himmel und auf Erden“, hören wir nunmehr „Ich beuge meine Knie vor dem Vater, von dem jedes Geschlecht im Himmel und auf Erden seinen Namen hat.“ Im Griechischen allerdings heißt es noch präziser: „Ich beuge meine Knie vor dem Vater, nach dem alles Väterliche, … nach dem alle Verwandtschaft  (πατριά) benannt wird“ … und genau darin besteht der Auftrag für die erwachsene Menschheit: Nicht nur Kinder des Vaters, nein, selber väterlich und mütterlich soll sie sein oder wieder werden.       

Das Vater- oder Muttersein, das der unverheiratete und kinderlose Paulus für seine Gemein-den erbittet, hat mit der biologischen Funktion, gegen die die heutige Genderideologie so empfindlich ist, allerdings wenig zu tun. Die Aufgabe für jeden erwachsenen Christen ist vielmehr die Nachahmung der Väterlichkeit Gottes. Und Gottes Väterlichkeit besteht wie alle menschliche Elternschaft darin, ein Leben, das nicht das eigene ist, bedingungslos bis zum Selbstopfer zu lieben … zu lieben gerade auch darin, dass dieses andere Leben sich selbständig macht und von meinem Leben unterscheidet, ja dass es unabhängig von mir wird und mich - irdisch gesprochen - einst überdauern soll.

Solche urgöttliche Eigenschaft – Liebe für fremdes, schutzbefohlenes und doch eigenständiges Leben als innersten Wesenszug zu verkörpern – , … solche Väterlichkeit und Mütterlichkeit, … solche Berufung, Verwandtschaft mit allem, was lebt, zu empfinden, ist also der tiefste und heilende Auftrag der Christen.

Christ zu sein bedeutet, von der Selbstliebe, von der verzehrenden Sucht, äußerlich und oberflächlich auf alle Fälle mit sich selbst im Reinen zu sein, frei zu werden und stattdessen die endlose Fremdliebe zu üben, die an keinen Schlusspunkt kommt, weil sie universal gilt und weiterreicht als die eigene Zeit und Not, als die eigene Zufriedenheit und das eigene Dasein. ——

Können Menschen das aber?

Können wir so erwachsen, so souverän werden, dass wir Verantwortung auch für das Fremde und Fürsorge auch für die Späteren übernehmen und Unbekannte berücksichtigen und die in der Anonymität Verborgenen bedenken?

Ist ein solches väterlich-mütterliches Verhältnis nicht doch allein auf die eigene Brut und Sippe oder die nachbarlich-vertraute Menschheit beschränkt, die wir sehen, fassen, ansprechen und kennen? …….

Für Christen nicht, ……. nicht nach letztem Donnerstag.

Denn die Himmelfahrt unsres Herrn – sein Eintritt in die Dimension der Grenzenlosigkeit – fordert eine entsprechende Erweiterung im beschränkten Wahrnehmen, Denken und Fühlen seiner Gemeinde: Seit Jesus in die umfassende Wirklichkeit der Gottesgegenwart eingegangen ist, kann die Bindung an seine Botschaft und das Befolgen seiner Weisung und das Nachahmen seines Vorbildes wirklich nichts Engstirniges oder -herziges mehr haben.

Die Unermesslichkeit des Himmels, den Jesus Christus eingenommen hat, ist ja der einzig gültige Maßstab auch jener Herzen, in die er gehört.

Und das ist es, was der Apostel auf Knien auch für uns erbittet: Dass wir wirklich so groß werden, … groß und großzügig genug, um die ganze Welt zu lieben. Paulus bittet darum, dass unser inwendiger Mensch gestärkt wird – gedehnt und umfassend geweitet – nach dem Reichtum der Herrlichkeit Gottes, damit Christus, der jetzt die Maße des Weltalls hat, auch wirklich in unseren Herzen wohnen kann und in der schrankenlosen Reichweite seiner Herrschaft nicht scheitert am Kleingeistigen und Schmalherzigen der Seinen.

An dieser Stelle nämlich – und das heißt: mitten in uns, in unserer menschlichen Mitte – bestätigt sich die Bedeutung des viel zu oft als unverständlich und antiquiert empfundenen Festes Christi Himmelfahrt: Es geht dabei universal wie existentiell schlicht um die endgültige und ewige Entgrenzung des Reiches Christi, dem keine räumliche Trennung und keine Epochenschwelle mehr Begrenzung auferlegt.

Ist Christus, der Menschgewordene tatsächlich der, als den wir ihn bekennen – nämlich Gott! –, dann gebührt ihm allumfassend und ausnahmslos die Macht und Ehre, das Lob und die Herrlichkeit, und dann können die, die an ihn glauben, in ihrem Dasein und Denken nur nach Entsprechungen suchen, die dem Herrn über Alles und dem Helfer Aller gerecht werden.

Und gerade das am überholtesten wirkende Motiv der Himmelfahrt – die spöttisch als Raketenbahn belächelte Aufnahme des eben noch auf Erden Lebendigen in die Wolkendecke der Atmosphäre – kann uns eine wunderbar anschauliche, wissenschaftlich keinesfalls lachhafte Anregung bieten, unser Herz ebenfalls auf die Bahn zu schicken und die Sphären zu durchstoßen, die uns sonst festhalten.

Nie zuvor konnte die Christenheit sich ja so kundig in einem Blick üben, den die Evangelien und die naive alte Kunst exakt beabsichtigten: Erst wir Heutigen im Zeitalter der Raum-fahrt können den liebevollen und andächtigen Alexander-Gerst-Blick hinunter auf die Erdkugel ahnen und nachvollziehen, … jenen Blick, der in der gewaltigen Tiefe des Weltraumes teilnahmsvoll und berührt am Gegenstand der Liebe Christi haftet.

Das, was der Astronaut Gerst Millionen von Zeitgenossen im vergangenen Jahr spüren ließ, als er in der ISS-Raumstation ein Video an seine Enkelkinder[i] aufzeichnete – das von böswilliger Seite natürlich sofort als „Ökoastronautik auf unwissenschaftlicher Grundlage“[ii] verunglimpft wurde –, ist eine wunderbare Himmelfahrtsmeditation. Er spricht darin vom „zerbrechlichen Raumschiff Erde“, das auch nur von seiner astronautischen Umlaufbahn aus viel kleiner ist, als man meinen sollte.

Um wieviel kleiner aber ist diese Erde, auf der Bethlehem und Golgatha und das Auferstehungsgrab des Herrn Jesus Christus sich finden, wenn wir uns vergegenwärtigen, dass dieser Herr Jesus Christus nicht nur den zerbrechlichen Planeten, auf dem er geboren wurde, starb und auferstand, sondern das gesamte, unerforschliche Weltall mit seiner Liebe und ihrer Lebenskraft durchdringt: Jesus Christus – Krippenkind, Gekreuzigter und am dritten Tag aus dem Reich des Todes Auferweckter –… Jesus Christus und kein anderer ist es, der auch das Universum hält, es umwölbt und überbrückt, seit er den Platz ein-genommen hat, den sein Vater ihm bereiten wollte als Herzblut des Kosmos, als schöpferischer Puls der Materie und als Schlussstein bei der Wiederherstellung alles dessen, was zerstört und erloschen ist.

Genau das aber ist die Breite und die Länge, die Höhe und die Tiefe, die wir uns verdeutlichen sollen durch unsern neuzeitlich eröffneten Blick in den Weltraum; das sind die Breite und Länge, die Höhe und die Tiefe, die wir bekennen, indem wir die Himmelfahrt, die universale Raumerfüllung, die kosmische Herrschaft Jesu feiern:

Er ist geboren worden, um neben der Erde und ihrem Trabanten auch die Merkur-, Venus- und  Mars-, die Jupiter-, Saturn-, Uranus- und Neptunsphären des Sonnensystems als Lebens-räume unseres Gottes zu erweisen … die geistigen, die Liebes-, und Kampf- und Machtkonstellationen, die Zeit-, die Todes- und die Tiefensphären der Wirklichkeit.

Und ebenso wie die Liebe Jesu Christi, die alle Erkenntnis übertrifft auch alles bisherige Wissen um unseren Kosmos in seinen Dimensionen vom schwarzem Loch bis zum Zusammenfall des gekrümmten Raum-Zeit-Kontinuums übertrifft, so durchdringt sie das alles doch bis in seine kleinsten Verästelungen, bis in alle Falten, die die Wirklichkeit mathematisch wirft und bis in jeden Winkel, den wir vernachlässigen und veruntreuen.

Versuchen wir also – nach Christi Himmelfahrt, nach seiner Inthronisation und Inklusion in und über dem Ganzen – tatsächlich nichts mehr christuslos, keine Tatsache mehr außerhalb Christi, keine Begegnung mehr christusfrei, jeden Menschen und jedes Ding vielmehr christushaltig und christusweisend zu betrachten, zu erfahren und zu lieben!

Denn dann ist es nicht trivial und auch nicht albern enthusiastisch, sondern ein Aufstieg in die Weite der Himmelfahrt und eine Anpassung unserer beschränkten Kategorien an die Größe der Offenbarung Christi, wenn uns alles in Höhe und Tiefe und Breite und Weite zum Zeugnis für Christus wird und zur Gelegenheit, ihn zu ehren und zu lieben!

Die Koralle ist Teil seiner blutroten Dornenkrone, die wir nicht vergessend verbleichen lassen dürfen, und der Singvogel, die Biene, die Mücke jubeln seinen Namen; Luft und Wasser sind stoffliche Boten dessen, durch den uns innerlich wie äußerlich Leben und Reinheit geschenkt werden, und die Wüste, die Strände und Gletscher der Erde sind Kammern und Kelche, die sein Schweigen, seine Sturmfestigkeit und seine Klarheit speichern; die Blumen spiegeln das paradiesische Licht seines Ostertages und jeder Baum ist Holz vom Holz, an dem er hing, um aus Menschen von Erde nicht nur wieder Erde werden zu lassen, sondern um uns zu pflanzen im Hause des HERRN, wo wir in den Vorhöfen unseres Gottes grünen sollen (vgl.Ps.92,14).

Die Himmelfahrt, die das Weltall Breite mal Länge, Höhe mal Tiefe als jenen Raum ausmisst, in dem Jesus Christus, der Herr gegenwärtig ist, … die Himmelfahrt lehrt uns also wirklich die ganze Fülle Gottes zu erlangen in unserem Bekenntnis und unserm Schauen. ———

Und zusammengefasst ist das alles – diese weltumspannende Weite, diese Abgrund und Höhe verbindende Achse – … zusammengefasst ist das alles in jenem allerschlichtesten Zeichen, das wir eigentlich lange genug den orthodoxen und orientalischen und katholischen und den traditionell lutherischen Christen überlassen haben, als beträfe es uns nicht.

… Dabei hat Luther den Morgen und den Abend in seinem Katechismus zwar mit dem gebe-teten Segen empfangen, doch zuvor sagt er – und so steht’s bis heute in unserm Gesangbuch (vgl. EG 863 & 894):

„Des Morgens, so Du aus dem Bette fährest, / des Abends, wenn du zu Bette gehest, sollst Du Dich segenen mit dem heiligen Kreuz und sagen:

Des walt Gott Vater, Sohn, heiliger Geist, Amen.“[iii]

Und für Bonhoeffer in seiner Zelle, in der er beinah zwei Jahre ohne Gottesdienst und ohne den Trost des Sakramentes des gegenwärtigen Christus leben musste, war es von entscheiden-der Wichtigkeit, sich im Kreuzzeichen über den eigenen Körper der Liebe Christi, die alle Erkenntnis übertrifft und der ganzen Fülle Gottes vergewissern zu dürfen[iv].

… Wer immer also die anerzogene Unbeweglichkeit unserer Glieder ablegen kann und mit allen Heiligen die Breite und die Länge, die Höhe und die Tiefe ausmisst, die Kopf und Kör-per, Herz und Gegenseite verbindet, der setzt im Bekreuzigen ohne Worte ein schlichtes, unumstößliches Zeichen dafür, wer im eigenen Leib und Leben und in Welt und Welt-raum der Herr ist.

… Mit einem entscheidenden Zusatz, der jener großen Welt- und Menschenliebe entspricht, die von dem Vater kommt, von dem alle Väterlichkeit und die ganze Familie der Lebendigen auf Erden ihren Namen hat. Diesen Zusatz hat ein buddhistischer Mönch, als er zum ersten Mal sich bekreuzigende Christen erlebte, so formuliert:
Wer über sich das Zeichen des Kreuzes Christi macht, muß alle leidenden Menschen auf der Welt umarmen wollen.“[v]

So ist es.

So zeigt es das Kreuz. Denn in seinem Zeichen sind wir in der Liebe eingewurzelt und gegründet, … in der Liebe, die in den Himmel aufgenommen wurde, um alle und alles zu erfüllen!

Amen. 



[iii][iii] Vgl. Martin Luther, Kleiner Katechismus – „Wie ein Hausvater sein Gesinde soll lehren, morgens und abends sich zu segenen“, in: Die Bekenntnisschriften der evangelisch-lutherischen Kirche, hhg. Im Gedenkjahr der Augsburgischen Konfession 1930, 11.Aufl., Göttingen, 1991, S.521f. Schon die Zwischenüberschrift dieses Abschnitts zu den Gebeten der Tageszeiten belegt, wie essentiell die Bekreuzigung im Sinne der persönlichen Aneignung des Segens für Luther war.   

[iv] Vgl. Eberhard Bethge, Dietrich Bonhoeffer: Theologe. Christ. Zeitgenosse – Eine Biographie, München 1967, S. 956: „Das Bedürfnis des Isolierten nach zeichenhafter Gewißheit führte dazu, daß er sich nach Luthers Anweisung mit dem Kreuz segnete.“

[v] Der amerikanische Trappist Thomas Merton hat im 20.Jahrhundert eine Verbindung zwischen christlichen und zen-buddhistischen Meditationsweisen erkannt und einen folgenreichen Austausch darüber angeregt. Aus dem Zusammenhang der ersten Tagungen zu dieser Thematik dürfte das Zitat des buddhistischen Mönches stammen, das sich findet in: Balthasar Fischer, Das Kreuzzeichen – aufzugebender oder beizubehaltender katholischer Brauch? (1979), in: Ders.,  Redemptionis mysterium – Studien zu Osterfeier und zur christlichen Initiation, Paderborn 1992, S.171.

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