1.n.Epiphanias (Taufe Christi), 13.01.2019, Stadtkirche, Josua 3,5-11.17, Jonas Marquardt

Predigt Kaiserswerth 1.n.Ep. - 13.I.2019                                                                                                             

            Josua 3, 5-11.17

Liebe Gemeinde!

Wenn das Kindlein endlich frische Windeln hat und nicht mehr die strohjuckigen, die die Hirten und die Weisen alle andächtig anfassen wollten, und wenn seine Nase geputzt ist, weil es sich ja einen ersten Schnupfen holen musste bei der Rührung der vielen schmuddeligen und prächtigen Fremden, die es ungefragt küssten, und wenn dann noch „Maria lactans“ – wie die Kunstgeschichte sie nennt – seinen großen kleinen Lebenshunger für den Augenblick stillen konnte und es also nachweihnachtlich rundherum friedlich wird, … dann ist jedenfalls kaum die Zeit für fromme Feldzüge oder biblische Eroberungsreisen, sondern endlich mal für’s Verschnaufen im Glaubensbetrieb.

Es reicht doch wohl, dass das Jahr schon wieder munter und katastrophal weitereilt und Kriege und Mauerträume und Schneeheimsuchungen und Demokratiekrisen uns daran erinnern, dass die Welt nicht heil ist, auch wenn wir gerade das neugeborene Heil dieser Welt gefeiert haben. …….

Warum sollten wir uns dann aber – nach unserer revidierten Perikopenordnung – mit der mühsamen Ur- und Frühgeschichte des feierlichen Übergangs der wandernden Israeliten über den Jordan beschäftigen?

Dieses Stadium zwischen der Wüstenwanderung – die immerhin ja für Aufbruch und Freiheit steht – und der bescheidenen Zeit der Sesshaftwerdung, in der die Richter Israels Macht allenfalls zur Selbstverteidigung nutzten, passt schlecht in das friedlich-harmlose Bild, das wir Christen gern von der Botschaft der Bibel entwerfen wollen.

Am Ufer des Jordan, wo die lange heimatlosen Wanderer sich anschicken, hinter dem beweglichen Zentralheiligtum ihres Bundes – der Lade mit den Gesetzestafeln – die Grenze zum Milch-und-Honig-Land zu überqueren, liegt ein Knotenpunkt, ja ein Knäuel von mehr als dreieinhalbtausend Jahren Weltgeschichte. … Wäre der Weg der Wüstenwanderer an dieser Stelle nicht weiter gegangen, wären sie auf den Höhen des Jordangraben abgebogen oder umgekehrt, so wäre die Welt, wie wir sie kennen, eine ganz andere:

Ohne die Einwanderung der zwölf Stämme der Jakobskinder, ohne ihre Landnahme in Kanaan gäbe es die drei Weltreligionen, die den einen Gott bekennen jedenfalls nicht. … Wenn der Befreier, der durch Mose das Leid der Sklaven in Ägypten beendete, nicht auch der Wegbahner und Worthalter, wenn Er nicht auch der Heimatgeber und Verheißungserfüller geworden wäre, Der tatsächlich für Seine Bundesgenossen ein neues Leben in einem Land für ihre Zukunft, in einem Reich für ihre Kinder und einer Stadt voller Friedenshoffnung stiftete, … wenn Gott auf den Auszug also nicht auch einen Einzug hätte folgen lassen, wäre kein David und kein Davidssohn aufgekommen, … kein Prophet und kein Gericht und keine Vergebung, keine Verbannung aus dem Heiligen Land und keine Hoffnung auf endgültige Wiederkehr, dann aber auch keine Messiaserwartung und keine Reich-Gottes-Sehnsucht und damit auch kein Menschheitsgedanke, keine Weltmission, kein Israel, keine Kirche, die das überall hintragen, keine heilige Schrift und keine Gottsuche in allen Ländern, keine Völkerfamilie in der Taufe, und auch den längst nicht mehr bloß religiösen Fortschrittstrieb gäbe es nicht, … es gäbe nirgends ein universales Ziel der Verantwortung, gäbe keine Heils-Dynamik unseres Daseins, … gäbe keine Aussicht, dass die Erde allen Lebendigen eine Heimstatt und Recht bieten soll und der Himmel einst wirklich das Kanaan sein wird, in dem wir ewig bleiben dürfen.

Ohne die Überquerung dieses Flusses damals, ohne diesen Schritt hinein in Gefahr und Flut und Unsicherheit, wäre unermesslich viel Gutes nicht gekommen.

……. Aber natürlich auch nicht das viele Schreckliche, dessentwegen wir die Jordanfurt, durch die sie zogen, als Einbruch größter Probleme in die Wirklichkeit erfahren:

Wäre Israel nomadisch geblieben, hätte es immer wieder andere, aber eben wechselnde Kämpfe um Weiden und Wasser und Bleiberechte geführt und der Menschheit wäre es erspart geblieben, bis heute zu fragen, ob es nun einen Platz für Gottes Erwählte gibt, oder ob die alten Mächte ältere Rechte, ob ursprüngliches Bewohntsein und Gewohntsein stärkere An-sprüche darstellen als der biblische Aufbruch Gottes.

Ohne den Einzug der Landlosen in das Land, in dem Kanaaniter, Hetiter, Hiwiter, Perisiter, Girgaschiter, Amoriter und Jebusiter siedelten, wäre aber nicht nur das Ringen der folgenden drei Jahrtausende um diesen schmalen Streifen zwischen Mittelmeer und Jordan unterblieben, sondern zahllose andere Konflikte, bei denen die Nobodies die Etablierten, bei denen die Verzweifelten die Unbeteiligten, die Abenteurer die Eingerosteten, die Vagabunden die Unbeweglichen, die Pioniere die Verschanzten, die Fremden die Einheimischen aufstörten, hätten kein derart erhabenes und leuchtendes Vorbild gefunden, und andere Eroberungen – die Kreuzzüge und Neuland- und Kolonisierung- und Unterwerfungsphantasien gerade der christlichen Welt, aber auch die gewaltsame Verbreitung der islamischen Gemeinschaft in alle vier Himmelsrichtungen – hätten in keinem heilsgeschichtlichen Muster ihre Berechtigung gefunden.

Ein Israel, das die Grenze des Jordan nicht überwunden hätte, hätte womöglich für eine viel statischere Welt gesorgt – jedenfalls geistlich. Es wären die Griechen oder Perser, die Römer oder Hunnen gewesen, die rund um das Mittelmeer für Bewegung … aber auch Schrecken, für Wandel … aber auch Gewalt, für Entwicklung … aber auch Verheerungen gesorgt hätten. ———

Wie also ist das mit der erschöpften Friedensstimmung, in der wir vielleicht sein mögen zu Beginn dieses Jahres, dessen Losung uns ja leider so rastlos und unbequem daher kommt: „Suche Frieden und jage ihm nach“ (Psalm 34,15)?

Wie ist das mit der nachweihnachtlichen Lethargie und dem politischen Wunsch, es möge in der Welt endlich einmal wieder alles reibungslos ruhig und nicht immer so hektisch, so herausfordernd, so unübersichtlich und unabsehbar zugehen? …….

Wäre es nicht eine Wohltat, wenigstens am Jordan haltmachen zu können und sich also nicht schon am zweiten Sonntag des Jahres in die ungelösten Verstrickungen der Jahrtausende und deren Auswirkungen für die Gegenwart zu stürzen?

Sollen wir also dem Josua und den Priestern, die da Gottes Wort in der Bundeslade hinunter zum Wasser tragen, nicht einfach die Gefolgschaft kündigen?

… Wir bleiben stehen! … Oder machen’s gleich wie so viele unserer Zeitgenossen und gehen rückwärts! Rückwärts wie Großbritannien, das vom Empire träumt, rückwärts wie die Großmächte, die sich kalte Kriege und Mauern zurückwünschen, rückwärts wie die Demagogen ganz Europas, die dasselbe wollen wie die Islamisten: Eine vergangene Welt des Vertrauten ohne alle Veränderung. ——

Also: Abblasen den Durchzug! Kompanie halt! Keine nassen Füße, keine schmutzigen Hände mit dem ganzen heilsgeschichtlichen und historischen Schlamassel des Streits um das Heilige Land und den richtigen Weg und die bessere Gerechtigkeit und den sicheren Frieden.

Das Kindlein hatte doch frische Windeln, eine saubere Schnute und Schlafbäckchen. Stille Nacht. ——

Wo aber ist das Kindlein???

Die Krippe ist leer.

Die Hirten sorgen sich wieder um neugeborene Schafe.

Die Weisen grübeln, was der Stern und das Bettelbaby denn nun tatsächlich bedeuteten.

Die anderen Kindlein von Bethlehem sind ermordet.

Herodes bleibt seine geisteskranke Gänsehaut.

Augustus hat seine Steuerlisten.

Die ausgepressten Judäer und Galiläer ächzen unter der römischen Knute und warten auf die Erlösung.

… Und das Kindlein, das Ägypten inzwischen am eigenen Leib erfahren hat, das in das „Haus der Knechtschaft“ (vgl. 2.Mose20,2)  fliehen musste und dann in Nazareth das verborgene Leben des irdischen Alltags mit Handwerk und Geldverdienen und Beerdigungen und ab und an mal einer Hochzeit wie in Kana erlebt hat, … das Kindlein ist da, wo wir heute umdrehen und nicht hinunter in die schwierigen Weltverhältnisse wollten:

Es steht in der Jordansenke, dort wo die Erde geologisch alsbald den tiefsten Punkt erreicht und das Rauschen der Wasser für biblisches Empfinden immer auch etwas von Urflut und Verderben und elementarer Bedrohung ahnen lässt.

Dort am Jordan steht Jesus. Der heute nicht mehr Windeln und Sauberkeit und Muttermilch braucht, sondern schon dreißig Jahre alt ist und die Räude und Krätze und Schwielen und Staubigkeit kennt, die die anderen da aufdecken, die wie er hinein in das Wasser waten, wo der Gerichtsprophet sie erwartet und in die Tiefe drücken wird.

Und in Wahrheit ist der dreißigjährige Jesus am Jordan noch viel, viel älter.

Denn wenn die ersten Christen, die Jünger Jesu, die Apostel und Evangelisten und alle Griechisch sprechenden Gemeinden und Gelehrten der Antike das Buch Josua aufschlugen, um zu lesen, wie es war, als die neue Zeit nach der Befreiung begann, wie es war, als der Exodus zur erfüllten Verheißung wurde und das Leben der Erlösten anfing, sich mitten in der Wirklichkeit durchsetzen zu müssen, … wenn die alte Kirche also das Schwellenkapitel las, in dem die Gemeinde Gottes an der Grenze zu ihrer Bestimmung stand und zauderte, ob sie den Schritt in die Konflikte der Realität drüben wagen sollte, dann stand da im Hebräischen wie im Griechischen … „Jesus“ am Jordan.

Denn in beiden Sprachen ist zu erkennen, dass sie Träger des gleichen Namens sind: Der Mann, der aus dem Wüstentraum von Heil und Heimat eine Tatsache zu machen begann und der Mann, der gekommen ist, um trotz Schuld und Tod den Weltenwunsch nach Leben und Gerechtigkeit im Reich Gottes zu vollenden. Sie heißen beide „Jehoshua“ in der Sprache des Alten und „Jesus“ in der Sprache des Neuen Testaments.

Und sie sind beide die Überquerer des Jordan, jener Grenze zwischen Hoffnung und Realisierung, jener Barriere zwischen frommen Wünschen und deren weltlicher Verwirklichung.

Wenn daher die Alten lasen, was unsere neue Perikopenordnung uns heute – am Sonntag, der der Taufe Christi gewidmet ist – aufgeschlagen hat, dann klang es für ihre Ohren so:

„Und Jesus sprach zum Volk: Heiligt euch, denn morgen wird der HERR Wunder unter euch tun. … Und der HERR sprach zu Jesus: Heute will ich anfangen, dich groß zu machen vor ganz Israel, damit sie wissen: Wie ich mit Mose gewesen bin, so werde ich auch mit dir sein. … Und Jesus sprach zu den Israeliten: Herzu! Hört die Worte des HERRN, eures Gottes! Daran sollt ihr merken, dass ein lebendiger Gott unter euch ist und dass er vor euch her vertreiben wird die Kanaaniter.“

Und genau so verstanden die Alten, unsere hellhörigen Vorfahren auch die Taufe Christi: Sie ist tatsächlich der erste und tatsächlich auch schwere, gefährliche, aber umso notwendigere Schritt des Christus in die Spannungen und Konflikte, in die Verwirrungen, Kämpfe und Anfechtungen der Menschheitsgeschichte, die doch durch Christi Erscheinen und Eintritt zugleich die Geschichte der kosmischen Erlösung werden soll.

Der Abstieg Christi in den Jordan ist die Konsequenz seiner Menschwerdung, indem sie noch weiter hinunter als in die äußere Armut und Not der Krippe führt. Mit diesem Schritt in Richtung der verschlingenden Tiefe, mit diesem Schritt in Richtung des buchstäblichen Untergehens fängt der Weg in den Widerstand der ungezähmten Elemente, der Weg ins Chaos, der irdische Weg ins Unterirdische an.

Stehenbleiben und Zusehen ist also keine Wahl für den, der uns und allen helfen will.

Umzukehren und einfach liegen zu lassen, was an guten und an elenden Möglichkeit überm Jordan auf Gott und seine Menschen wartet, ist nicht denkbar, wenn er der Christus ist.

… Er muss sich stellen, muss sich einlassen, muss hinein, hinunter und hindurch.

Und indem er in den Jordan, in den tiefen Graben, der zum Toten Meer strömt, steigt, wiederholt sich auch bei der Taufe Jesu das Wunder des Durchgangs unter Josua, dem ersten Jesus: Der Jordan tötet nicht, sondern führt ins Leben; es ist nicht Vernichtung, sondern Veränderung, die sich dort auftut.

Und gerade wenn es danach weiter geht in die schwierigen, steinigen und streitigen Gefilde der Wirklichkeit: Seit Jesus in den Strom, der bis zur Unterwelt reißt, getreten ist, hat der seine Schrecken verloren und zeigt sich als eine Brücke zum jenseitigen Ufer.

Die orthodoxe Kirche feiert in diesem hochsymbolischen Eintauchen Jesu ins unheimliche unstete Element schon die Durchdringung aller Wirklichkeit durch den Heiligen Geist. Mit der Taufe im Jordan fängt der Sieg Christi über alles Chaos an, er ist die Weihe der tosenden, vernichtenden, … belebenden Wasser.

Und auch wenn uns dieses Denken fern gerückt ist: In der Verbindung des ersten und des zweiten Jesusweges in den Jordan zeigt sich auch uns, dass wir – umgangssprachlich – nicht mehr baden gehen können, seit der Herr in die Gewässer und Untiefen dieser Welt kam!

Vielmehr rufen alle Orte und Anfänge, ruft alle Wirklichkeit und schließlich auch jede Herausforderung einfach nur kristallklar danach, dass wir uns in sie hineinbegeben wie Josua, wie Jesus in den Jordan; Krisen und Konflikte sollen wir durchstehen wie Jesus, wie Josua in jenem Flussbett standen, und Schwellen, Gräben und Grenzen gilt es ohne Furcht zur Furt zu machen, um Strudel und Abgründe zu überqueren in Richtung der versprochenen Zukunft.

Das ist der ermutigende Aufbruch der Taufe im Jordan: Dass wir in das Jahr und die Welt und die Geschichte ziehen und dabei wissen, dass ein lebendiger Gott über Wasser und Erde und Himmel gebietet und dass Er mit uns ist, bis wir und alle durch Ihn und bei Ihm am Ziel sind!

Amen.

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