Altjahresabend 2018, Mutterhauskirche, Ps.34,15, Ulrike Heimann

Text: Ps.34,15 (Jahreslosung 2019)

Liebe Gemeinde, zum Jahresende legt es sich nahe, einmal zurückzublicken auf die vergangene Zeit, auf das, was gewesen und geschehen ist Anno Domini 2018, Erinnerungen aufzufrischen an Ereignisse, die einen bewegt haben im guten oder erregt haben im negativen Sinn. Allerdings hat uns gerade das Jahr 2018 selbst eine ganze Reihe Ereignisse in der Geschichte in besonderer Weise in Erinnerung gebracht:

1618 - vor 400 Jahren - begann der Dreißigjährige Krieg, der große Teile Europas in Schutt und Asche legte und zusammen mit seinen „Begleitern" Hunger und Seuchen jeden dritten Europäer das Leben kostete. 1918 - vor 100 Jahren -  endete der 1.Weltkrieg, der mit einer bis dahin unvorstellbaren Grausamkeit geführt wurde und in dessen Materialschlachten über 10 Millionen Soldaten auf allen Seiten ihr Leben ließen.

Im Mai 1948 - vor 70 Jahren - erfolgte die Gründung des Staates Israel. Eine sichere Heimstatt für alle Juden sollte er sein nach den Schrecken des Holocaust, aber Frieden hat sich seitdem in der Region nicht eingestellt.

Nicht zuletzt aufgrund der erlebten Gräuel, die der 2.Weltkrieg  mit sich brachte, wurde ebenfalls vor 70 Jahren die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen in New York verkündet.

Vor dieser historischen Folie bleibt einem dann nur das große Kopfschütteln angesichts vieler Ereignisse im vergangenen Jahr, die die Frage aufwerfen: Hat die Menschheit, haben wir gar nichts gelernt, gar nichts begriffen?

Nur ein paar Beispiele:

Der Brexit mit allen Auseinandersetzungen: als wenn Europa ein Konzern ist, der umgebaut und teilweise veräußert werden soll, wo es ums Geschäft geht und um Gewinne, die keiner dem anderen gönnt; dabei geht es um so viel mehr: um den Frieden zwischen Völkern, die sich jahrhundertelang bekriegt haben; um Verständigung zwischen Millionen Menschen, die sich dank offener Grenzen mittlerweile angstfrei begegnen können und viele Vorurteile abbauen konnten.

Da ist das Aufblühen des vor allen Dingen rechten und nationalistischen Populismus, der das Friedensprojekt Europäische Union in große Gefahr bringt. Als könnte es ein nationales Wohlergehen geben, ohne Rücksichtnahme auf das Wohlergehen der Nachbarstaaten. Dummheit ist wirklich gefährlicher als Bosheit.

Das Paradebeispiel liefern dazu die Vereinigten Staaten. Donald Trump ist sicher ein pathologischer Lügner und gewissenloser Narziss der Extraklasse, aber gefährlich konnte er nur werden durch die unglaubliche Dummheit von Millionen Amerikanern, die ihn gewählt haben und durch die Charakterlosigkeit von Menschen, die um des eigenen Vorteils willen sich von ihm in Dienst haben nehmen lassen.

Ach ja, die Zahl der Flüchtlinge, die im letzten Jahr nach Deutschland gekommen sind, liegt deutlich unter der CSU-Obergrenze von 200000. Horst Seehofer kann also aufatmen, ebenso die Bundesregierung. Wer nicht aufatmen kann, sind die Flüchtlinge, denn die Fluchtursachen sind ja nicht geringer geworden, sodass es weniger Flüchtlinge auf der Welt gibt. Nein, die Grenzen nach Europa sind nur dichter geworden. Das Friedensprojekt Europa ist von außen betrachtet ein Festungsprojekt geworden. Als wenn es den Menschen auf unserem Kontinent auf Dauer gut gehen kann, ohne Rücksichtnahme auf das Wohlergehen der Menschen in Afrika, Asien und Lateinamerika. Wenn der Apostel Paulus das Bild vom Leib seiner Gemeinde in Korinth vor Augen malt und ihr ins Stammbuch schreibt, dass das Leid, die Not des einen Gliedes den ganzen Leib betrifft, so gilt das auch für das Ergehen der Menschheit insgesamt auf dieser Erde.

Bislang ist es vor allen Dingen den Menschen in der westlichen Welt, also auch uns in der alten Bundesrepublik, weitest gehend gelungen, uns die negativen Folgen dieser Wahrheit vom Leib zu halten. Die Umweltzerstörungen, die gesundheitlichen Folgen und die sozialen und kulturellen Verwerfungen, die unsere kapitalistische Konsumgesellschaft nach sich zieht, haben wir jahrzehntelang „outgesourced" in die Länder der sog. Dritten Welt, der ehemaligen europäischen Kolonien vor allen Dingen. Als diese Länder unabhängig wurden, fanden sich dort genügend skrupellose, korrupte und geldgierige Potentaten, mit denen unsere Regierungen ihre Politik fortsetzen konnten. Der simple Nenner lautete: ihr lasst unsere Konzerne eure Bodenschätze und natürlichen Ressourcen ausbeuten und ihr bekommt dafür eure Luxusgüter und Waffen, um die eigene Bevölkerung still zu halten. Nach diesem Prinzip funktioniert bis heute der „freie" Welthandel, die „freie" Wirtschaft.

Seit dem Fall der Mauer 1989 ließ sich allerdings dieses Prinzip - für uns die positiven Seiten der Globalisierung und für die anderen, die weit weg sind, die negativen Folgen - so nicht mehr durchhalten. In den westeuropäischen Gesellschaften wächst seitdem die Schicht der sozial abgehängten und armen Menschen. Die Gelbwesten-Bewegung in Frankreich machte in diesem Jahr deutlich, dass die soziale Frage - jenseits von populistischen Hetzern -  eine nicht zu unterschätzende Bedrohung für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und Frieden ist.

Dass wir, dass die Menschheit ihr Zusammenleben und Arbeiten, ihr Wirtschaften und Handeln ganz neu denken und ausrichten muss, das macht der drohende Kollaps des Klimas und der Weltmeere  - eigentlich - unmissverständlich klar. Der heiße, trockene Sommer sollte uns hier deutlich mehr aufregen, als der Dieselskandal. Es wird nicht reichen, die Deiche an den europäischen Küsten zu erhöhen, neue Bewässerungssysteme in der europäischen Landwirtschaft einzuführen, die Versicherungspolicen für Sturm- und Unwetterschäden zu erhöhen und Plastiktüten zu verbieten - und ansonsten weiterzumachen wie bisher. Es entzieht sich unseren heutigen Vorstellungen, was für Flüchtlingsströme in Gang gesetzt werden, wenn klimabedingt riesige Landflächen unbewohnbar oder vom Wasser verschlungen werden. Anders als die Erzählung von der Sintflut im 1.Buch Mose, die auf eine lokale Katastrophe in der Frühzeit des Menschen zurückzuführen ist, wird die klimabedingte Sintflut eine globale sein. Wir sollten klüger sein als die Zeitgenossen des Noah und uns warnen lassen, umdenken und umkehren.

Darauf zielt auch die Jahreslosung für 2019 ab, ein Vers aus dem 34.Psalm: „Suche Frieden und jage ihm nach!"

Den Verantwortlichen für die Jahreslosung ist sicher wichtig gewesen, dass es ein Wort ist, das prägnant und gut merkbar ist - in Zeiten von Twitter also möglichst kurz. Es wäre aber besser gewesen, wenn sie den ganzen Vers 15 genommen hätten, nicht nur die zweite Satzhälfte. Vollständig heißt er: „Lass ab vom Bösen und tu Gutes; suche Frieden und jage ihm nach."

Den Frieden zu suchen ist keine rein gedankliche Geschichte. Es hilft nicht, für den Frieden zu sein.

Der Frieden muss getan werden.

Friedenssuche ist mit Arbeit verbunden.

Sie erfordert Anstrengung.

Sie erfordert die Bereitschaft zum Konflikt.

Die erste Auseinandersetzung muss jeder mit sich selbst führen.

Jeder muss bereit sein, hinzusehen, wie und wo er selbst verstrickt ist in all die Ungerechtigkeiten und Heillosigkeiten in unserer Gesellschaft und in unserer Welt. Ohne die Bereitschaft, die Verstrickung in die strukturellen Sünden unserer Zeit anzuerkennen, würden wir in die Falle der Selbstgerechtigkeit laufen.

„Lass ab vom Bösen und tu Gutes." Das hört sich so einfach an, aber es ist oft ganz schwer umzusetzen und durchzuhalten in unserer komplexen Welt.

Gewiss, jeder kann angesichts der Klima- und Umweltschädlichkeit der Massentierhaltung - ganz abgesehen von dem Leiden der Tiere - für sich selbst entscheiden, Vegetarier oder Veganer zu werden oder wie es vor 60 Jahren der Fall war, nur einmal in der Woche Fleisch zu essen. Je mehr so leben, umso besser.

Aber was ist mit den deutschen Waffenexporten? Deutsche Waffen bringen den Tod zum Beispiel im Jemen. Allerdings sorgen sie auch für Arbeitsplätze z.B. bei Rheinmetall in Düsseldorf. Und bringen so Geld über die Kirchensteuer in unsere Kirchen und Gemeinden. Und finanzieren über die Aktienmärkte die Pensionsfonds der Renten- und Versicherungskassen - finanzieren unseren Wohlstand mit. Hier vom Bösen abzulassen, tut richtig weh. Wie kann hier das Gute aussehen, das wir tun sollen?

„Suche Frieden und jage ihm nach." Eine höchst anspruchsvolle Angelegenheit, die uns, wenn wir es ernst meinen, alles abverlangt: umdenken, umkehren, sich bescheiden.

Und das nicht nur im politischen und wirtschaftlichen Bereich, sondern auch im geistlich-religiösen.

Ich bin der festen Überzeugung, dass den Religionen in der Friedensfrage genauso wie in der Frage nach der Zukunft der Menschheit angesichts all der drohenden  Gefahren eine Schlüsselrolle zufällt. Allerdings muss jede ihr Friedenspotential befördern - und dafür das Gewaltpotential, das in jeder Religion zu finden ist, hinter sich lassen. Eben das Gute tun, das, was dem Frieden und dem gedeihlichen Zusammenleben der Menschen und Völker dient, und das Böse lassen, das, was zu Abgrenzung und Abwertung von anderen führt.

Auch wir Christen müssen uns da selbstkritisch befragen. Wovon müssen wir uns verabschieden und was müssen wir stark machen, welche Gedanken und Haltungen fördern, um so dem Frieden nachzujagen?

Vor allen Dingen müssen wir uns von dem Anspruch verabschieden, unser Glaube sei der einzig richtige, nur wir hätten die Wahrheit. Keine Religion hat die ganze Wahrheit, die völlige Gotteserkenntnis. Jede Religion kann nur Zeugnis davon geben, was ihr durch den Geist Gottes an Erkenntnis gegeben wurde - abhängig von Zeit und Raum. Und darauf käme es gerade in unserer globalisierten Welt doch an: dass wir ein brennendes Interesse daran haben müssten, voneinander zu erfahren, was uns jeweils der Geist Gottes an Erkenntnissen über das Leben und die Welt, über den Sinn unserer Existenz und das Ziel der Schöpfung vermittelt hat.

Jede Religion ist mit ihrer Wahrheit wie ein Instrument, und die Menschen, die sich ihr verbunden fühlen, haben die Aufgabe, diesem Instrument möglichst reine und wohlklingende Töne zu entlocken, die das Herz aller Hörer erfreuen.

Gott hat nun einmal Gefallen daran gehabt, sich ein Orchester zu schaffen mit den unterschiedlichsten Instrumenten, sprich Religionen, Konfessionen und Glaubensweisen. Jedes Instrument wird gebraucht, jedes ist ihm wert und wichtig. Denn erst alle zusammen können die Sinfonie des Lebens zum Klingen bringen. Allerdings machen Gott die Musiker bislang einen Strich durch die Rechnung; sie verweigern das Zusammenspiel; jeder meint, immer die erste Geige, die dröhnende Pauke und die lauteste Trompete sein zu müssen und natürlich jeder in seinem eigenen Takt.

Aufeinander zu hören, den Klang des anderen wahrzunehmen, gerade auch die leisen Töne und sich dann im Zusammenklang auch getragen zu fühlen in der Gemeinschaft, das wäre es doch.

Eine Erfahrung dieser Art konnten wir gestern im Gottesdienst machen. Da wurde eine Ansprache des hinduistischen Dichters Rabindranath Tagore vorgetragen, die dieser am Weihnachtsfest 1910 in seinem Aschram in Indien gehalten hatte. Mit wieviel Liebe und Achtung sprach Tagore da von Jesus und von dem, was er ihm, dem gläubigen Hindu, zu sagen hat. Er sagte: „Wir haben viele große Gestalten hinter unüberwindbaren Zäunen abgesondert wie Fremdkörper. Doch diese Menschen gehören der ganzen Welt. Die Vorsehung hat sie geschickt, um die ganze Welt zu bereichern, und wir sind so überheblich, sie auszugrenzen. In dieser Haltung verharrten wir lange Zeit ohne jedes Interesse für Jesus, die große Seele." Und dann sprach er davon, dass er in dem, was Jesus gesagt und getan hat, vieles entdeckt hat, was seiner eigenen religiösen Tradition ganz ähnlich ist.

Mir ist da ein Vers aus dem Buch des Propheten Micha in den Sinn gekommen, der wie ein verbindender Grundton in dem Orchester der Religionen sein kann: „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Barmherzige von dir fordert: Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott." (6,8) Jeder hört auf die Worte, die ihm als Gottes Wort zugekommen sind, jeder übt sich in der Liebe, nämlich den anderen so anzunehmen, wie er ist, und jeder erkennt an, dass er ein Mensch ist mit Schwächen und Grenzen, angewiesen auf Barmherzigkeit und Vergebung.

Unter diesem Vorzeichen kann der Glaube, die Religion eine enorme Friedenskraft entfalten. Und auch im Hinblick auf die notwendige Veränderung unseres Lebensstils sehe ich hier die große Chance für unsere Erde, für das Klima: dass jeder bereit ist, sich zurückzunehmen und zu begrenzen - um des Ganzen willen. Dass es nicht mehr darum geht, was jeder sich leisten kann, sondern was sich die Menschheit leisten kann - mit Blick auf die begrenzten Ressourcen der Erde, mit Blick auf das Lebensrecht aller anderen Geschöpfe.

„Suche den Frieden, den Schalom und jage ihm nach."

Mit aller Kraft, jede und jeder mit ihren, seinen Möglichkeiten.

Ich möchte schließen mit einem Mut machenden Beispiel, mit dem vor 14 Tagen die Rheinische Post aufwartete:

Da gab es einen Artikel über die Schwedin Greta Thunberg, die 9 Jahre alt war, als sie zum ersten Mal vom Klimawandel hörte. Sie konnte nicht begreifen, warum nicht viel mehr Menschen versuchen, etwas zu verändern. Sie selbst hörte auf, Fleisch zu essen und beschloss, nicht mehr mit dem Flugzeug zu fliegen. Auch ihre Eltern konnte sie überzeugen. Die Familie fährt nun E-Auto und nutzt Solarenergie. Mittlerweils ist sie 15 Jahre alt und landesweit bekannt. Jeden Freitag bestreikt sie die Schule und protestiert damit gegen die Tatenlosigkeit der Regierenden und Erwachsenen: Warum sollten Junge für eine Zukunft lernen, wenn niemand genug tut, damit es diese für ihre Generation überhaupt gibt? Auch Gleichaltrige steckt die 15-jährige an. Weltweit machen es ihr Schülerinnen und Schüler nach und demonstrieren unter dem Stichwort „Fridays for Future".

Gretas Botschaft an uns: „Wenn ein paar Kinder auf der ganzen Welt Schlagzeilen machen können, weil sie einfach nicht zur Schule gehen, dann stellt euch vor, was wir gemeinsam erreichen könnten, wenn wir es wirklich wollen würden."

Darum: „Lass das Böse und tu das Gute; suche Schalom und jage ihm nach." Versuchen wir es doch mit ganzer Kraft im neuen Jahr.

Amen.

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