2.Christtag 2018, Stadtkirche, Jesaja 62, 1- 5, Jonas Marquardt

Predigt Kaiserswerth 2.Christtag 2018                                                                                                                 

               Jesaja 62, 1–5

Liebe Gemeinde!

Wer sitzt eigentlich noch am zweiten Christtag, dem dritten Tag unserer Weihnachtsfeiern – außer aus Bequemlichkeit oder Versehen – unterm Baum oder an der Krippe?

Allmählich sollte man doch machen, dass man weiter kommt: Gäste haben lang genug für Aufwand gesorgt; Chorsänger sind überwiegend heiser vor lauter Einsatz; das Fernsehprogramm ist vollständig an der Wiederholungstaste eingerastet und selbst die Kinder dürften froh sein, irgendwann nicht noch mehr auspacken und bespielen zu müssen. …….

Weihnachts-Kehraus: Baum nadelt, Stern flackert, Hose spannt, Familie nervt. Vorhang, bitte!

… Aber da sind ein paar Hartnäckige, die einfach keinen Wink mit dem Zaunpfahl verstehen wollen, … die immer noch auf irgendwas zu warten scheinen, obwohl der ganze Zinnober doch durch ist. Und trotzdem tatsächlich immer noch solche, die nicht satt sind, … stur auf Kindchen-Schau, … schlimmer noch: Regelrechte Gottsucher, Erlösungssammler, richtige hardcore Christus-Abhängige.

In Gesellschaft solcher Leute fühlt der normale Weihnachtschrist sich eher unwohl, weil sie nicht nur so irre humorlos den Absprung in’s gesunde „Nächstes-Jahr-dann-wieder“-Gefühl verpassen, sondern sie sehen tatsächlich auch noch aus, als hätten sie die ganze Sache nötig.

Doch genau ihnen – den etwas beladenen Trostbedürftigen, die von Weihnachten (d.h. aber ja: von Gott!)  mehr erwarten, als andere sich das überhaupt vorstellen können – … genau ihnen räumt die ganze Bibel einen Vorzugsplatz ein.

… Egal, wie man sie nennt – die „grauen Unsichtbaren“, … die „kleinen Leute“, … die „Sanftmütigen, die das Erdreich besitzen sollen“, … die „verborgenen Heiligen“, … die „in der Welt Zukurzgekommenen“ – … egal wie man sie spöttisch, verächtlich, herablassend nennt: Sie sind schon immer irgendwo auf den Feldern und Landstraßen gewesen und haben am Wegrand gekauert oder sich in die Schatten geduckt und dabei doch Löcher in den Himmel gestarrt, weil sie irgendwelche Träume, … für die meisten ganz lächerliche Phantasien hatten; und niemand würde gerade hier und heute an sie denken, wenn nicht damals ihren Vettern, ihren Bluts- und Geistesverwandten in Bethlehem die himmlischen Heerscharen erschienen wären und das viele stumme Warten und alberne Hoffen so wunderschön und einfach und unvergesslich und endgültig bestätigt und besungen hätten.

Wer aber die Geschichte, die da geschehen ist, die der Herr ihnen kundgetan hat, je gehört und behalten hat, … wer je die Tatsache gemerkt hat, dass die leichtgläubigen und schwer lebenden, die naiven und hungrigen Tagelöhner und Analphabeten vom unteren Ende der sozialen Stufenleiter die Ersten waren, denen Gott ein Weihnachten bereitet hat, der kann sich über die unverbesserlichen Tagträumer, über die proletarischen Utopisten mit den absonderlichen Kindergemütern nicht mehr wundern.

… Wo die sind, ist Weihnachten nicht weit. ———

In meiner Kindheit begann Weihnachten im eigentlichen Sinn mit einer Runde zu den Gemeindegliedern der deutschen Gemeinde in Liverpool, die aus Armuts-, Alters- oder Krankheitsgründen nicht selbst in die Kirche kommen konnten. Was es da an Seeleuten mit allerlei Fahnen, an verkrachten Existenzen, an malerisch Bekloppten gab, war schon schrill, … aber die Krönung war immer ein Besuch in einer an Gammelplüsch, Taubengurren, Fensterfinsternis und Schimmel nicht zu überbietenden Mansarde, in der eine alte Blinde mitten in den Slums hauste, … deren Fingernägelkrallen wer weiß wer im Sommer lackiert haben musste, … die alles Englisch vergessen hatte, obwohl sie einen britischen Nachnamen trug, … die dafür aber neben görenhaftem Berlinisch auch Russisch an den Mann brachte, wenn sie sich auf meinen Vater stürzte.

Diese „Auntie Watty“, wie wir Kinder sie nennen sollten, mochte einst tatsächlich in gediegenen Verhältnissen daheim gewesen sein – manche Details ihres maroden Plunders sprachen dafür –, aber die wirren Andeutungen, die sie in ihrer exaltierten Festtagsstimmung machte, deuteten in eine noch grandiosere Richtung: Sie hatte sich in ihrer bitterarmen Entwurzelungs- Einsamkeit einen besonderen Stammbaum geschaffen, … eine Romanowa, … Anastasia, die letzte Zarentochter! ——

Seit diesen Dezembersamstagen bei Auntie Watty weiß ich, was der Prophet verheißt:

„Und du wirst sein eine schöne Krone in der Hand des HERRN. … Man soll dich nicht mehr nennen »Verlassene« und dein Land nicht mehr »Einsame« …“  

Mit den Viehhirten kommen viele „Prinzessinnen“ zur Krippe. Da gehören sie auch hin! ——                         

Wenn wir fertig waren mit den Besuchen bei solchen Vogelscheuchen der Verlassenheit und ihrer Verheißung, führte der Weg in der damals noch verrufenen und verkommenen Innenstadt von Liverpool oft an einem eher schlichten Denkmal vorbei: Auf einer langen Bank aus schmuddeligem Granit sitzt eine in Bronze gegossene, gesichtslose Frau mit dem typischen Kopftuch der einfachen Irinnen, die diese Stadt auch noch 140 Jahre nach der verheerenden irischen Hungersnot bevölkerten; sie hat eine Plastiktüte – aus Bronze! – neben sich und auf der Bank an ihrer Seite eine Zeitung ausgebreitet, von der ein Spatz ein paar Krümchen pickt. Die Inschrift ist gewidmet: „To all the lonely people“, denn es ist Eleanor Rigby – von den Beatles besungen –, die dort in der Kälte für immer ohne Gesprächspartner sitzt.

All the lonely people, where do they all come from?

All the lonely people, where do they all belong?”

„Um Zions willen will ich nicht schweigen“, sagt der Prophet „… bis sein Heil brenne wie eine Fackel.“

Die Weihnachtsbäume der Welt leuchten ganz anders in den Augen der stumm lebenden Vergessenen. Wir können uns solches Glänzen vielleicht gar nicht vorstellen. ——

Unten am Hafen, in den Docks von Liverpool sind im 19.Jahrhundert Millionen von Schicksalen durchgeschleut worden: Die ausgemergelten Gerippe der darbenden Iren, die seit 1840 als eine Bevölkerung voll unendlichen Heimwehs, voll glühender Verzweiflung über das Nimmerwiedersehen ihrer grünen Heimat, die doch kein Brot hergab, nach Amerika gespült wurden, haben dort zum letzten Mal die alte Welt gesehen und fuhren in die Ferne. Ihre Sehnsucht, ja ihre letzte Hoffnung galt dem damals offenen Amerika: „Gebt mir eure Müden, eure Armen, / eure geknechteten Massen, die frei zu atmen begehren“, sprach die Statue, die drüben, jenseits des Atlantik die Fackel emporreckte. „Schickt sie mir, die Heimatlosen, vom Sturme Getriebenen; / hoch halt ich mein Licht am goldenen Tor.“

Give me your tired, your poor, /

Your huddled masses yearning to breathe free, /
The wretched refuse of your teeming shore. /
Send these, the homeless, tempest-tossed to me: /

I lift my lamp beside the golden door.“[i]

Weihnachtsworte sind es, die am Eingang der neuen Welt, am Fuß der Freiheitsstatue heute noch anzeigen, dass Gottes Kind an einem für alles Volk offenen, einem unverschließbaren Ort geboren wurde, zu dem jedermann Zugang haben sollte. ——

Doch in den gleichen Hafenbecken beiderseits und an allen Ufern des Atlantik vollzog sich damals eine noch viel größere Tragödie. Das christliche Abendland und die neue freie Welt waren unlöslich verbunden durch den schwunghaften Handel mit Müttern und Vätern und Kinder, durch den skrupellosen Raub, die systematische Dehumanisierung und dann den lukrativen Verkauf und die sadistische Zerstörung von Familien – des Inbegriffs dessen, was die weihnachtfeiernde Christenheit für heilig und erbaulich hielt!

Sklavenschiffe und Sklavenmärkte und Sklavenkörper und Sklavenleid stellen eine unauslöschliche moralische Schuld und Schande in dieser Welt dar.

Es wird nie zu begreifen sein, dass es Christen waren, die dieses Verbrechen gegen die Menschlichkeit begingen – und dass es heute noch immer Christen sind, … dass wir selber es sind, die mit der Ahnung leben können, wie viele unserer alltäglichen Gebrauchsgegenstände und Gewohnheiten mittelbar darauf beruhen, dass es nach wie vor so zahlreiche Spielarten der Sklaverei, des Menschenhandels, der Zwangsarbeit und anderer Entrechtung gibt.

……. Doch sind wir nicht plötzlich bei unserem ziellosen Dahintreiben durch die tristen und trüben Randbezirke der Wirklichkeit, aus denen sich so viel Notwendigkeit des Weihnachtswunders speist, in einen hoffnungslosen Bereich, in eine undurchdringliche Finsternis geraten?

Ist die Menschheit – wenn wir sie nicht im Fragment einzelner anrührender Geschichten, sondern in der Summe ihrer Grausamkeit und Gier betrachten – nicht ohne Verbindung zu der kleinen, aber doch so tröstlichen Wirklichkeit von Bethlehem?

Müssen wir nicht also doch unseren Posten an der Krippe räumen? Aufhören, eine ergreifende alte, aber mit den Verhältnissen der Welt nicht in Einklang zu bringende Geschichte zu betrachten und zu bedenken? …….

Das wäre vielleicht naheliegend. Das wäre scheinbar vernünftig und auf alle Fälle bequem.

Und es ist der Weg der meisten Weihnachtschristen, die sich der Zerreißprobe nicht stellen, wie ein kleines Kind und eine einzige Geburt und eine Liebe und ein einsamer Heiland und ein längst vergangenes Leben und Leiden und ein rätselhafter Tod und eine unwahrscheinlich klingende Auferweckung so viel bedeuten, so lange ausreichen sollen, dass man für sich und andere mehr als nur ein Weihnachtsfest pro Jahr daraus machen könnte? …………

Doch der Stoff, aus dem biblischer Glaube entsteht, … die geistige und geistliche Haltung, die Bedingung dafür sind, dass wir nicht tatsächlich zynisch auf etwas verzichten, das wir zwar vielleicht nicht zu brauchen meinen, das aber dennoch nötig, lebenswichtig, ja heilsentscheidend für Viele sein wird, … diese Haltung zeigt uns der Prophet, dessen Verkündigung mit dem Ruf anfängt: „Um Zions willen will ich nicht schweigen und um Jerusalems willen will ich nicht innehalten, bis seine Gerechtigkeit aufgehen wie ein Glanz …“

Er gibt auch unter widrigen und entmutigenden Umständen seine Verkündigung, seine Botschaft der Zuversicht, seine Ansage des Heiles nicht auf. Denn er weiß, dass die gute Nachricht nicht dazu dient, ihn hervorzuheben, sie ist auch nicht dazu da, in erster Linie ihn selber zu trösten, zu bestätigen, zu überzeugen. Sie wendet sich an die, die wirklich Hoffnung brauchen, die wirklich ohne Gottes Wort zugrunde gingen.

Und diese Menschen hören den Ruf und folgen dem Wort!

… Ausgerechnet die Sklaven, deren Leid so zum Himmel schrie, als sei diese Erde im stolzen 19.Jahrhundert die Hölle selbst, … ausgerechnet die schwarzen Sklaven haben die Botschaft des Jesaja, die uns heute beschäftigt, unmittelbar auf- und ernstgenommen. Sie stützten sich so sehr auf die Verheißung, dass die zerstörte und brachliegende Stadt Jerusalem, deren Menschen wie sie selber in Gefangenschaft und Unterdrückung verschleppt waren, wieder leben solle, dass aus diesen Worten zwei ihrer liebsten Namen, ihrer liebsten Titel hervorgingen. Das müssen sie von den puritanischen Siedlern übernommen haben, die Bezeichnungen und Eigennamen gerne unmittelbar aus dem Hebräischen aufgriffen, und so sind die Zusagen, dass das verlassene und verödete Land von Gott „Meine Lust“ und „Liebe Frau“ genannt werden sollte, unter den glühend gläubigen schwarzen Christen Nordamerikas zum häufigen Mädchennamen Hephzibah[ii] und zur typischen Benennung des gelobten Landes als „Beulah“[iii] geworden.

Gerade die, die Verlassenheit erfahren, beziehen die Zusage der Liebe und des Wohlgefallens Gottes also auf sich. Es sind immer wieder die Hirten und andere armselige Schlucker und Sucher, die die Verkündigung großer Freude, die allem Volke widerfahren wird, beim Wort nehmen.

Und wer einmal die Stimme des afroamerikanischen Glaubens – die Stimme etwa Mahalia Jacksons[iv] – von dem Land hat singen hören, in dem Gott sich ganz mit den Menschen verbinden wird und zu dem es uns darum so zieht, … wer gehört hat, wie die Aussicht auf „Beulah“ – diesen Ort der Nähe Gottes – eine ganze Seele klingen und singen macht, ……. der muss sich nicht fragen, wer denn noch an der Krippe, wer denn noch beim Kind ausharren mag, heute am dritten Tag der Weihnachtsfeiern?

Mögen die ihre Plätze aufgeben, die nur kurz einmal vorbeischauen und dann wieder ohne den leben werden, der zu Bethlehem geboren ist.

Tausende, Abertausende, Millionen sind aus allen öden, verlassenen, übersehenen, aufgegebenen Ecken und Winkeln der Erde auf ihren Sklavenschiffen, Flüchtlingswegen, Hungermärschen, durch ihre Tränennächte und Einsamkeiten auf dem Weg zu ihm.

Es wird dort, wo Jesus Christus unter uns erschienen ist, nie still, nie einsam sein!

Unzählige graue Unsichtbaren, … kleine Leute, … Sanftmütige, die das Erdreich besitzen sollen, … verborgene Heilige sind unterwegs, um bei ihm zu sein und zu bleiben.

Wir sollten uns nur freuen, dass auch wir heute noch diesen Platz finden, wo Gottes Lust und Liebe wohnen, … wo Menschen sich an Ihm und unser Gott sich an den Menschen freut!

Möge es bloß auch unser Platz bleiben, bis weder Weihnachten noch sonst ein irdischer Tag mehr herrscht!

Möge es unser alle Platz bleiben!

Amen.


[i] Aus dem Gedicht „The New Colossus“ von Emma Lazarus, das bis heute die Freiheitsstatue schmückt und emblematisch für einen amerikanischen Traum ist, dem man Fortsetzung wünschen mag.

[ii] Hebräisch für „Ich habe Freude an ihr“.

[iii] Wörtliche Bedeutung auf Hebräisch „Die Verheiratete/ die einen Herrn hat“ ….  Als Muster feministischer Perspektiven taugt dieser neu in die Perikopenordnung aufgenommene Text daher eher weniger.

[iv] Vgl. u.a. das Lied „Walking to Jerusalem“.

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