Heiligabend, 24.12.2018, Mutterhauskirche, Christvesper, Ulrike Heimann

„Die Tiere an der Krippe"

Liebe Gemeinde,

friedlich stehen oder liegen sie an der Krippe und blicken auf das neugeborene Kind - so wie auf ungezählten Krippen-Bildern, wie auch auf dem Deckblatt des Gottesdienstprogrammes, das jeder in den Händen hält, einer Zeichnung nach einer mittelalterlichen Buchmalerei aus Franken Ende des 13. Jahrhunderts. Die Rede ist - nein, nicht von Maria und Josef - die Rede ist von Ochs und Esel. Sie bleiben stets im Hintergrund und sind doch weit mehr als bloße Statisten.

Was es mit Ochs und Esel auf sich hat, darüber möchte ich heute mit ihnen gerne nachdenken.

In den neutestamentlichen Erzählungen der Geburt Jesu ist zwar von einer Futterkrippe, aber weder von einem Ochsen noch von einem Esel die Rede. Dass sie dennoch zu einem festen Bestandteil der weihnachtlichen Tradition geworden sind, verdanken wir dem Propheten Jesaja. Direkt im ersten Kapitel gebraucht Jesaja ein Bild, um seinen Frust über das völlige Unverständnis seines Volkes gegenüber Gott und seinen Weisungen zum Ausdruck zu bringen. Obwohl euch Gott doch wie ein Vater liebt und aufgezogen hat, seid ihr von ihm abgefallen, wollt ihr nichts mehr von ihm wissen. Und er fährt fort: „Ein Ochse kennt seinen Herrn und ein Esel die Krippe seines Herrn; aber Israel kennt's nicht und mein Volk versteht's nicht." Da haben wir also Ochs und Esel.

Frühe Kirchenväter wie Augustinus und Gregor von Nazianz interpretierten den Ochsen als Symbol des Judentums und den Esel als das der Heiden. „Zwischen dem jungen Stier, der an das Gesetz gebunden ist, und dem Esel, der mit der Sünde des Götzendienstes beladen ist, liegt der Gottessohn", so schreibt Gregor von Nazianz; Gottes Angebot des Heiles an alle Welt, und das - so die einhellige Meinung - musste doch angenommen werden. Aber das Judentum blieb bestehen und die Heiden liefen auch nicht in Scharen zum Christentum über. Das schlug sich dann in der frühen christlichen Kunst nieder. Auf den ältesten bekannten Geburtsdarstellungen z.B. auf frühen Sarkophagen-Reliefs in Rom und Mailand wenden sich Ochs und Esel von dem Neugeborenen ab - symbolisch für all diejenigen, die Jesus nicht als Messias anerkennen können und wollen.

War es den Menschen in den ersten Jahrhunderten noch klar, dass Ochs und Esel reine Symbole waren, so breitete sich im Laufe der späteren Jahrhunderte immer mehr die Vorstellung aus, es hätten tatsächlich Tiere den Stall bei der Geburt Jesu bevölkert. Ochs und Esel waren aus Krippendarstellungen nicht mehr wegzudenken. In ganz besonderer Weise prägte dann Franz von Assisi die abendländische Geschichte der Weihnachtstradition. Zu Beginn des 13.Jahrhunderts feierte er in Greccio ein denkwürdiges Weihnachtsfest mit dem ersten Krippenspiel in natura. Auf seine Anleitung hin spielten die Bewohner von Greccio die Gestalten der lukanischen Weihnachtsgeschichte - Maria und Josef, die Hirten und Engel - und selbstverständlich gab es auch echte Schafe und eben Ochs und Esel. Franziskus wollte das Heil anschaulich machen, die Geschichte, die da geschehen war. Und auch er interpretierte die Gestalten von Ochs und Esel. Der Ochse stand für ihn wie für die Kirchenväter für die Juden, der Esel für die Muslime. Aber sie wandten sich nicht ab von der Krippe wie auf den alten Darstellungen, sondern Franziskus sah sie mit dem Kind in der Krippe in geheimnisvoller, göttlicher Weise verbunden. Judentum, Islam und Christentum - beteten sie doch zu dem gleichen Gott. In diesem Denken, in dieser religionsverbindenden Haltung war Franziskus seiner Zeit - und ja auch noch unserer Zeit - weit voraus. Das Kind in der Krippe mit Ochs und Esel - ein Symbol für die Verständigung der Religionen, zugleich auch ein Symbol für den Frieden zwischen Mensch und Kreatur. Bruder Ochse und Bruder Esel, auch für sie ist Jesus geboren. Das Heil, das Gott in ihm schenkt, gilt auch den Tieren. Und auch dafür gibt es eine gute prophetische Tradition wieder bei Jesaja, der davon spricht, dass Löwe und Lamm beieinander liegen und das kleine Kind furchtlos seine Hand ins Loch der Natter, der Schlange streckt. Der Friede Gottes gilt eben nicht nur den Menschen, sondern aller Kreatur.

Ochs und Esel, sie stehen auch als Nutztiere da.

Der Ochse, der anders als der wilde Stier unter dem Joch geht und den Pflug durch den steinigen Acker zieht. Der Ochse, ohne den es den Ausbau der Landwirtschaft in der Frühzeit nicht gegeben hätte.

Der Ochse unter dem Joch, er zieht die Lasten, die der Mensch, sein Herr, nicht bewältigen kann. Zuverlässig und unermüdlich. Er hat auch keine Wahl, als unter dem Joch zu gehen.

Ähnlich der Esel, das genügsame Lasttier, dem alles Mögliche auf den Rücken gepackt werden kann. Ich habe in Filmen über den Orient schon Esel so bepackt gesehen, dass kaum noch Kopf und Hufen zu sehen waren. Und manches Mal saß dann noch der Herr oben auf dem ganzen Gepäck und trieb lautstark sein Reittier an.

Der Ochse wie der Esel stehen hier symbolisch für all die Menschen, die sich auch in Lebenssituationen befinden, die sie sich nicht ausgesucht haben und die sie dennoch bewältigen müssen. Menschen, die manchmal unvorstellbare Lasten tragen, unvorstellbaren Belastungen ausgesetzt sind. Mir stehen da die Steine klopfenden und schleppenden Kindersklaven in Indien vor Augen, die für die Schulden ihrer Eltern auf Jahre hinaus 14 Stunden am Tag schuften müssen, angetrieben von unbarmherzigen Aufsehern. Ich denke an die Frauen in afrikanischen Ländern, die das Trinkwasser für ihre Familien über viele Kilometer auf dem Kopf durch die staubige Savanne tragen. Mir fallen aber auch die vielen alleinerziehenden Mütter und manchmal Väter ein, die ihre Sorgen um das tägliche Auskommen und um die Entwicklungschancen ihrer Kinder mit niemandem teilen können, die diese Lasten im Alltag alleine schultern müssen. Ebenso habe ich die Frauen und Mädchen im Blick, die bis heute in den Kriegsgebieten unserer Erde den Massenvergewaltigungen durch marodierende Soldaten und Söldnertruppen und durch Terror verbreitende Banden ausgesetzt sind, die von diesen traumatischen Erlebnissen ihr ganzes weiteres Leben verfolgt werden.

Für mich stehen all diese belasteten und unter ihren Lasten oft verzweifelnden Menschen ganz nah an der Krippe - symbolisch in Ochs und Esel. Opfer unserer ungerechten Weltwirtschaftsordnung, Opfer all der Kriege und Konflikte im Großen wie im Kleinen, in den Ehen und Familien wie zwischen den Völkern und Nationalitäten.

Und klassische Opfertiere sind Ochs und Esel damals ja auch  gewesen. Sie stehen für das Opfer, das letztlich sinnlos ist, denn Gott will - auch dies Erkenntnis der Propheten - keine blutigen Opfer. Das Kind in der Krippe bedeutet und bringt nicht weniger als das Ende aller Vorstellungen, Gott oder das Schicksal durch Opfer irgendwie positiv beeinflussen zu können. Wo Vergebung von Sünden stattfindet, da muss Blut fließen. Auf diesen Grundsatz beruft sich die jüdische Religion zur Zeit Jesu - und es sind Ströme von Blut unschuldiger Tiere geflossen Tag für Tag im Tempel von Jerusalem bis zu seiner Zerstörung durch die Römer im Jahre 70 unserer Zeitrechnung. Ganz anders das Kind in der Krippe, als es ein Mann geworden ist; da erzählt er den Menschen von Gottes grenzenloser Güte, der seine Sonne scheinen lässt über Gute und Böse, über Gerechte und Ungerechte, und der sich einfach, kindlich einfach bitten lässt: vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern. Vergebung ohne Blutvergießen, Vergebung als gegenseitiges Geschenk, das Neuanfänge möglich macht. Die theologischen Überlegungen auch schon neutestamentlicher Briefschreiber, die den Justizmord an Jesus zu einem Opfertod zur Vergebung von Sünden umdeuten, sind vor diesem Hintergrund für mich kaum zu ertragen; ihnen folgen kann ich schon lange nicht mehr.

Nein, die Liebe, die Gott uns in diesem Kind in der Krippe erweist, bedeutet auch Erlösung vom Opferdenken, bedeutet auch für die Opfer Erlösung. Auch dafür stehen Ochs und Esel an der Krippe.

Ochs und Esel an der Krippe, am Ort der Geburt des neuen Menschen - das kann in der heutigen Zeit auch tiefenpsychologisch gedeutet werden. Die Tiere stehen als Symbol für die Trieb- und Instinktnatur des Menschen. Unsere Gefühle sind dem Geheimnis der Christgeburt oft näher als unser ach so klarer Verstand. Wenn wir auf unsere Gefühle hören, dann treiben sie uns hin zur Krippe, in der das göttliche Kind liegt und zeigen uns damit den Weg zu erfülltem, wahren Leben. Denn in dem Kind liegt all das vor uns da, was in uns zur Welt kommen will: Vertrauen, Liebe, Hoffnung, Zärtlichkeit, Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft. Wer seine Gefühle dagegen unterdrückt, wer nur aus dem Kopf lebt, weil er vom Kopf meint alles steuern und bestimmen zu können, der lebt an seinen Möglichkeiten vorbei, der bleibt sich selbst fremd, in dem kann nichts Neues geboren werden. Wir brauchen die Tiere, wir brauchen die Triebe und Instinkte, die Gefühle. Ochs und Esel an der Krippe laden uns dazu ein, unsere Kopflastigkeit abzulegen und uns demütig den Tieren in uns zuzuwenden. Sie sind dem Geheimnis der Weihnacht, dem göttlichen Kind näher als unser Kopf, der über das Kind lediglich nachdenkt, anstatt sich ihm hinzugeben und es in der Hingabe in sich aufzunehmen.

Ochs und Esel - wirklich keine Statisten im Weihnachtsgeschehen, sondern mitten drin, hineinverwickelt in das Geheimnis von Erlösung und Befreiung, von Liebe und Neuanfang.

Und weil schon immer Ochs und Esel Menschen dazu angeregt haben, über ihre Existenz an der Krippe nachzudenken, möchte ich schließen mit einer kleinen Geschichte von Karl-Heinrich Waggerl: „Wie Ochs und Esel an die Krippe kamen"

Als Josef mit Maria auf dem Weg nach Bethlehem war, rief ein Engel die Tiere heimlich zusammen, um einige auszuwählen, der Heiligen Familie im Stalle zu helfen. Als erster meldete sich natürlich der Löwe: „Nur ein König ist würdig, dem Herrn der Welt zu dienen", brüllte er, „ich werde jeden zerreißen, der dem Kind zu nahe kommt!"

„Du bist mir zu grimmig", sagte der Engel. Darauf schlich sich der Fuchs näher. Mit unschuldiger Miene meinte er: „Ich werde sie gut versorgen. Für das Gotteskind besorge ich den süßesten Honig, und für die Wöchnerin stehle ich jeden Morgen ein Huhn."

„Du bist mir zu verschlagen", sagte der Engel. Da stelzte der Pfau heran. Rauschend entfaltete er sein Rad und glänzte in seinem Gefieder. „Ich will den armseligen Schafstall köstlicher schmücken als Salomon seinen Tempel!"

„Du bist mir zu eitel", sagte der Engel. Es kamen noch viele und priesen ihre Künste an. Vergeblich. Zuletzt blickte der strenge Engel noch einmal suchend um sich und sah Ochs und Esel draußen auf dem Felde dem Bauern dienen. Der Engel rief auch sie heran: „Was habt ihr anzubieten?"  „Nichts", sagte der Esel und klappte traurig die Ohren herunter, „wir haben nichts gelernt außer Demut und Geduld. Denn alles andere hat uns immer noch mehr Prügel eingebracht." Und der Ochse warf schüchtern ein: „Aber vielleicht könnten wir dann und wann mit unseren Schwänzen die Fliegen verscheuchen."

Da sagte der Engel: „Ihr seid die richtigen."

Dass wir uns auch - jeder mit seinen Gaben, aber eben auch mit seinen Lasten und Belastungen - als richtig und willkommen an der Krippe sehen, das wünsche ich uns allen.

Amen.

 

 

 

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