Ewigkeitssonntag, 25.11.2018, Stadtkirche, Philipper 1,21-26, Jonas Marquardt

Predigt Kaiserswerth Ewigkeitssonntag - 25.XI.2018                                                                                          

                    Philipper 1, 21 – 26

Liebe Gemeinde!

Ein Liebesbrief zum Totensonntag ist uns heute aufgeschlagen.

Kein Kondolenzschreiben, keine mühevollen oder feinfühligen Formeln der Teilnahme an unserer Trauer, sondern Grüße eines Glücklichen.

……. Und doch ist das alles andere als eine jener unsensiblen Äußerungen, die manchmal mitten in den Schmerz treffen und das Verlassensein und die Endgültigkeit umso spürbarer machen, je banaler das sorglos weiterplätschernde Leben Dritter sich aufdrängt.

Paulus geht nicht absichtlich oder stumpfsinnig über das Unglück hinweg, das der Tod in unser Dasein bringt.

Vielleicht hat selten ein Mensch in Wirklichkeit den Tod so ernst genommen, wie der Apostel das tat, der sein eigenes Leben und Denken als todbeherrscht und todgesteuert erfuhr (vgl.Rö7+8).

Doch gerade darum, … weil er die zerstörerische Macht des Todes in den besten Zügen seines eigenen Wesens erkannte und weil er die Prägung des Menschlichen durch den Tod – also die Sünde – so erschreckend tief und verzweifelt durchschaute … gerade darum ist Paulus der beste Zeuge auch des glücklichen Lebens. Denn sein Glück, mit dem er uns am Totensonntag grüßt, will auch unser Glück sein.

Es handelt sich dabei um den Kern des christlichen Glaubens, nämlich die Tatsache, dass es zwar viele Weltverbesserungs- und Lebensveränderungsbewegungen gab und gibt, aber keine andere Gemeinschaft und Botschaft wie die unsrige, die Theodor Fliedner in seinen beiden letzten Worten zusammenfasste: „Todesüberwinder – Sieger“[i].

Wenn es Christen – zumal evangelischen – aber immer schwerer und fremder wird, das Evangelium nicht als ein Programm zur Weltreform, sondern als die Ansage des Siegs über den Tod zu begreifen, dann verwundert es nicht, wenn viel zu viele Menschen den Glauben nicht mehr mit der Freude in Verbindung bringen, die er eigentlich schenkt.

…Und darum ist es so wichtig, dass wir an diesem Tag, der alle Trauer eines Jahres versammeln und aushalten will, keine Trübsal, ja nicht einmal einen einfühlsamen Seelsorgetraktat zu hören bekommen, sondern einfach den absichtslosen Einblick in’s Innere eines glücklichen Christen. ——

Dieser zwischen zweierlei Gutem – nicht zwischen zwei Übeln! – hin- und hergerissene Apostel sitzt bei der Abfassung seines Briefes im Gefängnis (vgl.Phil1,7). Man hat ihn dort mit Sicherheit misshandelt und gefoltert, er ist ohne Rechtsbeistand und folglich ahnungslos, ob seine Zukunft die Hinrichtung oder die Freilassung sein wird, … doch eines ist er nicht: Er ist nicht niedergeschlagen.

… Im Gegenteil: Seine zwischen dem Blick auf’s Lebenswerk und auf’s Lebensende schwankenden Gedanken sind von schäumender Fröhlichkeit. Denn genau auf der Mitte zwischen Freiheit und Friedhof findet er zur Beschreibung seiner Lage nur eine Serie geradezu kostbar schimmernder Begriffe: „Gewinn“, „Frucht“, „Lust“ und „Rühmen“ sind jedenfalls nicht die üblichen Ausdrücke, die uns in den Sinn kommen, wenn uns die Nähe und Wirklichkeit des Todes mitten im Leben berühren.

… Und ein leises Unbehagen, solche Worte ausgerechnet dann auslegen zu sollen, wenn uns die Erinnerung an die Abschiede und die Verstorbenen des endenden Jahres nahegeht, beschleicht auch mich in diesem Augenblick.

… Wären „Verlust“ und „Verlangen“, „Schmerz“ und „Klage“ nicht allemal näher an unserem Gefühl, als die sonderbare, die geradezu verdächtige Hochstimmung des Paulus? ……

Gewiss.

Und dennoch ist nichts wichtiger und richtiger – auch in der Trauer –, als dass wir uns auch die andere Seite, den fremden Blick, die ungewohnte Wahrheit zeigen lassen, die man für sich alleine nicht entdecken und zuweilen auch kaum ertragen kann.

Wenn uns einer stirbt, an dem das Herz hing, durch den das Leben uns erreichte und zu uns sprach, mit dem wir Lachen und Weinen, Gutes und Böses geteilt haben, der uns Harmonie oder Widerstand bot, so wie wir sie brauchten, … wenn unser Leben so angegriffen und gemindert, so ausgeleert und so verarmt wurde, dann werden wir nur diesen Schaden, diesen Verlust empfinden.

Dann streicht das grausame „Minus“ allen Inhalt, alle Schätze des Daseins unerbittlich zusammen und wir merken, dass wir zwar viel besitzen können und doch Bettler sind, denen der bloße Puls, der schlichte Atem eines anderen Menschen – nichts als Luft also – unersetzlich fehlen.

Dagegen spricht auch der Apostel nicht.

Er rechnet uns den Wegbruch aus unserer festen Liebebindung nicht schön; er macht uns nicht vor, dass wir uns auf einen Ausgleich freuen oder einen Ersatz bekommen sollen.

Nicht einmal jene wirklich wahre und tröstliche Abwägung stellt er an, dass das Sterben oft von Qual entbindet und Leid erspart, und noch weniger interessiert ihn unsere verbürgte und lebenswichtige Erfahrung, dass Erinnerung und Dankbarkeit in der Zukunft wiederkehren und Bitterkeit und Tränen vergehen können.

Der Apostel will unsere Trauer nicht manipulieren und auch nicht therapieren.

Er weist uns stattdessen in eine ganze andere Richtung und lenkt uns zu wirklich ganz anderen Wahrheiten, als man sie heute sonst beim Bewältigen unserer Verluste oder in bewusster Erwartung unseres eigenen Sterbens noch für verheißungsvoll hält.

Und doch ist der fremd gewordene Blick des Apostels auf Leben und Sterben die glücklichste aller Möglichkeiten des Menschseins. Sie besteht aber zuerst und zuletzt und für immer in der schlichten Überschrift seiner Gefängnisgedanken und seiner Lebensweisheit, seines Todesmutes und seiner dynamischen Heiterkeit. Das Glück des Paulus besteht in der Tatsache, die jeden von uns Getauften mit ihm verbindet, dass nämlich nicht allein das Auf und Ab, das Wachsen und Schwinden, das Geben und Nehmen, das Halten und Verlieren, das Werden und Gewesensein unserer persönlich gemachten Erfahrungen und unserer physikalisch verlebten Zeit unser Leben ausmachen, … sondern mehr!

… Unser Leben ist mehr, als wir selber kennen und fassen, … mehr auch als wir selber genießen und erleiden können.

Unser Leben – von dem man ja eigentlich meinen sollte, dass wir es völlig durchschauen und beherrschen, dass wir es besser kennen und eindeutiger bestimmen müssten, als jeder andere Mensch – unser Leben ist in Wahrheit mehr, als wir wissen, sehen und fühlen.

Denn Christus ist unser Leben!

Dieser unscheinbare kleine Satz, der ein bisschen verrätselt und womöglich auch nur bildhaft und am Ende vielleicht bloß exaltiert klingt …, dieser unscheinbare Satz entscheidet in Wirklichkeit alles.

Wenn man einen solchen Satz tatsächlich formen und schreiben, wenn man ihn hören und erst recht wenn ihn wirklich glauben könnte„Christus ist mein Leben“ –, … wenn man einen solchen Satz tatsächlich formen und schreiben, wenn man ihn hören und erst recht wenn ihn wirklich glauben könnte ohne dass er nur einen beliebig übertragenen Sinn wiedergibt, sondern so, dass wir ihn verstehen und meinen als Ausdruck unserer wirklichen Bereitschaft dazu, einem anderen unser Leben anzuvertrauen und in diesem anderen unseren eigenen Ausgangs-, Mittel- und Zielpunkt zu finden„Christus ist mein Leben“, … wenn man einen solchen Satz also wirklich gelten lassen und als gültig betrachten wollte, … dann würden wir das, was der Apostel war und was wir Christen so wie niemand sonst sein könnten: Glücklich.

„Christus ist mein Leben“ – das ist nicht das Weglaufen vor dem eigenen Befinden oder der eigenen Verantwortung. Es ist nicht das Ausblenden der Realität oder der Rückzug aus ihren Prüfungen und Anfechtungen. Es ist nicht der Ersatz des zu schwachen eigenen Ich durch irgendeinen anderen Platzhalter, ein erträumtes Über-Ich. Sondern es ist die Erweiterung und Öffnung aller, … aller (!) unserer Erlebnisse und Verluste und Erfolge und Enttäuschungen und Leiden und Siege für einen weiteren, in innigster Gemeinschaft mit uns daran Beteiligten. Nicht, dass wir nicht mehr vorkämen im eigenen Leben, wird durch solchen Glauben bewirkt, sondern dass alles, in dem wir vorkommen und das über uns kommt, uns mit Christus vereint!

Denn das ist ja wirklich der Kern und die Krone des Evangeliums: Es bringt uns in Jesus Christus die Botschaft von einer Geburt und tausend Taten, von Kräften und Liebe, von unbegrenzter Hingabe und einem Opfer, die alle jedem Einzelnen von uns gelten. … Das Leben und die Botschaft, der Tod und der Auferweckungssieg Jesu haben ihr Ziel ja wahrhaftig nicht in seiner Person, sondern in uns!

Und wenn wir das begreifen, nein, wenn wir es ergreifen und davon ergriffen werden, dann verschmilzt das Eigene und Einzelne mit diesem Einen und Allgemeinen: Mein Dasein und mein Ich sind in der Summe aus Lebens- und Sterbensbereitschaft und Ewigkeit enthalten, die die Wirklichkeit Christi als Stellvertreter aller Menschen ausmacht.

Und weil dem so ist, kann mir nichts verloren gehen oder genommen werden.

Ist Christus mein Leben der das Leben Aller, der das ewige Leben ist – : Was sollte mir einst fehlen können?!

Wer sich als Teil in’s Ganze eingebunden weiß, dem bleibt gewiss nichts fern und der bleibt selber nicht übrig oder abgetrennt, sondern er lebt in dieser Zeit und ihrer Beschränkung auf ein Nacheinander getrost zur Offenbarung der Ewigkeit hin, in der alles nicht mehr geschieden, sondern in dauerhafter Gegenwart versammelt sein wird.

Ist Christus also wirklich mein Leben schon hier im Stückwerk des Vorübergehenden, wie reich und wie beglückt wird uns die bleibende Vollkommenheit erst machten!!!

Der gänzlich unpassende, ja geradezu unangemessene Begriff, den Paulus für die Fülle verwendet, die er nach dem Sterben und also jenseits der Zeit erwartet, wenn er erklärt, dass Sterben sein Gewinn werde, … sein „Profit“[ii] – im Lateinischen ist das furchtbar ökonomisch besetzte Wort sogar wie etwas „Lukratives“ wiedergegeben! –, … dieser geschmacklos nach Habsucht und Gier klingende Ausdruck macht allerdings eben in seiner handfesten Alltäglichkeit deutlich, wie direkt das Glück des Glaubendürfens sich in der Haltung des Apostels ausprägt. Paulus ist durch sein mit Christus geteiltes, zu Christus gehöriges Leben so zuversichtlich, dass er alle Spielarten seiner eigenen Zukunft als reinen, lockenden Luxus empfindet.

Im Vollbesitz unvergänglich gewisser Hoffnung hat er daher die Qual der Wahl: Bald jene unerschöpfliche Fülle zu schauen und zu genießen, die ihn erwartet, oder aber die unermessliche Großzügigkeit Gottes weiter fruchtbar unter den Menschen auszubreiten, ist eine Alternative, die ihm hart zusetzt. Doch nicht, weil er verunsichert, sondern gerade weil er im Leben und im Sterben so sicher ist, dass Christus reich an allem und reich für alle ist, ……. reich an lohnenden Aufgaben hier, reich an seligem Lohn dort. —— 

Und so ist es tatsächlich ein Liebesbrief, den wir heute am Totensonntag hören.  

Nicht einer jener herzzerreißenden, die man manchmal mit Tinte oder Sehnsucht den Verstorbenen schreibt und auch nicht einer jener, die aus ihrer Feder stammen und uns traurig drüber machen, dass Gedanken, Worte und Papier länger da sind als das Herz und die Hand, denen wir sie verdanken.

Unser Totensonntagsliebesbrief gilt dem, der unser Leben ist – und ebenso das Leben aller unserer Toten.

Ein Liebesbrief an den lebendigen Christus ist es, der allen Lebendigen Grund und Ziel gibt.

Ein Brief, der zum Leben und Warten und Wirken ebenso ermutigt wie zum Sterben. … Denn auch das sagt dieser lebensvolle und glückliche Brief ja tatsächlich: Unverkrampft und ohne alle morbiden Untertöne erleben wir in ihm, wie Paulus das Abschiednehmen vom sterblichen Dasein nicht nur nicht fürchtet, sondern sich bis auf Weiteres geradezu versagen muss.

Er tut es, weil die Verbundenheit zur Gemeinde, weil die auf einander angewiesene Gemeinschaft hier auf Erden ihn braucht und fordert … so wie das Leben tatsächlich jeden fordert, der es noch teilt. Jeder, der atmet, hat seine Aufgabe in unserem Kreis. Jeder, der da ist, hat einen existentiellen Daseinsgrund. … Auch die, die es nicht mehr wissen und wahrnehmen können oder wahrhaben wollen!

Doch umgekehrt gilt eben genauso – ohne jeden Verdacht auf Krankheit oder Unsinn –, dass jeder Christ zuweilen die unendlich tröstliche Regung empfinden darf, wie schön es sein wird, das Leben nicht mehr begrenzt, sondern jenseits aller Einschränkung zu erfahren!

Wie schön, wie reich, wie frei es sein wird, wenn aus der unsichtbaren Zugehörigkeit zu Jesus Christus das völlig ungetrennte Miteinander, die direkte Teilnahme an seiner Wirklichkeit, die endgültige Stufe des Bei-ihm-und-im-Leben-Seins geworden ist! ——

So ist das Glück des Glaubens.

Ein Glück, das auf allen Seiten und in allen Dingen Zukunft offenbart.

Ein Glück, das schon heute Erlösung vom Fluch des Todes und einst im Sterben Zuversicht des Lebens bedeutet.

Ein Glück, das uns und unsere Toten schließlich völlig und gänzlich und wirklich und ewig das Größte erfahren lassen wird, das es geben kann: Bei Christus zu sein, dem Todesüberwinder, dem Sieger, der jetzt unser Leben ist – und uns alles, was kommt, zum Gewinn und zur Frucht und zur Lust und zum Rühmen macht!

Amen.


[i] Georg Fliedner, Theodor Fliedner – Durch Gottes Gnade Erneuerer des apostolischen Diakonissenamtes in der evangelischen Kirche: Sein Leben und Wirken, II.Bd., Kaiserswerth a.Rh., 1910, S.362.

[ii] Der Stamm des Wortes κέρδος ist sonst im biblischen Gebrauch überwiegend kritisch bis  negativ besetzt!

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