Reformationstag 2018, 31.10.2018, Stadtkirche, Galater 5, 1 - 6, Jonas Marquardt

Predigt Kaiserswerth Reformationstag - 31.X.2018                                                                                             

                   Galater 5, 1 – 6

Liebe Gemeinde!

Es ist Zeit von einer kolossalen grünen Dame zu reden.

Oder einer ziemlich nackten, mit einer Art Narrenkappe, der aber doch der volle Ernst in’s Gesicht geschrieben steht und an den starken Oberarmen abzulesen ist.

Es ist Zeit von einer Fahne zu reden oder einer Parole, die Millionen Menschen Hoffnung gaben und geben.

Es ist Zeit von den grauen, ausgemergelten Sklavenströmen zu reden, die mit wenig oder gar nichts am Leib in’s Morgenrot aufbrechen, die quälende Nacht hinter sich lassend, und mit einem einzigen, ungläubig-hoffnungsvollen Flüstern oder Gebet oder Lied auf den Lippen. …

Es ist Zeit von der Hafeneinfahrt zu reden, die die kolossale Dame weniger bewachen als offen halten sollte. … Von der Flamme, die die stürmische Halbnackte nicht nur leider auch an Häuser und Kirchen und den Frieden legte, sondern in Köpfen und Herzen der Jungen, der Dichter, der Mutigen und Sehnsüchtigen und Philosophen entfachte, bist Tübingen glühte und Jena und die Wartburg … immer wieder die Wartburg! … und die Paulskirche und viele andere Orte unserer Geistesgeschichte.

… Und von den Leiden, die sich an’s  Schilfmeer schleppten und über das Mittelmeer und quer durch Mittelamerika, und vom Traum, der sie aufrecht hält und von der Trommel und dem Schellenkranz, den die eine oder andere im Bettelbündel hat, um eines Tages ihren Dank und ihren Jubel hinaussingen und -tanzen zu können: „Eine große Tat, … ein großer Tag, … Roß und Reiter im Meer, … aber die Hungrigen gefüllt mit Gütern und die in den Staub Erniedrigten erhoben auf den Thron … und die Schmerzen und das Geschrei vergangen und die Tränen abgewischt und der Tod nicht mehr!“[i]

Es ist Zeit mit dem ganz und gar nicht mehr zeitgemäßen und trotzdem nur halb vergessenen Dichter Max von Schenkendorf zu summen von der „Freiheit, die ich meine“.

Es ist Zeit dazu, heute.

Denn dieser Tag ist nicht nur ein Feiertag des Glaubens, ein Gedenktag der Rechtfertigung, eine Selbstbeweihräucherung des Protestantismus, sondern dieser Tag ist ein Fest der Freiheit!

Freiheit – das Wort, das es im biblischen Hebräischen gar nicht gibt, weil sie für das Volk Gottes kein Zustand, sondern ein wunderbares Tun des befreienden Gottes ist – … Freiheit, für die der Apostel Paulus im Griechischen erst einen abstrakten Begriff fand, den er dafür in jeder seiner großen Epistel mindestens einmal lebendig und unvergesslich hervorhob als die „herrliche Freiheit der Kinder Gottes“, von der er den Römern schrieb (8,21) und die Freiheit des Gewissens, über die niemand anderes urteilen kann, die er den Korinthern entgegenhielt (1.Kor10,29), denen er auch die weit überweltliche Wahrheit zeigte, dass Freiheit da ist, wo der Geist des Herrn ist (2.Kor3,17) , … Freiheit, die das Erlösungs-Geschenk Jesu Christi ist und die Entdeckung des Erfurter Mönches, der sich selber bald auf Griechisch den „Freien“, den „Eleutheros“, den „Luther“ nannte, … Freiheit, von der alle Aufbrüche der Neuzeit ihren Atem, ihren Wind erhielten, … Freiheit, die neben Bonhoeffer und unseren kirchlichen Zeugen etwa auch eine schon nach ihr benannte Libertas Schulze-Boysen im Kampf gegen das innere und äußere Nazitum antrieb, … Freiheit, die kostbarste politische Perle im erstickenden Schlamm des 19. und 20.Jahrhunderts, vom 9.November 1918 an über alle höllischen und hellen Wiederholungen dieses Jahrestages, … Freiheit:

Ach ja, ……. Freiheit!?? …....

Ich konnte sie als Junge nicht leiden, den seine Eltern zu Eigenverantwortung und eigenem Urteil erziehen wollten, indem sie auf viele Fragen, was wann wie zu tun sei, immer die gleich lästige, überfordernde Antwort gaben: „Du bist ein freier Mensch“.

Will der Mensch denn frei sein? Will er nicht eher einfach wissen, wann er zu Hause sein soll, um ein Donnerwetter zu vermeiden?

Ist es für den sogenannten freien Menschen tatsächlich nicht viel leichter, die Verbote zu kennen und zu befolgen, die ihm den Rahmen stecken, als ständig Entscheidungen zu treffen, was wie und wo auf weiter Flur und freier Fläche zu tun wäre?

Die Leidenschaft und Sympathie, die wir für geschichtliche Freiheitssuche und die dabei erreichten Ordnungen der Freiheit empfinden mögen, sollten uns nicht täuschen, … weder über die Allgemeinheit noch über uns selber.

Müssen mag zwar nicht schön sein – aber wer sagt, dass die Freiheit den Zwang zu müssen aufhebt? Muss der Freie nicht ungleich mehr bedenken und verantworten als der Befehlsempfänger? Ist Freiheit nicht die Forderung zu eigener Haltung und eigener Rechenschaft, wogegen Gehorsam den alten paradiesischen Verweis ermöglicht, dass es letztlich jemand anderes war? … Ist geübte und gelebte Freiheit nicht tatsächlich sehr viel anspruchsvoller als der schlichte und mechanische Zwang?

Solche Fragen beschleichen uns nicht nur wenn wir sehen, wie selbstverständlich unsere Gegenwart eigene und fremde Freiheiten opfert, sobald sie Angst empfindet.

Solches Fragen – ob Unfreiheit dem Menschen unter Umständen nicht viel lieber ist, als mühsame Selbständigkeit – stellt sich nicht nur ein, wenn wir uns einmal vorstellen, der Galaterbrief sei an Gesellschaften oder Gemeinden gerichtet, die die kommunistische Diktatur hinter sich haben und sie heimlich vielleicht doch wieder ganz gerne hätten.

Solche Fragen nach der Bequemlichkeit des klaren „Du sollst“ im Vergleich zur Unklarheit des „Wisse selbst, dass und was Du darfst“ dürfen wir schließlich aber auch nicht nur in die alte Schablone des alt-neutestamentlichen Gegensatzes einordnen, bei der sich immer ergibt, dass das jüdische Gesetz vermeintlich geistlose Vorschriftserfüllung darstellt.

Die Frage nach der Freiheit und ob wir sie wirklich ertragen, ob wir ihr gewachsen sind und sie freudig und vertrauensvoll annehmen können, die Frage nach der Freiheit hat heute und jetzt nämlich ihre Zeit für uns:

Wollen wir frei sein durch Christus?

… Oder nicht lieber doch … sicher?

Die Freiheit, zu der Christus uns befreit hat, ist nämlich alles andere als eine Gestalt überprüfbarer Gewissheit oder sichtbarer Sicherheit.

Doch gerade um diese Dinge geht es in Wirklichkeit ja fast immer: Um das Fressen und den Ruf. … Dass ich es gut habe und als gut, … besser noch: als Bester wahrgenommen werde. Dass ich mir sagen kann und man von mir sagt, wie alles bei mir stimmt. Dass alles läuft und nichts mir fehlt. …….

Solche Bestätigung, solche klaren Ergebnisse beschert schließlich ja jede Messlatte, an der ich persönlich Maß nehmen mag. Welche Vorgaben das dabei im Einzelnen sind, denen ich mich unterordne, denen ich mein Leben anpasse und durch die ich meine Leistungssteigerungen nachvollziehe, ist beinah beliebig. Ob es der Geldwert oder die öffentliche Meinung ist, ob es körperliche oder intellektuelle Wettbewerbsvorteile sind, die mich ausmachen und erfüllen, ist einerlei. Was dem einen sein Harvard-Diplom, sein Nobelpreis, sein Luxusschlitten ist, ist anderen ihr Hintern, ihr Bizeps, ihre aktuelle Netzwerkpopularität.

Diese eindeutig einfachen Selbstanforderungen, für die ich lernen, trainieren, fleißig sein, für die ich mich schinden und schlagen und schummeln kann, … solche Normen, die ich übertreffe, solche Disziplin, die ich halte, solche Erwartungen, die ich erfülle, sind die Gesetze, die fast jeder angeblich freie Mensch sich nicht nur aufschwatzen und überstülpen lässt, sondern die beinah jeder sich sehnlichst sucht: Wo kann ich sicher sein, gut zu sein? Wo darf ich zeigen, was ich kann und bin und habe? …….

Nicht bei Christus.

Das haben die Galater schnell und bitter empfunden, die durch Paulus in die freie Kindschaft eines ihnen unbekannten Gottes aufgenommen wurden. Die Galater wollten nicht nur die Gnade des fremden Gottes durch seinen eingeborenen Sohn empfangen, es genügte ihnen nicht nur des Vaters Liebe, sondern sie wollten selber lieb Kind sein.

Unzweifelhaft war das verständlich.

Und wenig Zweifel besteht, dass auch wir das nicht anders spüren und halten, auch wenn wir nicht den Weg der Galater wählen, die sich durch die Beschneidung – immerhin ein sehr konkreter Weg, seine Opfer- und Leidensbereitschaft, seine Anpassung an besondere Erwartungen und seinen sittlichen Ernst zu demonstrieren! – zu Gott bekennen zu müssen meinten.

Nicht anders als ihnen, die auf Gottes Gnade mit einem tiefen Einschnitt, einer hochsymbolischen Gegengabe antworten wollten, geht es auch uns.

Dass Gott uns ohne Verdienst und Würdigkeit zu seinen Kindern und Erben macht, dass Er uns „einfach nur so“ das Größte von allem widmet – Sich Selber!!! – und dass wir Gerechtigkeit und Seligkeit wie jeder andere als Geschenk erhalten, nicht als Lohn, …  das ist zu viel Freigebigkeit, das ist der Freiheit zu viel.

Wir sind enger. Wir mögen’s eindeutiger. Wir rechnen’s lieber nach und wissen dann wieviel warum.

Und darum ist das heutige Fest der Freiheit so lebensnotwendig, so weltwichtig für uns.

Es ist in Wahrheit nämlich der heilige Tag der Freiheit Gottes:

Denn weder die Liberty der Amerikaner noch die Marianne der Franzosen noch das Ideal der Romantik noch das politische Ziel und die Praxis des Liberalismus oder der Befreiungstheologie können uns ja das geben, was die unfassbare Freiheit Gottes, zu der wir befreit sind, uns geben will: Unverdientes, aber auch unverlierbares Leben.

Nichts anderes aber ist es, was Paulus seinen kleingläubig leistungsversessenen Galatern und Luther seinen angststarr verdienstgläubigen Sachsen und Sündern sagt und was wir bei jeder Taufe und jedem Abendmahl, an jedem neuen Tag, der uns das Evangelium bringt, hören und glauben und feiern sollen: Die Freiheit Gottes, uns nur um Seines Sohnes willen, aus grundloser Gnade aus allem, was uns zwingt und allen unseren Zwängen zu lösen!

… Freigesprochen sind wir von aller Verkettung zwischen unseren panischen Selbstversuchen und selbstsüchtigen Erfolgen … nicht wegen Unschuld oder Gelingens, sondern aus Vergebung! Befreit dazu, ohne die schlichte Logik des Einsatzes und seines nachweisbaren Ergebnisses zu leben und zu handeln, durchzuhalten und treu zu sein, hoffnungsreich und glaubensfröhlich zu bleiben, auch wenn nichts Gigantisches uns auszeichnet, auch wenn kein messbarer Erfolg uns bestätigt, auch wenn die stete Bereitschaft zu Vertrauen und Frieden uns keinen Sieg und keinen vorderen Platz beschert. … Aus reiner Zuversicht, aus einfach christlicher Gelassenheit.

Unser Leben – das durch nichts zu rechtfertigen ist, außer durch Gott – muss, wenn wir es in solcher Freiheit des Christenmenschen führen, nicht anders sein, als die Seligpreisungen (vgl.Matth5,1-10) es uns zeigen: Kein Leben, das alle anderen überbietet; kein Leben, das sich als stärker und wertvoller beweist, wenn es um sich blickt; kein hellerer Glanz, kein weißeres Weiß, kein besseres Bild als nur die geistliche Bescheidenheit, die Ausdauer auch im Leiden, die Sanftmut, Barmherzigkeit und Ungetrübtheit und der Friedenswille derer, die nicht ihrer eigenen Gerechtigkeit ein Denkmal schaffen müssen, sondern die fröhlich und gierig hungern und dürsten und hoffen auf eine Gerechtigkeit, die nicht in unserer Macht steht, sondern im Geist Gottes.

Warten können und glauben, … Gott in Seiner unbegrenzten Freiheit alle Dinge werden und wenden zu lassen und es nicht alles selber fertig zu bringen und gemacht zu haben, weil wir so groß sind: Das ist das anspruchsvoll Bescheidene am christlich freien Leben, wie die Reformation es wiedergefunden hat.

… Das Zeitalter der abendlandbeherrschenden, gottgleichen, allmächtigen Päpste und Kaiser und Vorbilder war damit für immer vorbei.

Zeiten der Befreiung und damit auch Zeiten der Verwirrung, Zeiten des Irrtums und Zeiten der Schwäche brachen an, Zeiten, in denen – wie heute – immer der Augenblick war und bleibt, dass jeder einzelne Mensch die einzig wirkliche und richtige, verheißungsvolle und dauerhafte Wahrheit bekennt und übt: Dass Gottes Freiheit uns dazu befreit, alles Messen und Müssen zu vergessen und bloß als die Geliebten zu lieben und als die Erlösten zu glauben.

Das heißt, in Christus zu leben.

Und wen der Sohn so frei macht, der ist recht frei (Joh8,36)!

Amen.


[i] Die Verbindung aus dem Lied der Miriam (2.Mose 15,21), dem Lobgesang Mariens (Lukas 1,46ff), der seinerseits den Hannapsalm aufgreift (1.Samuel 2) und den letzten hymnischen Verheißungen der Offenbarung (21,4) zeigt, wie gesamtbiblisch die Hoffnung und Erfahrung der Befreiung einen Zusammenhang darstellen, der über jede Gegenwart hinaus in das Reich Gottes weist.

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