18.n.Trin., 30.09.2018, Stadtkirche, Jakobus 2, 1 - 13, Jonas Marquardt

Predigt Kaiserswerth 18.n.Trin. 30.IX.2018                                                                                                         

                     Jakobus 2, 1- 13

Liebe Gemeinde!

Eins dürfte sicher sein: Über etwas, das es nicht gibt, wird in der Bibel auch nichts geschrieben. Wenn sich also im Jakobusbrief ein Abschnitt über Speichelleckerei vor irgendwelchen  vermögenden Großkotzen findet, dann muss es dieses unappetitliche Phänomen schon in neutestamentlicher Zeit gegeben haben.

… Dann hat also schon zu Zeiten der Jünger und Angehörigen Jesu – immerhin ist der Autor des Jakobusbriefes der spät berufene, dann aber umso wichtigere Herrenbruder, der die Jerusalemer Urgemeinde leitete, nachdem die Apostel sich der Mission verschrieben hatten – … zur Zeit dieses Bruders Jesu und seiner noch wirksamen Jünger hat also schon die Unsitte in den ältesten Kirchen der Welt Einzug gehalten, dass Kapital und Kostüm, Klamotte und Knete gewürdigt wurden, obwohl sie doch genau die Kennzeichen jener Welt sind, die in Gier und Betrug gefallen war und die vom Reich Gottes überwunden wird!

Schon im Kreis derer, die den neuen Menschen – Jesus, den auferweckten Gekreuzigten – erlebt hatten, … schon im Kreis derer, die sahen, wie verschlossene Türen ihn nach Ostern nicht mehr aufhielten, wie er ganz gewöhnliche Speise zu sich nahm und kaum vernarbte Wunden hatte und doch ganz frei war von den Beschränkungen des Stofflichen … schon im Kreis der Augenzeugen des von materiellen Zwängen befreiten Lebens hat also die alte unterwürfige Haltung gegenüber dem Tauschmittel, das alles verspricht, um sich gegriffen: Geld – etwas völlig Leeres, Ungenießbares, rein Theoretisches - … Geld machte schon damals Menschen unkritisch.

… Dass der Stein vom Grab gerollt und das Grab durch die Kraft, die aus Nichts alles schafft, offen und leer war, hinterfragt man, ……. dagegen dass alle Türen sich öffnen und alles möglich werden soll, bloß weil Zahlen und Zahlkraft Einzug halten, wird gläubig hingenommen:

Das ist der Trugschluss, oft genug der Betrugschluss, den Vermögen zu allen Zeiten ausgelöst hat. Alles dem Geld, weil Geld alles kann und ist. ……. Oder doch nicht??

Haben sie sich schon zu Zeiten des Jakobus in den Töchtergemeinden Jerusalems tatsächlich so prostituiert, dass sie um jeden reichen Protz herumscharwenzelt sind?

Waren sie wirklich damals schon wieder so verhurt?  

Offenbar ja …, sonst hätte Jakobus nicht so stark dagegen geschrieben.

Und dennoch war die Situation der frühen liebedienerischen Christen eine andere, als alles, was wir kennen, und ihre Beweggründe für das devote Hofieren der Reichen auch.

In allen Gesellschaften der alten Welt gab es nämlich einen verstörend selbstverständlichen Zusammenhang, den wir zwar heute auch noch erleben können … jedoch als Skandal: Im Altertum war das Recht von Rechts wegen das Recht der Besitzenden. Gesetze und ihre Durchsetzung verdankten sich ausschließlich dem Einfluss der Reichen. Gerechtigkeit war an Vermögen gebunden. Armut blieb rechtlos.

So funktionierte das griechische, aber ebenso das römische Recht.

Die Bibel indes ist von jener Stunde am Sinai an, in der tatsächlich ein Sklavenvolk das Gesetz der Freiheit in zehn allgemeingültigen Weisungen für alle Menschen erhielt, die Urkunde eines zunächst utopischen, dann radikalen und bis heute unendlich segensreichen Protestes gegen alle Klassenjustiz und alle Sonderrechte.

Die Bibel ist ein Gesetzbuch der Menschheit, nicht ein Kodex für Wenige.

Und sie begründet damit den Vorrang, den Primat des Solls über das Haben.

… Nicht was einem gehört, sondern wem einer gehorcht, ist Quelle und Maß des biblischen Rechtes. Und darum gilt es jedem Menschen in gleicher Weise und steht unterschiedslos allen offen. ——

Dass Glaube an Gott und Bindung an Ihn zu einer Rechts- und Lebensordnung ohne alles Ansehen der Person führen, ist also die Ausgangslage, die das Judenchristentum mit dem revolutionären „Recht für alle“ in der Gemeinde Israels teilte. …….

Doch dann kamen die Heidenchristen, … kamen aus der Welt des römischen Rechtes, das nur für Bürger galt und keine Gesetze für die Masse der Rechtlosen kannte.

Und wenn nun gar ein erkennbar reicher Heide in die christlichen Versammlungen kam – mit einem goldenen Ring und einem herrlichen Kleid und anderen Insignien imperialer, senatorischer Macht –, was mag dann wohl durch die Köpfe der Gemeindeglieder gegangen sein?

Kam nicht mit jedem Reichen die Gefahr eines Rechtes, das nur ihn schützte und alle anderen – die jüdischen Christen, die Unfreien und Barbaren unter ihnen – mit schutzloser Rechtlosigkeit bedrohte?

… Die Erinnerungen und Legenden der alten Christen[i] berichten ja genau davon wieder und wieder: Wie Angehörige der Oberschicht – besonders junge Frauen, die nirgends in der alten Welt als rechtsfähig betrachtet wurden – in die Versammlungen der Gläubigen fanden und die Unantastbarkeit des weiblichen Körpers durch männliche Ansprüche erfuhren, und wie ihre erbosten Väter und Mütter daraufhin alle Hebel in Bewegung setzten, um die christlichen Verführer gefügig-braver Heidinnen der Folter und den Schauprozessen des Willkür-Systems römischer Justiz auszuliefern.

Reiche, die in einen christlichen Gottesdienst kamen, rochen also durchaus nach Ausspähung und schwelender Bedrohung.

… Dass solche unheimlichen Besucher von den winzigen, wackeligen Ur- und Untergrundgemeinden keine Abfuhr erhielten, sondern womöglich aus schierer Panik umflattert und gebauchpinselt wurden, ist noch einmal ein anderes Bild als die schamlose Schleimerei, das Scharwenzeln und Schmarotzen, das sonst zu beobachten ist, wo Geld und sein Einfluss vermutet werden.

Die Mahnung des Jakobus, die „großen Hansen“ – wie Luther sie nannte, wenn er einen zahmen Tag hatte – nicht zu bevorzugen, muss also vor dem Hintergrund der wirklichen Gefahr gesehen werden, die von materiell reichen und damit auch politisch und rechtlich einflussreichen Zeitgenossen damals ausging.

Dadurch gewinnt diese Mahnung allerdings nur noch an Gewicht, geht sie doch über die – leider auch nicht selbstverständliche – soziale Parteinahme der christlichen Gemeinde für die Armen, aus deren Reihen sie selber stammt und an deren Seite sie zuallererst und bis zuletzt immer gehört, hinaus.

Jakobus stellt die Gemeinde damals wie heute in Wahrheit nämlich vor die Frage, welche Gerechtigkeit, welches Urteil sie wirklich erwartet:

Menschliches Recht, das die Mächtigen nach Belieben setzen, aufheben und umgehen … oder ein Recht, das für alle und für immer gilt, weil es das gottgewollte und gottgemäße, weil es das Gesetz Gottes selber ist!? …….

Wenn Ihr Euch duckt und buckelt vor den Ansprüchen und den Drohungen derer, die sich für Herren halten und die darum Gewalt üben und vor ihre Gerichte ziehen, wer immer sich ihrem Regime widersetzt, … wie wollt Ihr dann vor Dem bestehen, Dessen Gebote mit der Entmachtung aller vermeintlich und verbrecherisch Großen, Starken und Reichen beginnen: „Ich bin der HERR, dein Gott“  (vgl.2.Mose 20,2)?!

Gottes Gesetz fängt wirklich nicht umsonst mit dieser klaren Botschaft der Befreiung von allen anderen Herrschaften, Mächten und Gewalten an, um gerade dadurch seine unumstößliche und ausnahmslose Gültigkeit zu begründen: Kein Diktator und keine Krone, auch keine Elite und kein Präsident, kein Senat und keine Mehrheit kann es mit diesem Satz aufnehmen. … Ihnen allen gegenüber wird und bleibt frei, wer die zehn Gebote der Freiheit, die zehn Gebote einer freien, gleichen Menschheit, die in Israel begonnen hat, annimmt. —

Doch wer sie annimmt – und das bleibt die Herausforderung aller Christen bis heute! – der muss seine Freiheit auch bewähren!

Der kann – warum auch immer – nicht mehr mit den Wölfen heulen, vor den Lügnern schweigen oder bei den Starken lieb Kind sein.

Sondern der muss frei reden, selbständig handeln und unabhängig urteilen.

Der Kirche Jesu Christi hat diese innere Freiheit, den Reichen und Mächtigen, den Gönnern und Beschützern ohne Bücklinge und Unterwürfigkeit, vielmehr als aufrechte Subjekte eines kollektiv-königlichen Gesetzes zu begegnen, lange gefehlt.

Und heute erleben wir, wie diese Freiheit in der säkularen, unabhängigen und mündigen Welt ebenso schwindet.

Dachten wir lange, es gebe eine Kraft der Aufklärung, der geistigen Reifung und Rationalität, die der Gedanken- und Meinungsfreiheit, den Menschenrechten und der individuellen Würde jedes Einzelnen entgegenkomme und sie stärkt, so werden wir heute Zeugen, dass zivilisierte und differenzierte Gesellschaften zurückgleiten können in die Brutalität des Altertums: Recht wird als Privileg reklamiert, es soll nicht uneingeschränkt gelten, sondern nur einigen vorbehalten sein und andere schlicht ausschließen!

Diese Schwindsucht der moralischen Kategorien der Menschheit, dieses Vergreisen und Absterben des einzigen Rechtsempfindens, das für einen Christen diesen Namen verdient – nämlich des Empfindens für die majestätische Allgemeinheit der Pflichten und Rechte des Menschen vor dem einzigen Gott –, dieses praktische Verwelken und Verlöschen dessen, was dem Willen Gottes wie dem Wohl der Menschheit entspricht, geschieht vor unseren Augen: Der Rückzug in vereinzelte, isolierte Körperschaften; der Kampf gegen eine universale Ethik zugunsten kleiner Stammes- und Nationalideologien; der freche Bruch juristisch garantierter und akzeptierter Normen in der Verfassung von Demokratien, im Gebaren der Industrie, in der Kommunikation der Öffentlichkeit; die Pöbelherrschaft, zu der freie Wahlen und Meinungsäußerung zu unserer Beklemmung tatsächlich auch verkommen können, … das alles ruft nach Umkehr und Klarheit.

Uns …uns Christen aber ruft es zum Königsrecht, zum Gesetz der Freiheit, in dem das Kleine und das Große miteinander verbunden und verbürgt sind:

Um die Zehn Gebote geht es dabei, in denen Kriegsverbot und Friedensforderung, Schutz von Familie und Geschlechtsleben, geistliche und sinnliche Treue, Liebe zu Gott und das Recht des Mitmenschen, Wahrheit und Ruhe in Wort und Welt in allerkürzester Weise allgemeinverbindlich, schnörkellos und zuverlässig begründet werden!

… Aus dieser tragfähigen Grundlage des Menschseins lässt keine Einzelheit sich lösen, ohne dass das Ganze zusammenstürzt: Wer nur auf Mord verzichtet, aber nicht auf Lüge, der ist ein ebenso zynischer Verräter des Rechtes wie jener bürgerliche Patriot, der die Ehe nicht bricht, aber tötet, oder jener selbstzufriedene Wohlstandsmensch, der kein Begehren kennt, aber auch keinen Gott .

Gerade die innere Zusammengehörigkeit aller Bereiche des Lebens, wie die zehn Gebote sie spiegeln, die Verflochtenheit ganz luftiger Ideale  (Wahrheit) mit ganz konkreten Versuchungen (Diebstahl) und ganz antiquiert wirkenden Tabus (heilige Bilderlosigkeit und Namensehrfurcht), … gerade diese umfassende und doch nicht pedantische oder erdrückende Wirklichkeitsfülle des göttlichen Grundrechts macht es nun aber auch zu einer Schule der Barmherzigkeit: In diesen zehn einfachen Fundamentalsätzen finden alle Menschen sich und ihr gegenseitiges Recht.

Auf die Einhaltung dieser Gebote sind unterschiedslos alle angewiesen.

Wer das erkannt hat, der weiß, welche Gerechtigkeit und welches Urteil wir allein wählen können: Das freie Gericht Gottes, Dessen befreiende Gerechtigkeit alle Menschen berechtigt – also fähig und würdig macht –, nach dem Gesetz der Freiheit zu leben und Furcht, Berechnung, Opportunismus abzuschütteln. ———

Das ist die Botschaft, die Jakobus uns in Zeiten der Rechtsauflösung und Rechtsvergessenheit in der Welt vor Augen stellt: Christen müssen die Ansprüche aller Kinder Gottes auf äußere und innere Freiheit verteidigen. Christen erkennen in jedermanns Recht auf Heimat ebenso wie in jedermanns Recht auf Asyl, in jedermanns Recht auf ausbeutungsfreie Arbeit wie in jedermanns Recht auf körperliche Unversehrtheit, in jedermanns Recht auf Bildung genauso wie in jedermanns Recht auf Glauben Strahlen jenes unendlich klaren, ungetrübten Lichtes, in dem sie selber Gott erkennen und selbst von Ihm erkannt werden wollen:  

Nicht als Personen willkürlichen und ungleichen Rechtes möge Gott uns alle ja sehen, sondern als ebenbürtige und gleichberechtigte Menschen, die berufen sind zur gemeinsamen  Freiheit und gemeinsamer Barmherzigkeit.

Denn der gute Name, der über uns genannt wird – der Name Christi, des Herrn der Herrlichkeit – ist kein Eigenname und kein persönlicher Anspruch, sondern unser Freispruch: Im Christennamen spricht Gott uns das Recht zu, nur Seinem Gesetz zu folgen, … jenem Gebot, das wir von ihm haben, dass wer Gott liebt, auch seinen Bruder liebe (vgl.1.Joh.4,21).

Danach richten wir uns und so wollen wir einst gerichtet werden:

Von dem, der die Armen – uns rechtlose Heiden – erwählt und in seiner Nachfolge zu seiner Gerechtigkeit und seinem Reich berufen hat.

Amen.

 

 

Fürbitten

 

Herr, Dein Ruf zu Freiheit und Gerechtigkeit, Die Ruf zu Barmherzigkeit und Liebe trifft auf eine verstockte und verunsicherte Welt.

 

Wir aber wollen uns rufen lassen im Vertrauen auf Deinen Heiligen Geist.

Vom Sinai her weht die Kraft der durch Dich geschenkten Freiheit und des von Dir gegebenen Rechtes.

 

Keine Furcht und keine Tyrannei, kein Misstrauen und keine Einschüchterung haben in Jahrtausenden Dein königliches Menschenrecht auslöschen können:
Immer noch und immer weiter löst es Gefangene und Unterdrückte, Erschöpfte und Enttäuschte aus ihren Fesseln und weckt unter den Völkern und bei den Einzelnen Zeugen der Hoffnung, Botschafter der Wahrheit, Täter des Gerechten.

 

Lass doch auch uns zu deren Zahl und Gemeinschaft gehören.

Lass uns den Namen Jesu Christi verkünden und tragen als Zeichen siegreicher Menschenliebe, als Schild unverwüstlicher Zuversicht, als Pfand weltweiter Gemeinschaft.

 

Du gibst niemanden auf,

überhörst keinen Schrei,

verachtest keinen der Geringen,

wirst nicht ein einziges Deiner Geschöpfe verlieren, die zu Deiner Ehre und in Deinem Ebenbild geschaffen sind.

Darum vertrauen wir Dir das Recht der Menschheit an,

darum bitten wir Dich, dass Dein Geist die Welt erneuern und regieren möge

und darum geben wir Dir unser Herz und unsere Hände, dass Du sie mit Liebe füllst und bei Dir verknüpfst in Ewigkeit.  



[i] In dieser Hinsicht sind z.B. die Thekla-, Agnes- und Barbara-Überlieferung (um nur einige populäre Beispiele zu nennen) sehr ähnlich.

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