16.n.Trin., 16.09.2018, Stadtkirche, Apostelgeschichte 12, 1 - 11, Jonas Marquardt

Predigt Kaiserswerth 16.n.Trin. - 16.IX.2018                                                                                                       

            Apostelgeschichte 12, 1-11

Liebe Gemeinde!

Seit einer Woche schüttele ich meine Bibel, um zu sehen, ob nicht doch noch irgendwo eine fehlende Seite herausfällt.

Für meine Begriffe kann der Bericht, den wir heute aus der Feder des Lukas vor uns haben, nicht vollständig sein. … Die beiden ersten Sätze darin sind ja nicht mehr als eine Überschrift, die nach ausführlicher Fortsetzung verlangt.

… Immerhin wird doch mit diesen vollkommen blassen und unbeteiligten Notizen ein unglaublicher Einbruch in die Urzelle des Christentums vermeldet: Der erste der Zwölfe stirbt nach Ostern, Himmelfahrt und Pfingsten! Einer der allerersten berufenen Anhänger und Nachfolger des Messias, ein zentraler Christuszeuge der ersten Stunde – Jakobus, Sohn des Zebedäus, Bruder des Johannes, einer der berühmten „Donnersöhne“ unter den Jüngern – wird ermordet … und es sollte weniger bedeuten, als irgendeine Randnotiz der Weltgeschichte … und sei’s über den Tod seines Mörders, Herodes Agrippa, der dem Lukas im gleichen Kapitel immerhin eine detaillierte Schilderung entlockt? ……

Doch so sehr ich auch nach dem losen Blatt fahnde, das an dieser Stelle in die Apostelgeschichte gehörte: Tatsache ist, dass sich der ungeheure Einschnitt in die Erfahrungen und Orientierungen der Urgemeinde nirgends in Worte gefasst finden lassen will.

… Dieser Punkt bleibt eine Leerstelle.

Und das Unglaubliche bleibt bestehen, dass einer der engsten Begleiter Jesu Christi einem Verbrechen zum Opfer fällt, das ihn brutal aus der Welt reißt, und die christliche Gemeinde geht im selben Atemzug, in dem sie davon spricht, zu einer anderen Erfahrung, zum Wunder, das ein anderer Apostel erlebte, über. ———

Stimmt da vielleicht etwas nicht mit den Christen?

Sind sie unfähig, mit der politischen Gewalt, mit dem zynischen Unrecht und dem Tod umzugehen, die beim Martyrium des Jakobus ihre ungebrochene Herrschaft demonstrieren?

Sind die Christen Realitätsverweigerer, die alles ausblenden, was nicht in ihre Heile-Welt-Legenden passt? …….

Dass Lukas nicht hätte spüren sollen, wie seltsam sein brutal nüchterner Chronik-Stil an dieser Stelle wirkt, kann man ausschließen.

In seinem Evangelium hat er zwar einiges aus-gelassen, was bei Markus und Matthäus von den sehr lebhaften und sehr zweifelhaften Erinnerungen an Johannes und Jakobus, die von Jesus sogenannten „Donnersöhne“ (vgl.Mk3,17) noch lebendig war: Lukas überliefert nicht, dass sie es waren, die sich brennend vor Ehrgeiz danach drängten, im Reich Gottes einst links und rechts von Jesus auf den Thronen der Vizeherrscher zu sitzen (vgl.Mk10,35ff) und auch nicht, dass Jesus ihnen beiden daraufhin den Leidenskelch und die Todestaufe ankündigte, die er selbst vor aller Herrlichkeit würde trinken und leiden müssen (vgl.Mk10,39f); …aber dass die beiden gewitterköpfigen Söhne des Zebedäus (vgl.Lk9,54) trotz - oder wegen? - ihres Temperaments gemeinsam mit Petrus den innersten Kreis der Jünger darstellten und dass sie auf dem Berg der Verklärung und im Garten Gethsemane die hellste und die trübste Stunde Jesu vor der Kreuzigung teilten – das berichtet auch Lukas.

Ihm war also vollkommen bewusst, wessen frühen und grausamen Tod er da verzeichnete und welche Lücke der Gefährte und Bruder unter den Aposteln zurückließ.

Und auch die Christenheit hat es immer verspürt, so dass seit tausend Jahren keine Sinnsuche, keine Wanderbewegung im Abendland so ausgeprägt war wie die Reise zu Jakobus, auf’s Sternenfeld von Compostela, wo der Legende nach dieser verschwundene Jesus-Jünger ruhen und dessen harren sollte, was ihm noch bevorsteht.

…Trotzdem aber ist der Bericht von seinem Ende so spröde, so sparsam!

Weil der immerhin von Jesus angekündigte Märtyrertod tatsächlich eine solche Verlegenheit war?

Oder weil es so früh - ein knappes Jahrzehnt - nach Ostern wirklich noch keine Möglichkeit gab, christlich angemessen vom Sterben der Gläubigen und glühend Hoffenden zu sprechen, die selber noch Jesus, den Auferweckten vor Augen hatten und darum den Tod schlicht nicht mehr kommen sahen? ……. ———

Oder vielleicht deshalb, weil die erschreckend dürre Todesnachricht von der Laune und dem Henker des Herodes tatsächlich nur die Überschrift, tatsächlich nur den Auftakt bedeutet zu dem, was dann folgt?

… Wenn die Gemeinschaft Jesu Christi wirklich ein Leib ist, wenn die Jünger und die Getauften tatsächlich ein gemeinsamer Organismus sind, in dem die unzerstörbare Wirklichkeit und Gegenwart des Auferweckten sich verkörpern, dann zerfallen ihre Erfahrungen, ihre Erlebnisse und ihre Betrübnisse, ihr Gehen und ihr Kommen tatsächlich nicht in getrennte Episoden, sondern dann sind und bleiben Sterbens- und Lebensschicksale der Christen verbunden als die eine Realität des lebendigen Jesus Christus.

Die scheinbare Total-Unterscheidung – hie Leben, da Tod – ist ja elf, zwölf Jahre vor der Hinrichtung des Jakobus am dritten Tag nach Jesu eigenem Sterben aufgehoben worden.  

Seither ist es für die Osterzeugen eigentlich nur noch möglich, von den Toten zu sprechen wie von Lebenden, von den Fernen nur noch so zu denken wie von den Nahen, und kein unüberbrückbare Verschiedenheit, keine völlige Entfremdung mehr anzuerkennen: Wenn der gekreuzigte Jesus Christus tatsächlich der Lebendige ist, dann kann auch sein gerade noch so lebhafter Jünger Jakobus also nicht einfach im undurchdringlichen Dunkel und Schweigen dessen, was der Tod bisher war, verschwinden.

Ist der Tod nämlich einmal durchlässig geworden – und das hatten die ersten Jünger ja staunend und auch ungläubig erlebt –, dann ist der Zustand der Toten völlig verändert im Vergleich zur bisherigen Ausweglosigkeit der Gräber.

Und auch wenn es uns fremdartig erscheint – weil wir befangen sind in einem Denken, das letztlich nur Einzelne und keine Gemeinschaft kennt –…, auch wenn wir also Schwierigkeiten haben werden, lässt sich doch die Theologie des Lukas und das Verständnis, das die ersten Christen von der Durchlässigkeit zwischen Tod und Leben gewonnen hatten, recht deutlich erfassen, wenn wir die unterschiedlichen Schicksale der beiden Apostel Jakobus und Petrus als eine zusammenhängende Geschichte sehen.

Erlebt haben sie zwei verschiedene Personen – und dennoch erklären sie sich wechsel-seitig.

Denn so viel springt uns allen ja in’s Auge: Der Bericht von der Befreiung des Petrus aus dem Gefängnis ist Zug um Zug eine Ostergeschichte.

Sie ereignet sich ja auch in der Karwoche, in der österlichen Zeit der ungesäuerten Brote. Da wird über das Passafest Petrus in einen Kerker geworfen, der so bewacht und so verriegelt ist wie das versiegelte Grab seines Herrn zur gleichen Festzeit wenige Jahre zuvor. Und inmitten der starren Wachen und lähmenden Fesseln erstrahlt im finsteren Kerker ein Licht – das Licht! – und handelt ein Engel am bewegungs- und verständnisunfähigen Jünger.

Was er aber tut, spricht Bände: Er schlägt die Seite des Petrus – und es begegnet dabei ein Wort, das sonst nur im Bericht von der Kreuzigung Jesu und vom ungläubigen Thomas eine Rolle spielt[i], … ein Wort, das Zinzendorf so liebte, weil er spürte, dass diese anatomische Angabe auf das innerste Lebensgeheimnis des Heilands zielt. Bei Zinzendorf und im Barock ist es die „Seitenhöhle“, … der Quell, aus dem Blut und Wasser aus Jesu Herzkammern strömten.

…Und just diese Seitenhöhle, diese Herzkammer des Apostels muss der Engel also berühren, als versetze er dem stillstehenden Lebensorgan den rettenden Stoß, der es wieder bewegt.

Und wie die Träumenden, wie die Kinder – benommen und folgsam – führt der Apostel aus, wozu der Engel ihn bringen will, von dem es zunächst im Griechischen heißt: Er „auferweckte“ ihn und sprach zu ihm „Aufersteh!“

… So kleidet sich Petrus wie im Schlaf, folgt traumwandlerisch durch das unpassierbare Kerkerlabyrinth und schließlich – Höhepunkt dessen, was nicht von Menschenhand geschehen kann – … und schließlich gelangt er hinaus in die Stadt, weil die eiserne Tür des Gefängnisses „automatisch“ (wie es auf Griechisch heißt) vor ihm aufsprang! ———  

Dass dieser „Automatismus“ allerdings eben keine Mechanik, keine physikalische Folge einer physikalischen Wirkung ist, sondern der Durchbruch der Kraft Gottes durch alle natürlichen Hemmnisse und Widerstände – das bestätigt ja, dass wir es hier mit einer Geschichte zu tun haben, die nur im Licht von Ostern verstanden werden will.

Sie erzählt also mehr, als nur wie Petrus den Fängen der herodianischen Pseudo-Justiz entkam.

Vielmehr hat Lukas es doch wohl gewagt, das, was wir niemals angemessen schildern und uns auch kaum ausmalen könnten, durch den Bericht von der Inhaftierung Petri und seiner Befreiung anschaulich zu beschreiben: Nämlich das, was passiert, wo die Menschen Gottes in den Bann und Zwang, in die Ohnmacht des Todes geraten!

Mit seiner zunächst so unbefriedigenden Abfolge von nüchternem Hinrichtungsvermerk und anschließendem Befreiungsbericht ist Lukas also tatsächlich in die Nähe einer Innenansicht der Osterereignisse gekommen.

… Wohlweislich hat er natürlich nicht behauptet, zu wissen oder wiederzugeben, wie sich die herrliche Gottestat der endgültigen Herausführung aus dem Tod vollzieht, … er hat nicht das endgültige und ewige Passa, das Ausziehen aus den Gräbern und Heimkehren in’s gelobte Land des Lebens zu dokumentieren unternommen.

Doch in der Gestalt dessen, was die Forschung ein „Türwunder“ nennt und in den Anspielungen auf das Psalmwort von den Träumenden, als die wir uns fühlen werden, wenn endlich der HERR die Gefangenen Zions erlöst (vgl.Ps126!), und im österlichen Laufen und Verkündigen der Türmagd Rhode, der man das Undenkbare auch in der betenden Gemeinde schlicht nicht glauben mag … in allen diesen Zügen hat Lukas der minimalistisch festgehaltenen Passionsgeschichte des Jakobus doch eine maximal ausführliche Auferstehungsbotschaft angefügt. ———

Was uns allerdings bewegen und beschäftigen sollte, wenn wir erkennen, dass in der Apostelgeschichte die  Rettung des Petrus geheimnisvoll die Auferstehung des getöteten Jakobus vertritt, das ist diese Wahrheit  wechselseitigen, gemeinschaftlichen Leidens und Lebens.

In dem, was einem hier an Befreiung widerfährt, widerfährt auch dem anderen Recht und Heil. Und was der eine erduldete, das teilte der andere unter scheinbar harmloserer Gestalt.

Auf diese unlösliche Durchdringung zwischen den Erfahrungen, den Tragödien und Trauerspielen der einen Biographie und den Glücksfällen und Triumphen des anderen Lebenslaufes kommt es aber wirklich an, wenn wir als Christen gerade im Licht von Ostern bekennen (Rö14,7): Unser keiner lebt sich selber und keiner stirbt sich selber.  

Wenn wir wirklich eines Tages wieder wie Lukas und die Gemeinde der Anfänge dahin kämen, dass wir eine solche Verweisfunktion vom Glück des einen auf das Leid des anderen begriffen, … wenn wir dahin kämen, eine solche Korrespondenz nicht nur zu behaupten, sondern ernsthaft zu leben – dass Freuden und Wunder in manchen unserer Erfahrungen nicht ohne Schmerzen und Sterben in den Erfahrungen anderer sinnvoll zu verstehen sind –, dann würde sich Tiefgreifendes in der Welt ändern!

Nicht, als hätten wir dann endlich die fehlenden Blätter, des Rätsels Lösungen, die befriedigenden Erklärungen des Unverständlichen gefunden.

Aber doch so, dass niemand mehr alleine in seinem Leid oder seinem Segen stehen würde: Wo immer Türen aufgehen, wo wunderbare Fügungen eintreten, wo Osterlicht leuchtet und Freiheit sich einstellt, da können die Unterdrückten und die Misshandelten und die Opfer und die Toten nicht einfach vergessen und vernichtet sein und da wird auch nicht nur an sie erinnert oder bloß vorweggenommen, was auch ihnen zusteht, sondern da sind sie beteiligt, da handelt Gott in ihrem Namen und im Blick auf sie.

Meine Heilung ist demnach eine Verheißung, die weit über mich hinausgeht.

Und meine Erleichterungen, meine Lichtmomente, meine Neuanfänge tragen demnach etwas in sich, das sich gewiss nicht auf mich und mein Verdienst bezieht, sondern das die Hilflosen und Hoffnungslosen vergegenwärtigt und ihre Teilhabe an Fülle und Freude offenhält.

Nicht Einzelschicksale und Einzelrechte sind demnach christliche Angelegenheit und Sorge, sondern der Zusammenhang aller Dinge und Geschichten, jenes unlösbar verknüpfte große Ganze, das wir die „Heilsgeschichte“ nennen, weil sich Pech und Bevorzugung darin nicht ein-fach willkürlich verteilen, sondern zur gegenseitigen Ergänzung und Vervollständigung bestimmt sind.

Wer also immer noch meint, er habe persönlich und alleine Ansprüche auf irgendetwas – was es auch sei! – , der kennt das Wunder von Ostern nicht!

Ostern ist ja der Grund dafür, dass es überhaupt etwas gibt, das besteht und das Hoffnung bedeutet und dass nicht alles nur Sterben und Verlöschen ist.

Weil aber alles, was es gibt, österlich verstanden und erlebt werden will, darum ist wiederum nichts an sich und endgültig sinnvoll, sondern alles Gute, alles Gelingen, alles Glück weist auf jenes Heil hin, das niemals in unserer Macht stand und uns auch niemals zu Gebote stehen wird.

Gott allein hat die Macht, dass aus dem wechselhaften Glück und dem vorübergehenden Licht auf dieser Erde jener Sieg und jenes Leben werden, die allen ewig zugutekommen sollen.

Und darum möge es auch keine unüberwindliche Anfechtung für uns sein, wenn wir es immer wieder erleben, dass nicht nur die Lebensläufe und Todesschicksale anderer rätselhaft, ungerecht, abgebrochen und ungesühnt erscheinen, sondern dass jeder neben dem Wunder des Petrus ebenso das Weh des Jakobus erfahren muss.

Vollständig dem auferweckten Herrn leben, heißt eben auch sterben können.

Denn wir leben und sterben ja Ihm allein, weil nur Er über Tote und  Lebendige Herr ist. ——

Und so fehlt keine Seite in der Bibel oder in unserem Leben.

Denn da, wo wir nichts weiter mehr sind, da ist Er alles.

Ob wir aber leben oder sterben: Wir sind Sein!

Amen.



[i] Der griechische Begriff πλευρά begegnet sonst nur in Johannes 19,34 und 20,20.25.27.

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