5.n.Trin. 01.07.2018 Stadtkirche 1.Mose 12,1 - 4 Jonas Marquardt

Predigt Kaiserswerth 5.n.Trin. 01.VII.2018                                                                                                          

                  1.Mose 12, 1-4

Liebe Gemeinde!

Man verachtet sie, man hält sie für entscheidungsschwach und unselbständig … und natürlich – tödlich in Zeiten der Popularitätsdiktatur! – hält man sie für langweilig: Die „Ja-Sager“!

Denn die Helden und die Wellenreiter der Massenstimmungen heute sind ja glatt das Gegenteil: Es lebe die Internationale der „Nein-Sager“! … Ich sag’ „Nein“ zu Dir, Du sagst „Nein“ zu mir, gemeinsam sagen wir „Nein“ zu allem Gemeinsamen: So wird das doch im Handumdrehen was mit der Abschaffung des dummen „Ja-Sager“-Erbes, das in Gestalt von Frieden und Versöhnung und Völkerverständigung wie ein Mühlstein um unsere Hälse hängt.

Ein „Hoch!“ also auf den ersten Grunzlaut der Natur – das viehische „Nein!“ – , ein „Hoch!“ auf die Brücke in eine wunderbare neue Welt des zerstörten Vertrauens, der vermauerten Straßen und der einfachen Ordnung wie sie etliche führende Männer der Gegenwart verstehen: Ich bin immer der Erste und Du immer das Letzte. ….  ———

Doch der kunstlose Reflex des „Nein“-Sagens, den trotzige Kinder und knurrende Hunde und aufgestörte Winterschläfer an den Tag legen, ist das erste, was der biblische Glaube überwindet. Nichts anderes ist die Offenbarung Gottes ja von Beginn an für die Menschheit, als ein Ruf, den dumpfen, tierischen, geist- und herzlosen alten Adam, der ein bärbeißiges Brummtier ist, abzulegen und stattdessen den neuen Menschen, der sich nicht gegen alles weigert, sondern sich etwas traut, … ja, der vertraut, anzunehmen.

Der natürliche Mensch ist das traurige Tier, das nur seine Höhle kennt und in sie zurückkriecht, um sie mit lautem „Nein!“ zu verteidigen. Der Mensch Gottes dagegen ist anders als diese: Er ist ein Wanderer, einer, der sich auf die Entdeckungs- und Pilgerreise begibt, zu der Gott ihn geschaffen hat und ermutigt.

Und die allererste Berufung eines Menschen durch Gott – die abrahamitische Urszene des Glaubens – stellt diesen Sprung aus der primitiven Prähistorie in die Geschichte dar, … den Sprung ins Weite, in die Offenheit, durch den der Höhlenbewohner – selbst wenn er schon in einen mesopotamischen Stadtstaat gehörte – zum Weltbürger wurde. ——

Das also ist die Wahrheit Abrahams: Dass er die Schranken, die sicher sind und die Sicherheit, die beschränkt ist, endgültig verließ.

Seitdem ist das Vaterland – nach dem berühmten Wort Heinrich Heines[i] und im Geist des Hebräerbriefs (vgl. 11, 14-16) – „tragbar“, beweglich, ein „Vademecum“, ein mitziehendes Vertrauen, eine wandelnde Zuversicht, ein vor uns liegendes Heimkehrerziel.  ———

Das ist alles tatsächlich tiefe und entscheidende Wahrheit, ohne die kein Mensch die Bibel und das Volk Israel und die Kirche je verstehen könnte: Dass der Ruf Gottes stets Aufbruch und nie Besitz bedeutet, … dass die Verheißung Gottes einen Menschen von allem löst, ihn frei macht und bereit, bis zuletzt nach Gottes Zielen zu suchen; … dass der Segen Gottes nur unterwegs und nicht im Wohnen, im Gewohnten seine wahre Fülle bietet.

Das ist alles tatsächliche und tiefe Wahrheit: Dass Glaube an unseren Gott das Gegenteil von schwächlicher Feigheit – nämlich wirkliches Wagnis! – ist, und dass Ungläubige allemal bürgerlicher und bequemer leben können als die von Gott Gerufenen, und dass wir heimatliche Zugehörigkeit nicht zu etwas Bekanntem, sondern nur zum zukünftigen Reich Gottes haben!

Das ist Wahrheit – reine und bedeutungsvolle Wahrheit! – , dass wir als Nachfolger der biblischen Gemeinde zu den Entwurzelten und den Flüchtlingen und den Fremdlingen halten und gehören müssen und nicht zu den Götzendienern von Gut und Blut und Boden. ——

Doch alle diese uns einerseits bekannte,… ja, durch ihre Vertrautheit schon wieder entschärfte und zur bloßen Formel gewordene Wahrheit hat eine oft übersehene, ganz reale Grundvoraussetzung, von der unser heutiger, ebenfalls sattsam bekannter Predigttext spricht.

Allerdings ist diese Voraussetzung nicht in den äußerst beliebten, … ja geradezu unbedacht beliebten Segensworten der Abrahamsberufung zu finden.

Die bis heute als Taufspruch beispiellos populäre Doppelzusage, dass Abraham gesegnet und ein Segen werden soll, die Eltern als Schutz- und Erfolgsverheißung hören, ist nämlich eigentlich eingebunden in den denkbar schmerzhaftesten, verunsicherndsten Zusammenhang:

Dem Segen, den Abraham empfangen und weitergeben soll, geht der tiefstmögliche Bruch voraus! 

Vaterlandslos und verwaist soll er schließlich werden, nur um den Segen Gottes zu erlangen, … und das nicht durch irgendein Schicksal, sondern durch eigene Entscheidung. Der Beistand und die schenkende Gabe Gottes gelten ihm dann, wenn er alle Anker lichtet und jeden anderen Schatz aufgibt. Bloß einem nackten, obdachlosen Bettler wird so Gottes großer, dauerhafter Segen verheißen!

Und da kommt jene Grundvoraussetzung aller unserer erbaulichen und nonkonformistischen Standardfloskeln vom freizügigen, mobilen, beweglichen, geistig unabhängigen wandernden Gottesvolk in’s Spiel: Die ganze Idee, die ganze Wirklichkeit eines nicht angepassten, eines zum Verzicht und zum Ungewissen bereiten Lebens auf einem neuen Weg beruht auf dem schlichten Urereignis des Rufes Gottes einerseits und auf der erstaunlichen Tatsache, wen dieser Ruf traf.

Er war ein Sesshafter. Sein Vater noch – Terach – war den mesopotamischen Karawanen- und Handelswegen gefolgt (vgl.1.Mose11,31f) und hatte sich dann niedergelassen, wo Kultur und Kommerz blühten: In der uralten Stadt Haran, die dem Reichtum und seinen Konjunkturen geweiht war, weil sie ein weitberühmtes Heiligtum des Mondes beherbergte, – jenes tröstlichen Gestirns, das beweist: Mal wird’s mehr, mal wird’s weniger, aber immer kehrt alles zurück, wenn man nur lange genug gewartet hat.

In dieser behäbigen Stadt am Südrand der heutigen Türkei, im äußersten Norden Syriens, wo die traditionellen Häuser bis heute die Form eines Bienenstocks nachempfinden – des Inbegriffs von Schaffenseifer, Sammelfleiß und Wintervorrat – begann das verantwortliche Leben Abrams, der wie jeder Einwanderer der zweiten Generation stolz auf Erreichtes, empfindlich für Störung und bieder beim Bewahren gewesen sein muss. Hier mehrte er mit den Jahren sein Gut und seine Ehre. Hier war er alt geworden. Ein verdienter Bürger, ein ansässiger Besitzer. Eines jener Tiere der Gewohnheit, die zum Neuen „Nein“ sagen. ——

Doch er – unser Vater, wenn wir ihn denn so nennen dürfen – … unser Vater des Glaubens hat unvorhersehbarer-, … wunderbarerweise „Ja“ gesagt.

Dieses „Ja“ Abrahams ist die erste und zugleich die alles entscheidende Tat des Glaubens in dieser Welt und ihrer Geschichte.

Das „Ja“ des alten Mannes von Haran ist von einer so unvergleichlichen Bedeutung wie das andere, an dem die Heilsgeschichte hängt, … das „Ja“ des jungen Mädchens aus Nazareth, deren Lobgesang wir eben miteinander gebetet haben.

Zwischen der abrahamitischen und der marianischen Zustimmung zu Gott entwickelt und verwirklicht sich das Heil der Welt. ……. Und hätte nur einer der beiden das Naheliegende, das Natürliche, … das „Nein“ gesagt, das doch so selbstverständlich gewesen wäre, dann gäbe es kein jüdisches Volk und keine christliche Kirche, dann gäbe es den wunderbaren Weg durch die Welt und das wunderbare Ziel aller Zeiten nicht, die uns zu Pilgernden und Heimkehrern machen. ———

Es ist tatsächlich so: Wenn man an irgendeiner Stelle der Bibel nicht nur mit stockendem Atem ihrem Bericht folgt – das muss man in Wirklichkeit doch von Seite zu Seite, ja von Vers zu Vers –, … wenn man aber an irgendeiner Stelle der Bibel tatsächlich einfach nicht weiter hören und lesen mag, weil es unmöglich scheint, dass es überhaupt weitergehe, ……. dann ist das nicht da, wo die Feinde am Strand auftauchen und die Fliehenden doch erst auf halbem Weg zum rettenden Ufer sind, …… es ist auch nicht da, wo die von Gott geschriebenen steinernen Tafeln mit der Wahrheit und dem Weg zerschlagen werden, weil die Menschen lieber dem Trug und der Materie dienen, ……. und auch da ist es nicht, wo Gottes Gerichte über die Auserwählten, die doch solche Sünder sind, hereinbrechen, ……. und nicht einmal da ist es, wo der eine Erwählte das Leid aller Menschen getragen, ihre ganze erdrückende, verzehrende Schuld geschleppt und geschluckt hat und würgend, verlassen, verzweifelt daran stirbt; …… nein, wenn man irgendwo die Bibel aus der Hand legen und an der Hoffnung verzagen muss – weil man doch sich selber kennt! – , … dann ist es nicht bei diesen Gipfeln und Abgründen der Heilsgeschichte, sondern unmittelbar an deren völlig unwahrscheinlichem Ausgangspunkt.

Gottes Ruf zu neuem Leben, … Gottes Herausforderung, die alte Welt stehen zu lassen und für Ihn und zu Ihm hin in Richtung der neuen aufzubrechen, … Gottes Ermunterung, dass wir das Beste niemals verlieren werden, wenn wir es nicht schon haben wollen, sondern erst empfangen, … dieser abenteuerliche Grundgedanke Gottes, ein Mensch könne seine Gewohnheit und sein Dasein völlig verändern und sich wirklich auf das einlassen, was von oben und von vorne kommt: Das ist der gewagte, beinah absurde Einsatz Gottes, mit dem nach Sündenfall, Sintflut und „Sturmbau“ zu Babel das Gute in der Weltgeschichte anfangen soll.

……. Eigentlich konnte Abraham menschenlogischerweise nur „Nein“ sagen: Nein, ich will keinem Versuch dienen, sondern der Sonne und dem Mond. Nein, ich will nicht nomadisieren, denn die Welt braucht Zivilisation. Nein, ich will nicht der Erste und Einzige im Unbekannten, sondern ein treues Glied des Bewährten sein. Nein, ich will Sicherheit. Nein, ich hüte das Grab meines Vaters. … Nein danke, ich habe eine Heimat. ——

Aber Abraham hat durch sein „Ja“-Sagen die Welt grundlegend und für immer verändert! Nicht Kleinmut und Weigerung, nicht Misstrauen und Angst, die wir in uns selber vor- und darum selbstverständlich finden, gelten künftig, sondern ein mutiges Wunder der Zuversicht, ein radikaler Durchbruch der Unerschrockenheit, die ungesicherte, aber umso freiwilligere Hingabe an Gottes Macht: Das ist das „Ja“ Abrahams, das ist Marias „Ja“ zu Gott … und so sind seither Maß und Möglichkeit des Glaubens.

Weil diese beiden es wagten, sich in ein unerforschtes Meer der guten Aussichten zu stürzen, weil sie sich Dem anschlossen, Der nie Vergangenheit werden kann, dieweil Er ewig ist und man mit Ihm also immer nur Zukunft gewinnt: Darum ist in der Menschheit das positive Wort, die Bejahung zum Schlüssel des Lebens und des Segens geworden: Mögen Vorsicht und Vernunft noch so sehr das Verneinen alles Nie-Dagewesenen, alles Unvertrauten und Unsicheren nahelegen – der Glaube Abrahams und Marias zeigt uns ansteckend, dass wir alles verlieren, wenn wir „Nein“ zum Unbekannten sagen, weil Heil nicht etwas ist, was wir kennen, sind und haben, sondern einzig das, was uns bei Gott erwartet.

Trotz aller eingefleischter Abwehr gegen die unvorsichtigen, die blauäugigen und gutgläubigen „Ja“-Sager, die sich trauen, was wir uns nicht trauen, die verlassen, was uns hält und riskieren, was uns zu teuer scheint: Abrahams Segen – jener, den er erfuhr und jener, den er allen Glaubenden eröffnet – stellt unsere Gewissheiten auf den Kopf!

Das instinktive „Nein“ unserer Sorge, unserer Erfahrung und Klugheit ist kein weiser Rat, sondern töricht und schwach, wenn wir es gegen Gott und Sein Wort richten!

-          Wollen wir wirklich ablehnen, wo Gott Vertrauen fordert?

-          Wollen wir es wirklich ausschlagen, wenn Gott Seine Zukunft durch Veränderungen greifbar macht?

-          Wollen wir wirklich „Nein“ sagen zu Seinem Gebot der Liebe, … der Feindesliebe, weil die tierische Natur uns dazu zwingt?   

-          Wollen wir „Nein“ sagen zu Gottes Plänen, die allemal stärker und gewisser sind als jede scheiternde Voraussicht des ängstlichen Menschen?

-          Wollen wir „Nein“ sagen dazu, dass Gott Zeugen des Segens in die Fremde sendet und nicht Zeugen der Verwerfung?

-          Wollen wir es wirklich wagen, das Wagnis der Wegweisung Gottes abzulehnen, … den Glauben abzulehnen, der nichts weiß und hat außer der Verheißung?

-          Wollen wir wirklich dem Geist, der stets verneint, auf die Leimrute gehen, die uns festhalten wird bis zum Sterben?

Oder wollen wir mit Abraham nicht dem Vaterhaus, nicht der Verwandtschaft für immer verfallen bleiben, sondern Den Vater suchen und Sein Reich, das kommt?

Glaube ist das Wagnis des Vertrauens vor aller Welt und ohne alle Welt, Zuversicht des, das man hofft und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht (vgl. Heb.11,1). ——

Es sind Glaubenszeiten wie unsere, in denen sich die Geister in die des „Ja“ und die anderen des „Nein“ scheiden.

Angst und ihr Namensgeber – die Enge – werden dabei unweigerlich dorthin geraten, wo sie sich zuhause wissen: In die Vergangenheit.

Doch der Glaube Abrahams, der sein ganzes Vertrauen einzig auf Gott wagte und alles andere zurückließ, der führt in die Weite, in der viele Völker, … ja, wie wir getrost glauben dürfen: alle Völker einst miteinander den Segen und die Gegenwart des lebendigen Gottes finden sollen.

Es sind Glaubenszeiten.

Gott gebe uns, dass wir „Ja“ dazu sagen können!

Amen.



[i] Vgl. Heinrich Heine, Geständnisse, in: Sämtliche Schriften – Bd.VI/1, hg.v. K.Briegleb, 2.Aufl., München 1985, S 483, wo Heine das heilige Buch, die Bibel als „portatives Vaterland“ der Juden im Exil beschreibt.

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