1.So.n.Trin. 03.06.2018 Jeremia 23,16-29 Bittgottesdienst um Frieden anlässlich der 400. Wiederkehr des Ausbruchs des Dreißigjährigen Krieges Stadtkirche Jonas Marquardt

Predigt Kaiserswerth 1.n.Trin. 3.VI.2018                                                                                                              

      Bittgottesdienst um Frieden anlässlich der 400.Wiederkehr des Ausbruchs des Dreißigjährigen Krieges                

                     Jeremia 23, 16-29[i]

Liebe Gemeinde!

Kein Mensch weiß, in welcher Zeit er lebt.

Ihre Bezeichnungen und damit Deutungen erhalten Epochen erst im Rückblick, wenn sich zeigt, was wirklich bestimmend, was wirklich entscheidend für eine Ära oder Generation gewesen ist.

Und da verschieben sich die Gewichte und rücken sich die Perspektiven oft erstaunlich zurecht, wenn die Späteren erkennen, was den Zeitgenossen und ihren Propheten verborgen war.

Die „Propheten“, die Sprücheklopfer und Schönwettermacher, die die Gegenwart bei Laune halten, suchen seit biblischen Tagen ja das Positive heraus, um ihren Hörern, ihren Kunden in der Modevilla des Zeitgeistes Appetit auf’s Aktuelle zu machen; … denn auf Dauer – das werden die Angstmacher unserer Zeit auch noch erfahren – hört niemand es gerne, dass nur Krise oder Katastrophe das Angebot des Tages seien. … Es muss schon etwas Gutes sein, etwas, das Stolz und Zuversicht weckt, als dessen Zeitzeugen man gerne dasteht. Einer verlorenen Generation mag niemand angehören … auch die 14/18er blieben schließlich lieber als die Hedonisten der Goldenen Zwanziger Jahre im Gedächtnis; auch die 33er, die zu 45ern wurden, betrachteten sich später als Wiederaufbauer und Anpacker, nicht als Zerstörer und Totengräber!

Und immer haben die Propheten es bestätigen können: Ihr seid Träger großer Hoffnungen und Leister großer Dinge und in euren Tagen passiert Historisches. …….

Das pflegen wir – obwohl wir derzeit ja eine eher verunsicherte und überforderte Gegenwart erleben – nicht anders zu hören. Umbrüche und Entwicklungen der ganz gewaltigen Art voll-ziehen sich, und die Menschheit im frühen 21.Jahrhundert baut gleichzeitig an zwei weltgeschichtlichen Wundern: Der Künstlichen Intelligenz und der biologischen Überwindung des Todes.

 

ICH SANDTE DIE PROPHETEN NICHT AUS UND DOCH LAUFEN SIE;

ICH REDETE NICHT ZU IHNEN UND DOCH WEISSAGEN SIE.       

 

EG 247, 1. - Gemeindegesang[ii]

Herr, unser Gott, lass nicht zuschanden werden 
die, so in ihren Nöten und Beschwerden 
bei Tag und Nacht auf deine Güte hoffen 
und zu dir rufen, / und zu dir rufen. 

 

Ob wir aber einst als die Schwellenzeit vorm Anbruch der Unsterblichkeit gelten werden, ob man sich unsereR Epoche als der Entstehung einer ganz neuen, geisterfüllten Technik erinnern wird, … wer weiß es?

Es könnte auch ganz anders kommen.

Es könnten Entwicklungen und Prozesse, die wir nicht weiter ernst nehmen, die wir ausklammern oder schlicht nicht erleben, eines Tages als die wirklichen Weichenstellungen, als die eigentlich geschichtsmächtigen Umbrüche zu Beginn des 3.Jahrtausends christlicher Zeitrechnung gelten. Vielleicht wird man auf uns zurückblicken und sagen: Sie liebten die Mobilität und waren doch zu langsam, als es um’s Überleben ging. Oder man wird uns die letzte Plastikepoche nennen, vor dem großen Plastiktod. Oder man wird die Jahrzehnte, die wir gerade erleben, von einem sich anbahnenden Ergebnis her deuten – Zerfall des Westens, Aussterben der Schriftlichkeit, Verbot aller Religionen –, das wir noch gar nicht kennen und nennen können.

 

WER HAT IM RAT DES HERRN GESTANDEN,

DASS ER SEIN WORT GESEHEN UND GEHÖRT HÄTTE?

 

 

EG 247,2.

Mach zuschanden alle, die dich hassen,
die sich allein auf ihre Macht verlassen.
Ach kehre dich mit Gnaden zu uns Armen,
laß dich's erbarmen, / laß dich's erbarmen,

 

Solche Unsicherheit der Zeit und solche Unwissenheit über ihre Ziele haben wir nun zweifellos auch mit den Zeitgenossen des Dreißigjährigen Krieges gemeinsam: Keiner von ihnen konnte vor 400 Jahren ahnen, dass die Ereignisse in Prag und das Abenteuer eines jungen pfälzisch-englischen Braupaares, die gerne die böhmische Krone tragen wollten, dazu führen würden, dass ein Menschenalter lang niemand von ihnen mehr Frieden erleben sollte, sondern stattdessen die christlichen Völker in einen Krieg geraten waren, der hartnäckiger, tückischer und grausamer wüten würde, als man es je für möglich hielt.

Doch als der dreißigjährige Unfriede, der eine ununterbrochene apokalyptische Bedrohung auch für die verschonten Gegenden brachte, allmählich in’s Lebensgefühl und in die Todeserwartung der Damaligen einsickerte, hatten sie im Vergleich zu uns einen ungewöhnlichen Vorteil: Ihnen fiel es nämlich viel, viel leichter, sich von den Propheten und Propagandisten der guten Tage zu lösen und das erschreckend Negative, das Abgründige, … ja, das Verdammte ihrer Zeit zu erkennen.

Die Menschen des Unruhezustands und der alarmierenden Zerbrechlichkeit, die wir den „Früh-Barock“ nennen, waren nicht wie wir auf positive Prognosen und das Versprechen universaler Problemlösungen fixiert, sie waren nicht eingesponnen in das Märchen einer ständigen Verbesserung des Lebens und wussten nichts von einem Recht auf Glück und Haben.

Dadurch aber war ihre Welt – so unvergleichlich brutal und bitter sie auch gewesen sein mag – nicht von jener unhaltbaren Unwirklichkeit, die unsere auszeichnet.

Wenn wir tatsächlich auch nur einen geringen Teil ihrer Entbehrungen, ihrer realen Albträume und persönlichen Tragödien erleiden müssten, würde es uns in mentale Lähmung und seelische Erstarrung versetzen, und alle Organe und Regungen, die von Sinn und Hoffnung leben, verlöschten im Schock des Vakuums, in das solche Pein uns stieße. …

Würden wir der grausigen Realität begegnen, die damals unsere Vorfahren kannten und die heute die Mehrheit der uns Gleichzeitigen umgibt, dann wären die Kräfte des Suchens und des Widerstandes, die wir „Glauben“ nennen, in uns einer solchen kollektiven Erfahrung kaum gewachsen.

Das zeigt uns jede punktuelle Katastrophe, jede einzelne Konfrontation mit dem Terror und der zerreißerischen Gewalt des Hasses genauso wie unsere Unfähigkeit, mit unserer glasklaren Schuld an den Fluchtursachen, der Ungerechtigkeit und der Naturvernichtung des jetzigen Zeitalters umzugehen. Wo immer es ernst wird und ausweglos, wo immer es zu Opfern und Leiden kommt, erwacht in uns der schwache und schändliche Instinkt, zu jammern: „Wenn so etwas möglich ist, kann es keinen Gott geben! Dann ist also alles sinnlos … und wir können weitermachen …....“  

 

BIN ICH NUR EIN GOTT, DER NAHE IST, SPRICHT DER HERR,

UND NICHT AUCH EIN GOTT, DER FERNE IST?  

 

EG 247, 3.

und schaff uns Beistand wider unsre Feinde! 
Wenn du ein Wort sprichst, werden sie bald Freunde. 
Herr, wehre der Gewalt auf dieser Erde, 
daß Friede werde, / daß Friede werde. 

 

„Wenn so etwas möglich ist, kann es keinen Gott geben! Dann ist alles sinnlos … also können wir weitermachen.“ … So reagieren wir – die Einheimischen der weltweiten Internetnachbarschaft – mit unserer kleinen Erfahrungstoleranz also auf die Wirklichkeit.

Die Menschen des zersplitterten Reiches und der provinziellen Fronten und der mörderischen innerchristlichen Grabenkämpfe dagegen, verstanden die Dinge gerade umgekehrt …: „Was immer möglich ist, kann nur sein, weil Gott es gibt. Und darum hat es alles eine Botschaft: Dass wir nicht weitermachen können!“ ———

Das ist tatsächlich der im dreißigjährigen Krieg allgegenwärtige erste Gedanke der Leidtragenden: Nicht etwa, dass der trostlose Jammer ihrer Tage den durchaus nicht unschuldigen christlichen Glauben ausschließt und Gott also gleich mit erledigt, … sondern dass das himmelschreiende Elend des Blutvergießens, der Grausamkeit und des nackten Sterbens eine gewaltige Erschütterung bedeutet, mit der Gott den flachen, falschen, verflüchtigten, den schuldigen Glauben schrecklich durcheinanderrüttelt, damit er sich endlich wieder finden und bessern kann[iii].

Während wir also verzweifeln, wenn das, woran wir gerne glauben würden, sich nicht in guten Erfahrungen bestätigt, schlossen die armen Kriegsopfer und Kriegstreiber und Kriegsflüchtlinge und Kriegsmüden des 17.Jahrhunderts, dass ihre schlechten Erfahrungen sie unzweifelhaft eindeutig zu neuem Glauben bringen wollten.

Sie erschraken tatsächlich über ihre eigene Schuld. Erkenntnis schrecklicher, lebenszerstörender Sünde drängte sich ihnen auf, und in ihren teils fassungslos traumatisierten, teils zwanghaft überbordenden Schilderungen des Erlebten klingen zwei Grundmotive am stärksten:

Diese Geschlechter, die das Grauen erfuhren, wollen büßen, und sie halten mit allen Fasern an der Hoffnung auf den Himmel fest, die ihnen lebend und sterbend das Unumstößlichste bleibt[iv].

Der perverse Weltenbrand, den ihre eigene menschliche Niedertracht entfesselt hat, vermag sie nicht von dem abspenstig zu machen und zu scheiden, was größer ist als diese Welt und heiliger als aller Menschen Unheil: Von Gott!

Gott ist mehr als das, was alle Truppen und Banden eines ganzen Kontinents verbrennen und zerstören können, … Gottes Wirklichkeit ist dringender und kostbarer, als alles, was in den endzeitlichen Schrecken einer ganzen Generation zerstäubt und verweht: Sogar das Furchtbare, sogar die rohe, nackte, schamlose Verderbnis des Menschlichen wird den barocken Augen- und Ohrenzeugen schließlich zum Ruf zurück zu dem zürnenden, aber doch durch Flammen hindurch und über Trümmer hinweg immer noch bleibenden und richtenden und endlich allein auch rettenden Gott!  

 

IST MEIN WORT NICHT WIE EIN FEUER, SPRICHT DER HERR,

UND WIE EIN HAMMER, DER FELSEN ZERSCHMEISST?

 

EG 247, 4.

Wir haben niemand, dem wir uns vertrauen, 
vergebens ist`s, auf Menschenhilfe bauen. 
Wir traun auf dich, wir schrein in Jesu Namen: 
Hilf, Helfer! Amen. / Hilf, Helfer! Amen.

 

(Johann Heermann, 1630)

 

 

Das ist – wahrhaftig ohne Vergangenheitsbeschönigung und ahnungslose Rückwärtswendung gesprochen! – …. das ist doch der unvergleichliche Vorzug, das unnachahmliche Vorrecht unserer Vorfahren vor vier Jahrhunderten: Sie fielen nicht ins Leere angesichts der Sinnlosigkeit ihrer Zeit, … sondern auf die Knie, um ihr Leben praktisch zu ändern und ihre Aussich-ten ins Unendliche zu weiten.

Sie kehrten um … und kehrten in der gleichen Bewegung ab von den Mitteln und Parolen, den Werten und den Ideologien der militärischen, der religions- und identitäts-politischen Gefechte des Tages, um sich ganz zur Ewigkeit zu wenden. ——

Klein wurden die Konflikte, die so unverhältnismäßig große Lasten und Tribute an Leib und Leben gefordert hatten!

… War es zunächst ja als ein Kampf um die christliche Wahrheit, ein Ringen zwischen den Konfessionen ausgebrochen, was sich da an menschlicher Verachtung, an Gier, an Rauf- und Mordlust, an satanischer Vernichtungswut entladen hatte, …. doch so erbittert und fanatisch der Krieg der Kirchen auch begann, so nüchtern und so bescheiden und bekehrt nimmt sich aus, was die Beteiligten dabei lernten: Nämlich – auch wenn es noch lange brauchte, um nicht nur die müde Frucht der Leiden, sondern eine sich durchsetzende Überzeugung zu werden – … was die Beteiligten an der abendländischen Auslöschung und Selbstauslöschung des Dreißigjährigen Krieges lernten, war das christliche Gebot der Toleranz[v]:

Gezwungen Werck zerbricht:  

Gewalt macht keinen fromm / macht keinen Christen nicht.  

Es ist ja nichts so frey / nichts also vngedrungen  

Als wol der Gottesdienst: / so bald er wird erzwungen /

So ist er nur ein Schein / ein holer falscher Thon.  

Gut von sich selber thun, das heist Religion /

Das ist GOtt angenehm. Laßt Ketzer Ketzer bleiben /

Vnd gleubet jhr für euch: Begehrt sie nicht zu treiben.  

Geheissen willig seyn ist plötzlich vmgewandt /

Trew die aus Furchte kömpt hat mißlichen Bestand.  

Ein Mensch kann seinen Sinn wol für den andern schliessen;  

Der Glauben liget tieff. GOtt kennet die Gewissen.“   

In diesen Worten des unbestrittenen Dichterfürsten des schlesischen Barock und Formers unserer Sprache wie vor ihm nur Luther … in diesen Worten Martin Opitz’ findet sich jene ganze Betonung der Gewissensfreiheit und der Toleranz, auf die wir heute – angesichts der fanatischen Gewalt und sich abzeichnenden Weltkriege im Namen einer Religion – alles Gottvertrauen, alle Glaubenssicherheit eines Christenmenschen stützen müssen. ——

Der Dreißigjährige Krieg hat seine Zeugen und Überlebenden und erst recht uns Nachkommen ja wahrlich lehren wollen und belehren können, dass Glaube an Gott nicht von Feindschaft geprägt und nicht durch den Einsatz von Gewalt erhalten werden kann, sondern dass er beides verbietet.

Das Gebot unseres Glaubens ist der Friede!

Ihn dürfen wir nicht opfern: Keiner Strategie des Terrors, keinem Impuls der Verteidigung, keiner weltpolitischen Verantwortungsethik![vi]

Würde heute ein neuer dreißigjähriger Krieg ausbrechen, so würden doch eines Tages unsere Enkel – falls sie nicht, wie Christina von Schweden, die Tochter Gustav Adolfs, des großen Helden der evangelischen Sache, schließlich zur Gegenseite des ungesegneten Kampfes übertreten – … so würden also unsere Enkel in dreißig Jahren doch nur feststellen, dass alles Töten und Bluten und Weinen vergebens war, weil Gott nicht in den Hütten der Sieger, sondern in den Gewissen der Gerechten wohnt.

Und wer Ihn dort findet und ehrt, der wird hier und heute umkehren und praktische Werke der Buße tun, um die eigene Verstrickung in die ungerechte Welt- und Wirtschafts- und Schöpfungs-Ausschlachtungsordnung zu lösen und um mit den Zeugen des Krieges, der vor vierhundert Jahren begann, den Frieden zu suchen und getrost zu erwarten, den nur Gott geben wird: Den Frieden Seines kommenden Reiches.

Amen.    

 



[i] Dies ist der für den 1.Sonntag nach Trinitatis in der Perikopenordnung vorgesehene Predigttext.

[ii] Johann Heermann ist im Gottesdienst auch mit dem Choral „Treuer Wächter Israel‘“ (EG 248) vertreten gewesen. Seine besondere Leidens- und Kriegserfahrung stand beispielhaft für das Erleben jener heimgesuchten Generation – besonders in Schlesien. Die Melodie des Liedes EG 247 – von Matthäus Appelles von Löwenstern ursprünglich zu seinem unter dem existentiellen Eindruck der schrecklichen Kriegsereignisse entstandenen Lied „Christe, du Beistand deiner Kreutzgemeinde“ geschrieben – ist ein weiteres Zeugnis der besonderen und unverwechselbaren Spuren, die der Dreißigjährige Krieg bis heute in unseren Gesangbüchern hinterlassen hat.  

[iii] Nachweise dieser Behauptung bleibt die Predigt schuldig. Als prägnantes – obgleich willkürlich herausgegriffenes – Beispiel stand bei ihrer Abfassung aber vor Augen die Friedenspredigt in Bad Peterstal im Schwarzwald (1650)  von Johann Georg Dorsch (1597-1659), die zugänglich ist in: Der Protestantismus des 17.Jahrhunderts hg.v. W.Zeller (Klassiker des Protestantismus V), Bremen 1962, S. 249ff.  

[iv] Davon zeugte schon das erste Lied – „Jerusalem, du hochgebaute Stadt“ (EG 150) –, mit dem der Gottesdienst begann.

[v] Die Zeilen aus Martin Opitz großem Trostgedichte In Widerwertigkeit Deß Krieges (1633) sind zitiert nach seiner Veröffentlichung in Martin Opitz (1597-1637), Orte und Gedichte, Fotografien: Volker Kreidler – Auswahl, Konzeption und Kommentare: Walter Schmitz, Anja Häse, Eckhard Guber, Jochen Strobel, Dresden 1999, S. 110.

[vi] Dass diese apodiktische Aussage an der politischen Wirklichkeit scheitern kann, soll damit nicht in Abrede gestellt werden. Die Untätigkeit der Welt angesichts solcher Verbrechen, wie sie in Syrien und solcher Leiden, wie sie im Jemen geschehen, ist durch keine dogmatische Überzeugung gedeckt – genauso wenig wie ein militärisches Eingreifen sich auf religiöse Legitimation verlassen darf. Diese Aporie gehört zu den schrecklichen Herausforderungen dessen, was in der Predigt mit „Erfahrungstoleranz“ umschrieben wird, an der es uns mangelt.  

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