1.S.n.Epiph. 7.1.2018, StK und MhK, Offb.21,6 , Ulrike Heimann

„Gott spricht: Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst."

Liebe Gemeinde,

die Losung der Herrenhuter, dieser Vers aus der Offenbarung des Johannes, die uns durch das Jahr 2018 begleiten soll, hat es in sich. Die Worte sind wie die Glassteine eines Kaleidoskopes, die je nach Lichteinfall und Sortierung völlig neue Bilder ergeben:

umsonst - da gibt es etwas umsonst, ein besonderes Schnäppchen; gratis - ein Wort, das uns noch einmal das Reformationsjubiläum des letzten Jahres in Erinnerung ruft: Sola gratia - Gottes Liebe, Gottes Güte, seine Vergebung - ganz umsonst.

Umsonst (etwas geschüttelt) - alle meine Bemühungen, alles Arbeiten, alles Lernen - alles umsonst, vergeblich.

Umsonst (wieder etwas geschüttelt) - was nichts kostet, das kann auch nichts taugen; umsonst ist noch nicht mal der Tod.

Sie merken schon an diesem einen Wort: die Jahreslosung wird uns immer wieder neu zu denken geben können auf unserem Weg durch das gerade angefangene Jahr.

Ich möchte sie heute morgen auf einen Spaziergang durch die biblische Überlieferung mitnehmen, auf dem deutlich wird, was alles angesprochen wird mit diesem eher kurzen Vers aus der Offenbarung, welche Themen, die uns und unser Leben hier und heute unmittelbar betreffen, wie aktuell die Jahreslosung ist, politisch genauso wie spirituell relevant.

Das Stichwort „Wasser" macht das sofort deutlich.

Wasser ist für das Leben auf diesem Planeten von grundlegender Bedeutung. Alles Leben kommt aus dem Wasser, nicht nur erdgeschichtlich ist das so, sondern jeder von uns hat seine ersten Lebensmonate im Wasser der Gebärmutter zugebracht. Zu über 80% besteht unser Körper aus Wasser. Ohne feste Nahrung können wir Menschen einige Wochen überleben, ohne Wasser nur wenige Tage.

Aber auch das wissen wir: 96% des Wassers auf der Erde ist Salzwasser, nur 4 % sind Süßwasser und nur 1% ist als trinkbares Wasser in den Gesteinsporen des Untergrunds gespeichert.

Wasser ist kostbar. Das haben auch die Investmentbanker und Manager von großen Vermögen erkannt, die drauf und dran sind, dieses Grund-Lebensmittel zum Anlage- und Spekulationsobjekt zu machen. Eine für Milliarden Menschen existenzgefährdende, ja lebensbedrohliche Entwicklung. Nicht umsonst befasst sich die jetzt laufende Kampagne von Brot für die Welt mit dem Thema „Wasser für alle", macht deutlich, dass der Zugang zu sauberem Wasser ein grundlegendes Menschenrecht ist. Das ist nicht nur eine politische Frage, sondern hat auch eine zutiefst geistliche Dimension.

Wasser ist Leben - für den Menschen der Bibel das kostbare Geschenk Gottes. 4 Ströme bewässerten den Paradiesesgarten und sorgten für Leben mitten in karger Steppe und Wüstenlandschaft, so erzählt es die älteste Schöpfungsgeschichte der Bibel. Der Mensch braucht zum Leben Wasser. Der Durst nach Wasser ist elementar: er zeigt an, dass wir abhängig sind von der Natur, dass Leben nur möglich ist in Verbundenheit mit der Schöpfung und als Teil von ihr - so wie Gott es eben gedacht hat. Nun ist der Mensch nicht einfach nur Leib, dessen Bedürfnisse materiell zu befriedigen sind. So gewiss es für den biblischen Menschen war, dass der Mensch körperlich ein „Erdling" war, so war das aber nicht alles. Er war von Gottes Atem, seinem Geist erfüllt und das machte ihn zu einer „lebendigen Seele". Und auch die Seele oder der Geist braucht Nahrung. Das ist ja auch für den modernen Menschen unstrittig. Hunger und Durst sind nicht nur Regungen des Körpers, sondern auch von Geist und Seele.

Der Durst nach Anerkennung und Zuwendung, nach Liebe und Sinn, er begleitet uns durch unser ganzes Leben. Und dieser Durst ist genauso elementar wie der Durst nach Wasser. Und wie Gott derjenige ist, der mit der Schöpfungsgabe des Wassers den leiblichen Durst stillt, so ist er auch derjenige, der den seelisch-geistlichen Durst stillen kann.

Davon spricht zum Beispiel der Psalm 36 (V.9-10): „Sie werden satt von den reichen Gütern deines Hauses, und du tränkst sie mit Wonne wie mit einem Strom. Denn bei dir ist die Quelle des Lebens."

Um den körperlichen Durst zu stillen, brauchen wir hier in unserer Gesellschaft keinen Kopf zu zerbrechen; einfach nur den Wasserhahn aufdrehen und das beste Trinkwasser läuft heraus. Was für ein unglaublicher Luxus und eigentlich Grund genug, schon morgens im Badezimmer ein Danklied zu singen „Mein erst Gefühl sei Preis und Dank".

Ungleich komplizierter ist es mit dem seelischen Durst. Der seelisch Durstige weiß offensichtlich nicht so recht, wo er diesen Durst stillen kann. Ein Phänomen, von dem schon die Bibel berichtet. So klagt der Prophet Jeremia in einer Gottesrede: „Mein Volk tut eine zweifache Sünde: Mich die lebendige Quelle, verlassen sie und machen sich Zisternen, die doch rissig sind und kein Wasser geben." (Jer.2,13) Immer wieder können wir in der biblischen Botschaft lesen, dass Gott sich seinen Menschenkindern voller Liebe zuwendet, dass er diese Liebe nicht davon abhängig macht, ob jemand etwas geleistet hat, ob er groß dasteht vor der Welt. Davon machen wir Menschen unsere Sympathie und Zuneigung anderen gegenüber nur zu oft abhängig, versuchen wir krampfhaft, etwas vom Glanz der Großen und Berühmten und Bedeutenden abzubekommen. Gott aber schätzt jeden so, wie er ihn ins Leben gerufen hat, mit seinen Stärken und Schwächen, unter den Augen seiner Liebe hat jedes Leben Würde und Sinn. Aber offensichtlich sagt allzu vielen diese Lebensquelle nicht zu, versuchen sie lieber ihren Lebensdurst auf andere Weise zu stillen. Sie machen sich - selbst ist der Mann, ist die Frau - Zisternen, heißt es bei Jeremia, Zisternen, in denen das Regenwasser gesammelt wird, damit man in Zeiten der Trockenheit genügend Wasser zum Leben hat. Aber oft versickert das Wasser durch Risse im Gemäuer, wird brackig und reicht hinten und vorne nicht.

Ähnlich beschwörend appelliert der Prophet Jesaja:

„Wohlan, alle, die ihr durstig seid, kommt her zum Wasser!

Und die ihr kein Geld habt, kommt her, kauft und esst!

Kommt her und kauft ohne Geld und umsonst Wein und Milch! 

Warum zählt ihr Geld dar für das, was kein Brot ist,

und sauren Verdienst für das, was nicht satt macht?

Hört doch auf mich, so werdet ihr Gutes essen

und euch am Köstlichen laben.

Neigt eure Ohren her und kommt her zu mir!

Höret, so werdet ihr leben!" (Jes.55,1-3b)

Hier klingt schon die Jahreslosung mit all ihren Aspekten an:

Gott hält bereit, was den Durst nach sinnvollem Leben stillen kann, das Wasser des Lebens. Jeder und jede soll sich damit laben können, auch die, die sich für unwert, für arm und unbedeutend halten, die nichts darstellen in den Augen der anderen - die kein Geld haben. Bei Gott gelten andere Maßstäbe, da kann man ohne Geld kaufen - und das Wasser des Lebens, es ist eben nicht nur einfach Wasser zum schieren Überleben, sondern es bedeutet Fülle und Fest, Milch und Wein. Und diese Fülle verschenkt Gott, sie ist umsonst.

 

Es ist allerdings kein billiges Geschenk, sondern eines, das den Empfänger, die Empfängerin verwandelt und hineinzieht in das Wesen und die Lebensweise Gottes. Wer seinen Lebensdurst an dieser Quelle gestillt hat, der sieht sich in einer ganz neuen Beziehung nicht nur zu Gott, sondern auch zu seiner ganzen Mitwelt und er verortet sich selbst neu. Das ist die Erfahrung aller Mystikerinnen und Mystiker. Wer aus dieser Quelle getrunken hat, ist ein anderer Mensch, ein neuer Mensch, der über sich anders denkt und über seine Mitmenschen, seine Welt. Für den steht nicht mehr das Ich im Mittelpunkt mit all dem, was für den modernen Menschen so unverzichtbar erscheint: die stete Bemühung um Ansehen und Karriere, um Erfolg und Wohlstand. Sondern der erkennt: ich bin bei Gott zu Hause und geborgen, bin angesehen und geliebt; er hat mich eingepflanzt in den Garten seiner Schöpfung; er hat mich eingewebt als ein Muster im Gewebe des Lebens; er hat mich eingefügt als einen bunten Stein im Mosaik der Menschheitsfamilie; ich bin ein Ton in der großen Symphonie des Lebens. Egal welche Bilder wir hier malen, der Mensch, der von der Quelle des lebendigen Wassers getrunken hat, sieht sich geborgen in der Beziehung zu Gott und zu allen und allem. Dass er dazugehört, einfach weil er da ist, das ist seine Würde. Wer von der Quelle, die Gott ist, getrunken hat, für den wird das Du wichtig, der betrachtet sich nicht mehr selbst im Spiegel zwecks Selbstoptimierung, sondern der hat einen Blick für den anderen, für den Mitmenschen; er nimmt wahr, was sie einbringen können und freut sich, wenn es geschieht; und wenn sie es nicht können, weil die gesellschaftlichen Verhältnisse ihnen keine Chance geben, dann setzt er sich dafür ein, dass sich diese Verhältnisse ändern. Ja, er nimmt wahr, wo den anderen Unrecht geschieht, wo sie leiden, er nimmt es wahr, als beträfe es ihn selbst. Er sieht sich selbst im Auge des anderen, das Ich im Du. Und das lässt ihn handeln, motiviert ihn, Gottes Werke zu tun, der will, dass allen geholfen wird, dass alle Leben in Fülle haben. Der stellt sich mit allem, was er ist, in den Dienst des Lebens, das aus Gott hervorquillt.

Davon sprechen die Verse aus Jesaja 58: „Du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt." (Jes.58,11)

Im Neuen Testament wird dieses Bild von der Quelle des Lebens oder dem lebendigen Wasser vor allen Dingen im Johannesevangelium aufgenommen. Im 4.Kapitel findet sich die Erzählung von der Begegnung Jesu mit der samaritanischen Frau am Jakobsbrunnen. Eine Erzählung, die in besonderer Weise die Symbolik von Wasser und Leben spirituell entfaltet. Das Wasser des Lebens, es sind die Worte, die Jesus verkündigt, es ist die Botschaft von der Liebe und Güte Gottes, die uns seelisch-geistlich leben lässt, unseren Durst nach Annahme und Geborgenheit stillt. Und auch bei Johannes ist deutlich: wer an dieser Quelle seinen Durst gestillt hat, der ist ein anderer, eine andere als vorher; er oder sie kann nicht bei sich bleiben, sondern wird hineingezogen in das Sein Gottes, in das Quelle des Lebens-Sein: „Wer von dem Wasser trinken wird, das ich ihm gebe, der wird in Ewigkeit nicht dürsten, sondern das Wasser, das ich ihm geben werde, das wird in ihm eine Quelle des Wassers werden, das in das ewige Leben quillt." (Joh.4,14) Ewiges Leben - Leben in Gemeinschaft und Beziehung, heiles Leben so, wie Gott es gedacht hat.

Und noch einmal mit Nachdruck ins Spiel gebracht im 7.Kapitel, wo Johannes Jesus sagen lässt: „Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke! Wer an mich glaubt, wie die Schrift sagt, von dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen." (Joh.7,37-38) Wer an mich glaubt, das heißt: wer mir vertraut, wer wie ich darauf vertraut, dass Gottes Liebe jedem Menschen, jedem Lebewesen gilt, seine Güte alle einschließt, wer darauf sein Leben gründet und davon sein Handeln bestimmen lässt, der steht in diesem Lebensstrom, der aus Gott kommt.

 

Liebe Gemeinde, es gibt kein besseres Bild für diese Botschaft, keine bessere Auslegung für die Jahreslosung 2018 als das Bild des römischen Brunnens, das Sie auf dem ausgeteilten Blatt vorfinden.

Römischer Brunnen

Gottes Liebe und Güte, volles, heiles Leben sprudelt oben aus dem Brunnen heraus, unerschöpflich ergießt es sich in die oberste Brunnenschale. Für mich ein Symbol für Jesus von Nazareth. Er hat sich ganz und gar erfüllen lassen von Gottes Liebe. Und er hat die Fülle des Lebens nicht für sich behalten, sondern hat sie weitergegeben, wie das Wasser aus der oberen Schale weiterfließt. So gibt er die Lebenskraft an uns weiter, an mich, an dich, an jede und jeden, der sich seiner Liebe und Güte, seiner Botschaft öffnet. Und auch wir sind aufgerufen, diesen Fluss des Lebens nicht zu hindern, sondern unsererseits weiterzugeben, was wir empfangen haben. Gott hat Lebenswasser für alle, Gott ist reich für alle, wir leben alle buchstäblich vom „Über-Fluss" und im „Überfließen lassen".

„Gott spricht: Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst und das wird in ihm eine Quelle des Wassers werden, das in das ewige Leben quillt."

Was für eine verheißungsvolle Aussicht für unsere Wege im kommenden Jahr.

Amen.

 

 

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