Altjahrsabend 31.12.2017 Stadtkirche 2.Mose 13, 20-22, Jonas Marquardt

Predigt Kaiserswerth Altjahrsabend 2017                                                                                                             

             2.Mose 13, 20 - 22

Liebe Gemeinde!

Ungewöhnliche Umstände umgeben unsern Gottesdienst heute abend: Dunkelheit und eine Spannung, die Menschen nach der Gesellschaft anderer suchen lässt in den kommenden Stunden.

Auf ähnliche Weise erleben wir in diesen Mauern ein Zusammensein nach Sonnenuntergang nur sehr selten – am Abend des Gründonnerstag und am Reformationstag vielleicht –, und eine Gemeinde, die gar der Mitternacht entgegenblickt, versammelt sich nur noch zu zwei weiteren Anlässen: In der Heiligen und in der Osternacht … in denen es jeweils buchstäblich um’s Leben geht – das Jesus-Leben, in dem Gott weihnachtlich unsere irdische Lebensform zu Seiner und österlich Seinen ewigen Lebensraum zu unserem macht.

Neben diesen einzigartigen Nächten des Christenlebens bietet die heutige eigentlich keinen Grund zur Aufregung, denn ein der Menschwerdung Gottes oder Seinem Sieg über den Menschentod auch nur annähernd vergleichbares Wunder gilt es ja heute nicht zu feiern.

… Bloß das letzte Blättchen des Abreißkalenders wird nachher fallen und dann – meinetwegen symbolisch – seiner früher durchaus praktischen Bestimmung zugeführt: Alles was von 2017 bleibt, taugt nun nur noch, um das Verdaute wegzuwischen. Das Jahr ist abgenagt, sein letztes Blatt am stillen Örtchen ist bald voll. … Was also wäre das, was heute in der Luft liegt, …. weshalb die Leute sich in diesen Spätstunden suchen und besuchen, weshalb sie essen, trinken, tanzen, feiern, lärmen müssen?

… Ehrlichgesagt  gibt es darauf keine christliche Antwort: Denn wegen einer reinen Zahlenumstellung, wegen einer Datumsverschiebung müssten wir wohl nicht wirklich hier zusammenkommen.

Als Menschen, die Psalm 90 kennen, steht uns auch sonst vor Augen, dass wir wie ein Gras sind, das am Morgen blüht und sproßt und des Abends welkt  und verdorrt, und dass unser Leben schnell dahinfliegt, als flögen wir davon. Als Jünger Jesu könnten wir es zu jeder Stunde ja wissen, dass unser keiner seinem Leben auch nur eine Spanne zusetzen und also auch durch alle Zukunftssorge nichts erreichen kann (vgl.Matth6,27).  Und unter den 365 Tagen unserer gewöhnlichen Jahre gibt es keinen, an dem es nicht sinnvoll wäre, die Mahnung des Jakobus (5,14) zu beherzigen: „Ihr wisset nicht, was morgen sein wird. Denn was ist euer Leben? Ein Dampf seid ihr, der eine kleine Zeit währt, danach aber verschwindet er.“

 Die Ungewissheit des Zukünftigen und das Erinnern ebenso wie das Vergessen des Gewesenen sind Themen, die wir jeden Tag als Christen meditieren sollten.  

Warum also heute abend ein Sondergottesdienst zum bloßen Weiterdrehen eines Zahnrads im Getriebe der Zeit, zum Rieseln des feinen Sternenstaubs, der seit der Stunde Null durch die Sanduhr dieses Universums fällt?

Am ehesten wohl als reine Übungssache.

Damit wir eben gerade das Gewöhnliche dieses aufgeregten  Abends begreifen und damit das Alltägliche und „Jedenaugenblickliche“ des Zeitverlaufens, des Weitergehens unserer Tage, des Abnehmens unserer wahrscheinlichen Lebenserwartungen und des Zunehmens der Überraschungen Gottes.

Wir sind als Christen am Altjahrsabend hier, um es nicht zur Ausnahme, sondern zur Regel zu machen, dass wir unsere Existenz in der Zeit, unsere Zeitabhängigkeit und Zeitgebundenheit betrachten und miteinander teilen und – vor allem das! –  damit wir unsere Zeit und Zeitgenossen vor Gott bringen.

Und dazu bietet dieser Abend denn tatsächlich eine wunderbare Gelegenheit: Gerade weil er kein kirchliches Gepräge trägt, kein heilsgeschichtliches Datum markiert, sondern ein ganz weltlicher Feierabend ist, ein säkulares, ein internationales und globales und völlig unreligiöses Spektakel voller Vergnügen, kaffeesatzlesendem Aberglauben, voller Rausch, dumpfer Angst und Dummheit, voll auch von Psychohygiene und Reflektion, v.a. voller weltweiter Vernetzung, … einer Vernetzung, die den Staffelstab des Jahres 2018 von Samoa aus – um 15.00h unserer Ortszeit – über Neuseeland, Japan, Nordkorea, China, Myanmar – das undurchschaubare, zwischen Friedensnobelpreis und Völkermord schwankende Land, das gerade in dieser Minute Neujahr feiert – Bangladesch, Nepal, Indien, Afghanistan, Aserbeidschan, Iran, Russland, Griechenland weiterreicht an uns, die wir „2018“ mit Gruß an unsere sich entfernenden britischen Freunde übergeben, um es dann – wenn wir müde in die Kissen sinken –  die Kapverden, Brasilien, Argentinien, Neufundland und schließlich morgen früh auch noch die ganze Breite der USA durchziehen zu sehen.

…Und damit rundet sich dann der Kreis, den schon ein einziger Tag um diese ganze Erde knüpft, und wir sind mit dem flächendeckenden Umschlagen des neuen Kalenderblattes einmal in allen Zeitzonen gewesen und haben die Zeitgenossen getroffen und können uns eigentlich wirklich nicht wundern, dass wie die Sonnenbahn eines Tages auch der Lauf der Geschichte inzwischen alles – Nachrichten und Menschen, Glück und Not, Güter und Seuchen, Großes und Kleines – so rasch und rund zu uns allen trägt und wir alle mit allen zusammenhängen. ——

….... Aber bloß um daraus ein „Seid umschlungen, Millionen“-Gefühl abzuleiten, sind wir doch nicht auf der Sylvester-Zeitreise um den Erdball gewesen.

Wir hätten nämlich ein Wesentliches vergessen, wenn wir die Folge der vierundzwanzig Stunden eines Weltentags im Sonnenjahr als hinreichenden Zusammenhalt der Menschen ausmachen wollten.

Denn der Radius der Sonne, die Gott über Böse und Gute aufgehen lässt (vgl. Matth5,45), hat eine Achse ……. und diese Mitte haben wir eben abseits liegen lassen. Alles was Zeit hat und Zeit ist, alle Zeit selber dreht sich – wenn wir jetzt als Christen in dieser Nacht des völkerverbindenden Zeitwechsels darüber nachdenken – … alle Zeiten also drehen sich um die „Gottesfrage“:

Stellt Gott der Zeit die Uhren? Lenkt Er sie? Umfasst Er sie? Ist Gott über oder in oder neben aller Zeit? Ist Er neben oder in oder über aller Welt?

… Die - überraschende - Antwort auf diese zentrale Frage aber können wir hören, wenn wir heute abend inmitten aller Völker der Erde an den Lagerfeuern des wandernden Volkes, des Volks auf dem Umweg aus der Knechtschaft in die Verheißung der Freiheit einkehren.

Denn in jener Wüste, in die Gott die Seinen schickte, weil er ihnen unmittelbar nach dem Aufbruch aus Ägypten noch nicht zumuten wollte, sich sofort dem zu stellen, was sie im Gegenüber zu den anderen Völkern erleben sollten (vgl.2.Mose 13,17), … in jenem toten Winkel der Welt, der bis heute, an Sylvester 2017  umgeben ist von den heißesten Konfliktherden der Geschichte, da ist ein Bild zu sehen und ein Gedanke zu fassen, der die Frage nach Gottes Verhältnis zur Zeit neu ordnet.

Wenn überhaupt, dann vermuten und sagen die Völker ja, dass Gott oder ein Göttliches der Ursprung sei. In tausend Mythen vom Anfang, in allen Philosophien und aufgeklärten Weltmechaniken wird der, der den Beginn setzt, die erste aller Ursachen, der außerhalb aller Veränderung unbewegte Beweger, der urvordenklich lang vergangene Urknall ja irgendwie benannt und eingeordnet, … eingeordnet unter das „Es war einmal“.

Gott erscheint also dem Fernglas des Denkens, Forschens und Phantasierens, wenn es scharf auf „Rückblick“ geschraubt wird.

Und solche Rückschau, solches Versenken und Vertrauen in Vergangenes ist ja kein schlechter, kein falscher Zug des Menschengeistes: Wir alle blicken – nicht nur am Altjahrsabend – oft nostalgisch in die guten alten Zeitzonen zurück, als wir jung waren und die Probleme des Lebens uns vertraut erschienen. Wie reibungslos das damals war, … als die Gewählten noch regieren mochten, … als man noch nicht überall die Falschen wählte, … als noch nicht die unsichtbaren Terrorismus-Maulwürfe die Welt untergruben, sondern nur staatlich gesteuerte Bedrohung den Horizont der Weltmächte absteckte, … als man noch gewissenlos alles verpesten konnte, … als es noch klare Geschlechtergrenzen und zwischen ihnen schön gewohnte Gewalt gab, … als alles noch so lief, wie wir es uns dachten und man wusste, dass nicht nur früher alles besser war, sondern auch das Heute noch bruchlos zum Früher gehörte und man dafür nicht einmal alte, gebrauchte Möbel und ein wenig museale Pfarrhaus-Atmosphäre in die Zeitung setzen musste, weil alles sowieso blieb, wie’s schon immer war. …....

Und ausgerechnet dort (möchten wir ernsthaft wieder dorthin zurück?) … ausgerechnet dort im Alten oder im Nebel davor: Da haben die meisten unserer Zeitgenossen auch noch Platz für Gott. … Bei den Erinnerungen, beim Gewesenen! ———

Aber heute endet nun endgültig und für immer dasjenige Jahr, in dem unsere evangelische Kirche einen – wenn wir ehrlich sind: schon zehnjährigen! – Überfluss an Rückblick gefeiert hat. Heute endet das ganze „Weißt du noch?“, mit dem man nochmal ein halbes Jahrtausend abgeschritten ist, um die Spuren, die Schlachten und Siege und das Versickern und Verschwinden und auch das Wieder-Auftauchen oder einfach Immer-noch-da-Sein und Weitergehen der reformatorischen Entdeckungen und Bekenntnisse und Ausrichtung zu feiern.

2018 wird kein Rückblicks-, kein Jubiläumsjahr mehr sein, sondern die reine, ungeheuer verworrene Gegenwart.  

Und gerade dafür ist es ein Segen – in des Wortes vollstem Sinn! –, dass wir heute an Israels langer, anscheinend zielloser und doch von so bleibender Bedeutung erfüllter Wüstenwanderung teilhaben sollen.

Denn auf den Endlosschleifen und labyrinthischen Beschwerdewegen des in die Zukunft ziehenden Volkes zeigt sich ein biblisches Bild, das die Zeit- und Denkverhältnisse in Sachen Gottes umkrempelt: Er ist nicht unsere Rückversicherung, auf Den verfällt, wer alles haben will, wie’s war. Gott ist nicht das verschüttete Fundament, das im Urgrund dazu dient aufrechtzuhalten, was uns bequem und vertraut ist.

Gott ist nicht in der Vergangenheit.

Wir haben Gott nicht hinter uns!

Sondern – das zeigen die Wolken- und die Feuersäule anschaulicher, als jede Theorie es könnte - … sondern wir haben Gott noch vor uns! Immer ist Er uns voraus. Er gehört nicht in die Himmelsrichtung des „Es war einmal“, Er ist nicht die Windrichtung des „Woher“, sondern nur wer das Kommende, nur wer die Zukunft erwartet, soll sich auf Gott beziehen.

Nicht Ewiggestriges, sondern Ewigverheißungsvolles ist es also, wenn Menschen ihr Leben auf Gott ausrichten! —

Diese Wegweisung, diese Lebensrichtung gibt die Erfahrung Israels mit seinem voranziehenden Gott, mit dem Gott, der nicht des alten, sondern des neuen Lebens Zeichen aufrichtet, uns mit in das kommende Jahr: Blickt voraus! Ihr habt Gott noch lange nicht eingeholt: Er ist schon viel weiter und zeigt Euch, dass es auch für Euch,  … dass es für alle, … dass es für die Welt insgesamt weiter geht!

… Wenn wir aber am Volk Gottes diese Haltung sehen und mit ihm Gott folgen in seiner Bewegung in’s Unbekannte hinüber, dann drängt wohl etwas von dem Sturm durch unser Denken und Glauben, der nach einem berühmten Philosophenwort „vom Paradiese her weht.“*

Nur dass diese Worte, mit denen Walter Benjamin einst die Idee des Fortschritts in ihrer ganzen Tödlichkeit bezeichnete, sich ändern, wenn man vor sich die Wolken- und die Feuersäule Gottes sieht.

Die katastrophale Weiterentwicklung des Tötens und des Todes, die der wundervolle jüdische Denker Benjamin im 20.Jahrhundert erlebte, das seine ungebremste Wucht dem ebenso fortschritts- wie geschichtsversessenen Erbe des 19.Jahrhunderts verdankte, liegt hinter uns.

Gewiss: Der Sturm der Geschichte, die alles unaufhaltsam zerwirbelt und zerstört, braust immer noch – auch wenn wir scheinbar im Windschatten liegen. Es wirbelt immer noch von Japan, Nordkorea, China, Indien, Afghanistan, Iran, Russland, von Libyen, Sudan,  Ägypten, Syrien, der Türkei und Griechenland her, … weiter durch ganz Europa und rüber in die Neue Welt.

Aber anders als das 20.Jahrhundert, das gebannt auf die entfesselten Kräfte der Menschheit starrte, die eigentlich doch als Heilsversprechen galten und sich als Katastrophe erwiesen, … anders als damals ahnen wir Menschen des 21. Jahrhunderts, das heute Nacht seine Volljährigkeit antritt, inzwischen doch dass die Fortschritts- und die Fluchkräfte der Menschheitsgeschichte nicht die einzige Erklärung unserer Herkunft und erst recht nicht unsere letzte Rettung sein können.

Die Geschichte allein, die bloße Zeit, das Aufeinanderfolgen der Kalenderblätter, der Wechsel von Tag und Nacht im Vierundzwanzigstundenrhythmus  … sie wären tatsächlich ohne Sinn und vermutlich katastrophal bis zum Ende, wenn sie nur vom Gewesenen her zu sehen, wenn sie nur vom verlorenen Paradiese her zu begreifen wären.

Die Feuersäule in der Nacht, die Wolkensäule im Licht aber zeigen: Nicht die Vergangenheit, sondern das Künftige müssen wir zu suchen lernen.

Gott war nicht, nein, … Gott wird das Heil der Welt!   

Darum kann dieser Abend, an dem alle Menschen feiern oder sich fürchten, für uns nur eins bedeuten: Dass wir den Wind und den Sonnenaufgang und den neuen Weg und den aufbrechenden Tag verfolgen, die über uns hinweg und vor uns weiter herziehen. In ihrer Spur werden wir Gott nachkommen.

Denn heute abend gilt, was der Apostel sagt (Phil3,13):

„Ich vergesse, was dahinten ist, und strecke mich aus nach dem, was da vorne ist und jage ihm nach …….“ ———

Und etwas Besseres als eine christliche Kirche, die sich so, bei Tag und Nacht voll Zuversicht auf die Zukunft richtet, … die nicht um das Alte fürchtet, sondern Gott im Neuen vertraut … etwas Besseres können wir keinem Menschen und keinem Volk der Erde geben.

Darum sind wir heute hier.

Amen.

 



* Auf dem Gottesdienstblatt war die IX. der geschichtsphilosophischen Thesen Walter Benjamins abgedruckt:

„Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus heißt. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen und seine Flügel sind ausgespannt. Der Engel der Geschichte muß so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.“ (Walter Benjamim, Über den Begriff der Geschichte, in: ders., Gesammelte Schriften Bd. I.2, [hgg v. R.Tiedemann u. H.Schweppenhäuser], Frankfurt/M 3.Aufl. 1990, S.697f.)

 

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