19.n.Trin 22.10.2017 Stadtkirche Markus 1,32-39 Jonas Marquardt

Predigt Kaiserswerth 19.n.Trin. - 22.X.2017                                                                                                        

             Markus 1, 32-39

Liebe Gemeinde!

Wird der Mensch überflüssig? Macht die Maschine menschliche Fähigkeiten sinnlos?

Werden wir alle eines Tages nur schlechtere und langsamere Vorbilder der viel fähigeren Automaten sein? Und wird es dann nur noch eine Erinnerung bleiben, was alles einst von uns endlichen Wesen gesteuert und erledigt wurde, die von einer unbegrenzten Technik abgelöst wurden?

… Vermutlich nicht. … Vielleicht aber auch doch. … ——

Nur einer wird niemals arbeitslos werden, solange es noch die geschäftigen und die nutzlosen Menschenkinder gibt. Einer von ihnen wird niemals ohne Aufgabe sein. Mit seinen Taten und Kräften und Gaben und Worten wird dieser Eine nämlich nötig bleiben, bis der Sabbat kommt, an dem alles, alles ruhen darf  und die Welt heil sein wird.

Das ist Jesus. Jesus, dessen Beruf und Beschäftigung bis zum Jüngsten Tag andauern werden, weil sein Arbeitsfeld die Menschen sind. —

Niemals wird Jesus tatenlos sein, niemals wird er nachlassen können. Denn was immer mit der Menschheit geschieht – einerlei ob der Fortschritt sie alle Sorgen vergessen lässt oder die Gier sie allen Leiden der Apokalypse unterwirft – … was immer mit der Menschheit geschieht: Sie wird Jesus zu allen Zeiten brauchen.

Sie wird den Heiler, den Sieger über das Böse, den Bringer des kommenden Gottesreiches ohne jeden Zweifel unverändert nötig haben bis die Weltgeschichte und alle unsere Lebensgeschichten in ihr vollendet sind. — 

Genau von dieser Notwendigkeit Jesu aber und seinem bleibenden, rastlosen Heilswerk, von seiner Erlösungsarbeit und seinem endgültigen Rettungseinsatz spricht nun der kleine Abschnitt zu Beginn des Markusevangeliums, den wir heute meditieren.

Solche zusammenfassenden Schilderungen, die keine einzelne Tat, kein bestimmtes Wunder, keine seiner Lehren im Wortlaut überliefern, sondern all dieses überblicksweise aufzählen und bündeln, nennt man „Summarien“. … Manchen scheinen derartige Listen und Querschnitte vielleicht langweilig, weil sie kein Detail enthalten.

Andere dagegen spüren, dass gerade in solchen Andeutungen unüberschaubarer Fülle sich das beweist, was wir von jedem Aufzählungsergebnis immer sagen: „Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile.“

Die kleinen Summarien, in denen Jesu unzählige Rettungen und Gnadentaten beispielhaft erwähnt werden, erinnern uns also daran, dass Jesus nicht nur ein gutes Dutzend Aussätzige, zahlreiche Blinde, den einen oder anderen Lahmen, eine blutflüssige Frau, eine gekrümmte Frau, eine Greisin mit Fieber, ein besessenes Mädchen, einen epileptischen Knaben, einen Mann mit einer verdorrten Hand, einen Wassersüchtigen, etliche Stumme oder Taubstumme und viele seelisch Gequälte und Erkrankte geheilt und überdies 3 Tote auferweckt hat.

… Gäbe es wirklich bloß diese nicht einmal vierzig Menschen, von denen uns ausdrücklich berichtet wird, welche physischen oder psychischen Wohltaten sie Jesus verdankten, dann würde man den Mann aus Nazareth gewiss nicht als Heiland der Welt verehren und verkündigen können.

Doch die Summarien (vgl. Matth.4,23ff; 14,14; 15,29ff; 19,2; Mk1,32ff; 3,10f; 6,53ff; Lk.6,17ff) – diese schmucklosen Notizen dessen, was wir nicht im Einzelnen erfahren sollen – öffnen uns die Augen dafür, dass die Taten Jesu viel, viel umfangreicher sind, als das, was man von ihnen bei Markus etwa lesen kann.

Die Summarien sind also Hinweise darauf, dass das Ganze des Heils und der Heilungen, die Jesus bringt, sich nicht in einem und auch nicht in den vier Berichten, die wir Evangelien nennen, erschöpfen. Ja, das Ganze – die Summe aus allen kleinen und geheimen und auch aus allen großen, spektakulären Rettungswundern Jesu – endet nicht etwa an den Grenzen des Neuen Testaments, es erschöpft sich nicht in den Erinnerungen der Alten Kirche oder den uferlosen Legenden und Berichten der wundergläubigen christlichen Vergangenheit, sondern jeder Tag und jede Stunde – auch die gegenwärtige – die noch sind und die noch kommen werden, setzen fort, was in den Summarien aufleuchtet:

Jesus ist niemals arbeitslos gewesen und sein Tun geht weiter, weiter, weiter.

Der handelnde, helfende, heilende Jesus ist also die eine Kontinuität der mit Brüchen und Zerstörung so befrachteten Menschheitsgeschichte; er ist die eine Gestalt des Menschlichen, die sich in allem durchhält und -zieht. ——

Das mag zunächst beinah wie ein Hohn klingen, da doch Verletzung und Vernichtung und Rettungslosigkeit die Bühne beherrschen, auf der sich die Geschichte abspielt.

Wo wäre denn in allen Kriegen und Katastrophen der Jahrtausende der dauerhafte, unermüdliche Rettungsdienst Jesu zu erkennen? Hat die Menschheit nicht vielmehr gerade niemanden so arbeits- und sinnlos gemacht wie ihren „Heiland“, … den Linderer aller Schmerzen und Verbinder aller Wunden und Hersteller alles Zerbrochenen? Ist es nicht an der Zeit, die Überlieferungen vom wundertätigen, praktisch-therapeutischen Sohn Gottes preiszugeben und ein bloß spirituelles Verständnis vom Heil als Kompromiss zwischen der brutalen Realität und der schönen religiösen Behauptung zu vertreten?

Im Wesentlichen haben sich die Christen des Westens ja längst darauf verständigt, dass sie von den allzu krassen, körperlich klingenden aber wissenschaftlich überhaupt nicht nachvollziehbaren Heilungshoffnungen und -zeugnissen Abschied nehmen. Wirkliches Heilmachen, Handauflegen, Gesundbeten sind Vorstellungen, die der Südhälfte oder dem fernen Osten der Welt überlassen werden … und natürlich den grimmigen Verweigerungen aufgeklärten Denkens bei Charismatikern und Evangelikalen. Zeitgemäße Kirchen dagegen kennen keinen Einfluss der geglaubten Wahrheit auf die greifbare Materie. Wer meint, Christsein könne auch leibhaftig wirkungsvoll sein, der gehört schon nicht mehr auf Seiten der Kirche, sondern bei dem beginnt das Sektiererische, … das, was schon Luther zu dämpfen versuchte bei denen, die er „Schwärmer“ nannte, … Enthusiasten. ———

Aber ein Glaube ohne Enthusiasmus – ohne das Leben packende und wärmende Kraft –, ist wie ein körperloses Hirngespinst. Ein Heil, das nicht den Kaputten dient, eine frohe Botschaft, die die Tragödien nicht beheben will, ein Helfer in der Vollmacht Gottes, der Tränen nicht trocknen und Unheil nicht wenden und die Toten nicht auferwecken wird … was wäre das??? … Schall und Rauch, erfunden aus Verzweiflung und wieder zerstreut und aufgelöst aus noch mehr Verzweiflung. …

Umgekehrt aber bedeutet das auch: Wenn Jesus nur manchen wenigen, fernen und vergangenen Einzelfällen wirklich ganze, … also auch leibliche Rettung vor Hunger, Krankheit, Qual und Tod gebracht hätte, dann wäre er nicht der wahre Heiland, sondern ein besonders begabter Schamane oder ein gerüchteumwobener Quacksalber. Als der Bringer des Lebens, als Träger der Gottesherrschaft wird Jesus sich also erst dann endgültig und ewig bestätigt haben, wenn das Ganze seines Helfens und Erlösungswerkes sich offenbart. 

Und darum sind die „Summarien“ –  diese anonymen Aufzählungen, diese an sich zurückhaltenden Hinweise auf das Viele, das im Stillen verborgen oder in der Masse einzeln kaum mehr benennbar an Gesundheit und Trost und Kraft und Rettung durch Jesus zu den Menschen kam und kommt – … darum sind also die „Summarien“ so wesentliche Fingerzeige auf das Reich Gottes, das durch die Zeiten hindurch gebaut, erweitert und schließlich vollendet wird.

Es passiert mitten unter tausend anderen Ereignissen.

Es geschieht geheim, anonym, … wohl auch missverstanden.

Es geschieht ohne Öffentlichkeit. … Es geschieht aber auch mitten im Rampenlicht der Welt.

Es ereignet sich in Wundern: Wundern, die wir leugnen, … Wundern, die wir verschlafen.

Es vollzieht sich aber auch in jedem „rein natürlichen“, den Regeln der Kunst und Wissenschaft folgenden Heilen und Operieren und Therapieren und Regenerieren.

Der Wundertäter Jesus ist in jedem Wohltäter, in allen, die anderen wohltun, vertreten und zur Stelle.                                   

Seine Arbeit ist endlos bis zu dem Tag, an dem die gesamte Menschheit aus ihrer Mühsal, aus ihren Anstrengungen und Leiden, aus ihre Not- und Todverfallenheit in die herrliche Unbekümmertheit, in das leichte und wunderbare Wohlgefühl der wiederhergestellten, der neuen Welt Gottes getreten ist.

Darum also werden Jesus Christus und seine Christen, werden der Heiland und seine Mitarbeiter nie ohne Aufgabe sein.

Wer hilft, weil er den Heiland – den Heiler der Welt! – kennt, wird immer zu tun haben.

Diese Gewissheit einer weltgeschichtlich dauerhaften, einer sinnvollen, einer – wie man in heutigem Beraterdeutsch sagt –  „zielführenden“ Aufgabe im Mithelfen des Helfers, als Heilsassistenten der Menschheit, kann uns Christen immer wieder neu, trotz aller Rückschläge bei Heilung und Heil, trotz allen Unheils motivieren, aufrichten und erbauen. ——

Dass sich also in den kleinen Summarien, die so viel enthalten, neben der unendlichen Rolle und Aufgabe Jesu Christi in der Weltgeschichte auch ein Dienstplan für die Gemeinde des nimmermüden, immernötigen Menschenretters findet und also ein Heilsplan darin steckt, der alles, was geschieht, bis zum endgültigen Anbruch des Reiches Gottes umfasst: Das  ist dem ersten Summarium, das wir heute betrachten bei genauerem Hinsehen wohl zu entnehmen.

Denn es berichtet ja programmatisch vom ersten Samstagabend – will sagen: von der ersten Arbeitsschicht – in Jesu öffentlicher Wirksamkeit.

Voran ging die Vorbereitung seines Tuns durch die Berufung der vier Jünger aus Kapernaum. Dem folgte die Zurüstung der am Kommen des Gottesreichs beteiligten Schar und die feierliche Ankündigung der beginnenden Heilszeit im Sabbatgottesdienst. Von dort zog es die Vorhut des Heils mit dem Messias zum Sabbatausklang in das Haus des Petrus, wo eine kranke alte Frau – des Fischers Schwiegermutter – die erste Geheilte des Neuen Testaments wurde. … Und dann, … dann  ist der Sabbat vorbei und die große Arbeit kann losgehen, die Weltarbeit, die schließlich zur Erlösung aller führen wird!  … Da setzt das Summarium ein: Nach Sabbatende, am Beginn der großen Arbeitswoche, die so lange dauern wird wie die jetzige Welt. Heilen, Helfen, Hoffen, das wird jetzt die Tage und die Nächte, die Jahre und Jahrzehnte, die Lebenszeit und die Zukunft ausfüllen. Hoffen, Helfen, Heilen: Das ist die Geschichte Jesu und der Seinen seitdem. Und der erste Tag der neuen Woche – der Sonntag also, der hier gut jüdisch-biblisch wirklich der Beginn des Dienstes und des Arbeitens ist – der erste Tag der Heilswoche steht im Zeichen des Betens und dann des rastlosen, unermüdlichen Kämpfens und Siegens, die sich von Ort zu Ort ausbreiten.

Eine Zeitrechnung wird uns hier mit diesem Arbeitstag des Heilands unterbreitet, die dann auch bewusst über die Grenzen des Markusevangeliums und der Bibel und der bisherigen Kirchengeschichte hinausgeht.

Denn der Sonntagmorgen, an dem Jesus nach den vielen Heilungen und Dämonenaustreibungen des Vorabends erst im Gebet Kräfte sammelt und dann weiterzieht, um in den Synagogen von ganz Galiläa zu predigen und  durch seine Seelsorge und Seelentherapie Geister der Bosheit auszutreiben, … dieser Sonntagmorgen wird mit genau der Wendung erwähnt – „am frühen Morgen, noch vor Tage“ – mit dem der Evangelist später die Ereignisse eines anderen Sonntagmorgens beschreiben wird: Jenes ersten Tages der Woche, an dem Christus von den Toten auferweckt wurde!

Und siehe da!, auch im Osterkapitel,  in dem zum zweiten Mal die Sonntagsfrühe genannt wird, ist Jesus ja wieder unterwegs, … weiter unterwegs.

Weil er gebraucht wird.

Weil in seinem wunderbaren, unendlichen Lebenswerk, in seiner Lebensarbeit, in seinem Dienst an allem Leben noch so vieles nötig ist und auf ihn wartet.

Seit diesem Sonntagmorgen, „sehr früh, noch vor Tag“ ist er ja wirklich unablässig überall in der Welt am Werk, um aus vielen, vielen kleinen, einzelnen, unverbundenen Wohltaten und Wundern endlich die Summe werden zu lassen: Das Heil der Menschheit im Reich Gottes.

Und keiner, der das weiß und daran glaubt, wird jemals selber nutzlos oder ohne Sinn mehr sein können. Denn die Arbeit der Menschlichkeit, die Aufgabe des Helfens, die äußere und innere Teilnahme an dem, was Jesus zum Heiland macht, hört nie auf.

Nie werden wir arbeitslos solange wir Glauben haben.

Nie, bis alle Welt bekennen und singen wird, was wir jetzt anstimmen wollen;
Das Lied der Geheilten, das Lob der durch Jesus Christus Genesenen und Geretteten[i]!

Amen.      

 



[i] EG 383: „Herr, du hast mich angerührt / lange lag ich krank darnieder“ von Svein Ellingsen in der Übersetzung von Jürgen Henkys

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