3.letzt.S.im Kirchenjahr, 08.11.2026, Micha 4,1-5, Mutterhauskirche, Ulrike Heimann
Lesung Micha 4,1-5
Am Ende der Tage wird es geschehen:
Der Berg mit dem Haus des HERRN steht felsenfest.
Er ist der höchste Berg und überragt alle Hügel.
Dann werden die Völker zu ihm strömen.
Viele Völker machen sich auf den Weg und sagen:
»Auf, lasst uns hinaufziehen zum Berg des HERRN,
zum Haus, in dem der Gott Jakobs wohnt!
Er soll uns seine Wege weisen.
Dann können wir seinen Pfaden folgen.«
Denn vom Berg Zion kommt Weisung.
Das Wort des HERRN geht von Jerusalem aus.
Er schlichtet Streit zwischen vielen Völkern.
Er sorgt für das Recht unter mächtigen Staaten,
bis hin in die fernsten Länder.
Dann werden sie Pflugscharen schmieden
aus den Klingen ihrer Schwerter.
Und sie werden Winzermesser herstellen
aus den Eisenspitzen ihrer Lanzen.
Dann wird es kein einziges Volk mehr geben,
das sein Schwert gegen ein anderes richtet.
Niemand wird mehr für den Krieg ausgebildet.
Jeder wird unter seinem Weinstock sitzen
und unter seinem Feigenbaum.
Niemand wird ihren Frieden stören.
Denn der HERR Zebaot hat es so bestimmt.
Noch rufen viele Völker, jedes zu seinem eigenen Gott.
Wir aber leben schon heute im Namen des HERRN,
unseres Gottes, für immer und alle Zeit.
Predigtmeditation 1
Was für ein schöner Lesungstext, die Verse aus dem Propheten Micha! Er tut einfach der Seele gut, gerade in Zeiten, wie wir sie seit 2022 erleben, in Zeiten, wo man sich beim Hören und Sehen der Nachrichten eher bei dem Propheten Joel verortet, bei dem es heißt: „Macht aus euren Pflugscharen Schwerter und aus euren Sicheln Spieße! Der Schwache spreche: Ich bin stark!“ (Joel 4,10)
Konflikte sind in unseren Tagen allgegenwärtig. Da sind die Kriege in der Ukraine und im Jemen, zwischen dem Iran und den USA, da sterben täglich Menschen in Gaza und auch im Westjordanland, und der schlimmste Konflikt taucht so gut wie gar nicht in unseren Nachrichten auf: der Bürgerkrieg im Sudan, der schon weit mehr als 100.000 Tote gefordert und Millionen zu Vertriebenen im eigenen Land gemacht hat, die akut vom Hungertod bedroht sind.
Aber auch in unserer Gesellschaft breiten sich Konflikte aus:
Zwischen den Parteien und den Interessenvertretungen in der Arbeitswelt, Meinungsverschiedenheiten wachsen sich immer häufiger zu erbitterten Gegnerschaften aus, befeuert von Hass und Hetze in den asozialen Medien. Von den Kirchengemeinden lässt sich ebenso nicht unbedingt das sagen, was für die Urgemeinde in Jerusalem galt: „Sie waren ein Herz und eine Seele.“ Das gleiche gilt auch für so manche Familie.
Die Vision des Micha von einer konfliktfreien Zeit, in der jede und jeder von seiner Arbeit gut leben kann und allen anderen ein ebenso gutes Leben gönnt und so alle im Frieden miteinander leben – diese Vision scheint in unseren Tagen keine Chance auf Verwirklichung zu haben. Aber sie gibt eine Richtung an, beschreibt ein Ziel, auf das hin zu leben und zu arbeiten sich gerade heute lohnt.
Was ich an der Bibel schätze: sie nährt nicht nur unsere Hoffnung, sondern sie hilft uns auch, in der Gegenwart mit all ihren Schwierigkeiten und Nöten zu bestehen. Vor allen Dingen hat sie einen sehr realistischen Blick auf den Menschen.
Schon die ersten Kapitel in der Genesis konfrontieren uns damit, dass Konflikte von Anfang an die Menschheitsgeschichte durchziehen, dass Gewalt eine andauernde Versuchung und Bedrohung war. In der Geschichte von Kain und Abel begegnen uns sofort Täter und Opfer. Verloren haben am Ende beide: der eine ist tot, der andere ein heimatlos von seinem Gewissen Umhergetriebener. Mit Gewalt lässt sich ein Konflikt eben nicht lebensförderlich lösen. Das wird uns damit vermittelt.
Neun Kapitel weiter wird eine Geschichte erzählt, die eine höchst interessante Möglichkeit anbietet, wie sich ein Konflikt für beide Seiten gut lösen lässt.
Lesung Gen.13,1-3a.5-13
Abram kehrte von Ägypten in den Süden Kanaans zurück.
Er nahm seine Frau und seinen ganzen Besitz mit,
und auch Lot war bei ihm.
Abram war sehr reich, er besaß viel Vieh, Silber und Gold.
Von einem Lagerplatz zum nächsten zog Abram weiter
vom Süden Kanaans bis nach Bet-El.
Auch Lot, der mit Abram zog,
hatte viele Schafe, Ziegen, Rinder und Zelte.
Doch das Land ließ nicht zu,
dass sie sich gemeinsam darin aufhielten.
Ihre Herden waren zu groß, um zusammenzubleiben.
Daher kam es zum Streit
zwischen Abrams und Lots Viehhirten.
Damals wohnten auch noch die Kanaaniter
und die Perisiter in dem Land.
Da sagte Abram zu Lot:
»Zwischen dir und mir soll es keinen Streit geben,
auch nicht zwischen unseren Hirten.
Wir sind doch miteinander verwandt!
Liegt nicht das ganze Land vor dir?
Es ist besser, wenn wir uns trennen.
Wenn du nach links willst, gehe ich nach rechts.
Willst du aber nach rechts, dann gehe ich nach links.«
Lot schaute sich um.
Er sah, dass es um den Jordan herum genug Wasser gab.
Bevor der HERR Sodom und Gomorra zerstörte,
gab es in der ganzen Gegend genug Wasser.
Bis hinunter nach Zoar war das Land fruchtbar
wie der Garten des HERRN, wie das Land Ägypten.
Da wählte Lot für sich das Gebiet um den Jordan herum
und brach nach Osten auf.
So trennten sich die beiden voneinander.
Abram ließ sich im Land Kanaan nieder
und Lot in den Städten jener Gegend.
Er zog mit seinen Zelten bis hinunter nach Sodom.
Die Bewohner aber von Sodom waren schlechte Menschen. Ihr Tun widersprach dem Willen Gottes.
Predigtmeditation 2
Eine Geschichte, die mit einem eigentlich wunderbaren Beispiel aufwartet, wie sich Spannungen auflösen und Konflikte vermeiden lassen: man gehe sich einfach aus dem Weg. Eine Strategie, die Eltern ihren kleinen Kindern auf dem Spielplatz manchmal empfehlen, wenn es Zoff gibt um Spielgeräte, und die ihren Nachwuchs, der unbedingt auf das Klettergerüst will, das von den Nachbarskindern „besetzt“ ist, darauf aufmerksam machen, wie schön doch die Rutschen oder die Schaukeln sind.
Der eine geht nach rechts, der andere nach links – und beide sind glücklich. Ja, damals vor ca. 3500 Jahren, konnte so noch ein Konflikt, der bereits zu gewaltsamen Vorkommnissen geführt hatte, gelöst werden. Ein Konflikt um Land und Wasser, ausgelöst durch ein „Wirtschaftswachstum“, durch Vermögenszunahme: die Herden zählten immer mehr Schafe und Ziegen. Die beiden Viehzüchter Abram und Lot hatten die Wachstumsgrenzen des Landes, auf dem sie mit ihren Herden umherzogen, offenbar schon überschritten: es gab nicht mehr genügend Wasser und Vegetation für alle Tiere.
Eine interessante Parallele gibt es in unserer Zeit: der technische Fortschritt der Digitalisierung und der Entwicklung der Künstlichen Intelligenz, diese Meisterleistung der Menschen, stürzt uns in einen Konflikt mit eben dieser Technologie, weil für uns beide das Wasser nicht reicht; das zeigt sich weltweit überall da, wo gigantische Rechenzentren entstehen. Sie brauchen Unmengen an Wasser zu Kühlung, mit der Folge, dass die Grundwasserspiegel absinken und den Menschen, Tieren und Pflanzen die Existenzgrundlage genommen wird.
In Brandenburg zum Beispiel nimmt dieser Interessenkonflikt stetig zu.
Wie dieser Konflikt zu lösen ist, steht noch in den Sternen. Wobei sich ganz grundsätzlich die Frage stellt, wozu das Wasser denn eigentlich da ist: als notwendiges Lebensmittel für alles Lebendige – oder als Kühl- und Betriebsmittel für Maschinen.
Die Lösung wie sie von Abram gefunden wurde, ist leider nicht möglich. Einfach weiterziehen, der eine nach Osten, der andere nach Westen, damals was das offensichtlich eine Möglichkeit. Die Bevölkerungsdichte auf der Erde ließ das noch zu. Noch gab es freie Landschaften, in denen Nomaden umherziehen konnten. Aber dieses Leben war damals schon auf dem Rückzug. Immer mehr Siedlungen und Städte entstanden – gerade dort, wo das Land fruchtbar war, wo es Wasser gab, wo die Bearbeitung des Bodens Erfolg versprach, ein gesichertes Einkommen. Nicht erst im 20.Jahrhundert wirkten die Städte wie Magneten auf die Menschen. Das erzählt auch unser Text. Abram lässt Lot die Wahl, wohin er gehen möchte mit seinem Tross. Und Lot entscheidet sich für die Gegend um Sodom und Gomorra, zwei uralte Städte mit einer wasserreichen Umgebung. Dort wird der Nomade Lot sesshaft, baut ein Haus und kommt in den Genuss der Annehmlichkeiten einer florierenden Stadt. Anders Abram: er bleibt Nomade, sein Zuhause bleibt das Zelt und er bleibt auf dem Weg. Er zieht weiter mit seinen Leuten und Tieren im Land Kanaan umher. Dem Text können wir entnehmen, dass den alten Hebräern das Nomadenleben als das Bessere, das gottgefälligere galt. Die Städte wurden als Orte gesehen, in denen Sünde und Laster regierten, die den Zorn Gottes auf sich zogen und zu Recht von Gott zerstört wurden und mit ihnen die Gewässer, die zu einem Salzmeer wurden.
Nein, Nomaden leben in Europa schon lange nicht mehr. Aber geblieben ist eine Spannung zwischen Stadt und Land, vor allem Großstadt und Land. In unseren Tagen zeigt sich das gerade, wenn es um die Infrastruktur geht, um öffentliche Verkehrsmittel, um ärztliche Versorgung, um nur die zwei Bereiche zu nennen. Da fühlen sich die Menschen auf dem Land benachteiligt. Andererseits klagen die Städter über die immer rasanter steigenden Mieten und die Überhitzung in den Sommermonaten.
Eine Wahl, so wie es die Geschichte von Abram und Lot erzählt, haben wir da längst nicht mehr: wir können uns nicht getrennt auf den Weg machen in die Zukunft - weder in der Stadt, noch auf dem Land. Und einfach darauf zu bauen, dass sich die Probleme schon bald durch neue Techniken lösen lassen, wäre fatal. Neue Techniken werden nur mehr die Probleme verschieben – das merken wir doch schon bei der KI, die von den Tech-Milliardären immer noch wie ein Heilsbringer angepriesen wird.
Wir müssen die Spannungen, die Konflikte, die sich aus unseren Lebensbedingungen und aus unserem Lebensstil ergeben haben und weiter ergeben werden, gemeinsam angehen.
Wir müssen uns gegenseitig hinterfragen und hinterfragen lassen - in unserer Gesellschaft und darüber hinaus global, denn die Welt ist längst ein Dorf geworden.
Lesung Lk.12,49.51-53
Jesus spricht: »Ich bin gekommen,
um auf der Erde ein Feuer zu entzünden.
Und ich wäre froh, wenn es schon brennen würde!
Meint ihr, dass ich gekommen bin,
um Frieden auf die Erde zu bringen?
Nein, sage ich euch, sondern Streit.
Denn so wird es von nun an sein:
Wenn fünf Menschen in einer Familie leben,
dann werden sich drei gegen zwei stellen
und zwei gegen drei.
Alle werden im Streit liegen:
der Vater mit dem Sohn
und der Sohn mit dem Vater;
die Mutter mit der Tochter
und die Tochter mit der Mutter;
die Schwiegermutter mit ihrer Schwiegertochter
und die Schwiegertochter mit der Schwiegermutter.«
Predigtmeditation 3
Überrascht Sie diese Lesung? Sie ist vielen Christen, die unbedingt und kompromisslos für Frieden und gegen den Krieg sind, nicht sympathisch. Jesus gilt ihnen als Friedensfürst, als der, der die Waffen zerbricht und so die Konflikte löst bzw. beendet. Dem scheint doch alles in diesen Versen aus dem Lukasevangelium zu widersprechen. Da sagt Jesus von sich, eben nicht den Frieden zu bringen, sondern Streit. Und dieser Streit erfasst alle. Jeder und jede ist in diesen Streit verwickelt. Jesus beschreibt das mit dem Bildsymbol der Familie und ihren Gliedern. Damit berührt er eine in unserer Gesellschaft äußerst empfindliche Stelle: Familie, das ist doch der Raum, der uns vor der feindlichen Welt schützt. Weshalb Streit in der Familie ja auch so schmerzt. Heile Welt soll sie für uns doch sein. Eine Insel des Friedens in einer von Konflikten zerrissenen Welt.
Doch unter diesem Gesichtspunkt schaut Jesus nicht auf die Familie. Für ihn sind alle Kinder des einen Vaters im Himmel, ist die ganze Menschheit eine Familie. Und diese Menschheitsfamilie lebt nicht in einer heilen Welt, sondern in einer Welt voller Konflikte, von denen viel zu viele mit Gewalt ausgetragen werden mit tödlichen Folgen für viel zu viele. Da stehen die Interessen der einen gegen die der anderen, Rücksichtslosigkeit regiert, das Recht des Stärkeren. Dass Gott ein gutes Leben für alle seine Menschenkinder will, dass die Schwachen seine besonderen Lieblinge sind, deren Recht auf Teilhabe ihm am Herzen liegt, das war und ist bis heute noch nicht zum Tragen gekommen. Wahrheit, Recht und Gemeinschaftsgerechtigkeit, das sind die Grundlagen für das Reich Gottes, dessen Verkünder Jesus war, ein Reich nicht von dieser Welt, also nicht gegründet nach den Spielregeln der Mächtigen und Reichen, aber ein Reich für diese Welt und für alle Menschen guten Willens. Dieses Reich, das war Jesus klar, fällt nicht vom Himmel. Es braucht den Menschen mit seinem ganzen Einsatz. Gott braucht die Menschen, um sein Reich zu verwirklichen. Dieser Einsatz zeigt sich einmal in den sog. Werken der Barmherzigkeit, im handfesten Dienst an denen, die Hilfe und Unterstützung brauchen (Matth.25,34-36). Zum anderen aber zeigt er sich in der Bereitschaft zum Streiten. Denn natürlich werden die Mächtigen und Reichen, die Herrscher der Welt, ihre Spielregeln für das Leben nicht freiwillig aufgeben. Dafür müssen Jesu Nachfolgerinnen und Nachfolger streiten. Sie müssen konfliktbereit und konfliktfähig sein. Sie müssen Gesicht zeigen, aus der Komfortzone herauskommen, in die sich viel zu viele zurückgezogen haben. Und zwar streiten so, wie man in einer Familie streiten sollte: eben nicht mit Gewalt, weder mit handfesten noch verbalen Schlägen unter die Gürtellinie, sondern im Bewusstsein, dass man zusammengehört und dass man einen gemeinsamen Weg finden muss, um miteinander gut leben zu können.
Liebe Gemeinde, mir ist bewusst, dass es in der frühen Christenheit buchstäblich Familien zerrissen hat, wenn ein Familienmitglied sich taufen ließ und die anderen das als Verrat an der Familie und ihrer Tradition wahrnahmen. Auch in späteren Zeiten zerriss es Familien, wenn der Sohn oder die Tochter einen Ehepartner fand, der einer anderen Konfession oder Religion angehörte. Leider Gottes gibt es das auch heute noch. Aber mir ist es wichtig, hier den Horizont zu weiten.
Es geht für uns letztlich darum, in der Nachfolge Jesu bereit zu sein, aufzustehen und den Konflikt anzunehmen. Der Konflikt ist einfach da, weil Jesus ganz andere Maßstäbe für das Zusammenleben der Menschheitsfamilie im Sinn hatte, als die, nach denen bis heute auf dieser Welt regiert und gewirtschaftet wird.
Es muss gestritten werden – nicht weil der Streit schön ist, sondern weil es um das Leben und das Miteinander der Menschen auf dieser Erde geht, um Recht und Gemeinschaftsgerechtigkeit. In diesem Konflikt kann es auch sehr ungemütlich für uns werden. Wie es für Jesus geworden ist.
Und doch ist es der einzige Weg, den zu gehen es sich lohnt, weil nur dieser Weg eine Zukunft eröffnet, in der alle Geschöpfe in Frieden leben können, so wie Gott es sich gedacht hat von Anfang an.
Den Konflikt anzunehmen und im Geist Jesu zu streiten, jeder und jede an ihrem/seinem Ort zu ihrer/seiner Zeit, aufzustehen gegen alle, die den Ungeistern von Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit, von Antisemitismus und Rassismus das Wort reden, darauf kommt es an. In der Nachfolge Jesu können wir uns darauf verlassen: er ist an unserer Seite – mit seinem Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.
Lied „Ein Schiff, dass sich Gemeinde nennt“
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