22.S.n.Tr., 01.11.2026, Römer 7,14–25a, Jonakirche, Limei Teetz

Liebe Gemeinde, 

„Ich weiß nicht, was ich tue.“ 

Was für ein Satz. 

Paulus schreibt ihn. Paulus – der große Apostel, der Gemeinden gegründet hat, der Briefe geschrieben hat, die wir nach fast zweitausend Jahren noch lesen. Paulus, der von Christus gepackt worden war und sein ganzes Leben in seinen Dienst gestellt hatte.

Und dieser Paulus sagt: „Ich weiß nicht, was ich tue.“ Und dann wird es noch deutlicher: „Denn ich tue nicht, was ich will; sondern was ich hasse, das tue ich.“

Vielleicht ist uns Paulus in keinem anderen Text so nah wie hier.

Denn wer von uns kennt das nicht? Wir wollen geduldig sein – und werden ungeduldig. Wir wollen einen Menschen nicht verletzen – und sagen gerade im entscheidenden Moment das falsche Wort. Wir wollen vergeben – und führen innerlich doch noch Buch darüber, wer uns was angetan hat. Wir wollen Gott vertrauen – und sobald es schwierig wird, beginnt die Angst.

Paulus sagt nicht: Ich kenne das Gute nicht. Im Gegenteil. Er kennt es. Er will es sogar. „Wollen habe ich wohl“, sagt er, “ aber das gute vollbringen, das kann ich nicht “

Das Problem ist nicht das Wollen. Das Problem ist: Ich schaffe es nicht, aus eigener Kraft immer der Mensch zu sein, der ich eigentlich sein möchte.

Und dann dieser Ruf: „Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen?“

1 · Paulus und unser Widerspruch

Liebe Gemeinde, vielleicht denken wir zunächst: Was für ein düsteres Menschenbild! Muss christlicher Glaube so negativ vom Menschen reden?

Ich komme aus China. Und in der chinesischen Tradition gibt es seit Jahrhunderten eine ganz ähnliche große Frage: Was ist der Mensch eigentlich?

Mengzi, der große konfuzianische Denker, war überzeugt: 人之初,性本善 – der Mensch ist von seinem Ursprung her zum Guten fähig.

Der Mensch trägt Mitgefühl in sich. Er kann zwischen Recht und Unrecht unterscheiden. Er kann lieben. Er kann Verantwortung übernehmen.

Und ich glaube: Paulus würde dem nicht einmal grundsätzlich widersprechen. Denn Paulus sagt ja selbst: „Das Gute will ich.“ Da ist etwas in uns, das das Gute erkennt. Wir sehnen uns nach Liebe, nach Gerechtigkeit, nach Frieden, nach einem guten Leben.

Ich kenne diese Sehnsucht auch aus meiner eigenen chinesischen Prägung. Meine Generation hat von klein auf gelernt: Unsere Kinder sollen es einmal besser haben als wir. Eltern haben sich aufgeopfert, gespart, gearbeitet, verzichtet. Aus Liebe. Und zugleich wurden die Erwartungen an die Kinder groß. Die Kinder wiederum liebten ihre Eltern und wollten sie nicht enttäuschen. Und trotzdem gab es Streit, Widerstand und Verletzungen.

Das ist doch merkwürdig: Beide Seiten wollen eigentlich das Gute – und trotzdem gelingt das Gute nicht immer.

In der chinesischen Tradition gibt es dafür noch eine große Sehnsucht: 天人合一 – Tian ren he yi. Man könnte sagen: die Sehnsucht danach, dass Mensch und Himmel miteinander in Einklang kommen; dass unser Leben mit der großen Ordnung übereinstimmt.

Ich finde diese Sehnsucht wunderschön.

Aber Paulus stellt eine unbequeme Frage: Wenn ich das Gute erkenne und sogar will – warum gelingt es mir dann nicht, danach zu leben?

3 · Wenn das Ziel verfehlt wird

Hier berühren wir etwas von dem, was Paulus „Sünde“ nennt. Sünde ist nicht nur eine Liste einzelner falscher Taten. Das griechische Wort Harmartia  trägt auch den Gedanken des Zielverfehlens in sich: Ich sehe das Ziel – und treffe es trotzdem nicht. Ich will lieben – und verletze. Ich will vertrauen – und klammere mich an meine eigene Kontrolle.

Bei Paulus ist Sünde allerdings mehr als das Gelegentliche verfehlens  eines Ziels . Sünde ist auch eine Macht, die Menschen gefangen hält.

4 · Martin Buber: Ich–Es und Ich–Du

Vielleicht liegt genau hier noch etwas Tieferes.

Paulus beschreibt einen Menschen, der immer wieder um sich selbst kreist:

Was will ich?

Was tue ich?

Warum schaffe ich nicht, was ich eigentlich für richtig halte?

Das Ich betrachtet sich selbst, beurteilt sich selbst – und kommt aus diesem Kreisen nicht heraus.

An dieser Stelle hilft mir ein Gedanke von Martin Buber der jüdische Religionsphilosoph.

Buber sagt: Es gibt grundsätzlich zwei Arten, wie wir einem anderen Menschen begegnen können.

Die eine nennt er die Ich–Es-Beziehung.

Dann sehe ich den anderen vor allem danach, was er kann, was er leistet, was er mir bringt oder vielleicht auch, was mich an ihm stört.

Wir machen das alle manchmal.

Wir sagen innerlich:

Der ist schwierig.

Die ist erfolgreich.

Der kann das gut.

Die enttäuscht mich.

Wir ordnen Menschen ein.

Aber Buber sagt: Ein Mensch ist niemals nur ein „Es“.

Es gibt noch eine andere Beziehung: Ich und Du.

Da steht mir nicht etwas gegenüber, das ich beurteilen oder benutzen kann, sondern ein Mensch.

Ein Du.

Jemand, den ich wirklich sehe – und der auch mich sieht.

Und Buber geht noch einen Schritt weiter. Er spricht von Gott als dem ewigen Du.

Vielleicht liegt genau darin eine Antwort auf dieses ständige Kreisen des Menschen um sich selbst:

Ich werde nicht dadurch heil, dass ich mich immer genauer analysiere oder mich immer mehr anstrenge.

Ich brauche ein Gegenüber.

Ein Du.

5 · „Du bist bei mir“

Und genau da denke ich an Psalm 23 – und an meinen Ordinationsspruch:

„Du bist bei mir.“

Der Psalm beginnt zunächst mit einem „Er“:

„Der Herr ist mein Hirte …

Er weidet mich …

Er führet mich …

Er erquicket meine Seele.“

David spricht über Gott.

Aber mitten im Psalm, mitten im finsteren Tal, verändert sich plötzlich die Sprache:

„Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir.“

Nicht mehr: Er.

Sondern: Du.

Vielleicht kann man auf der grünen Aue noch gut über Gott sprechen.

Aber im finsteren Tal reicht eine Theorie über Gott nicht mehr.

Da braucht David ein Gegenüber.

Da braucht er Gott selbst:

„Du bist bei mir.“

Aus dem Reden über Gott wird das Reden mit Gott.

6 · Die Antwort des Paulus

Und genau hier höre ich Römer 7 noch einmal neu. Dieser Text ist voller „Ich“: Ich weiß. Ich will. Ich tue. Ich tue nicht. In mir. Mein Verstand. Meine Glieder. Immer wieder: Ich.

Dieses Ich dreht sich immer enger um sich selbst. Es beobachtet sich. Es beurteilt sich. Es verurteilt sich. Bis nur noch der Ruf bleibt: „Ich elender Mensch!“

Aber dann geschieht etwas. Paulus fragt nicht mehr: Wie kann ich mich verbessern? Wie kann ich mich retten? Wie kann ich endlich vollkommen werden?

Er fragt: „Wer wird mich erlösen?“

Vielleicht steckt auch in diesem Ruf die uralte menschliche Sehnsucht: dass das zerrissene Leben wieder heil wird, dass Mensch und Gott wieder zusammenfinden. Aber Paulus erkennt: Diese Einheit kann ich nicht selbst herstellen.

Darum fragt er nicht mehr: Was muss ich noch tun? Sondern: Wer wird mich erlösen?

Und seine Antwort lautet: „Dank sei Gott durch Jesus Christus, unsern Herrn!“

Das ist der Wendepunkt. Paulus schaut weg von sich selbst. Da ist ein Gegenüber. Da ist Christus.

Da ist einer, der mich nicht auf mein Versagen reduziert. Einer, der mich kennt – auch meine Widersprüche, auch meine Schuld – und der sich mir trotzdem zuwendet.

7 · Gnade statt Leistung

Gestern war Reformationstag. Und im Grunde ist das genau die befreiende Entdeckung der Reformation.

Martin Luther kannte dieses Kreisen um das eigene Ich sehr gut:

Bin ich gut genug?

Habe ich genug geglaubt?

Habe ich genug bereut?

Habe ich genug getan?

Die befreiende Entdeckung war:

Nicht ich halte Gott fest. Gott hält mich fest.

Nicht meine Leistung macht mich gerecht. Gottes Gnade spricht mich gerecht.

Und heute, am 1. November, steht im Kalender Allerheiligen. Auch das passt erstaunlich gut.

Denn Heilige sind im Neuen Testament nicht Menschen, die Römer 7 endlich hinter sich gelassen haben. Heilige sind keine Menschen, bei denen alles gelungen ist. Heilig heißt zuerst: Gott zugehörig , geheiligt sein .

8 · Was uns als Gemeinde trägt

Vielleicht wäre es deshalb auch etwas merkwürdig, wenn ausgerechnet eine Predigt über all die vielen „Ichs“ des Paulus am Ende nur noch von meiner Ordination handeln würde.

Denn heute geht es nicht zuerst darum, dass hier jemand ordiniert wird.

Es geht um etwas, das uns alle betrifft: unsere Beziehung zu Gott.

 

Wir müssen nicht erst vollkommen sein, bevor wir zu Gott kommen dürfen.

Wir müssen nicht erst alles richtig machen, damit Gott uns liebt.

 

Wir dürfen zu ihm gehören – mit unseren Stärken und Schwächen, mit unseren Hoffnungen und unseren Fehlern.

 

Und das ist die gute Nachricht:

Gott kennt uns – und gerade deshalb lässt er uns nicht allein.

 

Denn wir alle kennen das, was Paulus in Römer 7 beschreibt:

Und vielleicht kennen wir auch seine verzweifelte Frage:

„Wer wird mich erlösen?“

Paulus antwortet nicht:

Du musst dich nur noch ein bisschen mehr anstrengen.

Er sagt:

„Dank sei Gott durch Jesus Christus, unsern Herrn!“

Da öffnet sich der Blick.

Weg vom ständigen Kreisen um uns selbst.

Hin zu Christus.

Und vielleicht ist das auch das Schönste, was wir einander als Gemeinde sagen können:

Du musst nicht vollkommen sein.

Du musst dich nicht selbst erlösen.

Du bist nicht allein unterwegs.

Denn da ist einer, der uns kennt, der uns hält und der mit uns geht.

Darum gefällt mir mein Ordinationsspruch aus Psalm 23 heute vielleicht noch besser als zuvor:

„Du bist bei mir.“

Im Psalm beginnt David mit einem „Er“:

Er weidet mich.

Er führt mich.

Er erquickt meine Seele.

Aber im finsteren Tal wird aus dem „Er“ ein „Du“:

„Du bist bei mir.“Das ist die Zusage , die uns trägt, nicht nur an den guten Tagen , sondern auch dann wenn wir an uns selbst zweifeln, wenn wir scheitern, wenn wir nicht weiter wissen.

Du bist bei mir

 das am Ende auch die Bewegung unseres Glaubens:

vom Reden über Gott zum Reden mit Gott,

vom Kreisen um mich selbst zum Vertrauen auf Christus,

vom „Ich muss“ zum „Du bist bei mir“.

Und darum dürfen wir – nicht nur heute, sondern immer wieder – mit Paulus sagen:

„Dank sei Gott durch Jesus Christus, unsern Herrn!“

Amen.

 

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