Rogate, 10.05.2026, 1.Mose 18,16-33, Mutterhauskirche, Ulrike Heimann
„Beten“, das ist das Thema dieses Sonntags. Beten, das ist die Weise, mit Gott in Beziehung zu kommen – in Dank, Lob, Bitte, Klage und Fürbitte. Beten, das verbindet uns mit Menschen unterschiedlichster Kultur und Religion. Und es verbindet uns über die Zeiten hinweg auch mit den Menschen der Bibel. Der Predigttext erzählt uns eine Geschichte, in der es auch ums Beten, um eine Fürbitte geht. Dass es sich um eine sehr alte Geschichte handelt, wird daran deutlich, dass in ihr drei himmlische Wesen in der Gestalt von Männern auftreten und Kontakt zu den Menschen aufnehmen – und dass dieses für beide Seiten völlig normal ist. In der Ikonographie der Orthodoxen Kirche werden die drei als Engel dargestellt. Im Text selbst wird nahegelegt, dass einer von den Dreien Gott selbst ist.
Die Drei hatten Abraham besucht und ihm und Sara die Geburt des lange verheißenen Sohnes angekündigt. Hören wir nun, wie die Geschichte weitergeht:
Die Männer brachen auf, und Abraham begleitete sie.
Als sie auf Sodom, wo sich Lot, Abrahams Neffe, niedergelassen hatte, hinuntersahen, dachte Adonaj:
»Soll ich wirklich vor Abraham geheim halten,
was ich vorhabe? Er soll doch zum Stammvater
eines großen und mächtigen Volkes werden.
Alle Völker der Erde sollen durch ihn gesegnet sein.
Denn hierfür habe ich ihn ausgewählt:
Er soll seine Söhne und seine Nachkommen dazu bringen,
auf dem Weg Adonajs zu bleiben.
Er soll sie lehren, sich an Recht und Gerechtigkeit zu halten.
Dann wird Adonaj erfüllen,
was er Abraham verheißen hat.«
Adonaj sagte:
»Ja, die Klagen über Sodom und Gomorra sind groß,
und ihre Vergehen wiegen schwer.
Ich will hinabsteigen und die Klagen prüfen,
die vor mich gekommen sind:
Haben sie wirklich so schlecht gehandelt oder nicht?
Ich will es wissen.«
Zwei von den Männern machten sich auf nach Sodom.
Adonaj aber blieb bei Abraham zurück.
Abraham trat näher und fragte:
»Willst du wirklich Gerechte und Frevler ohne Unterschied vernichten? Vielleicht gibt es 50 Gerechte in der Stadt.
Willst du sie trotzdem vernichten? Willst du den Ort nicht verschonen wegen der 50 Gerechten darin?
Das kannst du doch nicht tun
und den Gerechten wie den Frevler töten!
Dann würde es den Gerechten ergehen wie den Frevlern.
Nein, das kannst du nicht tun.
Der Richter der ganzen Welt begeht doch kein Unrecht.«
Adonaj antwortete:
»Wenn ich in der Stadt Sodom 50 Gerechte finde,
verschone ich ihretwegen den ganzen Ort.«
Aber Abraham fuhr fort:
»Ich bin nur Staub und Asche.
Dennoch habe ich es gewagt, mit dem Herrn zu reden.
Vielleicht sind es 5 weniger als 50 Gerechte.
Willst du wegen der 5 die ganze Stadt zerstören?«
Da sagte er: »Nein, ich werde sie nicht zerstören,
wenn ich dort 45 Gerechte finde.«
Abraham richtete noch einmal das Wort an ihn:
»Vielleicht lassen sich dort nur 40 finden.«
Er antwortete: »Wegen der 40 werde ich es nicht tun.«
Abraham sagte: »Mein Herr, sei mir nicht böse,
wenn ich weiterspreche.
Vielleicht lassen sich dort nur 30 finden.«
Er entgegnete: »Wenn ich dort 30 finde,
werde ich es nicht tun.«
Abraham fing wieder an: »Ich habe es nun einmal gewagt,
mit dem Herrn zu verhandeln. Vielleicht sind es nur 20.«
Er antwortete:
»Wegen der 20 werde ich Sodom nicht zerstören.«
Abraham redete weiter:
»Mein Herr, sei mir nicht böse,
wenn ich noch ein letztes Mal das Wort ergreife.
Vielleicht gibt es dort nur 10 Gerechte.«
Er erwiderte:
»Wegen der 10 werde ich die Stadt nicht zerstören.«
Adonaj ging fort,
nachdem er das Gespräch mit Abraham beendet hatte.
Daraufhin kehrte Abraham in sein Lager zurück.
Liebe Gemeinde,
eine merkwürdige Geschichte mit einer auf den ersten Blick mindestens fragwürdigen Vorstellung davon, was das Beten betrifft. Auf der anderen Seite enthält das Gespräch Abrahams mit Adonaj aber auch eine gute Nachricht für unsere Welt: Von Anfang bis Ende wird Gottes Interesse an den Menschen deutlich, ihr Ergehen, ihr Tun und Lassen lassen ihn nicht kalt, sondern im Gegenteil: das Klagen und Weinen derer, die unter ihren gewalttätigen Mitmenschen leiden, sind zu seinen Ohren gekommen und fordern sein Eingreifen heraus. Doch weil er kein Despot ist, der auf Gerüchte hin losschlägt, will er sich erst genau informieren, was Sache ist. Es geht ihm um Gerechtigkeit und Barmherzigkeit.
Die Geschichte lässt uns an den Gedanken Gottes teilhaben:
»Soll ich wirklich vor Abraham geheim halten,
was ich vorhabe? Er soll doch zum Stammvater
eines großen und mächtigen Volkes werden.
Alle Völker der Erde sollen durch ihn gesegnet sein.
Denn hierfür habe ich ihn ausgewählt:
Er soll seine Söhne und seine Nachkommen dazu bringen,
auf dem Weg Adonajs zu bleiben.
Er soll sie lehren, sich an Recht und Gerechtigkeit zu halten.
Dann wird Adonaj erfüllen,
was er Abraham verheißen hat.«
Nein, der Gott Abrahams ist wahrhaftig kein Despot. Er geht nicht hin und handelt einfach in seiner Machtfülle, sondern er bezieht Abraham in seine Überlegungen betreffs Sodom und Gomorra mit ein. Damit zeigt Gott, wie viel ihm die Verbindung mit Abraham bedeutet und wie hoch er Abraham als Bündnispartner achtet. Gott offenbart sich ihm, Gott lässt ihn teilhaben an seinen Plänen, Gott stellt ihn nicht einfach vor vollendete Tatsachen.
Adonaj sagt:
»Ja, die Klagen über Sodom und Gomorra sind groß,
und ihre Vergehen wiegen schwer.
Ich will hinabsteigen und die Klagen prüfen,
die vor mich gekommen sind:
Haben sie wirklich so schlecht gehandelt oder nicht?
Ich will es wissen.«
Gott handelt also nicht auf Gerüchte hin. Aber er ist auch keiner, der gleichgültig über allem Elend steht. Gott lässt sich von dem, was er hört, bewegen und kommt selbst herab, um zu prüfen, was tatsächlich in den beiden Städten vor sich geht. Gott hat Interesse daran, wie Menschen miteinander umgehen. Und wenn es wie in Sodom und Gomorra so weit kommt, dass Machtmissbrauch und Einschüchterung an der Tagesordnung sind, dass Gewalt sich über jegliches Recht hinwegsetzt und Fremde zur Zielscheibe von Hass und Demütigungen gemacht werden und Männer wie Frauen, Junge und Alte sexuellen Übergriffen ausgeliefert sind, dann lässt Gott das nicht kalt. Dann will er das nicht einfach so weitergehen lassen. Dann will er diesem Unheil ein Ende setzen. Das alles sagt Gott zu Abraham.
Und dann hält er inne und wartet, was Abraham antworten wird, bzw., wie ein Ausleger etwas überspitzt formuliert, dass Gott hier tatsächlich auf Abrahams Seelsorge wartet.
Dieser Gedanke, dass Gott den Menschen nicht nur gebraucht wie ein Werkzeug, sondern dass Gott den Menschen tatsächlich braucht im Sinne von „nötig hat“, dieser Gedanke ist in der christlichen Tradition weitgehend fremd geblieben. Aber in der jüdischen Tradition ist dieser Gedanke in vieler Hinsicht zum Tragen gekommen. So kann es im Midrasch Wayiqra heißen: „Die Gerechten fügen Kraft hinzu der oberen Gewalt“, das heißt: die Gerechten stärken Gott. Oder ich denke an ein noch weitergehendes Zitat des 1.Talmudtraktates Berakhot, wo es heißt: „Der Heilige, gepriesen sei er, sprach: Wer sich mit der Thora und Liebeswerken befasst und mit der Gemeinde betet, dem rechne ich an, als hätte er mich und meine Kinder von den weltlichen Völkern erlöst.“ In diesem Sinn ist schließlich auch zu verstehen, was der große jüdische Philosoph des 20.Jahrhunderts, Franz Rosenzweig, behauptet, wenn er sagt: „Gott spricht: Ohne euch kann ich nichts tun, ja, ohne euch kann ich nicht sein. Wenn ihr mich nicht bezeugt, so bin ich nicht.“
Was uns Christen im ersten Moment fremd, vielleicht sogar anstößig erscheint, halte ich für sehr nachdenkenswert. Ich sehe bei uns die große Gefahr, Gott gegenüber in einer bloßen Anspruchshaltung zu verharren, die unsere Trägheit im Beten und Handeln noch verstärkt und ich glaube deshalb, es wäre auch für uns hilfreich, uns vor Augen zu halten, dass Gottes Entgegenkommen tatsächlich so weit geht, dass er auf unsere Antwort, auf unsere „Solidarität“ mit ihm angewiesen ist.
Abraham jedenfalls entzieht sich Gottes Erwartung nicht. Und an dem, was er Gott antwortet, merkt man, dass er Gott „kennt“. Das bedeutet mehr, als mit dem Verstand zu begreifen und Bescheid zu wissen. Kennen im hebräischen Sinne hat mit dem Herzen zu tun und ist eine Umschreibung für tiefe Liebe. Aus solcher liebevollen Gotteserkenntnis heraus spricht Abraham Gott auf seine Barmherzigkeit an. Er weiß, dass die Barmherzigkeit das Wesen Gottes ist und Kern all seines Tuns – auch seines Strafens. Nur weil Gott die Schreie der Opfer menschlicher Willkür und Rücksichtslosigkeit erbarmen, hat er sich aufgemacht zum Gericht. Weil Gott von Herzen Anteil nimmt am Leben der Menschen, will er nicht alles so weitergehen lassen.
Abraham spricht Gott auf seine Barmherzigkeit hin an, und im Vertrauen darauf, dass Gottes Erbarmen größer ist als sein Zorn, bittet er um Verschonung der Städte, wenn auch nur 50 Gerechte in ihnen leben.
Ich weiß nicht, ob Ihnen das Erstaunliche an Abrahams Bitte sofort klar ist. Abraham verhandelt mit Gott nicht um die Rettung der wenigen Unschuldigen. In seiner Fürbitte geht es um die Vielzahl der Schuldigen! Abraham kennt dabei sehr wohl das Maß menschlicher Bosheit – er versucht nicht, die Größe der Schuld irgendwie herunterzureden. Doch seine Hoffnung ist das noch größere Maß von Gottes Barmherzigkeit. Deshalb bittet er, wenn auch nur 50 Gerechte zu finden sind, möge Gott doch alle verschonen. Und deshalb traut er sich, die Vorbedingung für die Rettung der Städte immer niedriger zu handeln.
Und Gott lässt sich ganz auf Abraham ein. Sind auch nur 10 Gerechte in Sodom und Gomorra zu finden, sagt er schließlich, „so will ich sie nicht verderben um der zehn willen“.
Liebe Gemeinde, was Abraham hier mit seiner Fürbitte für Menschen tut, deren Wandel er zutiefst verabscheut, das ist nichts anderes als konkrete Feindesliebe. Wir können von ihm lernen, nicht müde zu werden, Gott auf seiner Barmherzigkeit zu behaften, nicht aufzuhören, Fürbitte zu halten, und zwar nicht nur für die Opfer, sondern auch für die Täter, und nach Kräften vor Gott einzutreten für eine Verschonung der Welt vor ihrer Zerstörung.
Damals, so erzählt die Bibel, sind Sodom und Gomorra nicht dem Gericht entgangen. Aber das Gespräch zwischen Abraham und Gott wirft ein neues Licht auf den Untergang dieser beiden Städte. Denn nicht die übergroße Bosheit der Einwohner war letztlich dafür ausschlaggebend, sondern der Mangel an Gerechten! Nicht einmal zehn gab es unter den Tausenden von Ungerechten.
Der Mangel an Gerechten – das ist das Problem. Bis heute. Wobei wir uns klar machen müssen, wer im Geist der Bibel als ein Gerechter bezeichnet wird. Gerecht meint nicht, das ist ein Mensch ohne jeden Fehler. Gerecht ist einer, der sich darum bemüht, sein Leben danach auszurichten, was dem Willen Gottes für das Zusammenleben der Menschen entspricht. Gemeinschaftsgerechtigkeit, darum geht es. Sein eigenes Wohlergehen an das Wohlergehen seiner Mitmenschen zu binden, das Ich in das Wir einzubringen, sodass es allen nützt. Wer so lebt und handelt, der lebt und handelt dem Reich Gottes gemäß, so nannte das Jesus von Nazareth. Und darauf kommt alles an – sollte es zumindest, wenn wir unseren Glauben ernst nehmen.
An solchen Gerechten mangelte es in Sodom und mangelt es heute in unserer Gesellschaft. Das können wir in fast allen politischen Debatten verfolgen, wenn es um die Reformen in unseren sozialen Systemen geht, egal auf welcher Ebene – im Parlament, in den Talkrunden im Fernsehen und bei zufälligen Gesprächen unterwegs. Jeder verteidigt seine eigenen Interessen und gefährdet damit – ob er es will oder nicht – den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft, unsere Demokratie. Das Sprichwort „Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht.“ Das mag lustig sein, ist aber zerstörerisch für eine Gemeinschaft. 1933 haben das viel zu viele getan. Martin Niemöller hat nach 1945, als die deutschen Städte reihenweise in Feuersbrünsten untergegangen waren (wie die Bibel es von Sodom und Gomorra erzählt), auch sein eigenes Versagen gegenüber dem Nationalsozialismus so formuliert: „Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist. Als sie die Gewerkschaftler holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Gewerkschaftler. Als sie die Juden holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Jude. Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.“
Die schweigende Mehrheit besteht nie aus Gerechten.
Eine andere Feststellung lautete treffend: die Weimarer Demokratie ist nicht von den Nazis zerstört worden. Sie ist zugrunde gegangen am Mangel an Demokraten.
Rogate heißt dieser Sonntag. Betet. Beten heißt nicht, die Hände in den Schoß legen und Gott mal machen lassen. Ora et labora – heißt die Grundregel der Benediktiner. Dietrich Bonhoeffers Überzeugung ließ ihn formulieren: Darauf kommt es heute an: zu beten und das Gerechte zu tun.
Sorgen wir uns darum, dass es nie wieder an Gerechten mangelt. Das ist es, was diese alte Erzählung aus dem 1. Buch Mose uns mahnend mitgeben möchte.
Amen.
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