Jubilate, 26.04.2026, Joh.15,1-12, Mutterhauskirche, Ulrike Heimann

Liebe Gemeinde,

„Ist Jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.“ (2.Kor.5,17)

Der Wochenspruch für diesen Sonntag ruft uns noch einmal kraftvoll das Thema der Jahreslosung in Erinnerung: „Gott spricht: Siehe, ich mache alles neu.“ (Offb.21,5)

Wie das geht mit dem Neuwerden, was es mit uns und unserem Leben zu tun hat, das bringt uns das Evangelium des heutigen Tages näher, das auch der vorgeschlagene Predigttext ist. Auf dem Gottesdienstblatt haben sie ihn vor Augen. Warum ich einige Verse in einer anderen Drucktype geschrieben habe, werde ich im Verlauf der Predigt noch erörtern. Und ebenso, warum ich den vorgegebenen Abschnitt, die Verse 1-8, ergänzt habe durch die Verse 9-12.

 

1 »Ich bin der wahre Weinstock.

Mein Vater ist der Weinbauer.

2 Er entfernt jede Rebe an mir, die keine Frucht trägt.

Und er reinigt jede Rebe, die Frucht trägt,

damit sie noch mehr Frucht bringt.

3 Ihr seid schon rein geworden durch das Wort,

das ich euch verkündet habe.

4 Bleibt mit mir verbunden,

dann bleibe ich mit euch verbunden.

Eine Rebe kann aus sich selbst heraus keine Frucht tragen.

Dazu muss sie mit dem Weinstock verbunden bleiben.

So könnt auch ihr keine Frucht tragen,

wenn ihr nicht mit mir verbunden bleibt.

5 Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben.

Wer mit mir verbunden bleibt so wie ich mit ihm,

bringt reiche Frucht.

Denn ohne mich könnt ihr nichts erreichen.

6 Wer nicht mit mir verbunden bleibt,

wird weggeworfen wie eine unfruchtbare Rebe

und vertrocknet.

Man sammelt die vertrockneten Reben ein

und wirft sie ins Feuer, wo sie verbrennen.

7 Wenn ihr mit mir verbunden bleibt

und meine Worte in euch bewahrt, dann gilt:

Ihr dürft bitten, was immer ihr wollt –

und eure Bitte wird erfüllt werden.

8 Die Herrlichkeit meines Vaters wird darin sichtbar,

dass ihr viel Frucht bringt

und euch als meine Jünger erweist.«

 

9 »Wie der Vater mich liebt, so liebe ich euch.

Haltet an meiner Liebe fest!

10 Ihr haltet an meiner Liebe fest,

wenn ihr meine Weisungen befolgt.

Ich befolge ja auch die Weisungen meines Vaters

und halte so an seiner Liebe fest.

11 Das habe ich zu euch gesagt,

damit meine Freude euch ansteckt.

Die Freude wird euch ganz und gar erfüllen!

12 Das ist mein Gebot:

Ihr sollt einander lieben – so wie ich euch geliebt habe.“

 

Das Bildwort vom Weinstock und den Reben ist einer der bekanntesten Abschnitte aus dem Johannesevangelium. Ich nehme es sehr gerne als Abschlusswort bei Abendmahlsfeiern, weil es in sinnenfälliger Weise Verbundenheit ausdrückt, dieses „Ihr in mir und ich in euch“, welches der Christus Jesus uns damit zuspricht, das Zusammengehören aller mit ihm und aller untereinander – symbolisiert durch den Kreis, den die am Abendmahl Teilnehmenden bilden.

 

Verbundenheit, das ist das große Thema, das im 15. Kapitel des Johannesevangeliums entfaltet wird und auch die anderen biblischen Texte für den Sonntag Jubilate durchzieht.

Da ist die Verbundenheit des Christus Jesus mit seinen Freundinnen und Freunden, die Kreuz und Tod nicht zerstören konnten; eine bleibende Verbundenheit, die ewiges, unzerstörbares Leben in sich trägt.

Da ist die Verbundenheit des Schöpfers mit seiner Schöpfung, die Verbundenheit des Vaters mit seinen Kindern, die alle Religions- und Kulturgrenzen überspannt – so wie es Lukas in der Apostelgeschichte den Apostel Paulus auf dem Areopag in Athen, dem geistig-intellektuellen Zentrum der Antike, bekennen lässt: „In ihm leben, weben und sind wir alle.“

Im Bewusstsein solcher Verbundenheit zu leben, das ist Grund zum Jubeln – „Jubilate!“ Der heutige Sonntag will uns Appetit darauf machen, ebenfalls in solches Verbunden Sein einzutreten. Was es erfordert, welche Geisteshaltung unsererseits nötig ist, das erschließt sich in den Versen des Bildwortes vom Weinstock und den Reben.

Dabei ist es schon entscheidend, unter welchem Vorzeichen wir den Text lesen. Er kann nämlich auch so verstanden und damit missverstanden werden, dass er gerade nicht verbindend wirkt, sondern spaltend. Wobei ich bei den Versen bin, die kursiv gedruckt sind. So ist in Vers 6 wenig von der Freude zu spüren, die mit Jesus in die Welt gekommen ist.  „Wer nicht mit mir verbunden bleibt,

wird weggeworfen wie eine unfruchtbare Rebe

und vertrocknet.

Man sammelt die vertrockneten Reben ein

und wirft sie ins Feuer, wo sie verbrennen.“

Das klingt es bedrohlich nach Gericht und Verworfenwerden. Da schimmert ein apokalyptisches Gottesbild durch, das Angst und Schrecken hervorruft. Da steht Gott da und sortiert aus: die Schlechten, alle, die den falschen Glauben haben, die nicht rein sind - ab ins Feuer. Und alles Gute steht den wahren Gläubigen zu, sie sollen alles bekommen, was sie sich nur wünschen – siehe Vers 7.

 

Die Texte der Bibel sind selten stringent, viele bergen Widersprüche in sich, die auf den ersten Blick kaum zu erkennen sind; in unserem Fall wohl auch deshalb, weil wir unsere Mitmenschen gerne durch eine dualistische Brille betrachten: da sind die Guten und da sind die Bösen; wir hier und die anderen dort. Wir haben den richtigen Glauben, die anderen haben einen falschen. Und die mit dem falschen Glauben, mit der falschen Einstellung müssen weg. So denken viele. Sie sehen sich dann bestätigt von diesem biblischen Text in Vers 6. Dass dieser Text aber gerade nicht dem entspricht, was Gottes Wille ist, wie Jesus ihn uns nahegebracht hat, sondern Menschenwort, das mit dem dualistischen Virus befallen ist, das kommt ihnen nicht in den Sinn. Ja, dieser 6.Vers hat für viel zu viele schreckliche Folgen gehabt. Es ist einer der zentralen Bibelworte, welche die Inquisition seit dem 12.Jahrhundert buchstäblich befeuert hat. Haben sich die Inquisitoren doch die Rolle des Weingärtners angeeignet und alle, die nicht den in ihren Augen richtigen Glauben hatten, dem Feuer übergeben. Und leider ist das dualistische Denken auch heute in vielen Kirchen weit verbreitet; ein erschreckendes Beispiel geben gerade die fundamentalistischen Kirchen und Gemeinden in den USA, wo christliche Nationalisten den Ton in der Regierung bestimmen und eigentlich alles verraten, wofür Jesus eingetreten ist.

Es reicht eben nicht, biblische Texte zu lesen und damit zu agitieren. Es kommt darauf an, mit welchem Geist wir sie lesen und sie auf unser Leben beziehen, durch welche Brille wir sie betrachten: durch die Brille der Verbundenheit und Liebe zu allen und allem, was lebt – oder eben durch die Brille der Spaltung und des Hasses.

 

Schauen wir uns einmal mit der Brille der Verbundenheit und Liebe ausgestattet die Bildrede vom Weinstock und den Reben an.

„Ich bin der wahre Weinstock“, sagt der Christus Jesus.

Wahr steht hier für „der Wahrheit verpflichtet“ und zwar der Wahrheit, die von Gott herkommt. Gott, den Jesus Vater nennt und dem die Pflege des Weinstocks obliegt.

Ein Weinbauer oder Weingärtner herrscht nicht über seinen Weinberg, sondern er pflegt ihn, er kümmert sich um ihn, er dient ihm, damit die Weinstöcke gedeihen können. Eine Parallele dazu findet sich in der Schöpfungserzählung, wo ja den Menschen die Pflege der Erde als Aufgabe übertragen wird: damit alles blühen und Frucht bringen kann.

(Einwurf: auch dieser Auftrag wurde kolossal missverstanden als Auftrag und Erlaubnis, sich alles „untertan“ zu machen, sich alles anzueignen und auszubeuten.)

 

Wie sieht nun die Tätigkeit eines Weinbauern aus?

Er sieht sich im Frühjahr den Weinstock an und begutachtet die Austriebe, die Reben, die sich entwickelt haben. Er erkennt, welche Austriebe vielleicht durch Frost schon so geschädigt sind, dass sie keine Fruchtansätze mehr zeigen werden. Er schneidet sie heraus, damit die anderen Reben sich besser entwickeln können. Später kommt er dann immer wieder vorbei und „reinigt“ die fruchttragenden Reben. Das mache ich bei meinen Tomatenpflanzen ähnlich: ich knipse in den Abzweigungen die Ansätze neuer Stängel heraus, damit die Kraft nicht in immer neue Stängel und Blätter geht, sondern in die oberen Triebe mit schon sichtbaren Fruchtansätze.

 

Die Reinigung der Reben, die Fürsorge des Weinbauern für Weinstock und Reben – das ist ein Bildwort, das uns zur Meditation einlädt:

Wo habe ich in meinem Leben Gottes Fürsorge erlebt?

Wo habe ich erlebt, dass Hemmnisse, die mich eingeengt haben, weggenommen wurden?

Wo habe ich erlebt, dass ich selbst mich von etwas lösen, trennen musste, dass ich eine Einstellung ändern musste, damit ich „zukunftsfähig“ wurde, damit sich in meinem Leben etwas zum Positiven verändern konnte?

Wo ging und geht es darum, sich zu beschränken, die Kräfte nicht zu verzetteln, sich zu fokussieren auf das, was man als „sein Ding“ erkennt?

Ja, in mancherlei Hinsicht schießt bei uns vieles einfach ins Kraut – die Ansprüche an das Leben: dies wollen wir noch haben, dahin wollen wir noch unbedingt reisen, in diese Kreise aufsteigen, den nächsten Karriereschritt tun – und wir vergessen, dass wir eigentlich Früchte bringen sollen – Früchte, die nicht nur uns ernähren, sondern auch andere und das zur Ehre und Freude Gottes.

Darum geht es in unserem Text: Gott hat uns dazu bestimmt, Früchte, gute Früchte zu bringen. Und dafür müssen wir wissen, woher wir unsere „Nahrung“ nehmen. Wir müssen wissen und anerkennen, dass wir auf die Verbundenheit mit Christus angewiesen sind. Dass wir Wesen sind, die sich selbst nicht genügen können, sondern auf Beziehung angewiesen sind - um zu leben, um das zu entwickeln, was in uns angelegt ist, um eben gute Früchte hervorzubringen. Von Gott, von Christus, von dem, was Jesus uns vorgelebt und verkündigt hat, von daher wachsen uns Kraft und Orientierung für unser Tun und Lassen zu.

 

In dem Ihnen vorliegenden Text ist auch der letzte Satz in Vers 5 kursiv gedruckt. Warum ich ihn damit als nicht hilfreich für uns gekennzeichnet habe, ja, als geradezu dem widersprechend, was der Christus Jesus im 15.Kapitel von seiner Beziehung zu seinen Freundinnen und Freunden entfaltet, das will ich gerne sagen.

Der Satz „Denn ohne mich könnt ihr nichts erreichen / nichts tun.“ macht uns klein und übersieht, dass – um im Bild zu bleiben – erst das Zusammenspiel von Weinstock und Reben Früchte hervorbringt. Weinstock und Reben sind aufeinander angewiesen. Um es theologisch zu sagen: Gott braucht uns, er braucht Menschen, um sein Reich auf dieser Erde zu bauen, um gegen Ungerechtigkeit, Lüge und Hass 

Gerechtigkeit, Wahrheit und Liebe aufzurichten und sich ausbreiten zu lassen. Deshalb müssen wir den Satz anders formulieren: „Um das Werk Gottes auf dieser Erde zu tun, brauchen wir einander: ihr braucht mich - die Kraft und die Orientierung, die ich für euch mit meinem Leben und Wirken bin; und ich brauche euch - euer Vertrauen und eure Tatkraft, eure Stimmen, Hände und Füße, mit denen ihr weiterführt, was ich begonnen habe.“

 

Und ebenso verzichtbar ist für uns Heutige Vers 3. „Ihr seid schon rein geworden durch das Wort, das ich euch verkündet habe.“ Es geht da um die in der jüdischen Glaubensvorstellung sehr wichtige rituelle Einteilung in rein und unrein. Wenn man sich Gott nähern will, zum Beispiel zum Gottesdienst im Tempel, dann muss man „rein“ sein; man darf nicht mit unreinen Dingen in Berührung gekommen sein, z.B. darf ein Mann nicht mit seiner Ehefrau gemeinsam zu Tisch sitzen und essen, wenn wie gerade ihre Tage hat, wenn sie menstruiert. Auf jeden Fall muss er (und auch sie nach dem Ende ihrer Menstruation) sich rituell reinigen, um von Gott akzeptiert zu werden. Doch um ein solches Verständnis von Reinigung geht es Jesus nicht. Vielmehr hat er seinen Freunden und Freundinnen ein anderes Verständnis von Gott und seiner Beziehung zu den Menschen vermittelt – etwa so:

„Ihr habt doch von mir gehört, dass ihr immer zu Gott kommen könnt, dass ihr ihm immer willkommen seid, so wie es euch gerade geht. Gott, der mein Vater und euer Vater ist, ist euch in Liebe verbunden wie er mir in Liebe verbunden ist.“

 

Genau das steht in den Versen 9 bis 12, die ich deshalb dem Abschnitt des Evangeliums hinzugefügt habe:

9 »Wie der Vater mich liebt, so liebe ich euch.

Haltet an meiner Liebe fest!

10 Ihr haltet an meiner Liebe fest,

wenn ihr meine Weisungen befolgt.

Ich befolge ja auch die Weisungen meines Vaters

und halte so an seiner Liebe fest.

11 Das habe ich zu euch gesagt,

damit meine Freude euch ansteckt.

Die Freude wird euch ganz und gar erfüllen!

12 Das ist mein Gebot/meine Weisung:

Ihr sollt einander lieben – so wie ich euch geliebt habe.“

 

Es geht um die Liebe.

In der Liebe gibt es kein oben und unten.

In der Liebe begegnen wir uns und dem Christus auf Augenhöhe.

In der Liebe teilen wir alles mit ihm und er mit uns und wir mit allen.

In der Liebe steht das Wir ganz oben und das Ich geht darin auf, bringt seine Frucht und teilt sie aus.

So kommt Gott zu seinem Ziel, alles mit Freude zu erfüllen.

Trotz aller Schwierigkeiten und Dunkelheiten in dieser Zeit und Welt: das ist immer noch und immer wieder Grund zum Jubeln!

 

 

 

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