05.04.2026, Ostersonntag, 1. Kor 15, (12-18) 19-28, Stadtkirche, Doerthe Brandner
Liebe Ostergemeinde,
zwei zeitlich nahe beieinander gelegene Gespräche aus den letzten zwei Wochen gehen mir nach.
Im ersten Gespräch erzählte mir mein Gegenüber von ihrer Teilnahme an einer Trauerfeier, die von einem freien Redner gestaltet worden war.
Schön und anschaulich habe der Redner das Leben der Verstorbenen in Worte gebracht, doch kein Wort habe die Besucherin wirklich berührt.
Nichts wäre zur Sprache gekommen, was auch der sehr zerstrittenen anwesenden Familie die Tür zu der Ahnung geöffnet hätte, dass es jenseits von Streit und Zerwürfnis einen Raum und die Gegenwart EINES gibt, der alle Gebrochenheit hält.
In dem Erleben meiner Gesprächspartnerin war es, als wäre Segen – Segen für die Verstorbene, ebenso wie für die heil-lose Familie, ebenso wie für alle anderen Betroffenen in ihrer Trauer versagt worden.
Leer sei sie anschließend nach Hause gegangen.
Im zweiten Gespräch erzählte ein Kollege von dem tragischen, plötzlichen Tod einer jungen alleinerziehenden Mutter. Ihr kleiner, 8-jähriger Sohn hat noch anderthalb Tage bei der toten Mutter in der Wohnung verbracht, bevor sie gefunden und er aus der Situation erlöst wurde.
Weitere Familie gibt es nicht, nur ein paar – nicht verwandte, dem kleinen Jungen einigermaßen nahestehende – Menschen.
Dann als Pfarrer in die Begegnung mit dem kleinen Sohn, mit Arbeitskolleginnen und anderen, der Mutter und dem kleinen Jungen irgendwie verbundenen Menschen, gehen zu müssen und zu wollen, hieß für ihn, die absolute eigene Hilflosigkeit auszuhalten.
Für die Trauerfeier Worte zu finden für etwas, was sich jeglichen Worten sperrt, grenzte an das Unmögliche.
Als einzige Möglichkeit gab es für ihn – so erzählte der Kollege – einzustehen, als Mensch, gar nicht zuerst als Pfarrer, als Mensch, der, ohne die Mutter oder das Kind zuvor zu kennen, auch erschüttert ist – als solcher, ebenfalls erschütterter Mensch, mit seinem Da-Sein als Pfarrer, mit behutsamen Gesten und tastenden Worten einzustehen dafür, dass das Leben – alles und wir alle – in unserer Gebrochenheit und Todeserfahrung jeglicher Art nicht im augenblicklichen und diesseitigen Er-Leben aufgehen, sondern dass es etwas gibt – einen gibt – Gott gibt – von dem alle Gebrochenheit und jeder Mensch heil-sam umfasst ist.
- Mit allem eigenen Suchen und Hoffen, einzustehen dafür, dass weder abgrundtiefer Schmerz, noch größtes Entsetzen, noch der Tod eine alles Leben abschneidende Grenze ist.
Und als der Kollege davon erzählte, kamen mir die alten liturgischen, an jedem Grab gesprochenen, Worten in den Sinn:
Wir fragen den Tod ins Angesicht:
Wo ist dein Sieg?
Gott sei Dank, dass er uns durch Jesus Christus, seinen Sohn, unseren Herrn,
den Sieg schenkt über die Todesmacht.
Wir feiern Ostern, liebe Gemeinde.
In der Osternacht haben wir uns mit dem Wasser aus dem Taufbecken erinnert, dass wir alle in Christi Tod getauft sind, damit wir leben.
Und wir haben das Licht der Osterkerze entzündet und bei seinem sich Ausbreiten durch den dunklen Kirchenraum den Hymnus „Exultet“ „das „Frohlocket ihr Engel des Himmels“ gehört.
Immer wieder und in vielen Weisen singen wir heute Morgen jubelnd das österliche Halleluja.
Heute darf die Freude sprudeln.
Und wenn Ostern vorbei ist, darf sie nicht versiegen. Dann muss aus der Osterfreude ein stetig fließender Bach werden, der auch in tödlich dürrer Lebenslandschaft nicht versiegt, sondern die Kraft hat, weiter vom Leben zu zeugen.
Sonst bleibt unser Glaube und das, was ihn im Kern ausmacht, reiner Mythos oder schlichte Vertröstung oder einfach Unsinn, weil es verstandesmäßig nicht zu fassen ist.
Verstandesmäßig nicht fassen konnten wohl auch die Menschen der frühen Gemeinde zu Korinth die Auferstehungsbotschaft.
Ob sie sich zu einem intellektuellen Lehrstreit hatten hinreißen lassen, diese Menschen damals in der frühen Gemeinde, und die Argumente, dass eine Auferstehung der Toten – eine leibhaftige sogar – doch jeglicher Vernunft spotte;
Oder ob sie angesichts der eigenen Willkürerfahrung durch die sie Beherrschenden das Vertrauen in Gottes Lebenskraft verloren haben – wir können es nicht mehr entscheiden.
Paulus, dem die Gemeinde zu Korinth wie eigene Kinder am Herzen liegt, hört von den Fragen, von ihren Zweifeln, die vielleicht sogar so tief gehen, dass sie zu einer Glaubens- und Seelennot der korinthischen Menschen werden. Also schreibt er ihnen aus Ephesus seinen ersten Brief.
Ein ganzes langes Kapitel widmet er dieser alles entscheidenden Frage unseres Glaubens und Lebens, der Frage nach der Wahrheit und der Kraft der Auferstehung Jesu Christi und deren Folgen für uns, die Lebenden.
In den Versen vor unserem Predigttext begibt sich Paulus in eine Argumentation des „Was wäre, wenn“ und buchstabiert durch, was wäre, wenn Christus nicht auferstanden wäre oder seine Auferstehung nicht bedeuten würde, dass auch wir auferstehen.
Ob er die Menschen von Korinth argumentativ überzeugen konnte? Vielleicht ja, vielleicht nein.
Viel gewichtiger, weil tiefer in das Leben greifend, scheint mir alles Folgende in diesem Auferstehungskapitel zu sein.
Denn dann, nach seinen dialektischen Ausführungen, schwenkt Paulus weg von den Argumenten und lenkt den Blick auf die Bedeutung und die Konsequenzen des Auferstehungsglaubens.
So als wolle er sagen:
Entweder ihr glaubt die allumfassende Auferstehung oder ihr glaubt sie nicht. Wenn ihr sie nicht glaubt, können wir das Gespräch hier – und ich ergänze: und wir unseren Gottesdienst – beenden.
Wenn ihr aber diesen Sprung wagt und das Un-Mögliche glaubt, dann aber…
Nun aber – sagt Paulus, der einstmals als Saulus den Sprung gewagt hat, mit tiefer Gewissheit über die Wahrheit und Größe der Folgen dieses von außen betrachtet absurden Glaubenskern.
Nun aber…
Ich lese den Predigttext für den heutigen Ostersonntag aus dem 1. Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde zu Korinth die Verse 20 – 28 aus Kapitel 15.
20Nun aber ist Christus auferweckt von den Toten als Erstling unter denen,
die entschlafen sind.
21Denn da durch einen Menschen der Tod gekommen ist,
so kommt auch durch einen Menschen die Auferstehung der Toten.
22Denn wie in Adam alle sterben, so werden in Christus alle lebendig gemacht werden. 23Ein jeder aber in der für ihn bestimmten Ordnung: als Erstling Christus;
danach die Christus angehören, wenn er kommen wird;
24danach das Ende, wenn er das Reich Gott, dem Vater, übergeben wird,
nachdem er vernichtet hat alle Herrschaft und alle Macht und Gewalt.
25Denn er muss herrschen, bis Gott »alle Feinde unter seine Füße gelegt hat«
26Der letzte Feind, der vernichtet wird, ist der Tod.
27Denn »alles hat er unter seine Füße getan«
Wenn es aber heißt, alles sei ihm unterworfen,
so ist offenbar, dass der ausgenommen ist, der ihm alles unterworfen hat.
28Wenn aber alles ihm untertan sein wird,
dann wird auch der Sohn selbst untertan sein dem, der ihm alles unterworfen hat,
auf dass Gott sei alles in allem.
Nun aber ist Christus auferweckt.
IST – nicht wird, nicht wurde, sondern IST.
Die Auferstehung Jesu Christi, die die Frauen am frühen ersten Ostermorgen in Furcht und Schrecken versetzt hat, ist keine zu erinnernde, vergangene Geschichte. Sie IST eine bleibende Wahrheit.
Deshalb, liebe Gemeinde:
Nun aber IST es Ostern.
Wir feiern, dass das, was damals für die selber im Todesdunkel sitzenden Jünger*innen Jesu ALLES vom Kopf auf die Füße stellte, HEUTE genauso geschieht und in unser Leben ebenso greift, wie damals der erste Ostermorgen in das der Jüngerinnen zuerst und dann auch der Jünger.
Denn Ostern, die Auferstehung Jesu Christi, ist Anfang – so lese ich in den Worten des Paulus.
Und sie bedeutet Ende – und darin auch wieder Anfang.
Die Auferstehung Jesu ist der Anfang des Lebens und das Ende des Todes – und deswegen der Anfang von etwas ganz und gar Neuem – einer neuen Zeit, einer neuen Dimension – die hier und jetzt beginnt und sich einstmals vollendet.
Die Auferstehung ist deshalb nicht die Verlängerung von dem, was wir schon kennen, ins Jenseits hinein – lediglich unterbrochen durch so was Lästiges wie das Sterbenmüssen:
- Wir sehen uns wieder in einer besseren Zeit.
- Im Himmel wird sie wieder laufen können und Fahrradfahren – was sie hier so gerne tat, und was sie in ihren letzten Lebensjahren so sehr vermisst hat.
Sich Wiedersehen, so wie es einmal war? Fahrradfahren im Himmel?
Schöne Bilder. Tröstliche Gedanken, die keinem Menschen genommen werden sollen, wenn er trauert.
Und doch – nehme ich Paulus ernst, keine Bilder, die etwas von dem beschreiben, was einmal sein wird.
Sondern mit Paulus wird einstmals sein, was – gänzlich unbegreiflicherweise – JETZT schon ist:
Denn
alle Herrschaft und alle Macht und Gewalt
hat Christus vernichtet.
Herrschaft, Macht und Gewalt
Was Paulus meint, ist all das, dem wir hier unterworfen sind –
- Willkürlich ihre Macht Missbrauchende damals und heute Menschen – anderswo auf der Welt und Menschen, die bei uns Schutz suchen, wissen davon besser zu reden als wir.
- Zwang, sich einbiegen zu müssen in ein System, das nicht dem Leben dient – manches Schulkind mit besonderen Gaben und Bedarfen mag wissen, wie sich das anfühlt
- Und Herrschaft – darin lese ich nicht nur die anderen, die herrschen, sondern auch alles, was mich beherrscht und was längst nicht immer von woanders herkommt, sondern gerade so oft und noch öfter aus mir selbst.
All das gehört so oder so zu unserer menschlichen Lebenswirklichkeit.
Niemand – so bin ich sicher – der dem, was lebensfeindlich ist, nicht in irgendeiner Weise in seinem Leben begegnen würde.
Wie viel Lebenszeit verbringen wir damit, alle unsere Kraft zu mobilisieren, um mit diesem Lebensfeindlichen im Großen und Kleinen irgendwie klarzukommen!
- Dabei würden wir es doch so gerne vermeiden und stattdessen festhalten, was wir jedes Jahr wieder durch Urlaube und Alltags-Highlights in unser Leben zu holen suchen. –
„Wir“ – bitte nehmen Sie sich aus dem „Wir“ heraus, wenn ich es sage und Sie sich darin nicht wiederfinden.
- Dazu kommen all diese drängenden Probleme unserer Zeit. Mächtig sind sie – in ihrer Unausweichlichkeit. Nennen muss ich sie hier nicht. Wir alle wissen um sie. Lassen wir sie an uns heran, können sie uns gewaltig zusetzen. Und manchmal ist es einfach zu viel… und wir ziehen uns zurück in die Ecken unseres Daseins, die wir vor all dem zu verschließen suchen.
Doch spätestens im Angesicht des Todes können wir der lebensverneinenden Kraft, die von Anfang an zu unserem Leben dazu gehört, nicht mehr ausweichen.
Jeder Mensch kommt einmal an die Grenze seines Lebens. Und ob wir uns mit dem Tod auseinandersetzen wollen oder nicht, eines Tages wird sich der Tod mit uns auseinandersetzen.
Kein „Daran-vorbei“ gibt es.
Dass wir der Macht des Todes ausweichen könnten – das ist weder die Osterbotschaft, noch kann es unsere Hoffnung sein.
Der einzige Weg zum Leben ist der hindurch.
In Jesus ist Gott diesen „Hindurch-Weg“ gegangen.
Theologische Allgemeinplätze?
Ich versuche sie in unser Erleben zu holen:
- Stellen Sie sich vor, Sie sind im Urlaub und stehen vor der Entscheidung, an diesem Tag entweder eine Wanderung an der nicht einfach zu bewältigenden Steilküste zu machen oder am Strand zu liegen.
Ich glaube, je nachdem wie Sie sich entschieden haben, werden Sie sich am Abend anders fühlen – anders erfüllt – anders lebendig.
- Oder stellen Sie sich vor, an Sie wird im Beruf eine Aufgabe herangetragen – keine einfache, triviale Aufgabe, deren Lösung Sie einiges kosten wird. Und Sie haben die Möglichkeit, diese Aufgabe an eine Ihnen zugestellte Mitarbeiterin zu delegieren.
Ich bin sicher, wenn Sie sich der Aufgabe selber stellen und Kraft und Zeit in sie setzen – am Ende fühlen Sie sich stärker, zufriedener auch, als vorher und als wenn Sie die Aufgabe delegiert hätten.
Alltaganforderung, die selbstverständlich nichts mit der letzten großen Herausforderung des Todes zu tun haben.
Alltagssituationen, die mir dennoch eine Ahnung geben, was es bedeuten mag, einstmals erst durch das HINDURCH die Fülle des Lebens zu kosten.
Mit ihnen bekomme ich eine lebens- und alltagstaugliche Ahnung, was Paulus meint, wenn er in dem letzten Vers unseres Predigttextes sagt:
28Wenn aber alles Gott untertan sein wird, dann wird auch der Sohn selbst untertan sein dem, der ihm alles unterworfen hat, auf dass Gott sei alles in allem.
Wenn Gott ALLES in ALLEM ist, so ist Gott in jeder Lebenssituation, in jedem Menschenringen und in jeglicher Körper- Seelen- Geistesnot, die ein Mensch irgend erfahren kann.
Dann ist Gott in jeder Lebensbrüchigkeit.
Dann ist er da, wenn das Leben selbst zerbricht.
Dann ist Gott im Tod.
Denn zurück im Leben bleiben Jesu Leib – und Seele – ja mit den tödlichen Wundmalen gezeichnet.
Und darin, dass Gott sich selber vom Tod zeichnen lässt,
- dass er den Tod nicht verneint und nicht umgeht, sondern ihn von dem Leben umfasst, das jeden Tod ebenso wie unser menschliches Begreifen übersteigt;
- darin, dass Gott so alles umfassend ALLES in ALLEM ist,
darin liegt das Leben und liegt die Hoffnungskraft angesichts von tief erschütternden Todeserfahrungen – wie die, von der ich zu Beginn berichtet habe.
Doch noch erschütternder ist die Begegnung mit dem allen Tod überwindenden Leben, denn in ihr bleiben wir nicht festgelegt auf Ausweglosigkeit und Gelähmt in Trauer.
Die Begegnung mit dem Leben, an der der Verstand zweifelt, die das Herz aber jenseits allem Sagbaren glaubt, bringt in Bewegung –
So wie die Frauen und nach ihnen allen Jünger nach ihrer Erstarrung angesichts des Todes wieder in Bewegung geraten.
Ihr vorheriger Weg mit Jesus wird zu einem neuen Weg mit Christus – einem Weg, der spätestens ab Pfingsten hinaus in die Weite des Lebens führt – die Weite des Lebens, die bedeutet zu Menschen nah und fern und mit ihnen in die Todesmächte ihres Lebens.
- So hat es Paulus und nicht nur er erfahren.
Wenn wir, liebe Schwestern und Brüder,
Ostern für wahr-nehmen und eine Ostergemeinde sind –
Menschen, die das Leben in jeglicher Todesmacht glauben,
dann wird unsere heute jubelnde Osterfreude zu einem steten Bach, der auch in der Lebensdürre nicht versiegt und aus dem wir Kraft und Hoffnung schöpfen – nicht nur für uns, sondern ebenso für die Menschen, die uns anvertraut sind und denen wir in ihren Todeserfahrung in ihrem Leben begegnen.
Dann SIND wir Zeuginnen und Zeugen der einen großen Wirklichkeit Gottes, in der unser gebrochenes Leben und unsere zu Tode verletzte Welt umfasst sind.
Wir sind Zeuginnen und Zeugen, weil die Auferstehungswahrheit zur Wahrheit unseres Lebens geworden ist.
Christus ist auferstanden!
Er ist wahrhaftig auferstanden!
Halleluja!
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