Judika, 22.03.2026, Hebr. 13, 10-14, Stadtkirche, Jutta Grashof

 

Liebe Gemeinde, 

für Judika ist uns ein Anschnitt aus dem Hebräerbrief als Predigttext gegeben. Die Wissenschaft streitet seit Jahrzehnten darüber, wer diesen Brief verfasst hat und an wen er gerichtet wurde. Das Einzige, was wir wirklich sagen können ist, dass die Empfänger des Briefes sich bestens in der jüdischen Tradition und Lehre auskannten.

Das macht es uns etwas schwer, denn wir müssen zunächst ein wenig in das damalige jüdische Glaubensleben eintauchen, bevor wir die Verse des Predigtabschnitts verstehen können.

Wir begeben uns gedanklich in die Zeit der Wüstenwanderung des Volkes Israel. Sie hatten damals ein tragbares Heiligtum die Bundeslade und die Stiftshütte. Überall, wo das Volk seinen Lagerplatz aufschlug, wurde auch die Stiftshütte aufgebaut. Das Zelt mit er Bundeslade wurde jeweils großräumig von einer Holzeinfassung umgeben. So entstand ein heiliger Bezirk, auf dem das Zelt stand und vor dem Zelt ein Brandopferaltar.

Hier wurden Gaben dargebracht als Dank oder Bitte, im Zusammenhang mit Festen oder als Opfer, um begangene Schuld zu sühnen.

Die Art, wie geopfert wurde, folgte strengen Regeln und das, was gebracht wurde, trugen die diensthabenden Priester nach der Opferhandlung hinaus und verbannten es außerhalb des Lagerbezirks.

Der Altar selber galt als Ort der Befreiung und als ein Ort des besonderen Schutzes. Wer die sogenannten Hörner des Altars umfasste, weil er vor der Blutrache floh, durfte nicht gefangen genommen werden. Bis heute hat sich dieses Denken auch bei uns erhalten. Wer immer in einer Kirche den Altarraum betritt, ist vorübergehend vor dem Zugriff durch Behörden geschützt, wenn er nicht vorsätzlich straffällig geworden ist. Auch unser Kirchenasyl leitet sich hiervon ab.

 

Auf diesem Hintergrund hören wir das dem 13. Kapitel des Hebräerbriefes die Verse 10 bis 14: 

Wir haben einen Altar, von dem zu essen denen nicht erlaubt ist, die am Zelt dienen.

Denn die Leiber der Tiere, deren Blut durch den Hohenpriester als Sündopfer in das Heilige getragen wird, werden außerhalb des Lagers verbrannt. Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor. So lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor das Lager und seine Schmach tragen.

Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.

 

Vielleicht kommt Ihnen der Text bekannt vor – zumindest der letzte vorgelesene Vers. Er gehört zu den Texten, die bei Bestattungen gelesen und gepredigt werden. Wir haben hier keine bleibende Stadt. Nein, wir sind auf dem Weg. Wo uns das Leben hingestellt hat, den Platz füllen wir aus. Wo das in der Welt ist, nennen wir Zufall - und wer immer in diesem Land hier geboren wird, lebt und aufwächst, darf mit Fug und Recht sagen, auf der Sonnenseite dieser Welt geboren worden zu sein. Auch wenn es in unserem Land Vieles zu verbessern gäbe, wenn wir klagen, klagen wir auf hohem Niveau. Zählen wir sie doch mal auf: Unsere Rechte im Rechtsstaat, die soziale Sicherung, die medizinische Versorgung, die Bildung, die Geschlechtergerechtigkeit. Sehen wir hin auf die Freiheiten: Bewegungsfreiheit, Meinungsfreiheit, unabhängige Gerichte, mediale Meinungsvielfalt. Ja, es gibt immer auch Beschneidungen und ungerechte Strukturen, Skandale und Eingriffe ins Private. Aber, allein die Tatsache, dass derzeit heftig diskutiert wird, warum drei Buchhandlungen von der Liste des Buchhandlungspreises gestrichen wurden, oder die wiederkehrende Klage, dass Frauen immer noch weniger verdienen als Männer, die Auseinandersetzungen zum Thema Wehrpflicht oder Bildungschancen zeugen doch von einer guten funktionierenden Demokratie. Die Welt um uns herum sieht überwiegend anders aus. Also, warum sollten wir unser schönes Kaiserswerth verlassen und hinausgehen aus unseren Zusammenhängen. Ist doch schön hier.

Anders bei Staaten im Umbruch, im Krieg, diktatorischen Machtverhältnissen, bei Regimen, denen ein Menschenleben nichts bedeutet. Sie sind die Wortführer in der aktuellen Weltlage. Menschen, denen jedes Recht aufs Menschsein abgesprochen wird, die weder eine Meinung äußern dürfen noch die politische Elite kritisieren dürfen, Menschen, die unter Hunger, Vertreibung und Sklaverei leiden, die haben allen Grund, ihre Stadt, ihren Ort zu verlassen, um ein besseres Leben zu suchen. Für sie ist der Bibelvers geradezu eine Aufforderung, loszugehen, sich aufzulehnen und die zukünftige Stadt zu suchen. Soweit der Ort in dieser Welt, an dem wir leben, Kaiserswerth oder Doha. In Freiheit oder in Knechtschaft.

Dann aber richtet sich im Hebräerbrief der Blick hin zum Ende des Lebens: Wenn wir am Grab über den Hebräervers predigen, dann geht es um die transzendente Dimension. Am Ende des irdischen Lebensweges angekommen, überschreiten wir die Grenze zwischen dem Ort, an dem wir lebten und dem künftigen Ort, den Christus für uns bereithält.

Insofern sind wir alle nur an einem vorläufigen Ort

 

Doch, es gibt noch eine weitere Perspektive, die in dem Vers steckt:

Der Verfasser des Briefes zeigt mit dem Finger auf Christus – nicht auf den Jesus, der heilt und gute Predigten hält. Er weist mit dem Finger hinaus vor die Tore der Stadt Jerusalem. „Schaut dort hin!“ Ihr werdet eure Stadt verlassen müssen, wenn ihr das Heil sehen wollt.

Jesus selber hat die Stadt verlassen müssen.

Der gefeierte Prediger und Wundertäter, der, den alle sehen und erleben wollte, für den es nur open-air gab, weil die Räumlichkeiten der Orte nicht genügend Platz boten und der die Massen bewegte, muss vor die Stadttore gehen.

Er tut es trotz aller Zweifel, trotz allen Ringens mit Gott. Jesus überschreitet die Grenze der Stadt und die Grenzen der eigenen Sicherheit, um Tore für die Menschheit zu öffnen. Die Grenze zwischen Stadt und Hinrichtungsplatz überquert Jesus, damit wir teilhaben an ihm. Gott selber überschreitet die Grenze zwischen sich und uns.

Der Gedanke, dass man etwas opfern muss, um sich mit Gott zu versöhnen, hat in dem Moment keinen Platz mehr in der Beziehung Gott und Mensch. Am Kreuz kehrt sich die Beziehung zwischen Gott und Mensch um: Nicht ich muss etwas Gutes für Gott tun – sondern Gott tut etwas Gutes für mich.

An manchem Wegekreuz – auch hier in unserer Stadt - steht als Umschrift: Das hat er für dich getan.

Um das zu erfassen, müssen wir aus unserer Komfortzone hinaus.

Raus aus dem Haus Gottes, in dem alles so schön ist – wohlgeordnet und angenehm. Raus, denn nur draußen können wir das Heil sehen, das Gott für uns bereithält. Und dann stehen wir auf dem Hinrichtungsplatz mitten im tiefsten Elend, wo niemand mehr hinschauen möchten, keiner mehr helfend eingreifen kann – wo nur Schreien und Klagen ist, Schmerzen und Grausamkeit.

Das soll helfen? Dort soll das Heil sein? Wir könnten nicht ruhig bleiben beim Anblick eines Kreuzes auf dem Altar, Hätten wir nicht eine Ahnung von dem, was danach kommt.

Es wäre ein kaum zu predigender Text – wüssten wir nicht, dass hinter der Schädelstätte ein wenig Licht aufblitzt – das Licht aus der leeren Grabhöhle.

Wir sind weit in der Passionszeit fortgeschritten, das Kreuz kommt immer mehr in den Blick. Aber hinter dem Kreuz leuchtet schon die Auferstehung – das leere Grab und Gottes Zusage: Draußen vor dem Tor ist nicht nur Zerstörung, Schmach und Elend – draußen vor dem Tor ist nicht nur Schmerz und Tod – draußen vor dem Tor ist auch Hoffnung, Licht und Neuanfang.

Und das nicht nur am Ende unseres Lebens, wenn es heißt, in Gottes ewige Stadt umzusiedeln – sondern schon jetzt. So wie auf Golgatha das Licht aus der leeren Grabhöhle schon ein wenig aufblitzt, so blitzt das Licht der Auferstehung auch jetzt schon in unserem Leben immer mal wieder auf.

 

Aus diesem Glauben heraus haben sich Menschen auf den Weg gemacht. Jeder hat seine Schuld am Kreuz ablegen können Sie sind hinausgegangen, haben sich versöhnen lassen mit Gott. Die Freude über Versöhnung und das Geschenk, neu anfangen zu dürfen, haben Menschen seit 2000 Jahren weitergetragen – aus lauter Freude haben sie befreit von aller alltäglicher Verstrickung das Elend der Welt angesehen und sich zu Herzen genommen. Freude und Frieden, Gerechtigkeit und Achtung bekamen für sie einen neuen Inhalt einen neuen Wert. Sie haben Versöhnung und Frieden weitergegeben in Wort und Tat Caritas Diakonie, Zuwendung Nächstenliebe, Bruder und Schwestersein geben ein beredtes Zeugnis davon, was draußen vor dem Tor stattfand. – das alles hat hier seinen Anfang.

Es gibt beeindruckende Beispiele – Graf von der Recke Vollmerstein, Theodor Fliedner, – von Mathilda Wrede bis Florence Nightingale –von Charles de Foucauld bis Carlo Acutis. Sie alle haben ihrer Dankbarkeit vom Kreuz Taten folgen lassen. Diese Menschen haben sich hinaus begeben zu den Kreuzen der schwachen und elenden um Versöhnung und das Licht der Auferstehung zu bringen.

Es muss nicht so spektakulär sein wie bei den Genannten – es gibt die vielen kleine Hingucker heute. Es sind allein 700.000 Menschen deutschlandweit, die sich innerhalb der Diakonie ehrenamtlich engagieren, die das Elend der anderen sehen und etwas tun. Es sind die vielen kleinen ungenannten Taten, die Versöhnung und Frieden ausbreiten. Der eine legt seine Gabe in den Spendenkasten, die andere hat ein Patenkind in einer Favela dieser Erde – fair trade und Flüchtlingsrat hinterlassen Spuren der Gerechtigkeit– ein freundlicher Umgang mit jedem und der Besuch beim Nächsten, der scheinbar nichts mehr mitbekommt, tragen Achtung in die Gesellschaft.

Christliches Engagement beginnt immer damit, sich unter das Kreuz zu begeben und dann mit Frieden und Versöhnung im Herzen das Elend der Welt zu sehen und heilend eingreifen. Christ sein am Sonntag Judika heißt: Schaffe Recht denen, die Unrecht leiden. Verlasse für einen Moment deine sichere Burg, schau hinaus, folge Christus ins Leiden und in die Auferstehung. Bringe dieses Licht in die Dunkelheit des Nächsten.

Amen

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