Oculi, 08.03.2026, Lukas 9,57-62, Mutterhauskirche, Ulrike Heimann
Liebe Gemeinde,
das 9.Kapitel des Lukasevangeliums, das hat es in sich.
Es ist nicht nur eines der längsten Kapitel mit 62 Versen, sondern es befasst sich unter verschiedenen Aspekten mit einem Thema, das für jede/n von uns, sofern wir uns als Christenmenschen verstehen, aktuell ist: mit der Nachfolge. Als Jesus seinerzeit als Wanderprediger durch Galiläa zog, da forderte er seine Zuhörer/innen nicht auf, an ihn zu glauben, sondern ihm nachzufolgen. Ein Anruf, der nicht nur die bekannten 12 Jünger traf, sondern auch andere Zeitgenossen Jesu. Damals war das die konkrete Forderung, Haus und Hof, dem Handwerk und Beruf den Rücken zuzukehren und mit Jesus das unstete Dasein auf Wanderschaft durch Galiläa zu teilen.
Hören wir, welche Resonanz die Einladung zur Nachfolge damals gefunden hat. Lukas schreibt darüber am Ende des 9.Kapitels folgendes:
Unterwegs sagte jemand zu Jesus:
„Ich will dir folgen, wohin du auch gehst!“
Jesus antwortete: „Die Füchse haben ihren Bau und die Vögel ihr Nest. Aber der Menschensohn hat keinen Ort, an dem er sich ausruhen kann.“
Einen anderen forderte Jesus auf: „Folge mir!“
Aber der sagte: „Herr, erlaube mir, zuerst noch einmal nach Hause zu gehen und meinen Vater zu begraben.“
Aber Jesus antwortete:
„Überlass es den Toten, ihre Toten zu begraben.
Du aber geh los und verkünde das Reich Gottes!“
Wieder ein anderer sagte zu Jesus:
„Ich will dir folgen, Herr! Doch erlaube mir,
zuerst von meiner Familie Abschied zu nehmen.“
Aber Jesus antwortete:
„Wer die Hand an den Pflug legt und zurückschaut,
der eignet sich nicht für das Reich Gottes.“
Offensichtlich ist es Jesus nicht darum gegangen, so viele Menschen wie möglich hinter sich zu versammeln, nicht wie es die Influencer unserer Tage halten, denen es um möglichst viele Follower geht. Beim Hören des Textes kann man im Gegenteil den Eindruck haben, dass Jesus mit seinen Antworten geradezu abschreckend ist.
Nehmen wir den ersten Kandidaten. Ich stelle mir da einen Menschen vor, der viel von Jesus gehört hat, vielleicht hat er auch erlebt, wie in Jesu Gegenwart Kranke gesund wurden (Lk.9,37-43), vielleicht war er einer der 5000, die satt geworden waren am Ufer des See Genezareth bei Betsaida, obwohl es zunächst gar nicht danach aussah: nur 5 Brote und 2 Fische (Lk.9,10-17) standen zum Austeilen bereit. Auf jeden Fall war er fasziniert von diesem Jesus. „Ich will dir folgen, wohin du auch gehst!“ Doch er hört kein: „Das ist ja wunderbar. Komm, ich freue mich, dass du nun zu mir gehörst.“
Stattdessen Sätze, die wie eine indirekte Abwehr klingen. „Überleg es dir noch einmal, das ist kein Zuckerschlecken, mit mir unterwegs zu sein. 7 Tage rund um die Uhr, ohne Pause und ohne Rückzugsort.“
Wie sich der Mensch nach dieser Ansprache Jesu verhalten und entschieden hat, erzählt uns Lukas leider nicht.
Den zweiten spricht Jesus persönlich an: „Folge mir!“
Worauf dieser keinen Rückzieher macht, sondern nur einen doch auch heute verständlichen Wunsch äußert, nämlich zuvor noch den wohl erst gerade verstorbenen Vater zu begraben. Nicht nur damals, sondern auch heute noch eine absolute religiöse Pflicht für jeden Juden, das Totengebet für den Vater zu sprechen.
Die Reaktion Jesu darauf muss ihn damals fassungslos gemacht haben: „Überlass es den Toten, ihre Toten zu begraben. Du aber geh los und verkünde das Reich Gottes!“
Auch hier wissen wir nicht, wie der Mensch sich verhalten und entschieden hat.
In der dritten Begegnung tritt wieder ein Mensch mit dem eigenen Wunsch an Jesus heran: „Ich will dir folgen, Herr!“ Um sofort eine kleine Einschränkung, ein Aber anzuhängen:
„Aber erlaube mir, zuerst von meiner Familie Abschied zu nehmen.“ Eigentlich doch auch ein verständlicher Wunsch, zumal es damals weder Handy noch Post gab. Wer seinen Heimatort verließ, konnte sich in den Zeiten der römischen Besatzung nicht sicher sein, jemals wieder zurückzukommen, seine Angehörigen zu sehen. Aber auch diesem Wunsch kommt Jesus nicht nach: ungeeignet als Arbeiter im Reich Gottes. Das Herz hängt viel zu sehr an den alten Bindungen.
Was soll uns das alles sagen? Ein ausgesprochen unbequemer Text, den uns Lukas da überliefert hat. Überhaupt das ganze 9.Kapitel legt es darauf an, einen Menschen, der sich zu Jesus hingezogen fühlt, immer wieder vor den Kopf zu stoßen, ihm immer wieder eine kalte Dusche zu verpassen (Lk.9,23).
Jesus wollte keine Fans, keine Anhänger haben, die ihn toll fanden, keine Jesusfreaks. Er wollte Menschen mit seiner Leidenschaft für das Reich Gottes anstecken. Er wollte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für die Arbeit am Reich Gottes gewinnen. Ein Reich für diese Welt, in dem die Menschen in Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit zusammenleben – so wie es Gottes Willen entspricht. Jesus wollte Weggefährten, Nachfolgerinnen, die sich ganz auf ihn einlassen, indem sie sein Anliegen zu ihrem machen. So sendet er zu Beginn des 9.Kapitels die Zwölf aus (Lk.9,1) und zu Beginn des 10.Kapitels gar 72 Jünger, um das Reich Gottes zu verkünden und zu heilen; er schickt sie nicht aus, um von ihm zu erzählen. Diesem Auftrag können sie nachkommen mit derselben Vollmacht wie Jesus. Da ist kein Unterschied. Und es wird ihnen dabei nicht anders ergehen, als es Jesus ergeht und ergangen ist: sie werden Erfolg und Misserfolg haben, auf Zuneigung und Ablehnung stoßen. Jesus sagt es unmissverständlich: Jeder, der den Weg Jesu einschlägt und die Arbeit am Reich Gottes in Wort und Tat zu seiner Sache macht, muss sein eigenes Kreuz auf sich nehmen. (Lk.9,23) Das galt nicht nur damals, sondern das gilt auch noch heute. Die Welt dreht sich weiter und die Zeiten ändern sich; aber es ist nicht so, dass Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit schon das Leben auf dieser Erde bestimmen. Die Arbeit ist noch nicht vorbei.
Gerade in unseren Tagen zeigt sich die Fratze imperialer Macht wieder völlig ungeniert, triumphieren Geld, Gewalt und Lüge wie schon lange nicht mehr. Das macht den Ruf zur tätigen Nachfolge noch dringlicher. Das Reich Gottes, d.h. ein Leben in Gerechtigkeit, Wahrhaftigkeit und in friedlicher Gemeinschaft aller Menschen und Völker, aller Kulturen und Religionen ist nicht mit ein paar kleinen Korrekturen in der politischen Landschaft zu erreichen, sondern da muss Neues gedacht, erhofft und gewollt werden. Wie es uns auch in der Jahreslosung begegnet: Ich mache alles neu – ich mache in euch und durch euch und mit euch alles neu – das ist das Versprechen Gottes, Zuspruch und Anspruch in einem. (Offb.21,5)
Was heißt das für den Einzelnen / die Einzelne unter uns? Vorausgesetzt, man will nicht nur an Jesus glauben, sondern sich ganz auf ihn und seinen Weg einlassen, seine Leidenschaft teilen.
- Es hilft gar nicht, zurückzublicken und dem, was war, nachzutrauern. Das sollte für jeden das Erste sein.
„Wer die Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der eignet sich nicht für das Reich Gottes.“
- Wir müssen unser Herz und unseren Blick weiten: bereit sein zu teilen, was wir haben, Lasten gemeinsam tragen; kein Mensch ist eine Insel, Deutschland nicht, die EU nicht: Gottes Reich umschließt den ganzen Erdkreis; es will überall aufwachsen.
- Im 9.Kapitel gibt es zwei Verse, die uns Mut machen können für die Arbeit, die vor uns liegt. Sie zeigen uns, dass wir nicht allein sind, sondern dass wir Weggenossen haben, manchmal da, wo wir es gar nicht vermuten bzw. wo wir noch befangen sind in unserer Schubladenmentalität von „Wir hier drinnen“ und „Die da draußen“. Es heißt dort:
Johannes sagt zu Jesus: „Meister, wir haben gesehen,
wie jemand deinen Namen dazu benutzt hat,
Dämonen auszutreiben. Wir wollten ihn davon abhalten, denn er gehört nicht zu uns.“
Aber Jesus antwortete: „Hindert ihn nicht daran!
Denn wer nicht gegen euch ist, der ist für euch.“ (Lk.9,49-50)
Nein, wir sind nicht allein an der Arbeit am Reich Gottes. Wir haben Weggefährtinnen und -gefährten: alle Menschen, denen es um ein friedliches Zusammenleben der Menschheitsfamilie in Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit geht, sind von demselben Geist inspiriert – auch wenn sie ihn mit anderen Namen benennen. Verbinden wir uns mit allen Menschen guten Willens. Anders können wir gar nicht Gottes Sache, die unser Leben in unserer Zeit ist, befördern. Die, die sich dem Ungeist, den Dämonen der Gewalt und Zerstörung verbunden haben, haben sich längst zusammengerottet auf allen Ebenen: Putin – Trump – Erdogan – Orban – Netanjahu – Elon Musk oben – und ihre Gefolgsleute in den Religionsgemeinschaften und politischen Parteien unten.
Einen Rückzugsort hatte Jesus auf seinem Weg nicht, kein Stück heimelige, heile Welt – selbst der Zwölferkreis war das nicht. Die Leidenschaft Jesu zu teilen, ist auch heute eine herausfordernde, anstrengende und manchmal erschöpfende Sache. Erfolgserlebnisse sind rar.
Aber unterwegs, da kann es geschehen, dass einen eine Ahnung durchflutet von einem Leben in echter Gemeinschaft, wo wir uns in der Gegenwart anderer Menschen, die wie wir unterwegs sind und sich um Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit bemühen, einfach glücklich fühlen. Spüren: Ja, unsere Arbeit, unser Einsatz macht Sinn. Auch wenn das große Ganze des Reiches Gottes noch im Dunkel der Geschichte verborgen ist: die Samenkörner liegen in unserer Hand, wollen weiter ausgeworfen werden; und, ja, wir müssen nur hinschauen: eine ganze Reihe von ihnen keimen schon, zeigen erstes Grün.
Gott spricht auch heute noch (vgl. Jes.43,19):
„Siehe, ich will ein Neues schaffen; helft ihr mir dabei?
Jetzt will es aufwachsen, erkennt ihr es nicht?
Ich sorge dafür, des es Wege gibt mitten durch die Wüsten eurer Tage; ich sorge dafür, dass ihr euch erfrischen und stärken könnt an lebendigem Wasser, an Brot und Wein.
Darum: geht los mit Leidenschaft für das Leben – wie Jesus, euer Freund und Bruder. Seid meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, seid Bauleute an meinem Reich.“
Amen.
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