Invokavit, 22.02.2026, Gen.3, 1-19, Stadt- und Tersteegenkirche, Doerthe Brandner
Liebe Gemeinde,
nachdem wir in Anlehnung an den Namen dieses Sonntags heute in den Worten des 91. Psalms gehört haben, dass Gott zu dem betenden Menschen sagt: Wenn du mich rufst, so höre ich dich. Ist es in dem Predigttext Gott, der den Menschen ruft, damit der Mensch antwortet.
Ich lese aus dem 1. Buch Mose, Gen 3, 1-19(20-24).
1Und die Schlange war listiger als alle Tiere auf dem Felde,
die Gott der Herr gemacht hatte, und sprach zu der Frau:
Ja, sollte Gott gesagt haben: Ihr sollt nicht essen von allen Bäumen im Garten? 2Da sprach die Frau zu der Schlange:
Wir essen von den Früchten der Bäume im Garten;
3aber von den Früchten des Baumes mitten im Garten hat Gott gesagt:
Esset nicht davon, rühret sie auch nicht an, dass ihr nicht sterbet!
4Da sprach die Schlange zur Frau: Ihr werdet keineswegs des Todes sterben,
5sondern Gott weiß:
an dem Tage, da ihr davon esst, werden eure Augen aufgetan,
und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.
6Und die Frau sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre
und dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte.
Und sie nahm von seiner Frucht und aß
und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon und er aß.
7Da wurden ihnen beiden die Augen aufgetan und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren, und flochten Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze.
8Und sie hörten Gott den Herrn, wie er im Garten ging,
als der Tag kühl geworden war.
Und Adam versteckte sich mit seiner Frau vor dem Angesicht Gottes des Herrn
zwischen den Bäumen im Garten.
9Und Gott der Herr rief Adam und sprach zu ihm: Wo bist du?
10Und er sprach: Ich hörte dich im Garten und fürchtete mich;
denn ich bin nackt, darum versteckte ich mich.
11Und er sprach: Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist?
Hast du gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot,
du solltest nicht davon essen?
12Da sprach Adam: Die Frau, die du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baum
und ich aß. 13Da sprach Gott der Herr zur Frau:
Warum hast du das getan?
Die Frau sprach: Die Schlange betrog mich, sodass ich aß.
14Da sprach Gott der Herr zu der Schlange:
Weil du das getan hast,
seist du verflucht vor allem Vieh und allen Tieren auf dem Felde.
Auf deinem Bauche sollst du kriechen und Staub fressen dein Leben lang.
15Und ich will Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau
und zwischen deinem Samen und ihrem Samen;
er wird dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die Ferse stechen.
16Und zur Frau sprach er: Ich will dir viel Mühsal schaffen, wenn du schwanger wirst;
unter Mühen sollst du Kinder gebären.
Und dein Verlangen soll nach deinem Mann sein, aber er soll dein Herr sein.
17Und zum Mann sprach er:
Weil du gehorcht hast der Stimme deiner Frau und gegessen von dem Baum,
von dem ich dir gebot und sprach: Du sollst nicht davon essen –,
verflucht sei der Acker um deinetwillen!
Mit Mühsal sollst du dich von ihm nähren dein Leben lang.
18Dornen und Disteln soll er dir tragen,
und du sollst das Kraut auf dem Felde essen.
19Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen,
bis du wieder zu Erde wirst,
davon du genommen bist.
Denn Staub bist du und zum Staub kehrst du zurück.
Wozu, liebe Gemeinde, haben wir Mitmenschen?
Was meinen Sie?
Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht?
…
Die naheliegende Antwort finden wir in dem Kapitel vor dieser Geschichte: Da sagt Gott zu sich selber: Es ist nicht gut, dass der Mensch alleine ist!
Und er erschafft dem Menschen einen Menschen an seiner Seite und aus dem einen ersten Menschen werden Frau und Mann.
Ja, wir haben Mitmenschen, weil wir auf Gemeinschaft und Miteinander hin angelegt sind.
In dieser Geschichte, die wir eben als Predigttext gehört haben, liegt jedoch eine andere Antwort.
Nach dieser Geschichte haben wir vor allem deshalb Mitmenschen, damit wir sagen können:
Der war’s!
Die war’s! – sagt Adam auf Gottes Frage und zeigt auf Eva.
Die war’s! sagt Eva auf Gottes Frage und zeigt auf die Schlange.
Keiner der beiden aber antwortet auf die eigentliche Frage Gottes. Denn Gott hatte nicht gefragt: Wer war’s? – so wie wir Eltern manchmal fragen, wenn wir vor einem, offenbar von einem unserer Kinder verursachten, Malheur stehen.
Gott fragt: Mensch, wo bist du?
Mensch, wo bist du?
Einer der so fragt, sucht Begegnung.
Wer so fragt, so ruft, sehnt sich nach dem Gerufenen.
- Kleine Kinder rufen so nach ihrer Mutter oder ihrem Vater: Mama, Papa, wo bist du?
- Liebende lassen ihre Gedanken so nach dem geliebten Menschen rufen: Wo bist du mein Herz?
- Martin Luther und mit ihm viele andere damals wie heute, die sich von Gott verlassen fühlen, rufen so nach Gott: Wo bist du, Gott? Bist du für mich?
Und die Antwort, die wohl jeder Mensch – jung oder alt – ersehnt, wenn er so ruft, kann nur lauten:
Hier!
Ich bin hier und ich bin da – für dich und wo und wie du mich suchst und brauchst.
Und im Hören der Antwort, weitet sich das Herz des Rufenden. Und wie als wenn sie die Luft in banger Erwartung der Antwort auf die Frage angehalten hätte, senkt in einem tiefen Ausatmen Frieden in ihn.
Wo bist du?
So ruft Gott Im Garten Eden nach dem Menschen, ihn suchend und voller Sehnsucht, ihm zu begegnen, in ungebrochener, paradiesischer Gemeinschaft: Wo bist du, Mensch?
Und die Antwort des Menschen ist: Ich habe mich versteckt!
- Ich will nicht, dass du mich siehst. Angesehen zu werden von dir, ertrage ich nicht. Denn mich unverstellt und bloß zu sehen, bedeutet in meinen und in deinen Augen nackt zu erscheinen.
Und als Gott weiter fragt, den Menschen fragt, wie er dahin kommen konnte, sich vor ihm, mit dem er nichts Böses verbindet, verstecken zu wollen, streckt der Mensch seinen Finger aus, zeigt auf die neben ihm und sagt:
Die war’s!
Und von Stund‘ an bestimmen diese Worte den Menschen in seinem Denken, Fühlen und Verhalten sich selbst und anderen gegenüber und in seinem Sein in der Welt und zu Gott: Der war’s! – Die war’s! – Ich war es nicht!
Das Essen von dem Baum der Erkenntnis, liebe Gemeinde,
und was dahin geführt hat, wird bildreich erzählt.
Es ist die eigenmächtige Tat des Menschen, mit der er aus dem Raum der völligen Gottverbundenheit in den Raum der Selbstbestimmtheit tritt. Einer Selbstbestimmtheit, die sich – wenn es sein muss – auch gegen Gott richtet. Es ist der Schritt, mit dem der Mensch glaubt, seine schöpfungsgemäße Bestimmung im Sein wie Gott zu finden.
Sein zu wollen wie Gott – darin liegt unsere Urversuchung. Und in ihr liegt wiederum das erste und grundlegende große Missverstehen des Menschen, wozu er geschaffen ist.
Der Mensch – wir – haben unseren Ursprung in Gott – so erzählt es die Bibel in ihren Schöpfungsberichten
Und im ersten Schöpfungsbericht heißt es, dass Gott den Menschen zu seinem Bild schuf.
Zu Gottes Bild zu sein – ja, darin liegt unsere urmenschliche Bestimmung.
ZU Gottes Bild zu sein, bedeutet jedoch in keiner Weise WIE Gott zu sein, sondern es bedeutet, dass Gott durch uns – jede/n einzelne/n von uns in je unseren Gaben und unserem Gewordensein sichtbar wird.
Deshalb sind wir Personen. Per-sonare (lat.) heißt: Hindurchklingen. Wir sind Per-Sonen, weil Gott durch uns hindurchklingt.
Indem der Mensch der Urversuchung, wie Gott sein zu wollen, nachgibt, verliert er Gottes Klang in sich. Er verliert die innere, ihn tragende Verbundenheit zu Gott, zu sich selbst, zu seinen Mitmenschen und sieht gleichsam aus der Distanz auf alle und alles.
Oder anders ausgedrückt: Der Mensch lernt „Ich“ zu sagen.
So ist es, liebe Gemeinde.
Wir leben als Ich-Personen, sind als solche autark und handlungsstark – und manchmal, wenn wir es uns trauen, es zu spüren, fühlen wir uns zugleich wie abgetrennt und sind einsam – und als Folge in den Blicken anderer womöglich wie nackt.
Nur in seltenen Augenblicken des menschlichen Miteinanders oder der Erfahrung der Natur scheint das paradiesische Einssein so oder so wieder auf.
So ist es, liebe Gemeinde. Wir haben es nicht in der Hand, unsere Einsamkeit und das Getrenntsein von Gott, von dem Leben zu heilen.
Das andere aber, das liegt wohl in unserer Hand, weil es von Gott hineingelegt ist:
Nämlich die Antwort auf die Gottesfrage: Wo bist du Mensch?
Die Antwort, die nicht nur Adam und Eva, sondern Menschen durch alle Zeiten hinweg und auch wir heute beständig schuldig bleiben, indem wir auf unseren Mitmenschen verweisen und sagen:
Der oder die war’s!
Nicht das Abgetrenntleben von unserem Ursprung verantworten wir. Das tragen wir – von Anbeginn unserer Menschwerdung – in uns und mit uns. Das ist es, was diese Geschichte unseres Predigttextes in Mythischen Bildern erzählend zur Sprache bringt.
Als Ich-Menschen leben wir mit allem, was dies an Möglichkeiten der Erkenntnis und an schmerzvoller Einsamkeit birgt.
Was wir jedoch verantworten ist, ob und wie wir Verantwortung übernehmen für uns und unser Leben, für unser Reden, Tun und Handeln und dafür wir anderen, ihrem Leben und Ihrem Reden und Tun gegenüber verhalten.
Wo bist du Mensch? –
fragt Gott Adam und Eva.
Wo bist du Mensch? – ist Gottes Frage durch seine Geschichte mit seinem Volk hindurch und seine Suche nach seinen Menschen immer wieder und wieder.
Wo bist du Mensch?
- Wo bist du angesichts der Not und des Leides der Welt – ihrer Menschen und der Schöpfung – weit weg von dir und ganz nah?
- Wo bist, angesichts derer, die von der Welt scheinbar vergessen unter Gewalt und Willkür leiden und kaum genug zum Essen für ihre Kinder haben?
- Wo bist du, wenn die Pole schmelzen, die Meere vermüllt, die Kontinente brennen, die Tier- und Pflanzenarten unwiederbringlich unsere Erde verlassen und aussterben?
- Wo bist du Mensch, wenn populistische Parolen laut oder öffentlich geäußert von dir unwidersprochen bleiben?
- Wo bist du Mensch, in deiner Heimatwelt Kaiserswerth, Golzheim oder einem der anderen Stadtteile und in der großen weiten Heimatwelt für alle?
- Wo bist du Mensch – Wo bist du – MENSCH – Mensch zu Gottes Bild, durch den Gott in seiner Barmherzigkeit und Liebe, seinem unbedingten Sein für ALLES Leben sichtbar wird und klingt?
Dies ist die Frage, die die Antwort fordert, auf die es ankommt.
Die Antwort, die Ver-Antwort-ung ist. Übernommen Verantwortung in demütiger Anerkennung der eigenen Fehlbarkeit und Grenzen.
Wo bist du Mensch?
Wo stehst du? – Wofür stehst du?
Und die Antwort kann eigentlich nur sein:
Hier bin ich, Gott!
Nackt und verwundbar, begrenzt und fähig zu verletzen, stets auch immer mein Menschsein mit anderen, im Gegenüber zu dir, mit mir selber – verfehlend.
Hier bin ich Gott!
Anerkennend, dass mein zweiter Ursprung ist, aus Erde geschaffen zu sein – und deshalb begrenzt zu sein, fehlbar, todverfallen und sterblich.
So bin ich HIER, Gott!
Adam und Eva verfehlen diese Antwort.
Und Gottes Reaktion darauf ist, die Tatsachen zu benennen, wie es ist. Das Leben ungeschönt zu beschreiben:
- Dass Schlange und Mensch niemals wirklich Freunde werden;
- Dass Leben weiterzugeben – zu gebären und geboren zu werden – den Schmerz des Lebens schon vorwegnimmt;
- Dass Mühsal und manchmal Vergeblichkeit, dabei der Erde die nötige Nahrung abzugewinnen, eine unserer menschlichen Grunderfahrungen ist.
Und dass uns in allem die Sehnsucht und der Schmerz begleiten, dass es anders sein möge – das Leben und Miteinander zwischen Frau und Mann, zwischen Mensch und Mensch, Mensch und Natur – dass es heil sein möge…
Gott anerkennt, dass der Mensch – wir – sein zum Leben gesegnetes Geschöpf, aus seinem Segen herausgefallen ist – Und er zieht seinen Segen dennoch nicht ab von ihm.
Liebevoll kleidet Gott den Menschen mit Fellen, um ihn zu schützen.
Und ebenso liebevoll verschließt Gott die Tür zum Paradies und bestellt vor ihr einen Wächter – um den Menschen zu schützen, erneut der Versuchung zu unterliegen, sein zu wollen wie Gott und vom Baum des ewigen Lebens zu essen, diesem zweiten Baum, der ja auch in der Mitte des Paradises steht und der durch den Menschen unangetastet bleiben soll. –
- Unvorstellbar, welche Folgen das für uns hätte!
Nicht erst einmal in der Geschichte der Menschheit hat sich der Traum vom der Unsterblichkeit Einzelner in einen Fluch für die Menschheit verwandelt!
Liebevoll bleibt Gott seinen Menschen – uns – zugewandt – auch jenseits von Eden.
Er hört nicht auf nach uns zu fragen und uns zu suchen.
Unverbrüchlich ist seine Sehnsucht danach, dass wir einmal antworten mögen:
Hier bin ich, Gott! –
und bei der Antwort bleiben mögen, was auch immer dieser Antwort entgegenstehen kann.
Was auch immer dieser Antwort entgegenstehen kann:
- nicht verstanden zu werden –
- missachtet zu werden –
- verfemt und verfolgt –
- gefoltert und als Mörder hingerichtet zu werden –
all das hat einer erlebt, der Gottes Frage gehört hat –
Ja, der selber zu der Frage Gottes geworden ist: Wo bist du Mensch?
Und der mit seinem Leben und Sterben die einzig mögliche Antwort gelebt hat:
Hier bin ich Gott!
Und der deshalb mit seinem Leben und Sterben alles Abgetrenntsein von Gott, dass wir Menschen nur irgend erfahren können, geheilt hat – und mit seinem Leben und Auferstehen, die Tür zum Paradies aufgestoßen hat – „Der Cherub steht nicht mehr herfür…“ – an Weihnachten singen wir es.
Wir glauben, dass Gott selber in Jesus Christus diese einzige richtige Antwort gegeben hat.
In Jesus Christus ereignet sich ver-antwortetes- Menschsein.
Durch Jesus Christus wird unser gebrochenes Menschsein heil.
Mit Jesus Christus scheint auf, was es bedeutet, zu Gottes Bild zu sein.
Wir leben jenseits von Eden. Wir sind und bleiben Menschen, Gott ebenbildlich und zugleich erdverhaftet und todverfallen, weshalb wir unsere Bestimmung immer und immer verfehlen.
UND wir können uns anhängen an den, der uns „das Heil erworben“ hat (wie es in einem anderen Kirchenlied heißt) und zu seinem Kreuz blickend und indem wir seinen Spuren folgen in und mit unserer Gebrochenheit antworten:
Hier bin ich Gott!
Hilf mir ver-antwortet zu leben.
Amen
In der Tersteegenkirche wurde der heutige Taufgottesdienst mit Kantorei komplett als Podcast aufgezeichnet. Die einzelnen Abschnitte des Gottesdienstes kann man separat aufrufen. So gibt es die Taufansprache ab Minute 12:46 und die Predigt ab 50:43. Hören Sie einfach mal rein!
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