1.S.n.Epiphanias, 11.01.2026, Offb.21,5 (Jahreslosung) u. Jes.43,18-19, Mutterhauskirche, Ulrike Heimann

 

Liebe Gemeinde,

die Jahreslosung der Herrnhuter Brüdergemeine für 2026 kann man sich wirklich gut merken: „Gott spricht: Siehe, ich mache alles neu!“

Bei diesem Satz kann man eigentlich nur aufatmen. Eine großartige Verheißung für 2026: alles wird neu.

Und Gott sorgt dafür. Er macht alles neu.

Da hat Gott sich, so müsste der Schluss sein, ja ordentlich was vorgenommen. Was müsste nicht alles neu werden – auf dieser Erde, in unserer Gesellschaft und Wirtschaft, in unserem beruflichen und privaten Leben. Die vielen Konflikte und Kriege in unseren Tagen, das Flüchtlingselend und die Klimakrise: sie schreien förmlich danach: „Gott, mach alles neu!“ Die Menschheit hat den Wagen an die Wand gefahren. Da ist kein Ausweg zu erkennen. Jetzt bist du dran, Gott. Jetzt musst du es richten.

Liebe Gemeinde, das sind Gedanken, die einem kommen können, wenn man die Jahreslosung hört. Wir erleben unsere Zeit gerade als eher problematisch und wenig zukunftsoffen. Befürchtungen wabern durch die Medien und finden großen Widerhall in den Herzen der Menschen. Und das, obwohl es uns objektiv nach wie vor unverschämt gut geht. Wir haben gerade Weihnachten gefeiert, die Gabentische waren sicher reichlich bestückt und hungern brauchte bestimmt keine/r. Wenn es für uns so bleiben würde, dann wäre ja alles in Ordnung. Aber der Düsseldorfer Norden ist keine Insel, und Deutschland ebenso wenig; auch Europa nicht. Die Welt ist eine. Es ist diese Erkenntnis, aus der die Unruhe wächst, die Furcht vor Verlust unseres recht angenehmen Lebens. Wir können nicht dauerhaft verdrängen, wieviel Ungerechtigkeit und menschenverursachtes Leiden in dieser Welt herrscht, wie viele Menschen um ein Leben in Würde gebracht werden, wie vielen das Nötigste zum Leben fehlt. Ja, nur wer diese Erkenntnis an sich heranlässt,  wer sich Mitmenschlichkeit und Empathie bewahrt hat, nur für den ist der Vers aus der Offenbarung eine gute Jahreslosung, eine frohe Botschaft: „Gott spricht: Siehe, ich mache alles neu.“

 

Die Gemeinden in Kleinasien, für die Johannes seine Offenbarung schrieb, waren in einer deutlich anderen Situation als wir heute. Sie konnten ihren Glauben nicht öffentlich leben. Christen galten als Staatsfeinde, weil sie nicht am Staatskult teilnahmen. Immer wieder kam es zu Verfolgungen, viele landeten als Zwangsarbeiter in Minen und Steinbrüchen, Frauen und Kinder wurden versklavt und nicht wenige bezahlten ihr Bekenntnis zu Christus mit dem Leben. Die Macht des Imperiums, die Macht Roms schien alle im Würgegriff zu haben. Nicht nur Christen, sondern die Menschen in allen besetzten Ländern und Regionen wurden drangsaliert und unterdrückt. Das muss man wissen, wenn man die Offenbarung liest. Die vielen düsteren Bilder, die Johannes in den ersten 20 Kapiteln beschreibt, sie sind verschlüsselte „Berichte“ von der Not, unter der die einfachen Menschen im Imperium Romanum lebten, Bilder, die bis heute auf ihre Weise durchaus mit der Realität zu tun haben: die vier Reiter sind Hinweise auf Krieg und Bürgerkrieg und – in deren Folge – auf Teuerung, Seuchen und Hungersnot. (Offb.6,1-8) Und es geht auch darum, wie aussichtslos der Widerstand gegen alles Unrecht ist, sodass viele zu Mitläufern werden (13,16-17), die versuchen, für sich etwas herauszuholen, die sich blenden lassen von schönen Worten und Versprechungen, die falschen Propheten nachlaufen. So übermächtig ist die Not, dass nur noch Rettung von Gott herkommen kann. Der Herr der Heerscharen schickt seine Engelheere, denn die Macht des Imperiums ist nach damaliger Vorstellung keine innerweltliche Angelegenheit, sondern hier tobt sich die Hölle auf der Erde aus.

Am Ende fällt Feuer vom Himmel und vernichtet die widergöttlichen Mächte. Gott beendet die Not, die durch die imperiale Macht und ihre Gewaltherrschaft über die Völker gebracht wurde, im Gericht über die Welt und über jeden Menschen – die Lebenden wie die Toten.  

„Dann sah ich einen neuen Himmel und eine neue Erde, denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen.“ heißt es zu Beginn des 21.Kapitels. „Was früher war, ist vergangen. Und Gott sprach: Siehe, ich mache alles neu!“

Siehe, ich mache alles neu. Ein Satz, der Trost, Mut und Hoffnung spenden will. Aber er steht in einem nicht ungefährlichen Kontext – im Kontext apokalyptischer Untergangserwartung.

Ich sage das besonders mit Blick auf viele evangelikale, bibeltreue Christen und Kirchengemeinden in den USA, die einen enormen Einfluss auf die republikanische Partei haben und damit auch auf die politischen Entscheidungen der Regierung Trump. In ihrem wortwörtlichen Verständnis der biblischen Texte als nicht hinterfragbares Wort Gottes lesen sie gerade die Offenbarung des Johannes als Prophezeiung für die Endzeit, die sie als so nah wie noch nie verstehen. Das entnehmen sie den verschiedenen Schilderungen der Katastrophen, die sich ereignen sollen, bevor es zur alles entscheidenden Schlacht bei Armageddon kommt, in der Gott/Christus/die Guten den Satan/die falschen Propheten/die Bösen besiegen und vernichten werden. Für die Guten und an Christus Glaubenden bricht dann die Ewigkeit auf einer neuen Erde an. Und weil in der Bibel doch auch steht, dass Gott sein Volk zuletzt – also zur Endzeit – in Israel/Jerusalem versammeln wird, bevor dann der Messias, also Jesus Christus zum Endkampf und Gericht erscheint, deshalb unterstützen sie die völkerrechtswidrige Besiedelung und Annektierung palästinensischen Landes durch Israel. Es ist pervers, aber viele hoffen geradezu darauf, dass die kriegerischen Auseinandersetzungen im Nahen Osten die Schlacht von Armageddon auslösen. Denn erst dann geschieht, was Gott verheißen hat: „Siehe, ich mache alles neu.“

 

Von daher muss ich gestehen, dass ich lieber einen anderen Vers als Jahreslosung gehabt hätte – einen ohne den apokalyptischen Hintergrund. Und es gibt ja einen anderen, in dem es auch darum geht, dass Gott Neues schafft, ein Wort das Mut, Trost und Hoffnung für mich sogar viel besser schenkt, als der Vers aus der Offenbarung. (Johannes hat ihn sicher gekannt.) Ich lese uns die Verse 18-19 aus dem 43.Kapitel des Propheten Jesaja:

„Denkt nicht mehr an das, was früher geschah. Beschäftigt euch nicht mit der Vergangenheit. Schaut her, ich schaffe Neues! Es beginnt schon zu sprießen – merkt ihr es denn nicht? Ich lege einen Weg durch die Wüste an, im trockenen Land lasse ich Ströme fließen.“

„Schaut her, ich schaffe Neues! Es beginnt schon zu sprießen – merkt ihr es denn nicht?“

Es ist das Wie, indem sich Jesaja von Johannes deutlich unterscheidet. Bei beiden ist Gott am Werk – er schafft Neues. Aber während Johannes die Gegenwart nur schwarz malt, sodass Gott die ganze Schöpfung der Vernichtung anheimgibt (wie zur Zeit Noahs) und dann wie ein großer Zauberer eine neue Erde und einen neuen Himmel hervorkommen lässt, sieht Jesaja Gottes schöpferisches Handeln ganz anders. Er sieht Neues schon im hier und heute. Dabei verklärt er die Gegenwart nicht: sie ist für ihn keine blühende Landschaft, sondern Wüste. Das Neue ist keine üppige Oase, die – schwupp – einfach mal so da ist. Nein, unter den Steinen, in den Felsritzen, unter dem Dornengestrüpp, da regt sich Leben, da sprießt etwas. Da grünt es – zart, verletzlich – aber es grünt. Die Hoffnung auf neues Leben mitten in der Wüste – sie ist da, sie lebt auf. Und damit wird ein Weg möglich – durch die Wüste, mitten durch; und – der Hörer zur Zeit des Jesaja weiß: mitten in der Wüste, in der schier endlosen Trockenheit, da füllt strömender Regen immer wieder die trockenen Wadis und lebendige Wasser schaffen Lebensräume in einer sonst wie tot daliegenden Welt. Die Wüste, die Trockenheit, das Lebens-Bedrohliche, all das, was dem Leben und der Freude entgegensteht – die werden von Gott nicht „abgeschafft“, sondern sein Lebensatem schafft mitten drin Neues. Neues Leben. Neue Lebensmöglichkeiten. Und das nicht „am Ende der Tage“, sondern hier und heute.

„Merkt ihr’s denn nicht?“ „Seht ihr es denn nicht?“

Darauf kommt es Jesaja, kommt es Gott an: dass wir genau hinsehen. Weder die Augen verschließen vor all den lebensfeindlichen Wüsten unserer Zeit, vor all den Gefahren von rechts und links, vor all den Problemen in unserer Gesellschaft, in unseren Kirchen, in der globalen Politik mit allen Kriegen und Konflikten. Wegsehen hilft nicht, sich eine Cyber-Brille aufzusetzen noch viel weniger. Nein: schaut die Wirklichkeit genau an und seht, wo sich überall Gutes, Lebensförderliches, einem gerechten Miteinander aller Völker und Menschen zuarbeitendes Handeln finden lässt – und das gibt es überall zu finden! Nachbarschaftliche Hilfestellungen, Repaircafés, „Omas gegen rechts“, die auf die Straße gehen, „Fridays for Future“ -  junge Menschen, die sich engagieren, so viele NGOs wie „Brot für die Welt“ und „Misereor“, „Ärzte ohne Grenzen“, die Bewegung „Taxe us now“, die eine gerechte Besteuerung hoher Vermögen und Einkommen fordert. „Merkt und seht ihr’s denn nicht?“

Das Neue schafft Gott durch Menschen, die sich von ihm einen neuen Geist und ein neues Herz haben schenken lassen.

Durch Menschen die ihrerseits an dem Zustand der Welt, wie sie jetzt ist, leiden wie Gott; weil sie die Welt-Liebe Gottes teilen. Weil sie sehen, wo überall die Menschen und die ganze Schöpfung seufzen und sich danach sehnen, dass es friedlicher, gerechter, mitfühlender und barmherziger auf Erden zugehen soll.

Ja, alles soll neu werden, und alles kann und wird neu werden - wie es in der Jahreslosung heißt. Gottes Kreativität kennt keine Grenzen; sein Zutrauen in seine Menschenkinder auch nicht – trotz vieler Enttäuschungen, die wir ihm durch die Zeiten bereitet haben. Er zählt darauf, dass wir umsetzen, was sein Geist uns vermittelt. Das betrifft alle Lebensbereiche. Alles soll neu, soll anders werden. Und das global. Das Wirtschaftsleben, die Finanzwelt, die gesellschaftlichen und politischen Ordnungen und Einflusssphären, die Verteilung von Gütern und Macht.

Schrecken wir da zurück? Ist uns das mit dem Neumachen eine Nummer zu groß? Machen wir es uns doch lieber in unseren privaten Nischen gemütlich - Ungerechtigkeit und Elend auf der Welt sollen uns gestohlen bleiben! Was können wir kleine Nummern da schon ausrichten?

Aber nicht doch! Machen wir uns nicht kleiner als wir sind. Seit Weihnachten sind wir groß – Gott hat sich in Jesus unserer Fürsorge anvertraut. Der Apostel Paulus formuliert das in seinem Brief an die Korinther so: „Wenn jemand zu Christus gehört, gehört er schon zur neuen Schöpfung. Das Alte ist vergangen, etwas Neues ist entstanden. Das alles ist von Gott.“ (2.Kor.5,17-18a) Und im Brief an die Epheser heißt es: „Lasst euch dadurch erneuern, dass Gottes Geist in eurem Verstand wirkt. Und zieht den neuen Menschen an wie ein neues Gewand. Denn er ist nach Gottes Bild geschaffen und dadurch fähig zu wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit.“ (Eph.4,23-24)

Entscheidend ist, dass wir innerlich dazu bereit sind, in diesen Erneuerungsprozess einzuwilligen. Dass wir uns auf das Abenteuer Gottes, die Welt zu erneuern und zu heilen, einlassen und Ja sagen – wie Maria Ja gesagt hat und bereit war, den Ersten der neuen Schöpfung zur Welt zu bringen. Und irren wir uns nicht: Der legendäre Ausspruch Michail Gorbatschows gilt auch hier: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.“

„Gott spricht: Siehe, ich mache alles neu!“

„Schaut her, ich schaffe Neues! Es beginnt schon zu sprießen – merkt ihr es denn nicht?“

Die Ordnungen dieser Welt, die so viel Leid verursachen und nicht verhindern, die sehen wirklich sehr alt aus. Das Neue, das von Gott inspiriert ist, ein Leben, das die Schöpfungsordnung, die Gottes Willen entspricht, respektiert, ist schon unterwegs und sprosst auf in den Wüsten der Welt. Lassen wir uns mitnehmen und einladen, unseren Teil beizutragen.

Amen.

 

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