Miserikordias Domini, 01.05.2022, Stadtkirche, Johannes 21, 15 - 19, Jonas Marquardt

 

Predigt Kaiserswerth Miserikordias Domini - 1.V.2022                                                                                      

                    Johannes 21, 15-19

Liebe Gemeinde!

Nach der Auferstehung ist alles vorbei? …….

– Das wäre das größte denkbare Missverständnis.

Nach der Auferstehung ist nichts vorbei? …….

 – Das ist der Ernstfall dessen, was wir als Ostern feiern.

Nach der Auferstehung - wenn alles anders, aber alles eben auch anders da ist - wird erst einmal der Puls genommen. Da schlagen Herzen. Da geht der Atem ein und aus. Da sammelt und verflüchtigt sich die Lebendigkeit und sammelt sich wieder, da sind und bleiben Menschen Menschen.

Wir sollten uns das klar machen: Wenn ein Puls schlägt, wenn ein Mensch mit seinem erschreckten Luftschnappen und seinem entspannten Auspusten, wenn ein Mensch mit seinem Ge- und Misslingen, seinem Einsehen und seinen Versehen, mit seinen schwachen und starken Schwächen und seinen starken und schwachen Stärken im lebendigen Wechselstrom des Wirklichseins vor uns steht, … dann könnte es sich um eine Begegnung im Licht der Auferstehung handeln.

Ganz bestimmt nicht österlich sind dagegen unsere permanenten Begegnungen mit Menschen ohne solche natürlichen Widersprüche: Menschen, deren Interessen, deren Zuneigungen und Hoffnungen nicht geteilt sind und darum hin und her gehen, sondern konsequent und konzentriert nur um sich selbst kreisen. Menschen, die durch Materie beruhigt und durch Moral beunruhigt werden, weshalb sie die eine häufen und auf die andere verzichten. Menschen, die das Worte Güte mit einem „r“ am Ende buchstabieren. Menschen, die so besonders harmonisch wirken, weil ihr ausgeprägtester Zug die Gleichgültigkeit ist. Solche Menschen üben das Totsein, …virtuos. Und darum sind sie unösterlich. Auferstehung als wirklich menschliche Erfahrung bleibt ihnen vollkommen fremd.

 

Anders als dem ersten armen Jünger. Dem glühend begeisterten, eiskalt von der Angst erwischten, nachtschwarz verzweifelten, puterrot von Scham übergossenen Petrus. Der hatte in wenigen Tagen so viele Zustände der Seele, so viel Aufschwung und Enttäuschung, so viel Ehrlichkeit und Selbstbetrug, so viel Eifer, so viel Scheitern durchlaufen, dass es kaum auszudenken ist. Die Wechselbäder zwischen Gewissheit und Nihilismus, die nicht zu verwindende Spannung zwischen Treue bis zum Tod und Lüge für sein sinnloses Leben sind in der Brust des Fischers aus Kapernaum wie in einem Reaktor eingekesselt. Petrus droht die Kernschmelze. … Darum hat er unbewusst aufs Abschalten gedrängt. … Ist im Abklingbecken des Sees Tiberias, um dort das, was ihn zerreißen muss, in den langsamen Strom des Alltäglichen zu tauchen, bis es irgendwann abkühlt und aufhört: Dann wird jene plötzlich unterbrochene extreme Energie, die Jesus war, ausgebrannt haben. Und als menschliches Wrack, als ein Tschernobyl, in dem einst eine Hoffnung, eine Hingabe an die Herrlichkeit loderte, die nun für immer eingesargt bleiben wird, will Petrus selbst zuende-, ja zugrundgehen. Wie der Herr! … Der noch einmal aufflackerte, als die verwirrten Frauen ihn nachglühen sahen, als sie behauptet hatten, er leuchte heller denn je und werde nie mehr verlöschen. … Dabei war er doch verpufft! Und Petrus hatte selber, noch vor der letzten Verfinsterung die Verbindung zu ihm gekappt, als er an dem verfluchten Feuer im Hof des Hohenpriesters stand und Jesus nicht gekannt haben wollte. Was für eine unaufhaltsame Kettenreaktion, was für eine Spaltung im Seelenkern! …..

 

……. Und da steht Er!

Es durchzuckt Petrus bis ins Mark. Es läuft wie der Blitz durch ihn durch. Es zündet wieder … und es brennt! …, weil Auferstehung eben nicht alles unter sich begräbt und das Vergangene durch die Auferstehung eben nicht vergangen ist, sondern weil alles wieder gegenwärtig wird. … Das hat Thomas am Leib des Herrn erfahren wollen. … Und Petrus muss es am eigenen Leib erfahren: Dass der Auferstandene kein anderer, sondern der Gleiche ist. … Den er, Petrus verleugnet hatte.

Für die Dauer eines Frühstücks konnte der erste Jünger damals in der Morgenstunde am heimischen See sich noch einbilden, das Gewesene sei nun das Vergessene. Glücklich wie ein Kind am ersten Ferientag, das alle Erinnerungen an die Schule ausradiert hat, stürzte er sich ins funkelnde Wasser, dem Herrn entgegen, der im Sonnenaufgang am Ufer stand (vgl.Joh.21,4-7). … „Juhu! Alles neu, endlos frei…“

… Dabei hätte er doch eigentlich rasch merken müssen, dass hier das wirkliche und das ganze Leben wiederkehrte: Der Herr, der aus dem Reich des Todes kam, hatte die Fischer ja begrüßt mit dem unnachahmlich herzhaft-konkreten Ruf: „Kinder, habt ihr nichts zu essen?“ – So spricht weder ein Gespenst, noch ein ins Ätherische Entrückter, ein Idee-Gewordener. So spricht der Lebendige. Der jeden Atemzug teilt und Der ewige Zukunft hat und Der dabei Derselbe ist, Der Er war: Der Österliche hat also auch Vergangenheit, denn in Ihm verbinden sich die Ewigkeit mit der Geschichte; in Ihm berührt das Gestern das Grenzenlose.

… Nichts ist vorbei.

… Und wie durchrieselt es da den Petrus, in dem sich alles anfühlte, als werde der Schmerz seiner Schuld, als werde seine Scham noch ewig tödlich weiterstrahlen, auch wenn Jesu lebendige Wärme längst verlosch! … Es geht ihm durch und durch, dass mit der unfassbaren, der unendlichen Kraft des Auferstehungslebens nun doch auch das bisher schon gelebte Leben, das erlittene Leid, die verschuldete Schuld, die vertanen Taten wieder durchpulst und durchströmt werden von der Gegenwart Jesu. … Nichts ist vorbei. …

… Konnte das größte Wunder der Welt denn nicht auch den tiefsten Schnitt mit sich bringen? Konnte mit dem, was der Endlichkeit ergreifend folgte, nicht doch auch alles Vorherige endgültig abgelegt sein?

…Warum auf das Gewesene zurückkommen? Warum die alten Wunden aufreißen? Warum nicht radikal anders anfangen: Alle Verbindungen durchtrennen und jeden Zusammenhang mit Früherem sprengen? … ———

Wenn wir ehrlich sind, wissen wir die Antwort:

Wenn wir die Vergangenheit verscharren, hoffend, im Grab werde sie schweigen, dann heult sie zur Geisterstunde unüberhörbar … und alle Stunden, die noch folgen, bleiben Mitternacht! Wenn wir unsere Fehler und Schmerzen, unser Gewissen und unsere Gemeinheit einfach abspalten und meinen, dann verlören sie sich schon, dann verfolgen sie uns erst richtig, wachsen und verformen sich in jeder Nervenbahn und jedem Bett eines Gedankenflusses, bis wir von den toxischen Altlasten vergiftet sind und nichts mehr gedeihen kann. Wir können Schuld und Erfahrungen nicht verleugnen, wie Petrus Jesus verleugnete. Wir können es nicht dabei belassen, dass das letzte Wort, wenn wir auf unsere Überzeugungen und Entscheidungen angesprochen werden, wie Petrus nachts im Hof, seine Antwort bleibt: „Ich bin’s nicht“ (vgl.Joh.18,17+25).

Gefragt, wer wir sind und waren, was wir taten, was wir wollen, müssen wir den herrlichen Namen Gottes als unsere eigene Antwort auf die Frage nach unserm Persönlichsten zu nennen lernen: „Ich bin’s“ (vgl. 2.Mose 3,14 / Joh.18,5)! ———

Was die Verdrängung, was die Leugnung der Vergangenheit für katastrophale Folgen hat, was unterbliebene Wahrhaftigkeit und unterbliebene Haftung im Blick auf die Vergangenheit bedeuten, das zeigt uns die Welt in diesen Tag schrecklich deutlich.

Je mehr ich lese[i] und meine Unkenntnis ein wenig korrigiere, desto klarer wird mir, dass wir Zeugen eines riesigen Gespensterkrieges werden: Die Wiederkehr der verdrängten unglaublichen Verbrechen des sowjetischen Russland, die Wiederkehr der entmenschlichenden Brutalität des Kommunismus, die Wiederkehr des Stalin’sche Völkermords an den Ukrainern sind mindestens so treibende Kräfte im gegenwärtigen Albtraum wie die Phantomschmerzen eines zerbrochenen Imperiums oder die Pläne und Fehler, die die Nato zu verantworten hat. … Quälgeister von vor hundert Jahren gehen um. Untote Mörder morden; verleugnetes Blutvergießen fordert Blutzoll. Das Nie-Bekannte drängt ins Scheinwerferlicht. Die tückisch geleugnete Gewalt von vorgestern vergegenwärtigt sich rücksichtlos im Heute.

Darum muss das Evangelium – das Evangelium! – enden, wie es endet: Indem es nichts in der Vergangenheit begraben sein lässt!

… Das nämlich ist keine Drohung. Kein unnötiges Festbeißen an dem, was niemand mehr wissen will oder zu bekennen bräuchte. Sondern umgekehrt: Es ist Befreiung. Lösung vom Fluch, den nur lebendiges Ansprechen und Angesprochen-Werden brechen kann.

Nur dies eben – dass nach der Auferstehung tatsächlich nichts einfach vorbei ist – , … nur dies macht’s möglich, dass schließlich alles wirklich gerichtet, alles wirklich geheilt, alles wirklich gerettet werden kann: Vergangenes, Jetziges und die ganze Zukunft! ——

Wie diese Rettung aussieht, das hat Petrus erlebt, als die plötzliche Gegenwart des Auferstandenen in ihm wieder alle Erinnerungen und Gefühle, alle widerstreitenden Kräfte wie in einem gewaltigen Reaktor in Umlauf setzte.

Am liebsten wäre er vermutlich wieder geflohen, als sein von ihm verlassener, umgekehrt ihm aber in Tod und neuem Leben treugebliebener Herr ihn nach dem Frühstück beiseite nahm.

Doch dieses Mal konnte er sich nicht entziehen. Dieses Mal sollte Petrus - wieder an einem Kohlenfeuer wie in jenem schrecklichen Hof in der Karfreitagsnacht - durch den innersten und unauslöschlichen Glutkern der Verbundenheit mit Jesus transformiert werden.

Er sollte sich weder in Notlagen noch im Glückstaumel je wieder abschneiden von Jesus, sondern die Glut zulassen, die seine Vergangenheit und seine Zukunft, seine negativen und seine positiven Pole verschmelzen würde.

Und es ist ganz einfach.

Keine Vorwürfe.

Kein Verhör.

Keine Methode.

Jesus fragt Petrus gar nichts Theoretisches.

Kein: „Siehst Du’s ein? -… Bereust Du? … Versprichst Du Änderung, gelobst Du Besserung?“

– … Sondern einfach ins Zentrum. Da, wo das Herz schlägt:

„Hast Du mich lieb?“

Eine Frage, die, wenn sie beantwortet wird, über zwei Menschen Auskunft gibt. Eine Frage, die das Ich und das Du klärt.

Eine Frage, der Petrus, der Jesus-Verleugner, der dabei sich selbst verleugnet hatte, nicht ausweichen kann, obwohl sie Scham weckt über das Vergangene.

„Hast du mich lieb?“

Eine Frage, der Petrus, der für sich den toten Jesus unter seinem Alltag begraben wollte, nicht ausweichen kann, weil sie so trivial oder so pathetisch, auf alle Fälle aber so emotional ist, dass sie das Alltägliche verdunsten macht.

„Hast du mich lieb?“

Eine Frage, der Petrus, der sich scheut und schämt, doch schon beim ersten, beim zweiten, auch beim dritten Mal nicht anders als ehrlich antworten kann.

Sein Versagen – scheinbar völliger Widerspruch zur Liebe, die man sich gern heroisch, opferbereit, grenzenlos hingabefähig denkt – sein Versagen hat nichts geändert an der unauflöslichen Verbindung mit Jesus: … Sein „Ich bin’s nicht“, sein „Ich liebe nicht“ war die Lüge. Nicht seine Antwort vor dem Auferstandenen!

Und genauso wenig wie das, was da war, kann das, was ihm gerade noch am geheuersten wäre – dieser Versuch, nun ein Leben der Vergangenheitsverdrängung zu führen – ihn von Jesus trennen. Mit dem, was war, wird auch was ist und wird, immer mit Jesus verbunden sein.

… Auch nach Jesu eigener Vorstellung. Denn Er nimmt Petrus mit dem, was hinter ihm, wie mit dem, was vor ihm liegt, in die größte Gemeinsamkeit auf, die sich denken lässt: Der gute Hirt, der Auferstandene will, dass der gefallene und weggelaufene Petrus sein Mithirte wird.

„Weide andere! Leite meine Menschen! Sorge für die Kirche!“ ———

Nun müsste nach der unsystematischen, untheoretischen, aber zutiefst therapeutischen Frage, ob Petrus sich trotz aller Widersprüche denn angesichts des Geschehenen wie des Gegenwärtigen und des Kommenden einfach ein Herz fassen und die Liebe wahrhaben will, etwas Praktisches folgen:

… Wenn hier das Hirtenamt allgemein oder das besondere Petrusamt, wenn hier die Verantwortung eines Bischofs für die Herde oder eines Erzapostels für die künftigen Generationen im Mittelpunkt stünde, dann müsste man jetzt Anweisungen zur Leitungsdisziplin erwarten.

Doch das Einzige, was Jesus dem Petrus, der liebt – der wieder liebt und weiter liebt und in Wahrheit auch immer geliebt hat – mitgibt, ist kein Führungsauftrag, sondern die Aussicht des Geführt-Werdens, … bis ins Alter, bis in die Widersprüche der unselbständig werdenden Hilfsbedürftigkeit eines gebrechlichen Hirten.

Immer wieder also Unaufgelöstes, Gegensätzliches und Unerwartetes.

So wie das Leben.

Und das Sterben.

Und das Auferstehen.

Die Liebe, die das alles zusammenhält, hat nämlich weder eine Theorie, noch eine festumrissene Praxis. Was sie ist und tut, das ist schlicht, sich zu verzehren nach und immer wieder neu entzünden zu lassen von Jesus.

Sie ist die Reaktion, die nie zuendegehende Reaktion darauf, dass dieser Jesu war und ist und bleibt, weil Vergangenheit und Tod Ihn nicht überwältigen und auch die fernste Ewigkeit Ihn nicht entrücken wird.

Dieser Jesus lebt.

Das ist alles, was wir mit Petrus zusammen erfahren.

Und alles, was wir brauchen. ———

Sagen wir es einmal so nüchtern wie es auch damals war, als Petrus das erste Frühstück mit dem Auferstandenen geteilt hatte und als Verheißung für seine Liebe bloß erfuhr, welchen Todes er sterben würde:

Wir, die wir zu Zeugen des bleibenden Grauens einer nicht-vergangenen Vergangenheit werden, … wir wissen nicht, was die Zukunft auf dieser Erde noch sein mag. Wir wissen nicht, ob nicht – Gott behüte! – die Menschheit in diesem Jahr ein letztes Mal Ostern gefeiert haben könnte. Wir wissen nicht, was dem Ende nahe ist. Und wissen nicht, was noch kommen könnte.

Aber wenn die Auferstehung bedeutet, dass nichts vorbei ist, … wenn die Auferstehung bedeutet, dass auch wir den Auferstandenen lieben dürfen - trotz allem! - … und wenn dieser Auferstandene auch uns im Leben und im Tod österlich nahe war und ist und sein wird, dann endet mit seiner Frage an Petrus und an uns, das Fragen.

 

… Lieben wir Ihn?

… Dann ist das die Auferstehung. Und das Leben!

Amen.



[i] Pflichtlektüre bei Interesse: Anne Applebaum, Red Famine: Stalin’s War on Ukraine (London [Penguin UK], 2018).

 

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