02.01.2022, 1.S.n.d.Christfest, Joh.6,37, Mutterhauskirche, Ulrike Heimann

Text: Joh.6,37 (Jahreslosung 2022)

Liebe Gemeinde,

„Botschaft in Bildern", so heißt das neueste Buch von Gerd Theißen, das ich in der Adventszeit mit großem Vergnügen und Gewinn gelesen habe. In diesem gar nicht dicken Buch beschreibt Theißen sehr eindrücklich, wie sehr die biblische Botschaft mit Bildern verbunden ist, die die Menschen über alle Religionsgrenzen hinweg anspricht, weil es Bilder sind, die den Menschen kollektiv ins Herz und in die Seele geschrieben sind. Er ist damit sehr nahe bei der Erkenntnis Carl Gustav Jungs, der einmal gesagt hat, die einzige Fremdsprache, die alle Menschen lernen müssten, sei die Sprache der Symbole/der Bilder, weil diese ihnen zeigen könnte, wer sie sind im Zusammenspiel mit allen anderen Menschen und als Geschöpfe der Erde und des Himmels.

Jesus hat das wohl schon 1900 Jahre vor C.G.Jung so gesehen, weshalb er das, was ihm besonders wichtig war, in Bildergeschichten erzählte: das Gleichnis vom verlorenen Sohn oder vom verlorenen Schaf, das Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen, das Gleichnis vom barmherzigen Samariter oder von den Arbeitern im Weinberg. Geschichten und Bilder, die über Kultur- und Religionsgrenzen hinweg verstanden werden können.

Sehr nahe bei den Wort-Bildern sind die Bilder in der darstellenden Kunst - Gemälde und auch Plastiken. Auch sie malen uns Geschichten vor Augen und helfen uns so, uns einzufühlen und zu verstehen, was der Künstler uns durch sie mitteilen will.

Mit zwei Bildern will ich Ihnen darum heute morgen die Jahreslosung für 2022 näherbringen.

Die Jahreslosung selbst ist gänzlich bildlos, ohne Substantiv oder Adjektiv. Ein Vers aus dem Johannesevangelium:

„Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen."

Doch auch für dieses Jahr haben verschiedene Künstler/innen versucht, sie ins Bild zu setzen. Diese Aufgabe war sicher in der Vergangenheit oft einfacher. Aber sehen wir, was ihnen da eingefallen ist, in der Auseinandersetzung mit dem Vers aus Johannes 6: „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen."

Das erste Bild finden Sie auf dem Gottesdienstprogramm (Quelle: Verlag Am Birnbach). (siehe pdf-download)

Eine offene Tür, die den Weg freigibt in einen Raum, der erfüllt ist von einem hellen warmen gelben Licht - ganz im Kontrast zu der Wand mit der Tür, die in einem kühlen Blau gehalten ist. In diesem lichterfüllten Raum stehen in der Mitte auf einer angedeuteten Tischplatte ein Laib Brot und ein gläserner Becher mit je nach Betrachtung Rotwein oder rotem Traubensaft. Wie an einer Halskette hängend  schwingt ein filigranes goldfarbenes Kreuz mit einem Schlüsselbart am unteren Ende des vertikalen Balkens nach links und gibt damit den Durchgang durch die Tür frei. Das Licht aus dem Raum fällt auf den Fußboden und zeichnet einen einladenden Weg, auf den der Vers der Jahreslosung geschrieben steht: „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen."

Der Künstler oder die Künstlerin - ich habe den Namen im Prospekt leider nicht gefunden - hat sich von der Bildlosigkeit des Verses nicht irritieren lassen. Vielmehr hat sie oder er sich inspirieren lassen von der Tatsache, dass es sich um einen Vers aus dem Johannesevangelium handelt und zwar aus der sogenannten Brotrede. Das sehr lange 6. Kapitel beginnt mit der Erzählung von der Speisung der 5000, die bei den Menschen eine solche Begeisterung auslöst, dass sie Jesus sofort zum König ausrufen wollen. Das wiederum steht Jesus völlig fern; ihm geht es eben nicht um weltliche Herrschaft, sondern um ein Leben, das sich am Willen Gottes orientiert. Doch er hat es schwer, sich verständlich zu machen; es folgt eine lange Rede, in deren Zentrum das erste der sog. „Ich-bin-Worte" steht: „Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten."(Joh.6,35) Und es fällt auch der Satz „Wer mein Fleisch isst und trinkt mein Blut, der bleibt in mir und ich in ihm." (6,56) Worte, die an das Abendmahl erinnern - darum auch der gläserne Kelch und das Brot auf dem Bild. Und auch die Tür erinnert an eines der „Ich-bin-Worte": „Ich bin die Tür, wer durch mich hineingeht, der wird glücklich werden und wird ein und ausgehen und erfüllt und sinnvoll leben." Und der Lichtstrahl auf dem Fußboden weist auf ein weiteres Ich-bin-Wort: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben."

„Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen."

Dieser Jesus ist uns wichtig: die offene Tür, die bedingungslose Annahme. Daran lassen wir uns gerne am Beginn dieses Jahres erinnern. Zu ihm können wir kommen mit allem, was uns auf dem Herzen liegt. Mit allem, was uns gelungen ist und mit allem, was uns misslungen ist. Die Tür steht offen, jede und jeder kann hineingehen und auch wieder hinausgehen; da läuft man nicht Gefahr, auf einmal festzusitzen. Jesus respektiert unseren Wunsch nach Freiheit. Mit ihm kann jeder und jede ihren eigenen Lebensweg finden und gehen. Brot und Wein sind Wegzehrung und Stärkung.

„Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen."

Was irgendwie nicht so ganz ins Bild passt: es ist das wie ein Uhrpendel schwingende Kreuz, das Kreuz als Schlüssel - auch zum rechten Verständnis der Jahreslosung. Um dem auf die Spur zu kommen, schauen wir uns einmal das zweite Bild an:

Im Zentrum eine Gestalt im warmen gelben Licht mit offenen, einladenden Armen: Jesus Christus. Und im Vordergrund, uns den Rücken zukehrend, kleine und große Gestalten, die die Einladung offensichtlich annehmen und zu Jesus hinlaufen. Eine bunt gemischte Schar. Mich erinnert dieses Bild an ein anderes Jesus-Wort aus dem Matthäusevangelium: „Kommt her zu mir all, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken." Und auch an eine andere Begebenheit, wo Mütter mit ihren Kindern zu Jesus kamen, um diese von ihm segnen zu lassen. Wo die Jünger sie abwiesen und sich Jesus erst energisch dagegen verwehren musste: Lasst die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht, weist sie nicht ab.

Dieses Bild verweist uns darauf, dass Jesus gerade damit immer wieder angeeckt ist: dass er alle, wirklich alle, die zu ihm kommen wollten, an sich herangelassen hat:

die Mühseligen und Beladenen, die moralisch Anrüchigen, die Sünderinnen und Sünder, die Außenseiter und Fremden, die, mit denen die Anständigen, die Frommen, die Tüchtigen nichts zu tun haben wollten.

Genau dieses Verhalten brachte ihm Ablehnung, Abweisung ein. Mit jemandem, der sich in solch schlechte Gesellschaft begab, mit dem wollten die Frommen und Anständigen nichts zu tun haben. Die Tischgemeinschaften, die Jesus praktizierte, die Einladung ins Haus des Zachäus z.B., die führten dazu, dass viele nicht zu ihm hineingehen wollten. Er entsprach damit einfach nicht ihren Vorstellungen, wie ein Mensch Gottes zu sein und sich zu verhalten hatte.

„Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen."

Ja, Jesus weist keinen ab, aber wer kommt zu ihm? Wer will zu ihm kommen, wenn er sich in schlechter Gesellschaft befindet, sich mit Leuten einlässt, die mehr als zweifelhafte Existenzen sind?

Und heute - da ist es doch auch angebracht, sich ehrlich zu machen: wer kommt denn noch zu ihm? Viele Menschen kehren der Kirche jedenfalls den Rücken. Da sind nicht nur finanzielle Erwägungen ausschlaggebend, sondern oft auch enttäuschte Erwartungen. Was bedeutet das für uns als Gemeinde? Was müssen wir ändern? Mit diesen Fragen hat sich tatsächlich schon die frühe Kirche befasst, die ersten Christen. Und wie es das Johannesevangelium schreibt, schon Jesus selbst. In eben jenem 6. Kapitel, in dem die Jahreslosung steht. Da können wir lesen, dass schon Jesus die Menschen in Scharen davongelaufen sind. Wie konnte es dazu kommen? Bei Jesus liegen doch ganz gewiss nicht die Versäumnisse vor, die man uns, seiner Kirche, oft zu Recht nachsagt: Versäumnisse an Achtsamkeit, an Glaubwürdigkeit, an Toleranz, an einer zeitgemäßen Verkündigungspraxis ...

Auch Jesus hat Erwartungen enttäuscht: für die einen hatte er den falschen Umgang, den sie ihm nicht verzeihen konnten.

Für andere wiederum war er nicht politisch genug, rief er nicht entschlossen zum Widerstand gegen die römische Besatzung auf. Für andere war sein Lebenswandel anstößig: er feierte offensichtlich gerne, konnte das Leben genießen - Fresser und Weinsäufer schimpften sie ihn. Selbst seine engsten Angehörigen irritierte er, sie hielten ihn für geistesgestört, hatten Angst, der er die ganze Familie in Misskredit bringen könnte. Und sogar seine Jünger konnten es nicht begreifen, warum er nicht seine Wunderkräfte zielgerichteter einsetzte gegen seine Neider und Widersacher - „Lass doch Feuer vom Himmel regnen und sie verbrennen!".

Nur sehr wenige haben ihn zu seinen Lebzeiten verstanden: dass er kein Zauberkönig sein wollte, kein Messias, der es richtet, sondern eben ein Mensch nach dem Willen Gottes, der nach seiner Weisung fragt - immer im Gleichmaß Gottesliebe und Nächstenliebe übt und genau darin seine Erfüllung findet. Ein Mensch mit weitem Herzen und weit geöffneten Armen. Der sich einladen lässt und selber einlädt, der das Brot, das ihn ernährt, teilt und weitergibt; der ausgießt, was ihm Lebenskraft und Hoffnung schenkt, den Wein der Gottesfreude. Der Geborgenheit gibt, ohne einzuengen, dessen Tür offen ist, der uns kommen und gehen lässt, der sich über unsere Zuneigung und Liebe freut und sich nicht darüber mokiert, wenn wir uns nicht jeden Tag bei ihm melden. Der uns niemals aus seiner Liebe fallen lässt - wie er es von Gott gelernt und übernommen hat; dessen Arme immer offen sind - selbst noch am Kreuz. „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen."

Das ist die tröstliche Verheißung, die in der Jahreslosung liegt. Und daneben, eher darin verborgen die ermutigende Bitte an uns, es ihm, dem Christus Jesus doch gleich zu tun:

„Wer zu euch kommt, den weist um meinetwillen und um Gottes willen nicht ab.

Wer eure Liebe braucht und eure Hilfe, eure Zuwendung und euren Beistand, den weist um meinetwillen und um Gottes willen nicht ab.

Lasst euch nicht beirren von Ablehnung und Feindschaft; wer nach dem Willen Gottes fragt, findet nicht überall Beifall.

Erfolg ist kein Name Gottes, aber Barmherzigkeit, Güte, Geduld, Freundlichkeit und Klarheit.

Zeigt doch dieses ganze Jahr über, dass ihr die Botschaft von Weihnachten begriffen habt, dass ihr nicht nur Gottes Kinder heißt, sondern es auch seid - Töchter und Söhne Gottes - wie ich ein Sohn Gottes bin.  Gemeinsam sind wir berufen, daran zu arbeiten, das Antlitz der Erde zu erneuern, für Gerechtigkeit und Frieden einzutreten und die Schöpfung zu bewahren."

Gebe Gott, dass wir diese Berufung nicht aus den Augen und aus dem Sinn verlieren.

„Christus Jesus spricht: Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen. Und wer zu euch kommt, den weist um meinetwillen und um Gottes willen nicht ab."

Amen.

 

 

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