Vorletzter Sonntag des Kirchenjahres (Volkstrauertag), 14.11.2021, Stadtkirche, 2.Korinther 5, 1 - 10, Jonas Marquardt

Predigt Kaiserswerth Vorl.So. - 14.IX.2021                                                                                                      

            2.Korinther 5, 1-10

Liebe Gemeinde!

Viele von uns sind in diesem Jahr, in diesen Jahren müder als wir uns je erinnern können.

Der Stillstand und die Spannung, die Regeln und die Rätselhaftigkeit in der Pandemie haben mehr Energie gekostet als der abwechslungsreichste Alltag. Dass hier und dort die Ungeduld zunimmt und das Gefühl sich Bahn bricht, wie schön eine Flucht aus alledem sein müsste, wie wohltuend das Reisen war und wie gerne man eigentlich gleich in ein anderes Leben hinüberwechselte, indem man zurückkehrt in das versunkene Land der Normalität oder vorauseilt in eine neue Welt ohne den Druck der jüngsten Monate, … alle diese Ermüdungserscheinungen kann man wahrhaftig erklären, wenn man sie nicht sogar teilt: Nach einer langen Phase der Hochzufriedenheit mit unserer Gegenwart, nach einer langen Phase der totalen Fixierung auf das, was für Christen doch nur zeitlich und vergänglich ist, sind wir plötzlich alle an die Grenze gestoßen, die dem Irdischen gesetzt bleibt: Es hat keine Dauer, es steht nie fest und es bleibt uns die versprochene Sicherheit stets schuldig.

… So ist das Leben. So muss es auch sein. Wer es nicht in seiner Bewegung, in seiner Veränderlichkeit und Offenheit aushielte, der hätte nie am Dasein teilgenommen und nie von der Wirklichkeit gekostet. Denn unwandelbar sind nur die abgeschlossene Vergangenheit und die flachen Bilder. Vorwärtsziehende Zeit und vielseitige Körper unterliegen dem Wandel, … man kann auch sagen: Blühen erst durch ihre Verwandlung wirklich auf! ———

Darf man aber deshalb nicht auch müde sein?

Ist das von der gegenwartsversessenen Welt erzwungene Bekenntnis zum doch nie ewigen „Hier und Jetzt“ nicht irgendwann einmal schal und fad?

Ist es nicht an der Zeit, dass wir das alte Heimwehlied (EG 517), das wir eben noch einmal gesungen haben und das nie wieder in einem Gesangbuch stehen wird, in uns nachklingen lassen?!

Wir sind bestimmt nicht nur für das geschaffen, das wir kennen. Wir gehören ohne jeden Zweifel nicht bloß in das, was hier besteht und untergeht.

Menschsein heißt – wenn wir das biblische Von-Gott-her-Kommen und Zu-Gott-unterwegs-Sein der Menschen ernstnehmen –, neben dem irdischen auch den überirdischen, neben dem geschichtlichen auch den ewigen Zusammenhang des eigenen Daseins zu spüren und also manchmal zwischen den Zeiten, den Welten und Wirklichkeiten hin- und hergerissen zu sein.

Die meisten von uns waren es lange nicht. Wir waren eingerichtet im Vertrauten. Über das Hiesige ging unser Horizont nicht hinaus.

Es wäre albern zu behaupten, dass sich daran in den vergangenen Monaten allzu viel geändert habe. Es bestand dazu auch wenig Anlass: Wir haben Planungsunsicherheit und Lebensverunsicherung erfahren, … aber das, was die meisten Menschen vor und neben uns erleiden, ist uns immer noch fern. Das tagtägliche „Heute rot und morgen tot“ der Sterblichen, das Bewusstsein, wie sehr man mitten im Leben im Tode ist (vgl. EG 518), ist uns immer noch eigentlich fremd.

Und doch hat sich etwas gewandelt an unserem selbstverständlichen In-dieser-Welt-Leben.

Beides - die Welt und das Leben - verstehen sich ganz und gar nicht mehr von selber. Mindestens eine Wand ist herausgebrochen worden aus dem Gebäude, das wir zu bewohnen glaubten: Hinten, rechts und links sind geblieben, was sie waren … aber die Fassade ist weg, nach vorne ist alles ganz offen.

Und das ist unheimlich. Denn so ungeschützt war unser Lebensgefühl bisher nie. Wir hatten Mauern und Dämme gegen die Not, einen hübschen Vorgarten und Hecken und Zäune, die das Drohende von unserer Schwelle fernhielten.

Nun aber ist es da. Kommt auf die schmucken, schicken, schalldichten Lebensräume zu, in denen es uns gut ging, und muss uns noch nicht mal mehr die Tür weisen: Ohne Wand zur Zukunft sehen wir auch so, dass wir davon müssen. Irgendwann einmal. Schleichend. Oder bald. Im Strudel der sterbenden Natur oder dank einer stummen Gefahr, virenklein, aber weltweit.

Und da hören wir mit dem ein ganz klein wenig geschärften Ohr unserer Tage das leise Geräusch. Das daherstreicht wie das Lied der Grillen in der Sommernacht, wie das rascheln-de Schlaflied im Novemberlaub. … Seufzer sind es. … Leise, kaum hörbare Seufzer. Es summt in allen Kirchen und Klöstern der Erde, in Kapellen und auf Friedhöfen, aus allen Gefängnissen und Spitälern seufzt es, es erfüllte die vielen, vielen Gebäuden, deren Grundmauern unter den heutigen Straßen liegen und deren Wände nurmehr Luft sind, aber auch in alten Häusern, die noch stehen, kann man es hören. … Wie sie da einmal, wenn sie erschöpft waren, zu den Türen blickten, aus den kleinen Fenstern, auf die wenigen Bilder, die meistens von der anderen Wirklichkeit durchglüht waren, und wie ihnen die Worte des müdesten Menschen der Welt auf die Lippen stiegen, der ganz alleine den ganzen Erdkreis aus der Traurigkeit ins Glück, aus der Nacht in die Helligkeit, aus dem Totentanz in die Schar der Sieger holen wollen: Wie unzählige Menschen haben nicht mit den Worten des Paulus danach geseufzt und sich danach gesehnt, mit der Behausung, die vom Himmel ist, überkleidet zu werden, damit irgendwann einmal das große Frieren und die vielen Schmerzen und die tiefe Sorge und die aussichtlose Müdigkeit von ihnen genommen werden und sie sich endlich, endlich nicht mehr in der Fremde, sondern zuhause fühlen können.

… Wie viele Menschen in den chaotischen und instabilen Verhältnissen dieser irdischen Welt haben nicht irgendwann einmal diese Sehnsucht empfunden, endlich an den fernen, schönen Ort kommen zu dürfen, wo man nicht mehr zu jeder Stunde Hiobsbotschaften oder das Sausen der Sense befürchten muss, sondern in Sicherheit sein würde. … Wie viele Menschen hat dieses Heimweh nach der Ewigkeit nicht irgendwann einmal gepackt, so dass sie wirklich bereit waren, die armselige und mühselige Wartewelt zu verlassen und in die Heimat zu ziehen, wo man nie wieder vertrieben wird, wo die Glocken nicht mit jeder Geburt auch einen Leichenzug einläuten und das Lieben und das Leben etwas anderes sein werden als ein einziges Abschiednehmen. … Wie vielen Menschen ist es nicht ein unglaublicher Trost gewesen, dass sie hier nicht für immer bleiben, sondern endlich – wenn unser irdisches Haus, diese Hütte, abgebrochen sein wird – an einer nicht dem Vorübergehen, sondern dem Bleiben geweihten Stätte einkehren werden. ———

Das ist keine kranke Haltung! Es ist nicht Weltflucht, nicht Lebensmüdigkeit oder -untüchtigkeit, wenn Menschen es nicht mehr lange aushalten, sich nicht mehr dauerhaft arrangieren, es nicht weiter mit ansehen können, wie ihr Dasein zerstört und ihr Herz zerrissen wird.

Wer heute noch auf das Jenseitsheimweh unserer Vorgänger im Glauben herabblickt und es für eine irgendwie schwächliche, irgendwie simple Haltung erklärt, die man nicht ernstnehmen könne, der ist ein so arroganter Wohlstandsmensch, ein so sattgefressener Materialist, dass er sich derart bitteren Zynismus leisten kann: Die Sehnsucht nach einem Leben ohne ständige Not, ohne weitere Leiden, ohne unstillbare Trauer ist eine Wirklichkeit, vor der wir im Blick in die Vergangenheit wie in die Gegenwart deutlich mehr Respekt haben müssen, wenn es um die Menschlichkeit nicht geschehen sein soll!

Dass Friederike Fliedner bleich und tonlos schluchzend durch das Haus nebenan gewandert ist, wenn wieder eines ihrer Kinder gestorben und draußen auf dem schmalen Friedhof hinter der Klemensbrücke unter einem immergrünen Kranz in die Erde gebettet worden war, und dass sie dann mit dem missionsmüden Apostel gemeinsam begehrte, „den Leib zu verlassen und daheim zu sein bei dem Herrn“, das ist nicht besser und nicht schlechter zu verstehen als die furchtbare Notlage aller, die gelockt und geködert werden von der Hoffnung auf ein weniger trostloses Dasein, und die dann verführt und missbraucht ihre Lust auf Lebensglück bezahlen in der sinnlosen Sackgasse der weißrussischen Wälder oder dem Schwebezustand an einem Ziel, das doch kein Himmelreich ist.

Wir sollen also – wenn er uns selber denn wirklich immer noch fremd und unzugänglich wäre – lernen den Wunsch zu verstehen, der Menschen bewegt, das alte Leben zu verlassen und in’s neue freudig gehen zu wollen.

Wir sollen verstehen, dass das ein inniger und ehrlicher, ein ernsthafter und echter Wunsch sein kann. ——

Und dann sollen wir uns in der Gegenwart und Geisteshaltung des Apostels einfinden: Der so hundemüde und so heimatlos war, wie man es sich kaum vorstellen kann. Der gesehen und geschafft hatte - auf seinen rastlosen Reisen für das Reich Gottes -, was man nur erreichen kann, und dem Widrigeres widerfahren war, als man sich ausmalen mag.

Und obwohl es ihn mächtig zieht in die verheißene Zukunft, in der man nicht mehr bloß und leer dastehen muss, sondern eingehüllt wird in Lebenskraft und Menschenwürde, in den Glanz und die Wärme des großen, von Gott gehaltenen Versprechens … obwohl Paulus sich also wahrhaftig mit so viel Recht dem Himmel entgegenfreut, wo das Sterbliche verschlungen wird von dem Leben, überlässt er sich selbst und andere doch nicht nur dem Wunsch nach dem Ziel, sondern setzt seinen Weg und unsere Wege fort unter einem wichtigen Zeichen:

Paulus erinnert sich selbst und alle, die ihr Lebensweg und Lebenswerk - wie ihn - endlich auch lebensmüde gemacht hat, nämlich daran, dass es in allem, was wir schaffen und allem, was unbewältigt bleibt, nicht nur um unsere eigene Bilanz, nicht nur um das Wohl und das Weh, die wir empfinden, geht.

Es gibt über unsere Zufriedenheit und unsere Sehnsucht hinaus noch eine ganz andere Wirklichkeit: Es gibt in alledem – dem gelungen Geleisteten und dem schmerzhaft Fehlenden unserer Existenz – nämlich einen tieferen Sinn. Dieser Lebenssinn, der so unergründlich, aber auch so entscheidend ist, dass unsere höchste Anstrengung ihn zwar nicht sichern, aber unsere höchste Erschöpfung ihn auch nicht aushöhlen kann, … dieser LEBENSSINN beruht darin, dass alles und alle, jeder Mensch und jeder seiner Tage zuletzt CHRISTUS GEHÖREN!

Alles, was geschieht, führt zu ihm!

Alles, was wir erreichten und alles, was wir verloren, mündet und findet sich nicht in unserem derzeitigen Dasein hier, sondern in der endgültigen Begegnung und Bergung und Geborgenheit bei Christus.

Das Leben in seiner Not und Unbehaustheit fließt ebenso wie das Leben in seiner lohnenden Herausforderung und Gestalt auf diese bleibende Christusgemeinschaft zu.

Nichts geht daran vorbei.

Alles wird dort, in der Gegenwart Christi, zur Klarheit und Richtigkeit kommen, zur Offenheit des Verschlossenen und zur Verständlichkeit des Verhüllten.

Und aus diesem Grund – weil nichts im Vergehenden bleiben, sondern alles Vergängliche in diese Dauer eingebracht werden soll – … aus diesem Grund führt das Ermatten der Lebensgeister und das Abnehmen der Lebenskräfte und die Bedrohung der Lebensperspektiven Paulus nicht etwas zu Resignation und Verzweiflung:

… Alles einfach liegen zu lassen oder gar wegzuwerfen, wäre nur dann denkbar, wenn dann alles vorbei wäre. … Weil aber alles, was Menschen trifft und betrifft, Gott angeht und endlich bei Gott in das große Schauen, Staunen und Bleiben, das wir Ewigkeit nennen, eingehen wird, darum kann es sich nicht darum handeln, kurzen Prozess zu machen oder Lebensläufe abzubrechen, Lebenswege abzukürzen, wenn sie mühsam, bitter, unsicher werden.

Schließlich wird sich ja alles in Gottes Fülle einfügen, was wir hier getan, auch was wir gelitten, sogar, was wir verschuldet haben.

Wer davon also etwas aufgibt, wer auf Erfahrung - sei sie gut, sei sie schlecht - verzichtet, der mindert das, was einmal in die kommende Welt gehören und dort seine endgültige - dem Guten, dem Schlechten, dem Gesamten des Lebens entsprechende - Gestalt gewinnen soll.

Ungelebtes Leben ist also Raubbau an der Ewigkeit.

Unterlassenes Leben, vorzeitig abgebrochenes Leben, willkürlich verhindertes Leben ist alles Leben, das der großen Offenbarung, das dem Sieg des Lebens über den Tod einst fehlen wird, obwohl es auch dort hingehört hätte. ———

Heute, am Volkstrauertag steht uns die Menge der vor der Zeit abgebrochenen Lebensgebäude, steht uns die Trümmerlandschaft vor Augen, die aus Millionen von unfertigen, sinnlos zerstörten Biographien besteht. Millionen von Menschen konnten Gott keine satten Erfahrungen, nichts Zuende-Gelebtes bringen, sondern nur Fragmente, nur Ansätze von Erlebtem und vertane Möglichkeiten.

Um diese Last Gottes – das viele Leid, das zu Ihm strömt, weil es nicht am Leben bleiben durfte – nicht zu vermehren, hat aber Paulus sich vorgenommen und uns vorgelebt, dass trotz allen Seufzens und trotz aller Hioberfahrungen das Weiterleben gesucht und gewagt werden soll. … Es wird seinen Sinn schon noch entfalten. Es wird an jenem Richterstuhl Christi, an jenem Thron des Zurechtbringens sich zeigen, wie Gott geehrt und wie Gott gedient werden kann mit dem, was noch an Kraft, an Zeit, an Willen und an Neugier bleibt.

Dieser Trost aus dem Vertrauen, dass uns der Lebenssinn nicht hier aufgehen muss, sondern dort geschenkt werden soll, hat Paulus zum Dienst und Durchhalten verholfen und wird uns ähnliches gewähren.

Wie müde wir auch sein mögen und wie schwer es auch fallen mag, uns der Ungewissheit der Zukunft zu stellen: Wir dürfen und wir können leben in solchem Blick auf unser Ziel bei Christus … und weil wir’s dürfen und können, darum sollen wir’s auch.

Denn Christus, der Lebendige ist Grund und Sinn all unseres Erlebens: Hier in der Ferne und einst, wenn wir daheim bei ihm sein werden.

Darum – im Glauben hier, wie im Schauen dort – gilt: Leben wir, so leben wir dem Herrn. Sterben wir, so sterben wir dem Herrn. …Denn wir leben oder sterben: Wir sind des Herrn! (Rö14,8)

Amen.    

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