13.S.n.Tr., 29.08.2021, Die sieben "Ich-bin"-Worte Jesu, Mutterhauskirche, Ulrike Heimann

Text/Thema: Die sieben „Ich-Bin-Worte" des johanneischen Jesus als Weg-Worte für seine Nachfolger*innen


Auf einen Weg möchte ich Sie, liebe Schwestern und Brüder, heute morgen mitnehmen, auf einen Weg, der uns vermitteln kann, was der Sinn unseres Lebens ist. Als Wegweiser dienen uns dabei die sieben „Ich-Bin-Worte" aus dem Johannesevangelium. Der Evangelist hat sie Jesus in den Mund gelegt, weil nur er sie so aussprechen konnte, dass sie Worte des Lebens blieben, Weg-Worte für alle Menschen bis heute - ermutigend und verheißungsvoll, Worte, um das Reich Gottes Gestalt werden zu lassen. In diesen Worten meldet sich nämlich der kosmische Christus zu Wort, dem Jesus von Nazareth wie kaum ein anderer seither nicht nur seine Stimme, sondern sein ganzes Leben zur Verfügung gestellt hat. Deshalb ist es auch angemessen, die sieben „Ich-Bin-Worte" einzuleiten mit „der Christus Jesus spricht". In sieben Bildern beschreibt Johannes, wer Jesus ist und was aus den Menschen wird oder werden soll, die ihren Weg mit ihm gehen. Sieben Bilder, die wir mit dem Herzen betrachten wollen.

Das erste Bild ist das Licht. Christus Jesus spricht: „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben." (Joh.8,12) Wer mir nachfolgt, das heißt: wer meinen Glauben teilt, wer wie ich aus dem Vertrauen in Gottes Liebe lebt, der hat das Licht des Lebens, in dem leuchtet dasselbe Licht, das mein Sein und Wesen leuchten lässt. Dem entspricht das Wort, das Matthäus von Jesus in der Bergpredigt überliefert: „Ihr seid das Licht der Welt." (Mt.5,14)
Der Christus Jesus spricht uns also die erstaunliche Berufung zu, wir seien selbst zu Lichtern der Welt bestimmt. Er lenkt damit unseren Blick nach innen: dorthin, wo sich zwischen Gott und unserer Seele entscheidet, wer wir selbst sind und immer mehr werden sollen.
Dass er dieses große Wort zugleich über sich selbst und uns Menschen sagt, ist entscheidend, denn er sagt damit: Ihr lebt nicht in einer nachtschwarzen Welt. Da ist Licht. Gott ist Licht. Er ist es, der alles am Anfang schuf. In mir leuchtet dieses Licht. Ich bringe es. Ich zeige es. Ich stehe dafür ein.
Lasst dieses Licht, das in euch genauso ist wie in mir, nun auch aus euch heraus in die Welt scheinen. Macht die alltäglichen Finsternisse, die sich immer wieder auftun in eurem Leben und im Leben eurer Mitmenschen, heller. Jede Nacht endet in einem neuen Morgen, so ist es seit dem ersten Tag der Schöpfung.
Da eröffnet sich ein freier Blick in die Zukunft. Nicht wir haben das Licht angezündet und hüten es, sondern der, der am Anfang gesagt hat: Es werde Licht.
Ich bin das Licht der Welt, solange ich in der Welt bin, sagte der Christus Jesus. Und wir sind es mit ihm und sollen es sein, solange wir in der Welt sind. Und dann - sind wir wieder vereint - bei Gott, der das Licht ist.

(Lied/Musik)

Brot des Lebens werden - das zweite Bild-Wort. Johannes lässt es den Christus Jesus auf der Höhe des Golan sprechen. 5000 Menschen sind zuvor von ihm gespeist worden. Sie spüren: dieser Jesus könnte auch ihren großen Hunger stillen, ihren Lebens-Hunger, ihren Hunger nach Lebenssinn. Und so hören sie es vom Christus Jesus: „Müht euch nicht um Speise, die vergänglich ist, sondern um Speise, die da bleibt zum ewigen Leben. ...Mein Vater gibt euch das wahre Brot vom Himmel. Gottes Brot kommt vom Himmel und gibt der Welt das Leben. Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern. Wer zu mir kommt, den werde ich nicht vom Tisch weisen." (Joh.6,27.32f.35.37)
Brot vom Himmel für das Leben der Welt.
Brot von Gott - ausgeteilt unter die Menschen, Brot für alle.
Brot des Lebens - Worte des Lebens - empfangen von Gott, weitergegeben vom Christus Jesus mit Herzen, Mund und Händen. Und nun - sind wir dran: wir alle, die wir Wort und Brot des Lebens empfangen haben, sollen es weitergeben. Oder haben wir etwa nichts mehr zu sagen in einer Welt, wo Menschen an ihrer und anderer Menschen Sprachlosigkeit zugrunde gehen? Haben wir nichts mehr mit-zu-teilen? Wächst kein Brot mehr in uns? In wem Christus, der das Universum erfüllt, lebendig ist, dem wächst das Brot zu, das die nächsten Hände brauchen. Er oder sie wird im Weitergeben wie Jesus selbst zu Brot des Lebens.

Der Weinstock und die Reben. Am Abend vor seiner Verhaftung spricht der Christus Jesus von dem lebendigen, schöpferischen Geist, den er senden will, und sagt: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht." (Joh.15,5) Er meint damit: Fragt ihr euch, was bei eurem Leben und all eurer Bemühung am Ende herauskommt? Ein Ertrag sollte es doch wohl sein: Frucht. Dann aber muss der Saft und die Kraft irgendwo herkommen, aus dem die Reben ihre Früchte ziehen. Ich bin der Weinstock. Was ist es denn, das ich euch gebe? Es ist Geist - Geist aus Gott. Alles Lebendige kommt aus ihm und von ihm, denn er ist die Kraft in allen Dingen und die bewegende Energie in allem, was lebt. Gottes Geist ist der Anfang alles Neuen, das auf dieser Erde geschieht, und der Anfang der Zuversicht auch in unserer Zeit, wenn es immer schwerer wird, nicht den Mut zu verlieren. Ja, dieses Vertrauen, diesen Glauben hat uns der Christus Jesus gelehrt: es kann gegen alle Erfahrung und gegen jeden Augenschein etwas Neues, Reifendes eintreten, weil Gott mit seinem Geist, weil der kosmische Christus mit seiner Kraft in uns und unter uns am Werk ist.
Die geistige Welt ist offen. Nimm also die Kraft an, die dir entgegenkommt. Sie verändert dich und wird dich am Ende staunen lassen, was dir möglich ist, welche Früchte sie durch dich bringt. Bleib am Weinstock, mach dich fest in demselben Vertrauen, das den Christus Jesus erfüllte und feiere das Fest, von dem Jesus wie von einer Hochzeit spricht. „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben, vielmehr: ihr seid Wein." Schenken wir unseren Glauben aus wie den Wein auf einem Fest.

(Lied/Musik)
Wenn Angst uns erfasst, dann halten sich Menschen seit Jahrtausenden am 23.Psalm fest: Der Herr ist mein Hirte.
So ist es kein Zufall, dass Johannes den Christus Jesus die Worte sagen lässt: „Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte setzt sein Leben ein für die Schafe." (Joh.10,11)
Nein, mit einem Schaf wollen wir nun gerade nicht verglichen werden, dass gehorsam und unselbständig hinter seinem Hirten herläuft. Allenfalls in Notlagen, da ist es schon ganz schön, wenn man wie aus einem Gestrüpp herausgeholt wird, verteidigt wird, wenn andere über einen herfallen, auf den richtigen Weg gebracht wird, wenn man die Orientierung verloren hat. Dann hat man nichts gegen das Behütetwerden, dann lässt man sich gerne vom Stecken und Stab des Hirten leiten, dann folgt man sogar seinem Rufen. Aber sonst ...
Doch keine Angst, es ist das Bild vom Hirten, das unsere Aufmerksamkeit haben möchte. So sehr Jesus uns hier als guter Hirte vorgestellt wird, so will er doch nicht der einzige gute Hirte in dieser Welt sein. Auch hier ergeht an uns die Anrede: seid ihr die Hirten, gute Hirten. Kümmert euch um alle Mitmenschen, die sich in diesen verwirrenden Zeiten verrannt und verlaufen haben. Geht ihnen nach und sucht sie. Verbindet ihre Wunden und bringt sie in die Gemeinschaft zurück, ertragt sie, auch wenn es manchmal schwer ist. Auch für sie lässt Gott, der große Hirte unseres Lebens, das frische Wasser quellen und grünes Gras sprießen. Seid euren Menschengeschwistern gute Hirten, behütet die Schwachen und setzt euer Leben ein für ein gutes Miteinander. Widersteht allen, denen es nur um ihren eigenen Profit, um ihren Erfolg zu tun ist. Ein guter Hirte sein, das bedeutet, bedroht und zugleich beschützend zu leben. Wie der Christus Jesus. Doch so bringen wir Gott zu den Menschen, sind wir Ebenbilder des großen Hirten und Hüter des Lebens.

Ein fünftes Wort-Bild, mit dem der Christus Jesus zugleich über Gott, über sich selbst und über das Dasein des Menschen spricht, lautet: „Ich bin die Tür; wenn jemand durch mich hineingeht, wird er glücklich werden und wird ein und aus gehen und erfülltes Leben haben." (Joh.10,9)
Wer durch mich zu den Menschen geht, der kommt im Frieden, ein Botschafter der Güte und Freundlichkeit Gottes. Wer in meinem Namen kommt, der nimmt Lasten ab und legt niemanden in Ketten, denn ich bringe die Freiheit. Ich bin die Tür. Der Christus Jesus sagt mit diesem Bild: Das Leben ist keine Sackgasse und auch kein Gefängnis, sondern ein offener Raum zu einem gemeinsamen Leben und grenzenlosem Begegnen. Es ist ein offener Weg in die Freiheit. Die Zukunft ist keine dunkle Wand, gegen die man anrennt und die einen scheitern und verzweifeln lässt, sondern eine Tür. Ich bin die Tür. Und immer dort, wo sich eine Tür schließt, öffnet sich eine andere. Christus ist die Tür und führt durch die Türen.
Und auch hier sollen wir es hören: Seid auch ihr Türen.
Versperrt euch nicht. Lasst ein, was kommen will.
Tretet heraus aus euren Vorstellungen und Ansichten
und begegnet dem, was vorbeikommt. Lernt Neues kennen, lernt Fremdes kennen. Lasst euch überraschen;
entdeckt den Christus, der in allem gegenwärtig ist.

(Lied/Musik)
Das sechste Ich-Bin-Wort spricht Jesus am Grab seines Freundes Lazarus: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer mir vertraut, der wird leben, auch wenn er jetzt stirbt, und wer lebt und mir vertraut, wird in Ewigkeit nicht sterben." (Joh.11,25f)
Das Leben, das uns von Gott geschenkt ist, das ist nicht begrenzt von Zeit und Raum. Geboren werden und Sterben gehören zu uns als Kinder der Erde. Aber wir sind nicht nur Kinder der Erde, sondern auch Söhne und Töchter Gottes, geboren aus Geist. Und als solche gehören wir mit unserer ganzen Existenz zur Fülle des göttlichen Lebens, ist unsere Zeit von Gottes Ewigkeit umschlossen. An Jesus kann uns das deutlich werden. Ich bin die Auferstehung und das Leben. Vertraue mir, sieh Leben und Sterben mit meinen Augen an, dann siehst du: Sterben ist Übergang von einem Leben in ein anderes, ist Heimgang zu unserem himmlischen Vater. Gott ist das Leben und Gott ist Geist. Und wir sind Geist von ihm und leben mit Christus in ihm als Geschöpfe und Kinder seiner Liebe. Wer nur Sterben und Tod sieht, der sieht nur den kleineren Teil der Wirklichkeit, des großen Ganzen, das Gott ist. Die Welt ist tiefer und geheimnisvoller, als der meint, der nur das große Totenfeld sieht. Der Geist Gottes schafft neues Leben ohne Unterlass. Wir gehen durch diese Welt und „üben" Auferstehung mitten im Leben, sehen zu, immer christusförmiger zu werden, immer mehr wie Söhne und Töchter Gottes zu leben. So nehmen wir Teil an der neuen Schöpfung schon hier und jetzt und werden den ganzen Christus anziehen, eintauchen in das neue Leben im Augenblick unseres Todes.
Das letzte Ich-Bin-Wort lässt Johannes Jesus am Abend vor seiner Verhaftung sagen: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben." (Joh.14,6) Jesus weiß, dass sein Abschied von dieser Erde bevorsteht, dass sein Weg in dieser Zeit zu Ende ist und er zum Vater heimgeht. Davon spricht er zu seinen Jüngern. Seid nicht bedrückt, wenn geschieht, was geschehen muss. Ihr kennt euren Weg, denn ihr kennt meinen Weg. Doch die Jünger stehen ratlos da und einer antwortet: wir wissen nicht, wohin du gehst. Wie sollen wir den Weg wissen? Da antwortet Jesus: Ich bin der Weg. Wenn du mein Reden und Handeln, mein Leben nicht aus den Augen und aus dem Sinn verlierst, wenn ich dir so gegenwärtig bleibe in deinem Herzen, dann wirst du wissen, welchen Weg du gehen musst. Und dann wirst du auch herausfinden, was für dich wichtig ist und zählt, dann wirst du dich nicht täuschen lassen, nicht blenden lassen von Ruhm, Reichtum und Macht. Dann wirst du ein Gespür dafür haben, was wahr ist und richtig und gut. Dann wirst du Anteil haben wie ich an dem Leben, das Gott ist. Unser Weg ist zunehmendes Leben: ein Weg der Wandlung in ein immer lebendigeres Abbild von Gott.

Was also ist der Sinn unseres Lebens? Wohin geht die Reise?
Liebe Schwestern und Brüder, wir alle werden nicht weniger sein als das, was der Christus Jesus über sich selbst sagt:
Wir - das Licht. Wir - das Brot. Wir - der Wein.
Wir - die Hirten. Wir - die Tür. Wir - die Auferstehenden. Wir - der Weg. Und dabei finden wir Wahrheit und Leben. Wir finden den Sinn unseres Daseins: die Wandlung in das Bild, das Gott von uns hat.
Selbst wenn nur eines der sieben Wortbilder uns im Herzen berührt, sind wir eingeladen, mit diesem Wort unseren Weg zu gehen. So kann in uns das Vertrauen und die Zuversicht wachsen, dass die Zukunft offen ist und dass Gott mit uns unterwegs ist, schöpferisch und befreiend in Zeit und Ewigkeit.
Amen.

 

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