1.So.n.Trin., 06.06.2021, Stadtkirche, Jona 1 und 2 i.A., Jonas Marquardt

Predigt Kaiserswerth 1.n.Trin. 6.VI.2021                                                                                                             

                Jona 1 + 2 i.A.

Liebe Gemeinde!

Wenn man heißt wie ich, und wenn man das Drehbuch spätestens seit dem Kindergottesdienst kennt, … dann will man anders sein!

Dass man Gott nicht einfach davonlaufen kann, dass es nicht möglich ist, Ihn abzuschütteln, Ihn auszuklammern oder zu vergessen, das ist eine Gewissheit für die Jonas dieser Welt, die nicht ganz zufällig so heißen. … Seinerzeit habe ich es natürlich auch einmal versucht. Es war - Gott Lob! - nicht möglich.

Und seitdem versuche ich es – um eine altbekannte Geschichte nicht unnötig zu wiederholen – mit dem Gegenteil: Ihm stillzuhalten, Der Seinen Weg sowie-so mit mir und mit jedem Menschen geht … geradeaus oder auf riesigen Umwegen, rückwärts, im Looping, durch Sprünge, durch Stürze und Fälle, durch Heidenlärm und Katastrophen, durch Wunder und durch stete Tropfen.

Gott geht alle unsere Wege, weil kein Weg nicht Sein Weg sein wird.

Darum versuche ich, nicht auszureißen … auch wenn es einem Ungeduldigen, der immer schon zu ahnen und oft dann auch zu fürchten meint, was logisch folgt, schwerfällt. … Dennoch ein Leben im Versuch, nichts vorwegzunehmen und nichts zu vermeiden. Sondern die Stärke zu finden, die uns im Stillesein und Hoffen versprochen ist (vgl. Jes30,15). Ein Leben, das nach dem Wort eines der Lehrer der großen Schule der französischen Frömmigkeit das „Sakrament des Augenblicks“[i] in Ehrfurcht begeht: Nur gerade jetzt vollständig auf Gottes Führung zu vertrauen, nur gerade im Moment nichts anderes zu wollen, als Gott will. Nicht große Pläne schmieden, nicht die Zukunft bis in ihr letztes Derivat beleihen, nicht durch dreisten Sprung in die schillernde Seifenblase des Spekulativen das versäumen, was vor dem Dickebackenmachen und Aufpusten - und Zerplatzen! - ganz schlicht noch zu tun und abzuwarten bleibt. ……. So könnte Jonas die Geschichte Jonas abkürzend erledigen:

Dranbleiben, Mutfassen, Aushalten, statt nach Spanien zu fahren (denn tatsächlich schifft der Fluchtprophet sich ja in Richtung Tarsis ein … was mindestens in Richtung Balearen weist und vielleicht noch über Gibraltar hinaus). Oder gleich lieber Samuel sein: „Rede, HERR, denn dein Knecht hört“ (1.Sam.3,10) oder Jesaja: „Hier bin ich, HERR, sende mich!“ (Jes.6,8)

Auf jeden Fall aus Jonas Fall lernen, dass unsere eigensinnigen Ausweichmanöver und unsere illusionären Kreuzfahrten dem Lieferservice Gottes die Tour nicht vermasseln: Er bringt unsere Sendung, unsere Mission schon dahin, wo sie ankommen sollte, und ebenso zuverlässig dirigiert Er auch uns schließlich in die Richtung, wo unsre Bestimmung liegt. … Und wenn wir dabei die Welt kennenlernen oder die Unterwelt, … nun: Reisen bildet! ——

Die eigentliche Schwierigkeit ist allerdings ja gar nicht das Abenteuer, sondern das Ziel!

Denn am Ziel, in der furchterregend großen Stadt Ninive … da liegt die Überforderung, da wartet die Enttäuschung. Nicht dass dieser Moloch, dieses frühe Zivilisationszentrum logischerweise auch ein Sammelbecken des Lasters, der Brutalität, des Mangels und der Süchte ist, dessen betörendes Glitzern und erstickende Slums einem provinziellen Judäer die Sprache verschlagen können, führt allerdings zur furchtbaren Ernüchterung des Bußpredigers wider Willen. Das Sträuben und die Verbitterung, die Jona beim Gelingen seiner Mission zum Scheitern verurteilen, haben eine andere Wurzel. Ihm ist das Ziel zuwider, zu dem ihn Gott geführt hat: … Die Gnade. ——

Und weil das wohl kein paradoxer Einzelfall ist, fangen wir noch einmal von vorne an. Nicht mit einer Deutung der Jonageschichte, die unsere einzelnen zögerlichen oder zuversichtlichen Hin-und-Weg-Geschichten auf der Lebensreise zu Gottes Halt und Hafen betrachtet, sondern so als spiegele sich in Jona, dem Einzelnen die gemeinschaftliche Ausrichtung unserer Menschheitsmission.

So hat man in Israel das Seeleutegarn mit dem märchenhaften Unterwasserton schon früh verstanden: Nicht als etwas nach Art der Odyssee oder einer haarsträubenden Münchhausen-Anekdote, sondern als Allegorie der Sendung, der Sturheit, der Schiffbrüche, der Totenreichs- und Auferstehungserfahrungen ganz Israels. … Sie sollten als Seine Zeugen in eine Richtung ziehen, die Gott ihnen wies, und strebten so oft und so fatal in eine andere. Sie versanken in den Strudeln ihres Sträubens und hatten wahrhaftig den Abgrund vor Augen: So sehr, dass das Gebet aus dem Bauch des Ungeheuers bloß wie der 151.Psalm, wie ein zusätzliches Blatt aus dem Gebetbuch des auserwählten Volkes klingt – ein Gebet der selbstgewählten Entfernung von Gott und des gottgewählten Nichtversinkens. Auf solchen Umwegen ist Israel in seinem Zeugendient immer wieder – wie der symbolische Ausreißer und Wegtaucher Jona – dort gelandet, wo es zu seinem Stutzen, ja Entsetzen Heiden erreichte und erweichte.

… Die Erfolge aber, die Israel erzielte, die ethische und religiöse Ausstrahlungskraft, die es in der Antike schon erlangte und die durch die Gemeinde Jesu Christi die ganze Welt mit der Umkehrmöglichkeit der Taufe, mit dem Proselytenglauben, den wir Christentum nennen, durchdrang, haben das jüdische Volk indessen - wie den Propheten Jona - nicht froh werden lassen. Vor allem, weil die Heiden, die durch Israels Zeugnis in den Kulturraum der Zehn Gebote und des priesterlichen Schöpfungsglaubens, der mosaischen Freiheitsverheißung und der prophetischen Weltvollendungshoffnung auf der Grundlage der Tora eintraten, so unnachgiebig niederträchtig mit den lebendigen Boten Gottes in ihrer Mitte verfuhren. …

Aber Israel wurde des erfolgreich unter die Völker gebrachten Segens auch deshalb nicht froh, weil es wirklich so etwas wie eine Enttäuschung durch die Gnade gibt.  

Die Großzügigkeit, die die Ersten wie die Letzten behandelt und Verspätung wie Pünktlichkeit belohnt, … die erhabene Güte, die nichts Kleinliches und also auch nichts Logisches kennt, weil vor ihrem Maßstab alles begrenzte Irdische schlicht die selbe Himmelweite der Liebe verdient, … diese unvergleichlichen Züge Gottes, Der gut macht, was böse gedacht und eigentlich nicht zu retten war, stören aber nicht nur das Gerechtigkeitsempfinden in Israel.

Dass Gottes Ernst nicht von jener Qualität ist, die wir so gerne „todernst“ nennen, und dass Gottes Willen nicht per Dekret exekutiert, sondern durch eine phantastische Unterwanderung auch dann als erfüllt angerechnet wird, wenn Er selber es ist, Der Wollen und Vollbringen in den Menschen (vgl.Phil2,13!) wirkt, das irritiert die natürliche Buchhaltung ständig: Gottes Lieblinge sind gar nicht die Besten und Seine Verächter müssen Seinem Ruhm genauso dienen wie Seine Schmeichler. …… wo kommt man da bloß hin, wenn alles so gegen jede Zwangsläufigkeit auch über’s Gegenteil und nicht bloß prinzipiell erreicht wird???

Ist es da nicht besser, sich dem Chaos Gottes, Der alles immer umkehrt und aus Schuld Vergebung, aus Tod Leben macht, zu entziehen und sich wie Jona nach Mallorca abzusetzen?

… Genau das tut die Menschheit, tun wir. Wir setzen uns ab und werden es auch weiter tun. Die sinnlosen Fluchten über jedes Wochenende und auch die erholsamen Tarsisreisen weg von Gott und Welt nach Spanien oder in die Südsee, die Tauchreisen in die Unschuld des unverdorbenen Landlebens im tiefen Frankreich oder in die herrlichen Gegenwelten der Festspiele, der Kulturhauptstädte und der schweigenden Mauern der guten alten schönen Tage von Aranjuez, die Über’n-Teich-Ausflüge zum Bummeln nach New York und die billigen Kolonien am algigen Meer, wo man Ninive direkt hinterm Strand übersieht … alle unsere Jonageschichten des Nicht-Wollens und Nicht-Hörens, alle Geschichten unseres Anders-Meinens-als-Gott, unseres kläglichen Eigensinns: Sie gehen endlos weiter!

Gott wollte Ninive - die große Welt - retten. Wir dagegen sind bereit für Ninives Untergang.                     

Denn das ist doch unsere Lebenshaltung tatsächlich, wenn wir sie einmal ohne Selbstbetrug ansehen:  Ein Lebensstil der Todgeweihten. … Lass es krachen. Lass es scheitern. Lass sie veröden und verröcheln - die Erde und die Kreatur. Warum sollten wir es sein, die da Buße und Umkehr predigen? Warum sollten wir das Himmelfahrtskommando zur Rettung Ninives unternehmen, wenn wir doch in entgegengesetzter Richtung noch eine letzte Kreuzfahrt antreten könnten?

… Kreuz- oder Himmelfahrt: Flucht in den Abgrund oder Umkehr zur Gnade – das ist die Alternative, die uns winkt.

Wer sich – wie wir, die erkennen, was zur Umkehr diente und das Gegenteil versuchen – … wer sich gegen die Rettung Ninives, gegen die Umkehr der verkehrten Lebensrichtung entscheidet, entscheidet sich gegen die Gnade.

Das ist inzwischen meine klare Beobachtung. Seit ich denken kann, liegt über unserer Welt ausschließlich der Schatten der völligen Vernichtung, die allgemein als unabwendbar gepredigt wurde: Der Blick aus unserem Klassenzimmer in der Oberstufe – weil wir buchstäblich die höchste Etage des Gymnasiums erklommen hatten – ging über waldige Höhen, die von algebraischem oder grammatischem Kummer durchaus ablenken konnten. Aber getrübt wurde er von der unzweideutigen Erkenntnis: Alles das wird sterben, denn der saure Regen und das Zerreißen des Ozonschildes machen dem Leben den Garaus noch ehe der Kalte Krieg uns das Schullektüre-Schicksal der „letzten Kinder von Schewenborn“ beschert[ii]. So oder so: Ninive ist todgeweiht.

… Was also soll’s? … Die einen von uns wurden trübe Weltuntergangspropagandisten, die Mehrheit nutze die Gelegenheit der Endzeit, sorglos so zu handeln, dass jede mögliche und möglichst längst überflüssige Umweltsauereienselbstverständlichkeit auch zu ihrem Lebensstil wurde. Unser Verbrauch wuchs weiter, genauso wie unser „Was schert’s denn mich? Soll ich etwa nach Ninive gehen und mich lächerlich machen?“ …….   

Weil wir Angst hatten, weil wir Angst haben vor der Gnade! Der Gnade, die den Umkehrenden bevorsteht.

Diese Durchbrechung aller garantierten Untergangsprophetie, diese Störung unserer Gewöhnung an das Privileg der letzten Generation von Sicheren hat die reiche Welt, für die es eben gerade noch gut gehen wird, zu regelrechten Umkehrleugnern gemacht: Zu teuer, zu unwahrscheinlich, zu sinnlos, dass die gewaltige und darum träge Strömung auf den Abgrund zu und dann der tiefe Sog des Endes sich wenden lassen sollten.

Doch Christus hat längst das abschließende – vielmehr das alles aufreißende – Wort über unsern Umkehrunglauben, über unsere Gnadenangst gesprochen: „Dies Geschlecht ist ein böses Geschlecht; es fordert ein Zeichen, aber es wird ihm kein Zeichen gegeben werden, als nur das Zeichen des Jona!“ (Lk.11,29 u.a.)

Und eben das Zeichen des Jona ist ja nun wahrhaftig in seiner herausfordernden Unberechenbarkeit drastisch und aufwühlend für alle Generationen gegeben:

Der tiefste Punkt ist nicht das Ende! – Gott fischt uns aus der trübsten Flut, aus Todestiefen noch, um uns zu Zeugen Seiner Gnade zu machen. —

Und darum führt auch ihre Flucht vor der Verantwortung die Menschen, die Gott retten will, nur mitten in sie hinein: Die Ankunft am östlichen Ziel seiner Reise westwärts ist neben der Rettung durch die Kreatur der Unterwelt die zweite spektakuläre Außerkraftsetzung alles Pessimismus durch die zeichenhafte Jonageschichte. —

Die dritte Kraft des Jonazeichens ist aber zeigt sich darin, dass der Bote der Gnade selbst nicht wird glauben können, dass wirklich wird, was ihm doch unmöglich schien: Buße in Ninive, … Besinnung, Einsicht und Besserung einer Zivilisation auf dem Kurs der hoffnungslosen Selbstzerstörung. Jona, der Gerettete kann nicht fassen, wie unfassbar Gott die unverbesserlichen, eingefleischten und verstockten Sünder retten kann. —

Genau so aber, und nicht anders ist Gottes Gnade, … das Zeichen des Jona: Sie rettet grundlos, sie wendet wirklich und sie gilt umfassend.  ———

Diese Lehre trifft aber nun auch uns, die wir im Unterbewussten allzu ungerührt voraussetzen, dass sich am Lauf dieser Welt, an ihren stürmisch sich steigernden Krisen nichts mehr ändern lasse und wir folglich auch nichts unternehmen könnten.

Zur lebhaften Enttäuschung aller todsicheren Unheilsprognosen, zur Erschütterung aller zementierten Tat- und Traumlosigkeit der erst ignoranten und dann resignierten Mehrheit ist uns das Zeichen des Jona gegeben, das zeigt:

Nicht der Untergang, sondern die Gnade steht fest!

Alles kann und darf gehofft werden, weil allen und allem ja Umkehr möglich ist!

Nur an der Wahrheit, ja an der Gewissheit dieser unglaublichen Gnade, dass alles zu retten ist, sollen wir nicht zweifeln. —

Das ist das Sakrament des Augenblicks, der unserer Generation gegeben ist: Dass wir die Stunde, in der wir stehen und in die wir gesandt sind, nutzen, um anders als Jona zu wirken:

Mit der Rettung vor Augen, … bereit, alles Verhängnis sich in Veränderung wandeln zu sehen, … eine Veränderung, die die verblüffende Gnade des großzügigsten Gottes gegen allen Fatalismus der Welt ermöglicht.

„Die sich halten an das Nichtige, verlassen ihre Gnade …“, so hat es Jona am Tiefpunkt seines Weges erkannt.

Wir aber, das Geschlecht, das diesen Augenblick, diese politisch, wirtschaftlich, technisch und ökologisch weltwendenden Jahre erlebt, sollen umgekehrt, sollen aus der Umkehr leben: Das Nichtige verlassen und uns halten an die Gnade!

Amen.



[i] Jean-Pierre de Caussade spricht vom „Sakrament des gegenwärtigen Augenblicks“ in seiner berühmten Anleitung zur Überlassung an den Willen Gottes („L’Abandon à la providence divine“), die auf Deutsch am besten greifbar ist als: Jean-Pierre de Caussade, Hingabe an Gottes Vorsehung (Licht vom Licht  - Eine Sammlung geistlicher Texte Neue Folge VII), hgg, v. X. von Hornstein und M.Roesle, Einsiedeln-Zürich-Köln, 1956.

[ii] Auch das war eine Form der Pädagogik der Angst, dass man Gudrun Pausewangs (Anti-)Atomkriegs-Kinderbuch (sic!) von 1983 – „Die letzten Kinder von Schewenborn oder ……. sieht so unsere Zukunft aus?“ mit einem Todernst lesen ließ, der das Fragezeichen des Titels programmatisch entkräftete.

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