Pfingstsonntag, 31.05.2020, 2.Tim.,1,7, Jonakirche, Daniel Kaufmann

„Gott hat uns nicht gegeben einen Geist der Furcht, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.“ (2. Timotheus 1,7)

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

Wir Deutschen sind in den letzten 80 Jahren 4 x Weltmeister im Fußball gewesen. Das ist schon was, aber nichts im Vergleich zu einer Weltmeisterschaft, in der wir Deutsche als absoluter Serien- und Abonnement-Weltmeister gelten. Die Disziplin, um die es dabei geht, ist nicht olympisch und findet sich auch sonst in keinem Guinessbuch der Rekorde. Allerdings ist sie im Bewusstsein aller Deutschen verankert. Und in allen anderen Ländern ist sie zu einem stehenden Begriff geworden.

Die Rede ist von der „Deutschen Angst“, die „German Angst“ hat sich weltweit als Markenzeichen durchgesetzt. Sie bezeichnet eine Denkweise, die dem Leben und seinen Herausforderungen mit einer großen Portion Skepsis und mit sehr viel Vorsicht begegnet. Und dem Wissen, dass alle Sicherheiten sich als trügerisch erweisen könnten und von jetzt auf gleich in Frage stehen können. Diese „German Angst“ ist oder soll doch zumindest etwas zutiefst Deutsches sein, wie man an kompetenter Stelle nachlesen kann. Sie verdankt sich der Katastrophenerfahrung des zweiten Weltkrieges und der Stunde Null danach, in der nichts sicher und gewiss war und niemand sich auch nur ansatzweise ein halbwegs positives Bild von der Zukunft machen konnte. Diese „German Angst“ ist uns nun schon 75 Jahre ein treuer und keineswegs langweiliger Begleiter. Denn sie verändert ihr Gesicht ständig und immer so, dass sie den Stoff für neue, ernstzunehmende und getrübte Wahrnehmungen bereithält.

Einer, der es genauer wissen wollte, ein gewisser Frank Biess, hat diesem Phänomen sogar ein ganzes Buch gewidmet: „Republik der Angst“ heißt das über 600 Seiten starke Buch, dass die politische und gesellschaftliche Geschichte der BRD auf der Folie dieser ganz besonderen Gemütsverfassung beschreibt. Die darin markierten Angstzyklen beginnen mit der Angst vor Vergeltung nach dem Krieg, direkt gefolgt von der Sorge, dass alle noch vorhandenen jungen Männer mehr oder weniger unfreiwillig in die Fremdenlegion rekrutiert würden. Es folgte die Angst vor einer weiteren katastrophalen militärischen Auseinandersetzung zu Zeiten des Kalten Krieges. Dann meldete sich Ende der 50-iger Jahre verstärkt die Angst vor Arbeitslosigkeit, dann kam die Angst vor einem autoritären Staat in den 60-iger Jahren. Die unzufriedene Jugend, die 68-iger gingen unter anderem deshalb auf die Straßen. Dann kam der Terror von Links durch die RAF. Die Sorge vor einem Atombombenkrieg ist mir noch von meiner eigenen Zeit bei der Bundeswehr Anfang der 80-iger Jahre in guter Erinnerung. Zeitgleich fürchtete man den Kollaps der Natur, der Club of Rome hatte schon länger durchblicken lassen, dass unser Wirtschaften ruinös für die Ressourcen dieser Erde ist. Dann kam zu Anfang des neuen Jahrtausends die zunehmende Angst vor dem Terror fundamentalistischer Islamisten. Dann die Angst vor dem Euro, vor dem Verlust des Ersparten in der Finanzkrise, schließlich die Angst vor den Flüchtlingen aus aller Welt, begleitet von der Angst der Wut- und Sorgenbürger mit und ohne rechten Hintergründen. Letztes Jahr wünschte sich Greta Thunberg, dass die Menschen angesichts der Klimakatastrophe in Panik geraten mögen. Zumindest Letzteres ist in den letzten Monaten eingetreten, wenn auch nicht wegen den verheerenden Veränderungen beim Klima, sondern wegen Corona.

Diese Fähigkeit, sämtliche Phänomene des Lebens mit Verlust, gestörtem Genuss, verkürzten oder auch verdorbenem Spaß, Lebensgefahr, Haar in der Suppe und apokalyptischen Weltuntergangsszenarien zu verbinden ist allerdings kein rein deutsches Phänomen. Es findet sich in den Grunderzählungen der Menschheit weltweit wieder. Die Bestsellerautorin und Philosophin Martha Nussbaum hat in einem vielbeachteten Buch („Königreich der Angst“) diese Angst in den zutiefst beunruhigenden Ausgeliefert- und Angewiesenheitserfahrungen aller Menschen in der frühen Kindheit ausgemacht. Jedes Baby erlebt sich in den ersten Tagen, Wochen und Monaten des Lebens als extrem hilflos, ausgeliefert und angewiesen auf Hilfe von außen. Damit verbunden ist das Grundgefühl der Verlorenheit und Abhängigkeit von Dingen oder Menschen, die man nicht beeinflussen oder kontrollieren kann. Diese „Traumata“ der frühen Kindheit gehören zu den Grunderfahrungen des Lebens, die von den Menschen auf sehr unterschiedliche Weise bewältigt, kompensiert und verarbeitet werden. Möglich also, dass wir Deutschen mit unserer „German Angst“ nicht ganz so exklusiv sind wie zuweilen behauptet. Die Intensität, mit der wir Deutschen diesem Phänomen immer wieder Raum geben, scheint indes doch nicht nur vom Himmel gefallen zu sein.

Heute, am Pfingstfest, wird eine Geschichte erzählt und zu Gehör gebracht, die dieser Angst, hoffentlich auch der „German Angst“ grundsätzlich und sehr rigoros zu Leibe rückt. „Gott hat uns nicht gegeben einen Geist der Furcht, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit. Schreibt der Apostel Paulus in seinem 2. Brief an Timotheus, Kapitel 1, Vers 7. Wenn Pfingsten einen Ehrenplatz im Festkalender der Kirchen verdient, dann weil es in einer ungemein zupackenden Weise der Angst und Furcht den Kampf ansagt. Und die Menschen an das erinnert, was gegen diese Angst und diese Furcht Abhilfe schaffen kann.

Der Heilige Geist ist hier Gold wert, hören wir. Konkret sind es 3 Eigenschaften des Heiligen Geistes, die helfen. 1. Der Heilige Geist ist ein Geist der Kraft. Im Griechischen steht das Wort „Dynamis“, das wir auch aus dem eingedeutschten Wort „Dynamik“ kennen. Gemeint ist jene Kraft, die dem Leben Ziel und Richtung, Energie und Ausdauer, im wahrsten Sinne des Wortes Power gibt. Diese „Dynamis“ spielt in der Pfingstgeschichte eine entscheidende Rolle. Die ersten Jünger hatten zunächst alles dicht gemacht, sich verschanzt hinter Schloss und Riegel. Es gab so eine Art Lockdown in Jerusalem. Und dann kam eben jener Geist der Kraft, der alles veränderte. Es folgten energische Schritte in die Öffentlichkeit. Zunächst noch auf Abstand, dann aber in einer Urgewalt, die ihresgleichen sucht. Nicht nur, dass da 3000 Menschen im wahrsten Sinne des Wortes begeistert waren, sich taufen ließen und ernsthaft beschlossen, ein neues Leben zu beginnen. Diese Kraft des Heiligen Geistes machte aus zögerlichen und zweifelnden Durchschnittsbürgern und Bedenkenträgern eine schlagfertige, unerschrockene Gruppe von Menschen, die nichts und niemanden fürchteten. „Wir müssen Gott mehr gehorchen als den Menschen“, sagten sie denen, die den Ton angaben und die meinten, mit Gefängnis, Folter und Drohungen Einfluss nehmen zu müssen. Dieses Konzept, sich auch gegen Unterdrückung und Einschüchterungsversuche gleich welcher Art zur Wehr zu setzen, bildete geradezu den Auftakt für eine beispiellose Verbreitung des Evangeliums rund um das ganze Mittelmeer. Und wenn man der einen oder anderen legendären Erzählung glauben darf auch bis nach Indien.

Es ist nicht so, dass die Apostel überall und jederzeit mit offenen Armen empfangen wurden. Die Listen von Repressalien und Zwangsmaßnahmen etwa bei einem Apostel Paulus sind beträchtlich und nicht ohne. Im 2. Kor. 11, 23ff. listet er auf: 5 mal 40 Streiche weniger einen bekommen, dreimal mit Ruten geschlagen, einmal gesteinigt, dreimal Schiffbruch erlitten, einen Tag und eine Nacht auf dem offenen Meer getrieben, ausgeliefert der Gefahr unter Räuber, missgünstigen Zeitgenossen, Wutbürgern, falschen und heuchlerischen Geschwistern, bedroht durch Hunger Durst, Frost und Kälte. Aber das alles hat Paulus und die anderen Apostel nicht davon abgehalten, das Evangelium, die frohe Botschaft von dem heruntergekommenen Gott in die ganze damalige Welt zu bringen. Und die Gewissheit und Zuversicht im Leben und Sterben allem Volk zu verkündigen. Diese von Gottes Geist erfüllten Männer und Frauen sind nicht müde geworden, bevor nicht auch Kaiserswerth und Lohausen erreicht wurde. Zugegebener Weise über den Umweg der iroschottischen Mönche - unsere Vorväter und Vormütter waren wohl keine ganz leichten Zuhörer - aber dann eben doch noch mit bleibenden und bis heute anhaltenden Wirkungen.

Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft. Und der Liebe, und damit bin ich bei einem zweiten Punkt: 2. Das beste und wirkungsvollste Gegenmittel gegen die Angst ist die Liebe Man kann zwar nicht allein von Luft und Liebe leben, aber ohne Luft geht’s auch nicht und ohne Liebe ist man lebendig tot. Die ersten Christen waren ein Herz und eine Seele (Apg. 4,32). Sie waren verbunden durch die Agape, die Liebe, die sie im Gottesdienst feierten und im Alltag der Welt lebten. Sie entdeckten in diesem Miteinander die Kraft des Lebens. Diese Agape, diese Liebe hat Erstaunliches bewegt. Die ersten Christen konnten sich plötzlich und ohne Wehmut von ihrem Besitz trennen. Die ansonsten immer wichtigen Statussymbole, Marken und beglaubigten Urkunden, Abzeichen, Orden und Belobigungsorgien spielten nicht mehr die erste Geige. In der Literatur ist diese grundsätzlich neue Haltung als „Liebeskommunismus“ eingegangen, mit der immer etwas tadelnden Nebenbemerkung, dass der schon bald am Ende war, genauer: bei der nächsten Inflation viele mittellose Gemeindeglieder zurückließ. Also, die erste Christengemeinschaft war da vermutlich noch etwas naiv unterwegs, hatte keine hartgesottenen Investmentbanker und schlitzohrigen Börsenspekulanten, die über welche Kanäle auch immer den Besitzstand zu mehren verstanden. Immerhin ließ sich die Urgemeinde auch von diesen äußeren materiellen Einschränkungen nicht davon abbringen, „Liebesmahle“ und Kommunion zu feiern: Das Gemeinsame, die Mitte, die sich in J.C. und seinem Geist mit Gott ergab. Festgeschrieben und im Gedächtnis blieb und bleibt aus dieser Zeit jedenfalls: Niemand ist eine Insel. Die Gemeinschaft ist nicht zur Dekoration da. Sie findet in der gelebten Liebe einen lebenswichtigen Ausdruck. Diese Agape-Gemeinschaft ist extrem systemrelevant - und durch keine wie auch immer geartete professionelle digitale und virtuelle Realität ersetzbar. Wir sind auf ein Du hin geschaffen. Und die Liebe ist der Kitt, die Verbindung, der Stoff, der die Angst, der jegliche Angst überwinden kann. Martha Nussbaum empfiehlt das in ihrem viel beachteten Buch „Königreich der Angst“ immer wieder. Die Liebe vermag am ehesten und am besten unsere Angst vor dem Ende von was auch immer zu überwinden. „Das Geheimnis der Liebe ist größer als das Geheimnis des Todes.“ Heißt es bei Oscar Wilde. „Nichts kann uns trennen von der Liebe Gottes“, hält der Apostel Paulus fest. (Römer 8) Denn die Liebe verbindet uns mit dem Leben schlechthin.

Der Geist von Pfingsten ist ein Geist der Kraft, der Liebe und, ein letztes: 3. Der Geist von Pfingsten ist ein Geist der Besonnenheit Das dürfte ein wenig überraschen: zu den bewegenden und verbindenden beiden ersten Eigenschaften kommt zur Ergänzung der Trias eine griechisch-römische Tugend, die „Sophrosyne“, lateinisch „modestia“, zu Deutsch: die Besonnenheit oder die Gelassenheit dazu. Jene Fähigkeit, die ja besonders unserer Bundeskanzlerin zugesprochen wird. Diese Besonnenheit ist nicht der Motor, auch nicht der klimatische Höhepunkt dieser Dreiheit, sondern markiert eher das Moment, das alles beieinander und aufeinander bezogen hält. Die Besonnenheit sorgt dafür, dass es einen respektablen Mittelweg zwischen Leisetreterei und Elefant im Porzellanladen gibt. Die ersten Christen haben das Evangelium nicht mit der Dampfhammermethode und nicht mit KO-Schlägen und auch nicht mit säuselnden und einschläfernden Narkotika verkündigt. Sondern in einem überzeugenden Maße mitreißend, ansteckend, so dass Pfingsten alle Menschen erreichen und sozusagen zu einer „Pandemie des Lebens“ werden konnte.

Von dieser pfingstlichen „Pandemie des Lebens“ brauchen wir zurzeit eine große Portion. Es braucht das Vertrauen in das Leben: Dass wir auch jenseits vom Lock und Shutdown leben können. Dass es jetzt nicht um „Rechthaben“ und „Alles richtig gemacht“ geht. Nicht um den Klassenprimus bei der Krisenbewältigung und die Goldmedaille bei der Corona- Olympiade. Die Versuchung ist groß und viele Gespräche haben hier auch eine entsprechende Schlagseite. Aber wenn diese Gesellschaft sich nicht in Grabenkrämpfe rechts, links und in der Mitte der alles beherrschenden Richtigkeiten verausgaben will, muss sie den Gemeinsinn in pfingstlicher Gemeinschaft neu einüben. Mit einer Besonnenheit, die das richtige Maß zwischen den durch allerlei Zweifel verminten Fakten, Fakes und Zahlenspielereien findet. Mit der Liebe, die im Nächsten wie bei der Geschichte vom barmherzigen Samariter den besten Umweg auf dem Weg zu einem tragfähigen Miteinander und damit auch zu Gott sieht. Und mit der Kraft, die ganz am Anfang von allem das Leben in Gang setzte und die mit ihrer schöpferischen Urgewalt auch unser Leben Stabilität und Dauer zu verleihen mag.

Möge Gott uns seinen Geist reichlich und in großer Fülle geben, den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit, der der Furcht und aller Angst eine Grenze setzt und dem Vertrauen ins Leben Raum gibt. Amen.


Fürbitten-Gebet

Barmherziger Gott

In unsere Welt voller Sorgen und Furcht Sende deinen Geist der Kraft und der Zuversicht

In unsere zerissene Welt voller Streit und Hass Sende deinen Geist der Liebe und des Vertrauens

In unsere Welt der übersteigerten Einseitigkeiten Sende deinen Geist der Besonnenheit und des Maßes

In unsere Welt der Rechthaberei Sende deinen Geist der Versöhnung

In unsere Welt der mutlosen Richtigkeiten Sende deinen Geist der mutigen Wahrheiten

In unsere Welt der Angst vor dem Unbekannten Sende deinen Geist der Gewissheit auf Leben

In unsere Welt der Verunsicherten und Zweifelnden Sende deinen Geist des Glaubens und der Verlässlichkeiten

In unsere Welt der halbguten Konfliktlösungen Sende deinen Geist der Weisheit und Einsicht

In unsere Welt des zu kurz Kommens und des Mangels Sende deinen Geist, der allen Menschen Leben in Fülle gibt

In unsere Welt der Verteilungsungerechtigkeiten Sende deinen Geist, der jedem das zum Leben Notwendige gibt

In unsere Welt der zahlreichen Fragwürdigkeiten Sende deinen Geist der gut belegten Eindeutigkeiten

In unsere Welt der unübersichtlichen Entscheidungsfindungen Lass uns deinem Geist vertrauen, der uns hoffnungslos zuversichtlich macht

In unsere Welt der Sprachlosigkeit Sende deinen Geist des Gebetes, der uns mit deinem Sohn sagen lässt: Vater unser im Himmel
Geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

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