1.Pfingsttag, 09.06.2019, Stadtkirche, Johannes 14,15-19.23b-27, Jonas Marquardt

Predigt Kaiserswerth Tag der Ausgießung des Heiligen Geistes - 9.VI.2019                                                      

                         Johannes 14,15-19.23b-27

Liebe Gemeinde!

Wir sind nicht allein. Das ist die Pfingstbotschaft.

Wir sind nicht allein. Es gibt keine „nachchristliche“ Zeit, keine „gottlose“ Menschheit, es gibt keine „materialistische“ Weltanschauung und Wirtschaftsordnung und auch keinen künstlichen, virtuellen „Geist“. Sie alle beruhen – mitsamt ihren gewaltigen Phantomschmerzen und weltweiten Manifestationen – auf Selbsttäuschung. Wenn sich der blanke Ungeist des Kapitals, die nackte Selbstherrlichkeit des homo sapiens, die Trostlosigkeit des aufgeklärten Affen, der Gott entlarvte als Etwas, das der Primat nicht braucht, auch noch so eingeigelt haben in ihrem rein stofflich-endlichen Universum …, so weht es trotzdem durch die Köpfe und die Lüfte und dringt mal hier, mal da, mal laut, mal sacht, mal sehnsüchtig, mal wild, mal heimlich, mal sanft, mal schrecklich in die leeren Organe und Zellen und Apparate – und sie halten es für einen Spuk, für eine Strahlung, eine Störung. …….

… Und doch merken sie: Wir sind nicht allein! ——

Unsere pfingstliche Sorge und Freude sind aber eine andere, als da, wo es der Welt unversehens widerfährt, beseelt, beansprucht und erfüllt zu werden.

Wir getauften Jünger und Jüngerinnen des Auferweckten müssen uns nur fragen, ob wir das Nicht-Allein-Sein, das doch unser größtes Geschenk ist, noch würdigen oder ob wir es nicht schmählich und gründlich vergessen.

… Das aber ist schon 1000 Jahre länger die Pfingstfrage im Volk Gottes, als die Kirche Pfingsten feiert.

Denn auch das Fest Israels, das 10 Tage nach Jesu Himmelfahrt so viele Menschen aus so vielen Sprachen und Völkern am Tempel des HERRN versammelt hatte, stellte vor diese entscheidende Frage: Schawuot, das biblische Wochenfest, das dem Passahfest der Befreiung folgt, ist ja dem Gedächtnis der Gabe des Gesetzes am Sinai gewidmet. Und dieses Geschenk der Torah, diese Mitteilung der heiligen und heilstiftenden Weisung Gottes ist in Israel immer wieder von der Gefahr der Gewohnheit, des alltäglichen Gedächtnisschwundes und damit des schleichenden Vergessens bedroht worden.

So wie die Kirche die gleiche Gnadengabe gegenwärtiger Gottesweisung immer und immer wieder erst für selbst-, dann für unverständlich und schließlich für vergangen hält. ——

So oft Israel also an der heiligen Torah des HERRn, die es selbst verwirklichen sollte, gesündigt hat, so oft hat die Kirche den Geist, der ihre Wirklichkeit heiligen wollte, verraten und verdrängt. …….

Weißt Du, Israel, was die Torah ist, die Dir auf Sinai, wo die Himmel troffen vor Gott (vgl.Ps.68,9), anvertraut wurde?

Weißt Du, Christenheit, was der Geist ist, der zu Schawuot, am Pfingsttag ausgegossen wurde über Dir? —

Torah und Geist, Geist und Gebot sind Gestalten der Lebensliebe, der gelebten Liebe, des zu lebenden Geliebtseins: „Liebt ihr mich, so werdet ihr meine Gebote halten“, spricht Christus.

Das ist die Grundlage für alles, was von Gott kommt und zu Ihm führt und von Ihm bei uns ist: Geist und Gebot und Liebe als die drei Weisen des einen Gottgehörens, Gottgehorchens, Gottgenügens. Dreifach Gott in unserm Leben und unser Leben dreifach in Gott gelebt. …

Wer das verspürt und versteht – dass da, wo die Liebe zu Jesus Christus uns ihm folgen, ihm ähnlich werden lässt in Gerechtigkeit und Glaube, dass da mitten in der Ethik und Praxis eines irdischen christlichen Lebens alles voller Trost und Glanz und Glück, alles voller Gott ist – … wer das verspürt und versteht, der erkennt die für andere so materialistische und gottverlassene und nachchristliche Welt erst richtig.

Denn den Geist der Wahrheit kann man eben nicht in der Blickverengung finden, die für diese Welt so typisch ist: Hier sieht man sich. Denkt für sich, sorgt für sich, entscheidet für sich … ob in Politik, Industrie oder Privatleben, ob in Wissenschaft oder Kunst: Sich selbst der Nächste zu sein, von sich selbst nicht absehen zu können, das ist das Thema und das Ziel, … ja, es ist die von selbst unüberwindliche Natur dieser Welt, in der jeder von uns grammatikalisch und logisch in sich die 1.Person (!) findet.

Wer’s für eine der miesepetrigen Übertreibungen der Kirche hält, dass der Mensch übermäßig selbstbezogen sei, der kann an Jesu Pfingstversprechen gleich die Probe machen.

Allerdings ausnahmsweise nicht anhand der Frage, ob wir genug für andere da sind, sondern an ihrer Umkehr: Empfinden wir es überhaupt noch, dass uns andere fehlen? Lassen wir – die starken, selbstbewussten, eigenverantwortlichen Subjekte, die wir sind – lassen wir es zu, andere zu brauchenoder halten wir es für unreif, auf fremden Rat und fremden Beistand, auf gutes Beispiel und gutes Zureden angewiesen zu sein?

Was ist also unser Bild von uns selber? Ist es nicht ziemlich genau in jenem befremdlichen Begriff des „Waisenkindes“ zusammengefasst? … Waisen sind solche, die von denen, die vor ihnen waren und für sie sein könnten, verlassen wurden und folglich mit sich selber vorlieb und für sich alleine anfangen müssen.

… Ist das aber nicht haarscharf das Bild, das die aufgeklärte Menschheit von sich selber pflegt: Da ist niemand, dem wir uns verdanken; wir sind unerklärlich einsam entstanden und so leitet unser Leben sich von nichts anderem her und führt folglich auch zu keinem andern Ziel, als der Selbstbehauptung und Selbstverherrlichung jenes urheberlos sinnfreien Zufalls, der wir sind.

… „Ich denke, also bin ich“: Die Abstammungsurkunde des modernen Menschen ist tatsächlich doch der trotzig-trostlose Urschrei eines metphysischen Findelkindes[i]. ——

Wie klar entgegengesetzt lautet nun aber das Pfingstversprechen Jesu „Ich will euch nicht als Waisen zurücklassen!“

In dieser Zusage, dass unser Dasein nicht in der verlorenen Selbstherrlichkeit des vermeintlich vorgängerlosen Waisenwesens bestehen soll, sondern eingebunden in das Geheimnis Gottes, Der Vater und Sohn, Schöpfer und Geschöpf, Ursprung und Hervorbringung ist; … in dieser Zusage, dass wir genauso wenig Waisen bleiben sollen wie Jesus Christus selber, den sein Vater auch im Tode nicht verließ, kommt an Pfingsten aber noch eine weitere Dimension hinzu: Nicht nur, dass Gott väterlich vor uns ist, sondern dass Er auch unsere Zukunft, unser Nachher sein wird.

Denn das Geheimnis Gottes, der nicht einsam und alleine, sondern dreifaltig ist, besteht auch in einer innergöttlichen Stellvertretung. Keine Seite Gottes ist sich einfach selbst genug, nichts an Gott ist einfach „selbständig“, sondern in Gott selber gibt es ein Zurücktreten und ein Übernehmen, ein Dasein für den Anderen, ein Ineinander-enthalten-sein.

Das ist der innere Zug dessen, was nach außen die Pfingstwahrheit des „Wir sind nicht allein“ ausmacht.

Pfingsten bedeutet, dass dort, wo die innerweltliche Sichtbarkeit Jesu Christi endet, seine Gegenwart in der unsichtbaren Gestalt, die der Geist ihr verleiht, anhebt.

Pfingsten bedeutet also, dass derselbe Gott, Der nach der langen Geschichte, in der Israel als Erstlingsvolk vom Sinai her vor allen anderen die Gottesgegenwart im Gebot er- und gelebt hat, und nach dem kurzen, allesentscheidenden zweiten Akt, in dem die Gottesgegenwart lebendiger Mensch und gekreuzigter Mensch und toter Mensch und auferweckter Mensch für alle wurde, nun ein dritter Akt beginnt, in dem Gott Sich vergegenwärtigt in und unter allen Menschen, indem Er geliebt und Sein Gebot befolgt und Sein Wort gehört und Seine Lehre empfangen und verkündigt wird in aller Welt. …….

Und in diesem dritten Akt, in dem Gott selber „nach“ Christus die Welt allererst mit Christi Geist durchdringt, … in diesem dritten Akt zeigt es sich, dass es wirklich keine einseitige Wirklichkeit gibt, sondern nur einen vielfältig erfüllten und verwirklichten Überschuss über das hinaus, was man mit weltlichen Mitteln sehen, fassen und für wahr halten kann.

Dieser Überschuss, dass immer mehr da und immer mehr wahr ist, als Erfahrung, Verstand und Vermutung begreifen, ist durchgängig zu finden:

Alles, was uns umgibt, was uns geschenkt und offenbart wird, ist anders und ist mehr, als der erste Blick vermeint.

§  Da ist das Wort, das Christus zu den Seinen spricht. Dieses Wort aber ist gar nicht seines, sondern es ist das Wort des Vaters.     

§  Und da ist die christliche Liebe zu Christus, … die Christusliebe, die dem Wort antwortet, die dem Anspruch entspricht: Ihr Gegenstück ist mehr als bloße zwischenmenschlich gegenseitige Liebe. Wer Christus liebt, der wird nämlich vom Vater wieder geliebt.

§  Und da ist die Grundlage und Vollendung dieser Liebe, die den Vater mit dem menschgewordenen Sohn und durch den Sohn die Menschen mit dem göttlichen Vater verbindet: Die Verbindung, die Liebe immer will und bringt, besteht darin, dass der Vater und der Sohn im liebenden Menschen Einzug nehmen, doch so, dass ihre Einwohnung die Liebe selber, der Heilige Geist also ist. ———

Wir sind also wahrhaftig nicht allein in unserer Zugehörigkeit zu dem Gott, Der in sich solche Verbindung und Beziehung ist und stiftet.

Und darum ist das äußerliche Urdatum, das Wunder des ersten Pfingsttages eben nichts anderes als eine Ouvertüre über Thema und Variation der Gemeinschaft der Vielen in jenem einen Geist, den der Vater sendet in Jesu Namen.

Dass die Schawuot-Pilger – die an sich schon aus allen Nationen und Sprachen kommend die weltweite Ausstrahlung und Anziehungskraft der Gebote der Gottes- und der Menschenliebe vom Sinai bezeugen – … dass diese Juden und Judensympathisanten, die als Pfingstpilger in Jerusalem zusammenkamen, eine vielfältige Übereinstimmung und eine identische Überzeugung in sprachlicher Mannigfaltigkeit erfuhren (vgl.Apg.2!), ist die anschaulichste, eindringlichste Beglaubigung dafür, dass das Christentum die Welt darum global erfasst hat und erfassen soll, weil Gott selber nicht exklusiv und nur mit sich selbst konform ist, sondern trinitarische, dreifaltige Weisen des Wirklichkeitsbezugs eröffnet!

Auf Sinai, am schwarzen Kreuz und lichten Grab von Golgatha und ebenso in der wieten weiteren Wahrheit, die der Geist – der Tröster, Fürsprecher, der Paraklet – vom Vater gesandt in Jesu Namen lehrt und erinnert: Diese Folge und Vielfalt der Offenbarung ist in Wirklichkeit Einheit, … aber Einheit, die nicht Einfalt, … Einheit, die nicht Einheitlichkeit sein muss!

Und darum ist das größte Missverständnis und Versäumnis und eben auch die größte –  biblisch unvergebbare! – Sünde die Sünde wider den Heiligen Geist (vgl.Matth12,31f). Wer den Geist leugnet, wer in Ihm nicht Gott selber wiedererkennt und folglich die innere Weite in der Wahrheit Gottes verkennt, der macht sich schuldig an beiden: Gott und den Menschen…. Denn ohne den Geist gälte ja: Alle sind allein! Und allein ist unser Gott. Und wir allein sind die Seinen.

Nur der Gottesgeist schafft und verbindet und vermehrt ja die vielen reichen Möglichkeiten, durch die Gott Sich finden und preisen lassen will von den Menschen.

… Wo immer darum Christen heute meinen, sie müssten die Lehre von der Trinität, von der Dreifaltigkeit Gottes aufgeben, um sich anderen Denk- und Glaubensweisen besser vermitteln und ihnen näher begegnen zu können, da irren sie fatal. Nur die innere Dreifaltigkeit Gottes öffnet der Vielheit der Menschen den pfingstlichen Weg. Wohingegen gerade die absolute Einheit eines Gottesbegriffes, die abstrakte innere Einsamkeit Gottes zwangsläufig zu einem Glauben in Ausschließlichkeit führt, der andere fernhält und alleine lässt.

Und so zeigt sich in der sowohl Gott selber als auch die Christen betreffenden Pfingstbotschaft „Wir sind nicht allein“ jener Friede, den die Welt nicht geben … aber eben auch nicht nehmen kann!

Die Welt sieht nur sich.

Kann nur sich alleine denken, behaupten und endlich ausbrennen.

Gottes Geist aber brennt in Vielen, ohne sie zur Ununterscheidbarkeit zusammenzuschmelzen und dann zu verglühen.

Gottes Heiliger Geist, in dem Er selber sich endlos und überall und mannigfaltig vergegenwärtigt ist der Friede der Vielen, … der Friede für alle, der sie nicht ineins zwingt, sondern leben lässt, wie er lebt: Nicht allein.

Nicht wie die Welt gibt, gibt Er diesen Frieden; … nicht Einzelnen für sich, sondern der Gemeinde, in deren Liebe und Leben Er selber Wohnung nimmt, gibt Gott diesen Frieden: In der Gnade unseres Herrn Jesu Christi und der Liebe Gottes und der Gemeinschaft des Heiligen Geistes, die mit uns allen seien (vgl.2.Kor13,13), … denn wir sind nicht allein!

Amen.



[i] Zu einer philosophischen  Kritik an der cartesianischen Formel des  »cogito, ergo sum« vgl. Bernhard Waldenfels, „Der geistesgeschichtliche Hintergrund: Vom Ich zum Wir“, in: Erfahrung und Theologie des Heiligen Geistes, hgg. v. Claus Heitmann & Heribert Mühlen, Hamburg und München 1974, S.162-175.  

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