2.n.Epiphanias, 20.01.2019, Stadtkirche, Römer 12, 9 - 16, Jonas Marquardt

Predigt Kaiserswerth 2.n.Epiphan. – 20.I.2019                                                                                                  

               Römer 12,9-16

Liebe Gemeinde!

Das Frustrierende an Gott ist das Göttliche: Dass Er Sich einfach nicht angucken, dass Er Sich nicht benutzen lässt. Weder zeigt Er sich, um Mose und dem traumatisierten Volk, das ihm durch die Wüste folgt, schnelle, eindeutige Klarheit zu geben: Stattdessen offenbart Gott am Sinai nur Seinen herrlichen Namen – der allerdings seither Millionen Menschen Trost und Schild und Segen war – …, aber dennoch bleibt’s dabei: „Mein Angesicht kannst du nicht sehen, denn kein Mensch wird leben, der Mich sieht“ (2.Mose33,20).

Noch lässt Gott Sich einfach vorführen, als Maria nach ihrem dreißigjährigen Schweigen und heimlichen Sinnen endlich einmal sehen lassen will, wer Jesus wirklich ist: Bei seinem ersten Zeichen auf der Hochzeit zu Kana ist für die Trinker zwar der unvermutet gute Wein eine Offenbarung … aber welche unglaubliche Wahrheit in diesem neuen Wein erschienen ist, das bleibt den Leuten - bis auf die Jünger - trotz des Wunders verborgen (vgl. Joh2,1-11)[i].

Gott lässt Sich nicht einfach zur Schau stellen, Er lässt Sich nicht benutzen.

Gottes Geheimnis, Seine göttliche Unbegreiflichkeit fließt nicht einfach, strahlt nicht einfach aus in Formen, Bildern, Tatsachen, die wir mühelos verstehen, sehen, fassen könnten.

… Das noch viel Frustrierende aber ist: Es gibt Gottes-Zeichen und Gottes-Formen und Gottes-Bilder, die jedermann erkennen, fühlen und teilen kann. Gott kann gesehen und erfahren werden. … Will es auch. … Aber nicht in Seiner Göttlichkeit.

Und da kommen wir ins Spiel.

Weil wir alle sterben müssten, wenn wir Gott unverhüllt sähen – ein Licht, heller als alle Sonnen, … eine Lebendigkeit, unbändiger als alle Energie im Kosmos, … eine Wahrheit, durchdringender als jeder Röntgenstrahl – … weil wir alle sterben müssten, wenn Gott uns direkt träfe, darum gibt es einen Mittler, der Mensch von unserer Art wurde und Jesus heißt, und es gibt zahllose weitere mittelbare Wege und Weisen, durch die Gott sich unter uns einstellen und erfassen lassen will.

… Auf allen diesen Wegen und in allen diesen Weisen sind allerdings wir gefragt.

Wir sind gefragt mit Haut und Haar, gefragt mit Herz und Hand: „Leihst Du sie Ihm? Stellst Du sie zur Verfügung? Trägst Du zum Ausstrahlen Gottes bei, beteiligst Du Dich an Seiner Gestalwerdung und Gestaltung in dieser Welt? Lässt Du Dich in ein solches Botenamt rufen, in solchen Dienst eines Repräsentanten jenes Gottes, dem Du gehörst? Räumst Du durch Dein Leben Gott einen Weg zu anderen frei, hältst Du Ihm mit Deinem Tun und Wesen den Platz offen, den Er füllen will?“ ——

Das sind die wichtigsten Fragen nach Weihnachten:

Ob es nämlich nun, nach Christi Geburt dabei bleiben soll, dass Gott unter den Menschen auf menschliche Art gesucht und gefunden wird, oder ob nach der Fleischwerdung Jesu in Maria alle anderen Menschen ungerührt weiter bloß als zweibeinige Säugetiere existieren und sich niemand mehr bereit erklärt, Gott in Bauch und Gebein, auf  Arme und Schultern zu laden und Ihn durch Dick und Dünn zu tragen?

Wenn niemand außer Maria, die das in einzigartiger und einmaliger Konsequenz getan hat … wenn niemand außer Maria Gott Herzblut und Leibeskräfte überlässt, dann kehrt tatsächlich die ganze Unsichtbarkeit, Unnahbarkeit, Unbegreiflichkeit Gottes zurück, die gerade die Heiden und die Philosophen, die abstrakten Gottsucher und Gottdenker bis in unsere Tage hinein so tief irritiert. Unvorstellbar verborgen bleibt Er dann … das unsichtbare Geheimnis einer Sehnsucht, … einer Theorie, … eines Selbstbetruges.

Und so wäre das eigentlich Frustrierende an Gott in der nachweihnachtlichen, in der christlichen Wirklichkeit, in der wir leben, also doch nicht Seine Göttlichkeit, sondern die Menschlichkeit, … die Menschheit, die Er gewählt und angenommen hat und die Ihn den-noch hartnäckig nicht aufnimmt, nicht annimmt, nicht ausstrahlt. ——

Das ist der Grund, weshalb es im Neuen Testament und in der Kirche, in den Gottesdiensten und im Leben der christlichen Gemeinde einen ganz wichtigen Aspekt gibt, der uns Heutigen allerdings höchst suspekt geworden ist: Die christliche Ethik.

… Wenn die dran ist, wird erst einmal gestöhnt! Wenn es um das geht, was zu tun richtig und notwendig und geboten ist, dann rollen viele von uns mit den Augen … und sei’s nur innerlich: Schließlich sind wir erwachsen, … mündig, … selbstbestimmt. Benimmregeln und Verhaltensvorschriften lehnen die Meisten von uns aus liberaler, emanzipatorischer Überzeugung ab. … Und für das, was christliche Normen sind, gibt es einen beinah verächtlichen Ausdruck, der die ganze Misere der Einschüchterung und Aufpasserei und Unterdrückung zusammenfasst, die wir mit dem vergangenen Herrschafts- und Kulturanspruch der Kirche verbinden: Das alles läuft unter „Moral“ … und die ist vorsintflutlich altbacken und sauer.

An ihre Stelle ist die bunte Breite der Wahlmöglichkeiten getreten, die jeder Einzelne hat und aus denen jeder nach jeweiligem Geschmack ein eigenes, ganz persönliches Rezept braut. ….... ———

Und dennoch: Obwohl einer der Gründe für die neue Perikopenordnung unserer Kirche die aus vielen Ecken gemeldete Ermüdung der Gemeinden angesichts der neutestamentlichen Episteln war, über die zu oft gepredigt werden sollte – eine Epistel-Ermüdung, die oft genug einfach Moral-Müdigkeit und Dogmatik-Überdruss bezeugt –, ist uns heute, kurz nach Epiphanias das erste große Ethik-Kapitel des Römerbriefes aufgeschlagen, aus dem auch schon vergangene Woche die Epistellesung stammte.  

… Und wer Augen hat und Ohren, merkt, dass wir hier in eine andere Welt und Wirklichkeit gerufen werden, als die lässige „Kann-ja-jeder-selbst-entscheiden“-Stimmung, die sich bei uns festgesetzt hat.

In diesem kurzen, beinah stakkatomäßigen Abschnitt voller Aufforderungen regiert eine Verbalform, die man sich eigentlich als freies Kind der Moderne nicht bieten lassen kann. Es herrscht der Imperativ. … Mehr als zwanzigmal begegnet er uns in den Übersetzungen dieser Perlenschnur von kurzen Anweisungen. Und so zielsicher wie die klaren Maximen aus der Kanone geschossen kommen – „Hasset! Liebet! Kommt einander zuvor! Brennt! Dient! Freut euch! Weint! Trachtet!“ –, so anstößig ist das gerade für heutige Ohren, die ganz andere Sprechweisen und Kommunikationsmittel gewohnt sind.

Seit den sechziger Jahren ist in der Gesellschaft ein anderer Ton immer üblicher geworden, und in der Kirche und auf der Kanzel ist die Formel meistenteils unumstritten, die Ernst Lange, der einst neue Wege der Verkündigung und Gemeindearbeit eröffnete, damals prägte:

„Predigen heißt: Ich rede mit dem Hörer über sein Leben. Ich rede mit ihm über seine Erfah-rungen und Anschauungen, seine Hoffnungen und Enttäuschungen, seine Erfolge und sein Versagen, seine Aufgaben und sein Schicksal.“[ii]

… Solches Reden über des Hörers Leben hat die vielen „Kennen-Sie-das-auch?“-Predigten hervorgerufen, die ihre Lebensnähe demonstrieren, indem sie an der Kasse des Bio-Supermarktes, in der Umkleidekabine des Fun-Schwimmbades und vor der Latte-macchiato-Maschine im Büro beginnen … und oft genug auch enden. …….

Doch wer sich von mir über sein Leben daherreden ließe oder wer – fairnesshalber und zur Abwechslung – mal über mein Leben reden wollte, der könnte noch so viele banale oder sehr ernste Situationen beschreiben: In dieses anscheinend selbstverständliche und für uns doch so unerhörte Trommelfeuer aus lauter Imperativen führt trotzdem kein alltäglicher Weg.

Um sich – so wie alle, die heute hier sind – … um sich einem so unzeitgemäßen Prasseln von Apellen auszusetzen, muss schon etwas anderes der Auslöser sein, als unsere gewohnte Welt. Eine andere, eine neue Welt muss das sein, die es trotz unseres selbstbewussten Widerstandes gegen jede Bevormundung wagt, uns zu lauter Verwandlung und Umdenken, zu lauter Ungewohntem und Ungewöhnlichem zu fordern, … zu reiner Liebe, zu folgenreicher Moral, zu mutiger Menschlichkeit und opferwilligem Mitgefühl, zu bescheidenem Lebenswandel und radikal sorgloser Begeisterung.

Was aber diese Forderungen, diese lebhaften Aufrufe zum Neuen, Guten, Furchtlosen auslöst und woher in der christlichen Ethik, in der Moral der Getauften der Elan, ja die Autorität stammt – und ganz bestimmt wird hier autoritärer, gebieterischer, klarer geredet, als wir es irgendwo sonst akzeptieren könnten! – … woher also die apostolische Pädagogik und Menschenführung ihren überragenden und doch praktischen Anspruch nimmt, das ist entwaffnend:Weihnachten! Fleischwerdung! Einmenschung Gottes! Seine bedingungslose Annäherung an uns und darum unsere Nachfolge auf Seinem Weg.

Die gesamte christliche Ethik lässt sich nämlich auf diesen einen Nenner bringen: Was Gott im Wunder der Menschwerdung Jesu Christi getan und vollbracht hat, das verlangt danach, dass wir es – in aller Unvollkommenheit –  ebenso üben und nachvollziehen, dass wir es wiederholen und fortsetzen, weil es ein Menschenweg ist!

… Nicht also, damit wir dadurch die Erlösung des Menschengeschechtes bewirkten, die längst bewirkt ist, … sondern weil das Menschsein Christi die echte Menschlichkeit der Erlösten bewirkt.

Und weil so jeder Zug unseres Lebens sichtbare, ausstrahlungsstarke Züge Gottes an den Tag legen kann. ——

Wenn wir also die ethischen Mahnungen des Paulus an die Römer nachbuchstabieren, um sie in unser Verhalten einzubeziehen, in unsere eigene Art und unser Wesen einzubetten, dann befehlen und befähigen sie uns, das nachzuleben, was in der Geburt Jesu begonnen hat:

-          Liebe, die keinen Vorbehalt kennt, sondern sich unbedingt einlässt auf alles, was in der Welt nötig ist, was gebraucht wird. Diese Liebe war es, die Gott zum Kind macht.

-          Und der brennende Eifer, die rückhaltlose Hingabe an aktive Verwirklichung des Rechtes und der Gemeinschaft: Die sind es, die uns aus den Berichten des Evangeliums entgegenschlagen, wo ein ruheloser Menschenfreund, ein Gerechter und ein Helfer uns inmitten der Menge begegnet, der sein Tun aus den Quellen der Freude, der Geduld und des Gebetes speist.

-          Dann das Gespür für die Not und die Nähe zu den Hungrigen, … die selbstverständliche Tischgemeinschaft mit jedem Bedürftigen, … das Teilen, das keine Einschränkung kennt: Das sind die vielen Heilungen und Mahlgemeinschaften, der offene Versöhnungswille und die Sünder-Liebe Jesu, wie sie seine Wirksamkeit in Galiläa, Samarien und Judäa erfüllten, die uns hier zu Vorbildern gleicher diakonischer und moralischer Solidarität gemacht werden.

-          Und das vergebende Segnen noch unter Schmerzen, die leibhaftige Erfahrung des Teilnehmens wie an der Fröhlichkeit so auch am bittersten Leiden der Menschen – alles, was die Passionsberichte durchzieht – …: Auch das ist Wegweiser und Maßstab für uns, nicht zurück zu weichen, uns nicht zurückzuziehen, wo Liebe und Not Konsequenzen haben müssen.

-          Zum Schluss aber der gemeinsame Sinn, der geteilte, Allen gegebene Geist, der trotz der Himmelfahrt nicht in’s Überlegene strebt, sondern die Sorgen und Niederungen des Daseins auf Erden treu weiter und weiter mitträgt und verwandelt: Noch dieser letzte Passus spricht von einem Auftrag, den – wie der erhöhte Herr – auch wir auf als seine Gemeinde auf Erden ausfüllen können. ——

Zug für Zug führen also die moralischen Maßstäbe des christlichen Lebens in den Generation für Generation, Tag für Tag, Tat für Tat sich praktisch bietenden Nachvollzug des Lebens Jesu wie es uns zwischen Weihnachten und Pfingsten überliefert wird.

Und diese christusbezogene, christologische Grundlage unserer Ethik ist ihre eigentümliche Autorität: Hier werden eben nicht Prinzipien oder Normen eingeklagt; hier wird niemand eingeschüchtert, er müsse eine Theorie, eine Ideologie umsetzen, die der Spekulation oder der Rhetorik irgendwelcher Moralapostel entstammt. … Hier sind nur die Apostel Jesu Christi schlicht und einfach und gewiss davon überzeugt, dass was er konkret vorgelebt hat, auch konkret nachgelebt werden kann, dass sein tatsächliches Menschsein auch unser Menschsein formen und heiligen und gut machen kann, dass seine Person und Geschichte auch in uns persönliche und geschichtliche Wirklichkeit werden wollen.

Und in dieser Autorität der Tatsache Jesu Christi, in dieser Wirklichkeit, die nicht von uns geschaffen werden soll, sondern für uns in Ihm schon wahr geworden ist, in dieser Ethik, die uns nicht drillt und drangsaliert, sondern im Gegenteil zum Höchsten und Herrlichsten – einem erfüllt erlösten Leben mit Christus – befreit …, da steckt die Einzigartigkeit der vielen scheinbaren Befehle des Paulus, gegen die der unbändige Stolz des Menschen so gern rebellieren würde.
Tatsächlich nämlich verwendet Paulus gar keine Befehlsform in seiner Ethik – und auch nicht die anderen sprachlichen Varianten der Willensdurchsetzung, den Jussiv oder den Optativ:

Vielmehr ist alles das, was bei uns im Deutschen wie ein engmaschiges Gitter von Ausrufezeichen wirkt, im Griechischen des Paulus eine einzige fließende, atmende Beschreibung dessen, was Menschen sind, die von Christus her, … die hinter Ihm her und also zu Ihm hin existieren: Lauter Partizipien, lauter Teilnahmsbezeichnungen begegnen hier, die unser Leben in das Muster, in die Choreographie und das lebendige Bild Christi einzeichnen und uns zeigen, wie Er ist … die uns Ihn zeigen, wie Er ist und die uns dabei zeigen, wie Er zu sein. ——

Gott ist also wahrhaftig nicht frustrierend fern oder enttäuschend ungreifbar:

Wer Ihn liebt, kann Ihn plastischer und praktischer, direkter und unmittelbarer erleben und begreiflich machen, als man sich träumen ließe.

Gott kann gesehen und gefühlt, erfahren und bezeugt werden, wenn wir am Weg und Wesen Christi partizipieren, wenn wir also das weihnachtliche und das Passions-Leben, das österliche und das Leben im Geist üben, das Er aufgetan hat, um uns Ihm folgen zu lassen. ——

Liebe Gemeinde: Ethik … kennen Sie das auch?

Wenn wir Christus kennen: Ja!

Amen.



[i] Die gottesdienstlichen Lesungen am 2.Sonntag nach Epiphanias sind 2.Mose 33,18-23 und Johannes 2, 1-11. Das damit gegebene Thema umkreist tatsächlich die (sinnliche?!) Erkennbarkeit Gottes in der irdischen Wirklichkeit.

[ii] Ernst Lange, Zur Aufgabe christlicher Rede, in: R.Scholz (Hrsg.), Ernst Lange. Predigen als Beruf - Aufsätze, Stuttgart 1976. S.58.

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