15.n.Trin., 09.09.2018, Stadtkirche, Galater 5,25 - 6,10, Jonas Marquardt

Predigt Kaiserswerth 15.n.Trin. - 9.IX.2018                                                                                                         

              Galater 5,25 – 6,10

Liebe Gemeinde!

Es geht nicht mehr gemütlich weiter.

Das dürfte uns allen inzwischen dämmern.

Es geht nicht mehr weiter mit dem Gefühl, dass es zwar einige echte und ein paar ganz furchtbare Probleme in Politik und Welt geben mag, aber alles doch im Rahmen und in den Richtungen, die wir kennen. …….

Vor uns liegt Un- … oder Allzubekanntes.

Und jeder Ausbruch dieses allzu bekannten Unbekannten in der Menschheit war bisher schrecklich.

Und würde es wiederum werden. …

Doch bloß weil wir uns im Augenblick einbilden, es sei uns fremd, das Unbekannte – nennen wir es einmal: das „Böse“ –, …nur deshalb laden wir so gern alle Schuld an dem, was kommt, dem Fremden auf.

In Wirklichkeit aber ist es – das „Böse“ – uns ja tief vertraut. … Und daher kommt nichts Fremdes auf uns zu, sondern zuletzt nur Gestalten unserer eigenen Schuld. —

So könnte man es theologisch sagen.

Und hätte damit – auch wenn es zunächst vielleicht fromm und verklausuliert klingt – doch eine sehr deutliche Erwiderung auf das gefunden, was viele Menschen in Politik und Stimmungsmache behaupten. Die ungeheure Lüge, dass alle Schwierigkeiten von außen kämen und wir mit uns alleine wunderbar im Reinen sein könnten, … diese Lüge ist so alt wie der Unglaube.

Wer glaubt, der weiß, dass das die schrecklichste Täuschung und Flucht ist: Dass Menschen behaupten, sie hätten Recht und Frieden, wenn nur der andere nicht wäre, … der Schuldige, … der Versucher, … der Bock.

Recht und Frieden finden nur die, die sie nicht verblendet und exklusiv bei sich selber suchen, sondern bereit sind, sie zu empfangen und dann bewusst und ohne Furcht und Geiz zu teilen.

Darum nämlich geht es, wenn in jedem Brief, in jeder Predigt, in jedem Fetzen, der aus dem Neuen Testament und der Alten Kirche auf uns gekommen ist, immer und immer wieder die Frohe Botschaft der Erlösung zu Mahnungen für einen Einsatz in der noch nicht erlösten Welt führt.

Christus – das größte Geschenk Gottes – macht die Empfänger entweder selber großzügig oder es überführt sie als Heuchler und Räuber, die unterschlagen, was doch nicht Ihres ist.

Aus diesem Grund ist das, was uns lange gelangweilt haben mag – die christliche Ethik – ein unerlässlicher Bestandteil, … ja geradezu das Wasserzeichen unseres Glaubens! ——

Es ist keinesfalls nebensächlich, es ist keinesfalls eine Sache des individuellen Dafürhaltens oder Gutdünkens, ob wir tatsächlich im Geist Christi wandeln oder ihn bloß für eine ideale Vorstellung halten.

Wenn wir es weiterhin dulden, dass Menschen, die dem Maßstab des Evangeliums praktisch Folge leisten wollen, als „Gutmenschen“, als ahnungslose Moralapostel und lächerliche Idealisten betrachtet und darum nicht ernst genommen werden, … wenn wir es weiterhin nicht eindeutig und entschieden schaffen, die verspottete christliche Nächstenliebe als die einzige uns persönlich betreffende Frage von Gewicht in Zeit und Ewigkeit zu erkennen und mit unserer Tat zu beantworten, dann sind wir mit allen Konsequenzen der Versuchung erlegen, unser Erstgeburtsrecht gegen ein Linsengericht zu verscherbeln (vgl.1.Mose 25,29ff).

Gewiss ist es hundertmal leichter, sich zurückzuziehen auf die faule Ausrede, dass zwischen nüchternem Pragmatismus und dem hohen Ziel des christlichen Lebens ein unüberwindlicher Graben namens „Wirklichkeit“ klaffe.

Doch damit sind wir verloren und gerichtet: Denn entweder Gott, der die Welt schuf, den Tod überwand und Sein Reich herbeiführt, ist die Wirklichkeit, die alle anderen Ansprüche Lügen straft, oder jedes Konstrukt, jede Phantasie, jede Propaganda kann genauso letzte Gültigkeit behaupten.

Es geht tatsächlich nicht nur in der unübersichtlichen Aufgeregtheit von Politik und Medien, sondern ganz genauso auch in unserem persönlichen Leben um die Frage, was Wahrheit ist und was Fiktion?

Das Gesetz des Stärkeren und die brutale Kosten-Nutzen-Logik oder das Gesetz Christi, … also das Gesetz jenes sanftmütigen Geistes, der unter fremder Last zu leiden bereit ist?

… Das sind keine Fragen für Weltfremde, sondern Fragen, bei denen es um die Welt geht!

Was ist für jeden von uns das schlechthin Verbindliche?

Was zeigt uns im Schwindelgefühl dieser Jahre, in denen Kompassnadeln sich wie Uhrzeiger drehen können, die richtige Richtung?

Auf diese grundsätzliche Frage gibt Paulus grundsätzliche Antworten im zweiten Teil des Galaterbriefes. Nichts anderes gilt als nur der Glaube, der durch die Liebe tätig ist, lautet sein Grundprinzip (5,6). Denn „das ganze Gesetz ist in  e i n e m  Wort erfüllt, in dem »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!«“ (5,14)

Jeder, der jemals auch nur von ferne irgendetwas von Dem gehört hat, Der die Gefangenen aus der Knechtschaft führte und Sich für die Sünder kreuzigen ließ – und so Sein Recht und Seine Gerechtigkeit offenbarte – … jeder kennt diese Lehre des Vaters und des Sohnes und des Geistes, Dessen Frucht „Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut, Keuschheit“ ist, wie Paulus weiter schreibt (5,22).

Aber weiß auch nur ein kleiner Teil derer, die damit das ABC, das Einmaleins des Christentums kennen, was solche schönen oder scheinheiligen Formeln bedeuten, … was sie kosten?

Diese landauf, landab vertraute und darum längst langweilig gewordene Lehre bedeutet, dass man niemals, niemals sagen kann: „Fremdes Leben ist schuld an meiner Schuld“, sondern sagen muss „Meine Schuld ist einen fremden Tod gestorben und meine Gerechtigkeit ist nicht mein Eigentum, sondern ich lebe von fremder Unschuld!“.

… Weil ich nicht Christus bin, aber Christus an meine Stelle getreten ist, darum können Christen – wenn sie Christen sind! – nicht mehr zwischen dem Eigenen und dem Fremden jene scharfe Trennlinie ziehen, die alle Eigentums-, Besitz- und Zugehörigkeitsgesetze der Welt sonst regelt.

… Christen sind verwirrt, Christen sind hilflos, wenn es um solche trennscharfen Unterscheidungen gehen soll, denn sie – denn wir! – leben nun einmal nicht vom Eigenen, sondern von fremder, von geschenkter Gerechtigkeit und Gnade. ———

Die Mutter aller Probleme sind die Anderen?

…….Nein – weil Christus Der Andere ist, der sein Gesetz vollkommen erfüllt und die Last aller Anderen – meine, Deine, eines jeden Last – getragen und abgetan hat!

Das ist der Hintergrund der banal gewordenen Aufforderung, dass einer die Last des anderen tragen müsse, wenn es um die Rechtsordnung und die Ansprüche in einem christlichen Leben geht. … Dieser berühmte Imperativ, den viele Ehepaare als Leitspruch einer aufgeklärten Gleichberechtigung verstehen, ist nicht etwa nur eine Parole der sozialdemokratischen Solidarität oder einer ordoliberalen Ausgleichsethik, sondern ein Wort vom Kreuz her, vom letzten, tiefsten, verwirrtesten und verwirrendsten Ereignis fremder Lastenübernahme: Golgatha, wo Einer für alle die Verworfen- und Verlassenheit auf sich lud, ist gemeint.

Christus, der da trägt die Sünd’ der Welt ist der Inbegriff, ist die Erfüllung des Gesetzes, von dem der Apostel spricht.

Es ist das Gesetz einer freiwilligen Aneignung alles dessen, was man wahrlich weder will noch verdient; es ist das Gesetz einer Verantwortung für das, was einem völlig fern liegt und das man dennoch zu seiner Sache macht. ——

Diese Zuspitzung, die die christliche Ethik und das christliche Leben eigentlich immer und überall aufweisen, ist der tatsächlich zutreffende Grund, weshalb so viele Menschen und auch so viele Christen das Christentum für absurd, … unerfüllbar, … ja, untragbar halten.

Denn sein Gesetz widerspricht allen bekannten Mustern und menschlichen Regeln:

„Jedem das Seine“ – der pervertierte, aber ursprünglich ganz philosophische Grundsatz allen Rechtes – … „Jedem das Seine“ wird ja in’s glatte Gegenteil verkehrt, wenn ich die Last des anderen übernehmen soll.

„Jeder für sich“, dieser ausgeprägte Reflex aller vier- und zweibeinigen Fluchttiere … „Jeder für sich“ wird gegen alle Instinkte ausgehebelt, wenn einer widernatürlicherweise sich mit der Sorge, der Verantwortung und Rettung für einen anderen beladen soll.

„Ich bin mir selbst der Nächste“, diese himmelschreiende soziale Blasphemie, die in unserer Welt den Rang eines fast unstrittigen sittlichen Prinzips erreicht hat, … „Ich bin mir selbst der Nächste“, dieser trostlose Monolog eines von Gott und den Menschen abgeschnittenen Individualisten, … das wird gereizt und provoziert durch die Zumutung, überhaupt nur wahrzunehmen, dass es andere gibt und dass auch sie schwerwiegende Belange haben können! …….

Das Gesetz Christi also untergräbt das Rechtsempfinden des glaubenslosen Menschen und es entzündet die Panik des trostlosen Einzelgängers und -täters, von dem doch schon im Paradies gesagt war „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei“ (1.Mose2,18).

Und dennoch ist dieses Gesetz – dass man auf sich nehme, auch was nicht eigene Not ist – die Rettung nicht nur der anderen, sondern auch für uns.

Denn – so sagt es Paulus selbst – denn ein jeder wird seine eigene Last tragen.

Aber gerade in der Verbindung von meiner und nicht-meiner Last, in der Gemeinsamkeit eigener und fremder Schuld, im Zusammenhang des einzelnen und des gesamten Leids, so wie Christen es kennen, die zusätzlich zur ihrer auch andere Not aufgreifen und bewältigen wollen, … gerade in dieser gelebten Erfahrung des Mittragens wird die Entlastung wirksam, die uns allen gemeinsam gilt:

Christus erleichtert kein Los und erlöst kein Leichtgewicht da, wo Menschen nur sich selber kennen und bemitleiden, … nein, denn die Mühseligen und Beladenen erquickt er!

Wer sich’s leicht macht, hat’s bei ihm also schwer.

Und wer nur die Schuld der Anderen …, wer nur die Fremden in der Schuld sieht, der wird nichts erkennen und nichts bekennen, von dem er selber Befreiung und Rettung braucht – und wird sie darum auch nicht erlangen.

Da gilt wahrhaftig: Irret euch nicht! Gott lässt sich nicht spotten!

… Wer sich selbst für vollkommen hält, wird außer sich nichts mehr finden.

Wer meint, keiner Veränderung zu bedürfen, wird nichts weiter erfahren.

Wer fertig ist mit und an sich, der soll es auch sein.

Was der Mensch sät, das wird er ernten.

Wer alleine, ohne Gott zufrieden war, wird ohne Gott bleiben.

Wer nichts abnahm, dem wird auch nichts abgenommen.

Wer nur das Seine wollte, erhält nicht mehr.

Und genau das ist das vernichtende Urteil, das die abgeschlossene, sich selbst verteidigende und jeden anderen abwehrende Haltung unserer Tage ernten wird: Nichts und niemand wird einst da sein. …….

Endlos einsam, ganz verlassen, ewig auf sich allein geworfen bleibt, wer nur im eigenen Namen, in eigener Sache, in die eigene Tasche, für das eigene Fleisch wirkt und sät.

Stattdessen müssen wir auf den Geist säen, der die Liebe ist, wenn wir nicht ohne Geist und Liebe ersticken wollen.

Wir müssen auf den Geist säen, dessen Frucht Frieden ist – auch wenn es hart ist und demütigt, dass wir dabei tatsächlich den Hass und die Bosheit ferner, fremder Menschen auf- und ernstnehmen und ertragen und mitschleppen und endlich einmal bewältigen sollen, wenn das Gute aufgeht, das in der Geduld und im Verzicht liegt.

Wir müssen auf den Geist säen, was so schwach und ohnmächtig und unwahrscheinlich erscheint im Vergleich zu den gewaltigen und gewaltsamen Erträgen der Selbstsucht und der Rücksichtslosigkeit: Die Vergebung müssen wir säen, die Güte, die Hingabe.

Säen wir sie, so wird es auch eine Ernte geben.

Aber die Mühe und Bitterkeit dieser Arbeit und dieses Ausharrens sind einstweilen noch da:

Dass wir hinnehmen und leidenschaftlich mittragen, was die Hungrigen dieser Erde leiden und fordern, … dass wir aufgreifen und nicht abschütteln als berühre es uns nicht, was die Wütenden und die Hassenden schreien und anrichten.

Nirgends – von Chemnitz bis Kabul, von Idlib bis Istanbul, vom Kreml bis zur Knesset – nirgends sollen wir ablehnen, in Gebet und Fürsprache uns anzueignen, was Menschen fehlt , und in Mitgefühl und Nähe zu bedenken und zu vertreten, wonach auf verzweifelten Wegen gesucht wird.

Und bei alledem sollen wir keinem mit Hochmut, keinem mit Selbstgerechtigkeit, keinem mit Vorwurf begegnen, sondern nach dem Gesetz Christi handeln, das selten so abgrundtief bescheiden, so demütig und bußfertig und voller stellvertretender Bereitschaft für alle Menschen gedeutet worden ist, wie in einem zu Unrecht vergessenen Gedicht Ernst Wiecherts … vielleicht einem der in seiner konventionellen Lyrik schonungslosesten Gedichte des 20.Jahrhunderts.

Wiechert schrieb es im Bewusstsein der Schuld an der größten Katastrophe der Menschheit – und sein Wort möge uns warnen und rufen, ehe das unbekannte Allzubekannte wieder ausbricht[i]:   

  

Es geht ein Pflüger übers Land,

der pflügt mit kühler Greisenhand

die Schönheit dieser Erden.

Und über Menschenplan - und trug

führt schweigend er den Schicksalspflug,

vor dem zu Staub wir werden.

 

So pflügt er Haus und Hof und Gut

und Greis und Kind und Wein und Blut

mit seinen kühlen Händen.

Er hat uns lächelnd ausgesät

und hat uns lächelnd abgemäht

und wird uns lächelnd wenden.

 

Rings um ihn still die Wälder stehn,

rings um ihn still die Ströme gehn,

und goldne Sterne scheinen.

Wie haben wir doch zugebracht

wie ein Geschwätz bei Tag und Nacht

so Lachen wie Weinen.

 

Nun lassen Habe wir und Haus,

wir ziehen unsere Schuhe aus

und gehn mit nackten Füßen.

Wir säten Tod und säten Qual.

Auf unsren Stirnen brennt das Mal,

wir büßen, wir büßen.

 

Und nächtens pocht es leis ans Tor,

und tausend Kinder stehn davor

mit ihren Tränenkrügen.

Und weisen still ihr Totenhemd

und sehn uns schweigend an und fremd

mit schmerzversteinten Zügen.

 

O gib den Toten Salz und Korn

und daß des Mondes Silberhorn

um ihren Traum sich runde!

Und laß indessen Zug um Zug

uns leeren ihren Tränenkrug

bis zu dem bittren Grunde.

 

Und gib, daß ohne Bitterkeit

wir tragen unser Bettlerkleid

und deinem Wort uns fügen.

Und laß uns hinterm Pfluge gehn,

solang die Disteln vor uns stehn,

und pflügen und pflügen.

 

Und führe heut und für und für

durchs hohe Gras vor meiner Tür

die Füße aller Armen.

Und gib, daß es mir niemals fehlt

an dem, wonach ihr Herz sich quält:

ein bißchen Brot und viel Erbarmen.

 

Amen.



[i] Hier zitiert nach: Ernst Wiechert, An die deutsche Jugend – Vier Reden, München 1951, (ohne Seitenangabe nach S.138).

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