7.n.Trin. 15.07.2018 Stadtkirche Philipper 2, 1 - 4 Jonas Marquardt

Predigt Kaiserswerth 7.n.Trin. - 15.VII.2018                                                                                                       

                    Philipper 2, 1- 4

Liebe Gemeinde!

Wenn man in asozialen Zeiten lebt, in denen die großen Schlagworte nur noch Schläge sind und die das große Wort führen nur noch nach Führer klingen und die wichtigste Beziehung, die man untereinander aufrechthalten mag, die Grenzziehung ist, … in solchen Zeiten des Bedeutungsverlustes der Menschlichkeit und der rasanten Kursgewinne ihres Gegenteils, da fragt sich manch einer, was für einen ekligen, was für einen bitteren Geschmack er denn da auf der Zunge hat und kaum noch loswird. …….

– Es ist der herbe Geschmack einer Welt, in der jeder am liebsten sein eigenes Süppchen kocht, das ihm aber auch dann nur schmeckt, wenn er sicher sein kann, dass allen anderen die Suppe versalzen ist. Es ist der Geschmack einer Welt, in der Menschen nicht satt und zufrieden sein wollen, wenn sie andere nicht hungrig wissen. Es ist der Geschmack einer Welt, die nur das genießen kann, was ein anderer nicht kriegt. Es ist der widerliche Geschmack einer Welt, deren Grundnahrungsmittel und deren Delikatessen die eine entscheidende Zutat haben müssen: Tränen und Schweiß der anderen machen ihr den Braten erst fett und die Nachspeise süß.

In einer solchen Welt der Geschmacklosigkeit leben wir ja wahrhaftig, … einer Welt, in der es nicht zunächst darum geht, was jeder haben könnte und sollte, sondern viel mehr um das, was andere nicht haben dürfen.

Doch auch wenn diese Erscheinungen in Wirklichkeit alle nicht neu sind, sondern das uralte Salz- und Säurewesen der Sünde, in der die menschliche Natur eingepökelt und kaum genießbar konserviert ist seit den Tagen ihrer ältesten Gier, … so ist es dennoch höchste Zeit, dass wir die Verbitterung und Vergällung nicht unbesehen alles verderben lassen, sondern dass wir Christen nach einem anderen Rezept für das Leben fragen.   

Wieso schmeckt alles, was das Neue Testament uns bietet, so anders? Weshalb hat der winzig kleine Kreis der Jünger des Gekreuzigten nicht auch dieses Sägespäne-Aroma der Unzufriedenheit und des Neides? Wie kommt es, dass bei einer so bedrohten und schwachen Menschengruppe wie der ersten Kirche nicht alles nur nach Hass und Angst riecht und vergiftet wird von Misstrauen und aggressiver Selbstverteidigung?

Das liegt daran, dass die Kirche tatsächlich nicht die Welt ist.

Eine Kirche, die vom Grenzziehen lebt, wäre eben niemals die Kirche, sondern eine eingeigelte Sekte geblieben, … längst ausgestorben.

Eine Kirche, die die Bittenden und Suchenden und Anklopfenden nicht zu Tisch bittet, die nicht speist und tränkt und pflegt und teilt, sondern hortet und fortschickt, wäre an ihrer Lebenslüge erstickt.

Eine Kirche, die nicht im Zeichen der Opfer, sondern derer, die Opfer fordern, stünde, hätte sich ein Gericht verdient wie es den Orten ihrer Ursprünge entspräche: Sodom und Gomorrha. ——

Gewiss: In der Welt haben Grenzen ihre Notwendigkeit und Härte ist zuweilen unumgänglich, und objektiv ist bedingungslose, allgemeine Hilfe für alle Bedrückten und Bedrängten nicht möglich.

Aber diese Grenzen der Politik, diese Beschränkungen des materiellen Realismus sind eben nicht der Rahmen und das Maß der Kirche.

Denn sie gehört Einem und in ihr lebt Einer, Der die Sünde und den Tod – also die nach Form und Inhalt üblichen Bestimmungen der Welt – außer Kraft gesetzt hat und für immer überwinden wird.

Aus diesem einfachen Grund schmeckt das Brot der Kirche nicht nach dem Schimmel der Angst, sondern nach dem Sauerteig der Hoffnung. Aus diesem Grund hat von Anbeginn an in der Kirche Jesu Christi nicht der Futterneid derer herrschen dürfen, die sich am Napf gegenseitig wegbeißen, sondern das naive Urvertrauen jener, die einmal geschmeckt und gesehen hatten, was fünf Gerstenbrote und zwei Fische vermögen (vgl. Joh6,9).

Weil also die Kirche nicht die Welt ist, sondern dieser Kreis einer Weltmaßstäbe unbekümmert außer Kraft setzenden universalen Glaubens- und Tischgemeinschaft, darum muss es immer wieder zu jenem Konflikt kommen, den wir in dieser asozialen Zeit erleben.

Die große, auf die Weltgemeinschaft des Reiches Gottes hinweisende und zugehende Kirche Jesu Christi wird die kleine, bange, böse Welt nämlich tatsächlich immer wieder herausfordern und reizen … ob sie nun will oder nicht.

Auch und gerade wo die Kanzel nicht als Ort der Politik gilt, werden sich die Provokation und Verärgerung zeigen, die aus dem Evangelium kommen, wenn man spürt, wie konträr die Sicherheit des Glaubens zur Verunsicherung in der Welt liegt. ——

… Und so wird ein so kleiner, lange Zeit still vor sich hin verstaubender Briefabschnitt wie das freundliche und besonders harmonische Stückchen Gemeindeethik aus dem Philipperbrief plötzlich zur kategorischen Herausforderung an die Welt.

Man sollte diese beiden unscheinbaren Sätze, die Paulus seiner europäischen Erstgründung und dauerhaften Lieblingsgemeinde schreibt, jedem Gröler und jedem Grantler auswendig zu lernen geben, die das Abendland und das Christentum darin verteidigen wollen:

Sollen alle die Anstifter zu kalter Abwehr doch einmal diese körpertemperierte und herzwarme DNA des wirklichen Christentums entschlüsseln, deren Baukasten die Stoffe Trost und Liebe und Gemeinschaft und Herzlichkeit und Freude und Eintracht zu immer neuen Wachstums- und Verbindungsmustern verknüpft.

Sollen alle die ignoranten und arroganten Abschüttler des Mitleids und Auslöscher des biblischen Liebesgebotes doch einmal irre daran werden, wie arglos und frei der Apostel die Selbsterhaltungszwänge der Natur zugunsten von Demut und gelebter Selbstlosigkeit wegwischt.

Sollen die mutlosen Hassprediger und mutwilligen Spalter aller Gemeinschaftsideale ruhig erleben, wie unbeirrbar die christliche Überzeugung von der Überlegenheit des Miteinanders über das Gegeneinander ist.  

Schnell werden wohl die allermeisten es merken, dass sie eine andere Wirklichkeit und andere Werte propagieren als die Zeugen Jesu Christi.

Schnell müsste es klar werden, dass da, wo die Kirche ist, Aufgeblasenheit und Anspruchsdenken, die heute so populär geworden sind, klein und erbärmlich wirken, weil Christus den Seinen aufträgt, nicht sich selbst, sondern anderen zugute zu leben und ihnen in Achtung und Dienst den Vorrang vor den eigenen Wünschen einzuräumen.

Eine Verbindung und Vereinbarkeit des Christentums mit den Schlagworten heute oder die Vereinnahmung des  christlichen Erbes durch die Schreihälse und Stimmungsmacher wird sich dann gewiss erübrigen.

Denn die Akte „Christliches Abendland“ beginnt mit dem Blatt: „Achte einer den andern höher als sich selbst, und sehe nicht auf das Seine, sondern auf das, was dem andern dient“!

Hört Ihr das, Salvini und Duda und Orban? Hörst Du das, Seehofer, der Du Deinen Geburtstag mit Machtphantasien garnierst wie weiland Herodes (vgl. Mk6,21ff). Hörst Du das,  Du Wortbrecher und moralischer Wegelagerer und Kinderräuber, Trump? Hört Ihr das, Ihr von der Abendland-Mafia? Schlagt niemals wieder die Bibel auf, als zeuge sie für Euch … denn sie schlägt Euch in’s Gesicht und verklagt Euch! ……. ———    

Man wird dann allerdings auch fragen müssen, was denn wohl in Zeiten von Armut und Kriegen und Lebenshunger bei unzähligen Menschen überhaupt die Botschaft des Christentums an die  Politik sein könnte? …….

Dass das nicht die Umsetzung des ersten christlichen Manifestes sein wird, das für Europa je verfasst wurde – nämlich dieser Philipper-Grundordnung der Herzens-Übereinstimmung und des Ich-Verzichts – … das leuchtet schnell ein.

Nicht nur die Moral der Bergpredigt, sondern auch die besondere Lebensform der philippischen Bescheidenheit zugunsten Anderer in der Gemeinschaft erweist sich als ein Entwurf nicht für die gesamte Öffentlichkeit, sondern für die Glaubenden und Getauften, die sich selbst darauf verpflichten!

Einen Staat, eine säkulare Gesellschaft, eine humane Friedensordnung, eine gerechte Wirtschaft – so kostbar sie sind – wird man auf der Grundlage der Ermahnung in Christus, des Trostes seiner Liebe und der Gemeinschaft des Heiligen Geistes nicht errichten können: Das wäre eine Überfrachtung und eine Verfremdung, denn die Weltanschauung unserer Zeit sollte nicht nur religiös begründet sein, und das Recht unserer Verfassung darf nicht nur da angewandt werden, wo wir lieben, und der Zusammenhalt des Gemeinwesens kann nicht zunächst geistgewirkt sein.

Für den Staat müssen seine Voraussetzungen vielmehr vernünftig, legal und objektiv sein.

Welche Aufgabe aber fällt denn dann der christlichen Kirche noch zu, wenn sie erkennt, dass sie ihre freien und uneingeschränkt zuversichtlichen Maßstäbe der Politik so wenig aufdrücken kann, wie sie umgekehrt den Titel des Christlichen der Politik ja auch nicht einfach überlassen mag? …

… Wenn die Kirche Jesu Christi der Politik nicht immer sagte, was sie tun soll, wenn die Kirche den Politikern nicht immer weismachen würde, sie wisse und könne alles besser, dann wäre vielleicht die wirkliche Gelegenheit und der wahre Auftrag der Gemeinschaft der Heiligen deutlicher: Wir sollen der Welt nicht vorschreiben, was sie tun muss und sollen ihr nicht nachbeten, was sie als alternativlos vorgibt, sondern wir sollen es anders machen.      

In Respekt und höchster Freiheit soll die christliche Gemeinde nicht für und nicht gegen die Politik das Richtige beanspruchen, sondern sie soll es einfach tun, da wo sie steht! —

Sie wird sich der Welt dabei nicht zum Vorbild setzen und auch nicht zum Vormund, sondern in der Unabhängigkeit der höchsten Treue ihrem Herrn gegenüber wird die Gemeinde der Christen mal Unvorstellbares und mal Unerwünschtes, mal hoch Willkommenes und mal allseits Belächeltes tun, mal wird sie dabei das Gebot der Stunde beispielhaft erfüllen und dann wieder die letzte Bewahrerin von völlig Verdrängtem und Vergessenem sein.

Auf alle Fälle aber wird jene durch alle Zeiten und über den Tod hinaus in das ewige Leben reichende Gemeinschaft der Kirche sich nicht davon abbringen zu lassen, dass sie Christi Gebot und die Lehre der Apostel fest- und hochhält und ihnen nachfolgt.

Und so wird sie immer in ihrem Kreis Fremde und Feinde aufnehmen und versöhnen – wie damals, als die zögerlichen galiläischen Jünger von Paulus die Bereitschaft für getaufte Heiden in ihrer Mitte erst lernen mussten.

Immer wird die von allem Äußeren unberührte Liebesgemeinschaft der Kirche sich auch den Verleumdeten zuwenden und denen, die eigentlich alle Zuwendung verweigern – wie sie es durch die Diakonen in der Alten Kirche und die Armenpflege in Mittelalter und Reformation und durch die Innere Mission, durch Bildungs- und Sozialarbeit seit den Fliedner’schen Tagen hält.

Und immer wird die eine, heilige, christliche Kirche dabei alle nationalen und kulturellen Schranken für nebensächlich und unerheblich halten – wie es die Herrnhuter Gemeinde schon im 18.Jahrhundert kosmopolitisch und aufklärerisch vorgelebt hat, die in ihren Missionsgebieten nicht die nackten Wilden und die bösen Menschenfresser europäisieren wollte, sondern die sich wünschte würdig zu sein, in ihren eigenen Reihen die Vertreter, die Erstlinge aller Stämme und Völker – der Exotischsten und der Entwürdigtesten – zu sehen, die einst allesamt dem Lamm auf dem Thron singen und spielen werden[i].

Immer wird die Kirche des einen und einzigen, des höchsten, des ersten und letzten Herrn darum auch die Regierungen und die Gewaltigen, die Ideologen und die Machtmenschen dieser Welt im Zweifelsfall als törichte und gewichtlose Schatten betrachten, die nicht hindern können, dass eines Tages Güte und Treue einander begegnen und Gerechtigkeit und Friede sich küssen (Ps.85,11) – so wie es die weltweite, unabgestimmte und sich überall doch bestärkende Leidenschaft der Christen für die Kriegs- und Hunger- und Notflüchtlinge unserer Zeit mit hingebungsvollem Einsatz, mit scharfer Wachsamkeit und mit geschwisterlichem Einfühlungsvermögen der Weltöffentlichkeit vor Augen hält. ——

Wir Christen sind nicht die Welt.

Wir wollen – und sollen! – sie nicht beherrschen.

Wir werden sie auch nicht selber retten können. 

Aber so lange die Weltgeschichte noch weitergeht, so lange wird die christliche Kirche das eigenständige und nötige Wächter- und Zeugen- und Dieneramt ausüben, mit dem unsere ersten christlichen Brüder und Schwestern hier im Abendland, in Philippi betraut wurden.

Und damit wird die Welt es immer wieder merken, dass sie nicht die letzte Weisheit besitzt und nicht das letzte Wort behalten wird, dass ihre Maßstäbe nicht selbstverständlich und nicht unangefochten sind, weil in ihr eine Gemeinschaft existiert – »SOCIETAS SPIRITUS« steht im Philipperbrief auf Lateinisch – in der es anders zugeht, …  soziologisch im Sinne des Heiligen Geistes, … sozial, … bescheiden, … einträchtig, … wo nicht Ehre und erst recht nicht Konkurrenz und Furcht zählen, sondern die Gemeinsamkeit aus Gott und in Gott. —

Und diese Ermahnung, dieser Trost, diese Herzlichkeit sind politischer als alle Politik, … denn in ihnen kündigt sich das Reich Gottes an, dessen Herrschaft kein Ende haben wird.

Amen.



[i] Die Beschränkung auf ganz wenige, symbolische und freiwillige Bekehrungen, durch die der weltweite Charakter der Kirche bezeugt, aber keine kolonialistische Expansion betrieben werden sollte, war das singulär Spezifische der Herrnhuter Mission; vgl. dazu z.B. Zinzendorfs „Rede vom Grund-Plane unserer Heidenmissionen – Himmelfahrtstag, 19.Mai 1746“ in: Nikolaus Ludwig von Zinzendorf, Texte zur Mission - Mit einer Einführung in die Missionstheologie Zinzendorfs herausgegeben von Helmut Binz, Hamburg 1979, S.97ff.

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