2.So.n.Trin. 10.06.2018 (Gottesdienst zur Gemeindeversammlung) Stadtkirche 1.Korinther 14,1-3+20-25 Jonas Marquardt

Predigt Kaiserswerth 2.n.Trin - 10.VI.2018, mit anschl. Gemeindeversammlung                                                                                                            

              1.Korinther 14,1- 3+20-25

Liebe Gemeinde!

Der evangelische Witz, demzufolge der Heilige Geist bei der himmlischen Urlaubsplanung Rom als Reiseziel vorschlägt, weil er diesen interessanten Ort noch nie besucht habe, ist mir diese Woche auf dem Schützenfest in Wittlaer aus berufenem Mund in seiner katholischen Fassung erzählt worden.

… Doch wer meint, er ahne, wie es darin zugeht, könnte durchaus irren: Während Gott, der Vater Amerika als Urlaubsparadies ablehnt und der Sohn Jerusalem, weil beiden dort jeweils Zweifelhaftes angetan wurde, ist die Mutter Gottes begeistert, als man Medjugorje, nicht weit von der kroatischen Adria in Erwägung zieht: Dort sei zumindest sie noch nie gewesen.  

Dazu muss man natürlich wissen, dass das bosnische Medjugorje einer der am heftigsten umstrittenen, inoffiziellen Marienwallfahrtsorte ist, von dem die einen meinen, dass die unermüdliche Mutter des Herrn dort regelmäßig als Orakel erscheint, währen die anderen ihre beinah täglichen, eher belanglosen Botschaften als Beweis für blanke Erfindung nehmen.

Jedenfalls ist der Medjugorje-Witz ein Beispiel dafür, dass auch in der katholischen Kirche nicht alles voller heiliger Kühe ist und man selbstkritisch ironisch, sogar ätzend sein kann.

Umgekehrt wäre ich tatsächlich weniger sicher.

… Oder haben wir den Wanderwitz schon einmal mit der Pointe gehört, dass der Heiland bei der Reiseplanung der Dreieinigkeit sich besonders für den evangelischen Kirchentag interessiert, weil er sich dort – von den Latschen vielleicht abgesehen – völlig unerkannt bewegen kann? …….

Derlei unfreundliche und unerfreuliche Töne an die eigene Adresse, an unsere eigene Kirche oder Gemeinde gerichtet, regen uns meistens mehr auf als an.

Doch das Festhalten an Wohlgefühlen, die wir uns gegenseitig verschaffen und gönnen, und die unbedingte Loyalität zu einem einmal akzeptierten Ritus oder Dogma oder auch nur Gewohnheitstrott, sind kein Zeichen der Wahrheit und des Rechts, sondern nur Fettpolster der Seele.

Darum ist es vielleicht ein Glück und auf alle Fälle kein Zufall, dass wir am Tag unserer Gemeindeversammlung zunächst wieder einmal gemeinsam mit der beklopptesten Gemeinde des Neuen Testaments einen blauen Brief erhalten.

Dieser Mahnbrief nach Korinth hatte allen Anlass: In Korinth – zwanzig Jahre nach Ostern und Pfingsten und zweieinhalb Jahre nach den ersten Zuckungen der dortigen Gemeinde – ist Chaos die Tagesordnung. Das große Aufbruchs- und Begeisterungschaos der ersten Anfänge – als damals ein sozusagen lokales Pfingstfest in der Hafenstadt aufloderte und die ersten Juden, Griechen, Türken, Römer zu einer seltsamen Verbindung in Jesu Namen verschmolz – dieses große enthusiastische Feuerwerk findet immer noch ein Publikum. Das findet Feuerwerk ja immer, … egal was und wie: Hauptsache es kracht, donnert und stinkt! …Was da nach Männerhumor klingt, ist doch zu allen Zeiten das Rezept erfolgreicher Aufmerksamkeitserregung: Geheimnisvolle Technik, Nervenkitzel und eine hauchfeine Möglichkeit von Personenschäden faszinieren stets. ———

In Korinth nun war das Spannende am Christentum – das ja sowieso als eine staatsgefährdende Bewegung gelten musste, weil es einen nach römischem Recht Gekreuzigten in seiner Mitte feierte – das Spannende am Christentum, das Explosive daran war unzweifelhaft neben dem hingerichteten Retter der unzähmbare Heilige Geist, Der die Gläubigen packen, rütteln und in Trance versetzen konnte, Der sie singen, schreien und heiser werden ließ und Der es – weil Rr keine Schranken kennt und jeden mit jedem verbindet – fertig bringt, dass einer plötzlich die fremde Sprache des anderen oder die Sprache der zukünftigen neuen Welt oder die dröhnenden, weltallbewegenden Jubellaute der himmlischen Heerscharen auf der Zunge hat.

Solche ekstatischen Sprach- und Jauchzphänomene, solche spektakulären Ausbrüche der kreativen Unheimlichkeit, die Menschen zu überirdischen Wesen, zu Sprachrohren tief verborgener Geheimnisse und nie dagewesener Vorahnungen der ewigen Herrlichkeit macht … die gab es in Korinth offenbar viele und wirkungsvolle.

Die christliche Gemeinde dort war zuweilen geradezu ein Magnet für Schaulustige, die das Verblüffende und Aufwühlende und Paranormale schätzten.

… So wie meine Kinder gestern zu Roncalli eingeladen waren.

… So wie ich immer noch lüstern und verschämt darauf warte, irgendwann einmal selbst zumindest Zeuge der bis heute ja aktiven charismatischen, pfingstlerischen Vulkane der Zungenrede, des Lobpreises und der Verzückung zu werden.

… Und so wie wir alle lernen und verinnerlichen, dass es Spektakel, Schlagzeilen, Ereignisse, Inszenierungen, gezielte und gekonnte Überwältigungen braucht, damit man von der Gemeinde Jesu Christi redet und sie Teil des weltweiten Unterhaltungs- und Beliebtheitsrummels bleibt.

Wobei Paulus gar nicht so schlecht, gar nicht so misstrauisch von den Unterhaltungskünstlern, die mit Gott in allen Sprachen sprechen konnten, dachte: Er kannte sie ja persönlich und sah in den publikumswirksamen Ausbrüchen des entfesselten Redens und Rühmens wirkliche Gebetswunder, bei denen Menschen sich ohne Zaum und ohne Zügel bis hinauf in die Gemeinschaft aller Heiligen schwangen und an das Herz Gottes hochjubelten. …….

Aber nützt das wirklich der Gemeinde?

Dient diese Art der Losgelassenheit den doch auch irdischen Aufgaben der Kirche?

Oder führt sie, wenn das Strohfeuer des öffentlichen Interesses erlischt, nicht bloß dazu, dass Christen als harmlose Schwärmer, Idealisten, seichte oder absurde Phantasten, jedenfalls als nicht ernstzunehmende Spinner belächelt werden?

Nun: Das Belächelt-Werden ist genauso wenig verkehrt wie das Nicht-Ernstgenommen-Werden. Beides müssen Christen kennen und drauf pfeifen können.

Allerdings selber die Kirche nicht ernst zu nehmen, selber nur den Effekt, die Stimmung, das Spannende oder das Entspannende an der Gemeinde zu suchen und den klaren, nüchternen, regelmäßigen Gang ihres Lebens im Dienst an Gott und den Menschen als das viel Nötigere und Dienlichere und auch Mühevollere zu übersehen: Dagegen schreibt Paulus Briefe … zur Not auch in „Menschen- und in Engelszungen“, wie wir bei jeder Hochzeit hören (vgl. 1.Kor.13,1). 

Das berühmte Hohe Lied der Liebe – 1.Korinther 13 – geht unserem heutigen Briefabschnitt nämlich nicht zufällig voran. In Wahrheit ist es vielmehr als eine Art Einleitung zu den Vorbehalten gegen die sinnlos exaltierte Zungenrede gemeintund gegen alles andere, das nur dem Selbstgefühl und der Selbstbezogenheit dient.

Lieben soll und muss die Kirche also, … lieben soll und muss und kann sie und dürfte darin eigentlich schon den sichersten Riegel gegen alle Formen des Lebens und des Lobens finden, die nur sie selber betreffen und beschäftigen und bestätigen.

Lieben soll und muss die Kirche eben vor allem anderen, damit sie nicht nur in ihrem eigenen Säuseln und Getöse aufgeht wie die, die sich im Rausch frommer Ekstase verausgaben; stattdessen soll sie ja die geliebten Anderen, die Menschen dieser Welt, die heutigen und morgigen Heiden und Nicht-mehr-Heiden fest und klar im Blick behalten, damit sie ihnen nichts vorschwärmt und nichts vormacht, sondern prophetisch zu ihnen reden kann.

Liebe ist für Paulus demnach die Voraussetzung des prophetischen Amtes der Gemeinde, von dem man so viel hört.

Was aber ist dieses prophetische Amt?  … Ist es etwa die Zukunftsvorhersage, so wie wir immer noch meinen? …….

Wenn reines Orakelwissen, reines Ankündigen des Kommenden das Wesen eines Propheten ausmachte, dann trügen die vier großen und die zwölf kleinen Schriftpropheten ihre Bezeichnung zu Unrecht: Christusweissagung und Zukunftsverheißung ist trotz unseres hartnäckigen Missverständnisses nicht ihr größter Auftrag! … Selbst bei den wirklich begnadeten Zeugen des Heilsratsschlusses Gottes kann man die klaren, vollen messianischen und Reich-Gottes-Hinweise aufzählen: Jesaja 2 und 7 und 9 und 11 und 25 und 29 und 32 und von 40 bis 54 das große Leuchtfeuer der Erlösung und dann ab Kapitel 60 lauter Kerzen der Hoffnung. Und bei Jeremia das 23. und das 31. Kapitel mit seinen Ablegern, und bei Hesekiel das Hirtenwort im 34. Kapitel und das Auferstehungsmysterium im 37. und die Schilderungen der Endzeit und des neuen Jerusalem ab dem 38.Kapitel, und bei Daniel die Pläne der Weltgeschichte vom 7. Kapitel an und der vorösterliche Glanz im 12., und bei Hosea einige Liebesworte (bes.2 und 11), und bei Joel ein Pfingstkapitel (2), und bei Amos ein kleiner Hoffnungsschimmer über das fällige Gericht hinaus (9,11), und bei Micha ein Wink zum Zion des Völkerfriedens (4) und auf die Hoffnung aus Bethlehem (5), und bei Haggai die Aussicht, dass die Trümmer des Tempels nicht das Ende der Gemeinde sind, und bei Sacharja zuletzt tatsächlich steigendes und aufstrahlendes Vertrauen auf einen, der Jesus heißt (3) und auf einem Esel reitet (9), … Hoffnung auf einen Durchbohrten (12,9ff), der dieser Welt Frieden bringt (14), und bei Maleachi das Ende der Zeit und das Gericht (3).

Das ist das ganze heilige Horoskop, das ganze Zukunftsinstrument der Bibel Israels.

Aber was tun denn dann die Propheten sonst, die wir ja immer noch als Wegweiser und Lehrer und Amtsbrüder sehen und nachahmen sollen?

Sie tun eben das, wofür die Liebe die entscheidendste aller Voraussetzungen ist: Sie sagen die Wahrheit. Sagen, was sein soll. Nennen die Gegenwart beim Namen. Suchen den Willen Gottes. Lassen Sein Gesetz nicht vergessen. Heiligen Seinen Namen. Mühen sich, dass Gottes Reich nicht gehindert wird. Decken Schuld auf, schlichten Streit, verteidigen die Unterdrückten, verunsichern die Frevler, ermutigen die Gerechten, sind unbequem und treu.

Noch kürzer: Was ist das prophetische Amt? Es ist Kritik! … Es ist das Witzerzählen über uns und über die Selbsttäuschung und Eigenliebe und Bequemlichkeit und die Dämlichkeit und die Trägheit und die Feigheit, mit denen wir Menschen uns eine Gottesbindung und Gottesnähe einreden und einbilden, die so nicht unser Ernst sein kann, weil sie einfach lächerlich ist.

Prophetische Rede ist Schelt- und Mahn- und Ermutigungs- und Erinnerungswort im Heiligen Geist der Selbstkritik.

Prophetisch werden wir daran erinnert und werden selber erinnern, dass Gott nicht einfach dort ist, wo Jerusalem oder Rom, wo Wittenberg oder Genf, wo Kaiserswerth oder Medjugorje auf der Karte steht. Gott ist nicht selbstverständlich dort und die Gemeinde Jesu Christi ist nicht selbstverständlich dort, wo Gesangbuch oder Bibel, wo Meldewesen oder Amtshandlungen es nahezulegen scheinen; man dient Ihm nicht und findet Ihn auch nicht unbedingt, bloß weil man unter dem tönenden Namen „Konfirmandenarbeit“ oder „Kirchenchor“, „Jugendfreizeit“ oder „Bibelstunde“, „Diakonie“ oder „Ökumene“, „Flüchtlingshilfe“ oder „Hauskreis“ zusammenkommt.

Prophetisches Reden hat keine Ehrfurcht vor solchen Überschriften und keine Geduld für die Denkmalschutz-Plaketten, mit denen wir Gewohnheiten adeln und hinter denen sich ebensoviel Ödnis wie Leben, ebensoviel Unsinn wie Segen verbergen kann.

Nach Letzteren aber – nach lebendigem Segen und gesegnetem Leben – fragt die prophetische Gemeinde, … weil sie die Gemeinde ist, die nach der Liebe strebt.

Als liebende Gemeinde tut sie sich gewiss schwer mit dem Wehtun, … aber das Licht der Wahrheit darf sie doch nicht scheuen.

Als liebende Gemeinde ist sie nicht Urteilsvollstreckerin eines Richters, aber leidenschaftliche Ruferin zu Änderung und Erneuerung vor dem Gericht.

Als liebende Gemeinde, die das Gute verstehen will und nur beim Bösen die Ahnungslosigkeit des Kindes hinnimmt, wird sie sich und anderen das Wachsen und Reifen einräumen, aber das Verkommen und Faulen nicht zulassen.

Als liebende Gemeinde wird sie weder sich selbst noch andere für unfehlbar oder unangreifbar halten, sondern bei Nah und Fern, bei Freunden und Nächsten ebenso wie bei Fremden und Gegnern das wirklich Nötige und das tatsächlich Verkehrte unterscheiden und auseinanderhalten.

… Und dann wird sie sich selber als die Gemeinde Jesu Christi aus Liebe zu ihm und zu seinen Gliedern ebenso scharf und offen kritisieren und zum Licht und zur Wahrheit ausrichten, wie sie das auch bei anderen tun muss.

… Und so wird sie der Politik und der Gesellschaft, der Wirtschaft und der Wissenschaft, der Philosophie und der Kunst, dem Islam und den Religionsfeinden die Liebe Gottes auszurichten und gleichzeitig die Leviten zu lesen haben.

Sie wird – wie Luther und die Reformatoren – immer wieder bekennen, wie häßlich und wie arm, wie verrückt und wie verhärtet, wie … bekloppt die Kirche überall und unsere Gemeinde hier ist, ……. und was für eine Freude und Wonne es dennoch bleibt, zu ihr zu gehören, weil ausgerechnet ihr der Reichtum aller Gnadengaben Gottes in einem fröhlichen Wechsel übertragen wurde.

Und wenn wir so von uns sprechen und von anderen – mit Härte und Humor und Hoffnung –, wenn wir sagen, was uns und ihnen fehlt, was sie sich und wir uns vormachen und was wir stattdessen bräuchten und sollten und wie wir das trotz aller Einbildung und Täuschung nicht bei uns, aber bei Gott in Hülle und Fülle finden und haben dürfen, … wenn wir uns und die Leute also nicht schonen, wenn wir wirklich in allen Dingen kritisch – d.h. mit dem Willen zum Besseren auf dem Weg zum vollkommen Guten bleiben, weil die unendliche Liebe uns das lehrt und gewährt – …, dann kann es nicht ausbleiben, dass Menschen, die solches Prüfen, was in den Herzen ist und solches Ehrlichsein erleben, tatsächlich mit uns anbeten und bekennen, dass Gott wahrhaftig nicht nur in Mekka oder Medjugorje, nicht nur auf dem Athos oder in Salt Lake City ist, sondern hier, … wahrhaftig unter uns!

Amen.  

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